Dänemarks ambitionierter Generalplan zur Normalität

Sozialdemokratische Regierungschefin Mette Frederiksen hat einen Ausstiegsplan, was in Deutschland vermisst wird. Bild: stm.dk

Dänemark stellt einen Stufenplan auf, der das Land im Juni eine weitgehende Normalität bescheren soll. Wichtiges Mittel ist ein digitaler Coronapass. Bedenken werden von Medizinern und Verteidigern der bürgerlichen Freiheiten artikuliert.

Skandinavische Konsenspolitik: Die als Minderheit regierenden Sozialdemokraten unter Mette Frederiksen konnten sich mit acht weiteren Parteien zu einem langfristigen Konzept einigen, der im Sommer aus der Epidemie herausführen soll.

„Was für eine Freude, was für eine Erlösung. Dänemark ist im Begriff, seine Freiheit zurückzubekommen!“, feierte dies die sonst eher analytisch auftretende sozialliberale Tageszeitung „Politiken“ am Dienstag.

Nach einer zwölfstündigen Verhandlungssitzung am Montag kam ein Stufenplan heraus, nachdem alle vierzehn Tage neue Lockerungen umgesetzt werden.

Als wichtigster Fixpunkt gilt dabei das Impfen aller willigen Personen über 50 Jahren und aller Risikogruppen; danach soll das „Wiederaufmachen“, wie es direkt übersetzt heißt, fast alle Bereiche des Landes betreffen.

Demnach sollen nach Ostern alle Schulen wieder öffnen, wobei ab der fünften Klasse zwischen Präsenz- und Distanzunterricht abgewechselt wird, zudem dürfen Friseur- und Massagesalons wieder Kunden bedienen, ab dem 21. April können Lokale außen bewirten, alle Einkaufszentren schließen dann auf, ab dem 6. Mai dürfen Kinos und Theater besucht werden, zwei Wochen später werden alle Freizeitaktivitäten im Innenbereich gestattet. Restriktionen gelten dann noch für Großverantstaltungen und das Nachtleben. Auch die Hilfspakete für Unternehmen, die geschlossen bleiben mussten, sollen nur bis zum 30.Juni laufen. In der neuen Verordnung bekommen Kommunen mehr Spielraum über Maßnahmen zu entscheiden.

Grundlage der Maßnahmen ist ein digitaler Coronapass, der schon seit Januar diskutiert wurde: „Der Coronapass ist eine sehr, sehr mächtige Waffe und ein Schutz der Gemeinschaft und des Einzelnen“, pries ihn Mette Frederiksen. Das digitale Dokument muss beispielsweise bei einem Friseurbesuch vorgezeigt werden und weist nach, ob die Person schon infiziert wurde, ob sie schon geimpft ist oder einen negativen Test vorweist. Dabei kann es sich um einen PCR-Test handeln, der nicht älter als 72 Stunden ist oder um einen Schnelltest.

Anfänglich wird die von der Weltgesundheitsorganisation WHO verantwortete App „Myhealth“ genutzt, ab Ende Mai will das Königreich eine Eigenproduktion verbreiten. Unklar ist, wie sich Personen ausweisen, die über kein Smartphone verfügen. Mittlerweile ist das Ergebnis eines Schnelltests innerhalb von zwei Stunden nicht nur auf einer App des Gesundheitsministeriums , sondern auch auf der dortigen Webseite zu finden und kann dort ausgedruckt werden.

Jakob Ellemann-Jensen, Vorsitzender der bürgerlich-liberalen Oppositionspartei “Venstre”, welche bis 2019 regierte, war froh, dass eine Entscheidung getroffen wurde. Wenn auch seiner Partei, ebenso wie Vertretern der Wirtschaft, die Maßnahmen nicht weit genug gehen, und “Venstre” den Coronapass als zu großen Eingriff in die bürgerlichen Freiheiten sieht. Aus diesem Grund hat auch die aufstrebende rechte Partei “Die neuen Bürgerlichen” den Plan als einzige Partei im Parlament nicht mitgetragen.

Mehr Krankenhauseinweisungen, aber nicht mehr Todesfälle

Experten aus der Medizin halten das Projekt der Regierung für gewagt, wenn sie es auch nicht offen verwerfen. So Viggo Andreasen, Professor für „Mathematische Epidemiologie“ an der Roskilde Universität, der gegenüber dem Fernsehsender TV2 eine Verfünffachung der Infektionsrate für die kommenden und entscheidenden anderthalb Monate voraussagt.

Zwar seien die Alten mittlerweile größtenteils geschützt, derzeit haben fast 12 Prozent der knapp sechs Millionen großen Bevölkerung die erste Impfung erhalten, so dass die Anzahl der Toten nicht steigen werde, doch rechnet der Mediziner mit deutlich mehr Einweisungen in die Krankenhäuser.

Auch könne man sich nicht auf die warmen Temperaturen verlassen. „Die neue englische Variante wird sich möglicherweise nicht so sehr von der Jahreszeit beeinflussen lassen wie das Corona-Virus vom letzten Jahr.“

Der Virologe Allan Randrup Thomsen verweist auf den zunehmenden Widerstand der Bevölkerung gegen die Maßnahmen und sieht den Erfolg des Stufenplans an die Disziplin der Dänen gekoppelt.

Dänemark war das zweite Land nach Großbritannien in der sich die Virusmutante B.1.1.7 rasch ausbreitete.

Der Lockdown, den die Regierung aufgrund der zweiten Welle im Dezember stufenweise eingeführt hatte, wurde bis März beibehalten, da die aus Großbritannien stammende infektiösere Mutante für einen stärkeren Infektionsdruck sorgte.

Grundlage für die bereits praktizierten Öffnungen ist, dass es weniger Tote mit Covid-19 gibt. Seit Januar, dem Höhepunkt der Pandemie, wo es im Durchschnitt 27 Covid-19 Tote täglich gab, sind die Zahlen um 90 Prozent zurückgegangen. Auch ist Dänemark bereit, von jedem Land Impfstoffe zuzukaufen, welche von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) genehmigt wurde; so erstand die gerne energisch agierende Mette Frederiksen Anfang März von Israel eine unbekannte Menge an Vakzinen.
Hinzu kommt umfangreiches Testen – ältere Schulkinder sollen zweimal wöchentlich getestet werden, erwachsene Dänen sollen Zugang zu zwei kostenlosen Tests die Woche haben.

Henrik Ullum, Direktor des Statens Serum Institut glaubt, dass aufgrund „einer hervorragenden Testaktivität, einer effektiven Infektionsverfolgung und einem guten Umgang mit lokalen Ausbrüchen“ das Land von einer „Dritten Welle“ verschont werde, die gerade viele europäische Länder zwingt, den Lockdown zu verschärfen.

Allerdings beunruhigte am Dienstag die Nachricht, dass die R-Zahl von 1 in der letzten Woche auf 1,1 gestiegen ist, was bedeutet, dass 10 Personen 11 anstecken, die Infektionszahlen also wieder ansteigen. In Dänemark infizierten sich bislang 227.894 Menschen mit SARS-CoV-2, 2406 verstarben an oder mit Covid-19.

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