Brig Barker: „In den USA gibt es einen Kessel aus Angst, Panik und Wut“

FBI-Fahndung. Bild: FBI

Interview mit Brig Barker, Ex-FBI-Top-Agent und Leiter des Anti-Terror-Kommandos, über die von Trump-Anhängern und Qanon-Rechtsextremisten zum Amtsantritt von Präsident Biden ausgehende Terrorgefahr.

Brig Barker aus San Diego diente über 26 Jahre lang dem FBI als Special Agent und Führungsoffizier in den Bereichen Counterterrorism und National Security, als Supervisor und Dozent der FBI-Akademie und als hochrangiger Kommandoführer bei Spezial-Operationen mit vielfachen Auszeichnungen, vor allem als Executive der Joint Terrorism Task Force (JTTF) und im DOD Special Ops Command („interagency“) der US-Regierung im In- und Ausland. Der ausgebildete Scharfschütze und SWAT(SEK)-Polizist leitete zudem als Captain der US Army dutzende Operationen von Spezialkommandos „unter dem Radar“ im Nahen und Mittleren Osten und in Afrika, u.a. gegen Stützpunkte und Zellen von al-Qaida und des IS.

Als Elite-Fallschirmjäger der seit dem WWII legendären 82nd Airborne Division, die auf letale Feindneutralisierung hinter feindlichen Linien ausgebildet ist, war er auch Anfang der 90er im Nord-Irak zum Schutz der Kurden im Gefechtseinsatz. 1998 war er im FBI-Ermittlerteam zu den Botschaftsanschlägen in Kenia und Uganda, nach 9/11 ermittelte er in Ägypten, später war er Fallermittler nach dem San Bernadino-Anschlag und in Tunesien. 2006 baute er in Sierra Leone die Ermittlereinheit gegen den Handel mit Blutdiamanten auf. Barker spricht fließend Arabisch, entwickelte die RQRD-Verhörtechnik und führte linguistische Studien zum Code- und Chiffre-Islamismus des IS durch (u.a. die Intensiv-Analyse „Decoding the language of Jihad“ und „Die Psychologie der Apokalypse: ISIS“), die ins Lehrbuch der renommierten Militär-Akademie West Point aufgenommen worden.

Barker ist heute Anti-Terror-Berater u.a. für US-Dienste, Berater der britischen Initiative „Islamische Theologie gegen Terror (ITCT)“ (die auch Imame ausbildet und Sozialarbeit betreibt), seit 2019 Chief Operations Officer der renommierten Investigativ-Firma The North Group Inc. und Redakteur des neuartigen Fach-Webportals StrikeSource. Er gründete in LA mit dem Ex-CIA-Undercover-Agenten Bob G. (der verdeckte Einsätze gegen Drogen-Kartelle in Südamerika, die PLO, Hezb’Allah, den Iran und al-Qaida durchführte) die global operierende Sicherheitsfirma Red Rock, die private Ermittlungen durchführt und auf Personenschutz u.a. von Journalisten, Informations- und Datenbeschaffung, Personensuche, Risikoeinschätzung, Selbstschutztraining von Klienten, Observation und Datenanalyse spezialisiert ist, Red Rock berät zudem halbstaatliche und staatliche Sicherheitsbehörden und Nachrichtendienste. Der „konservative Christ“ Barker führt zudem Schulungen für Frauen gegen häusliche Gewalt („Trouble at Home: Combat Domestic Terrorism“) durch.

FBI-Ermittler auf dem Flughafen Nairobi nach den Botschafts-Anschlägen 998, im Hintergrund zu sehen die Flugzeuge der Israelis von der Operation Entebbe, die sie dort zurückließen. Bild: Brig Barker

„Verhaltensmäßig wünschen sich Gruppen und Bewegungen immer Führung“

Das FBI warnt derzeit nicht nur vor massiven Unruhen im DC ab diesem Samstag, sondern auch vor Gewalt im ganzen Land. Ist das denn realistisch oder übertrieben?

Brig Barker: Angesichts der Spitze des Eisbergs, den wir im Kapitol gesehen haben, sind im ganzen Land tatsächlich massive Unruhen möglich. In den USA gibt es derzeit so etwas wie eine frenetische Energie, die einen Kessel aus Angst, Panik und Wut darstellt. Man könnte sagen: Im Wesentlichen dreht sich für viele die Welt um sie herum nur noch wie wild: „The world is spinning“.

Wie stark bewertest Du denn den Einfluss von White-Power-Gruppen innerhalb der Trump-Bewegung?

Brig Barker: Ich glaube nicht, dass viele in der Trump-Bewegung überhaupt Respekt vor diesen White-Power-Gruppen haben. Die psychosoziale Atmosphäre einer Gruppe wird jedoch von Anstiftern beeinflusst. Diese Gruppen bilden einen sprichwörtlichen Funken und eine „trajectory“, quasi eine Flugbahn, die die Bewegung und Aktion dieser Funken dann lenken.  Gruppen und Bewegungen wünschen sich immer Führung oder ideologischen Einfluss. Obwohl viele Konservative dem Glaubenssystem der White-Power-Gruppen keinen Einfluss verleihen würden, können sie dennoch unterschwellig von einer zugrunde liegenden extremistischen Sichtweise beeinflusst werden.

Und sind Milizen wie die Proud Boys oder die Oath Keepers wirklich gefährlich?

Brig Barker: Ich glaube, sie sind gefährlich, weil sie Anstifter sind. In Wirklichkeit sind die meisten Konservativen in den USA hart arbeitende patriotische Bürger. Wenn sie zu einem beabsichtigten gewaltfreien Protest auftauchen, können sie sich in dem Sinne unabsichtlich mit den Typen der Proud Boys vermischen. Wiederum kann Crowd-Mentalität oder Synergie manchmal dazu führen, dass man Dinge tut, die man normalerweise nicht tut.

… die „Banalität des Bösen“, wie Hannah Arendt es nannte …

Brig Barker: Eine einfache Rede eines Extremisten kann einen dazu veranlassen, geradezu triggern, zu einem anderen Lilly Pad zu springen, das eine Trajektion, eine Richtung der Handlung oder sogar der Gewalt mit sich bringt. Dann mischen sich in einer solch chaotischen Umgebung all diese Faktoren unter all den tausend Demonstranten zusammen und die Leute werden in diesem Moment von dieser in der Luft flirrenden, synergetischen Stimmung in einer chaotischen Umgebung „eingeholt“. People get „caught up“ …

„Attentate, Entführungen und dergleichen gehören zum Planungszyklus“

Ist das FBI jetzt gut ausgerüstet oder hat es diese Gefahren vernachlässigt?

Brig Barker: Nach meiner Einschätzung ist das FBI die größte und großartigste Strafverfolgungsbehörde der Welt. Nachdem ich so viel Zeit meiner Karriere als „Agent auf der Straße“ und Supervisor der Task Force verbracht hatte, erkannte ich die wahre Realität ihrer Wirksamkeit, die Einhaltung der Gesetze bundesweit zu überwachen und die extremstmögliche Kompetenz im Umgang mit den gewalttätigsten Straftätern, die es gibt. Sie sind auch jetzt für dieses Unterfangen angemessen ausgerüstet. Die Sphäre, in der ich innerhalb des FBI gearbeitet habe, war unerbittlich unpolitisch, so dass landesweite Operationen und Planungen wie diese objektiv, gut informiert und äußerst effektiv waren.

Das FBI glaubt auch, dass es Terroranschläge und Attentate gegeben hat. Kann das wirklich passieren?

Brig Barker: Das FBI plant jetzt alle Worst-Case-Szenarien, die eintreten könnten. Die Realität innerhalb des FBI ist ja, dass wir nicht nur hier mit der dunkelsten Gewalt, dem dunkelsten Verstand und den dunkelsten Verstößen gegen die Menschheit umgehen müssen, die man sich jemals vorstellen kann. Daher überrascht Dich nach einigen Jahren kaum etwas, wenn Du die Realität dessen siehst, was passieren kann. Attentate, Entführungen und dergleichen gehören zum Planungszyklus und zu den dazugehörigen Diskussionen. Es gibt in solchen Sachen ganz einfach keine rosa-rot gefärbten Brillengläser, durch die man sich vorher schön ansehen könnte, was einen da erwarten wird.

Aber warum waren die Behörden so schlecht auf den Sturm vom vorvergangenen Mittwoch vorbereitet? Was ist denn da schief gelaufen?

Brig Barker: Ich glaube nicht, dass wir alle uns aus der 30.000-Fuß-Sicht ein klares Bild davon machen können, was an diesem Punkt auf dem Capitol Hill dort passiert ist. Es gibt viele, die versuchen zu beurteilen, was dort passiert ist und wer dort alles anwesend war. Einiges davon kommt aus den Medien, aber wir haben möglicherweise nie ein endgültiges Verständnis davon, was wirklich dort passiert ist. Es passieren ganz einfach schlimme Dinge und diese Gewalt ist genauso furchtbar wie all die anderen Gewalttaten, die wir im letzten Jahr in den USA erlebt haben und auch davor schon. Alle Sünden sind gleich.

„Diejenigen mit schlechten Absichten könnten nun nach „weicheren Zielen“ suchen“

Ist die Inaugurationsfeier denn jetzt in Gefahr? Wie bewertest Du die Arbeit des Secret Service?

Brig Barker: Es scheint mir so, dass die Behörden nun eine überwältigende Kraft aufbieten, um mit jeder potenziellen Gewalt umgehen zu können, die passieren könnte. Dies sollte eine gute Abschreckung schon im voraus sein, das Ziel ist enorm abgeschottet. Das heißt aber leider nicht, dass man nicht auch davon ausgehen muss, dass diejenigen mit schlechten Absichten in einigen anderen Gegenden nicht nach „weicheren Zielen“, also ungeschützteren, suchen. Meine Erfahrungen aus erster Hand mit dem Secret Service, wie ich ihn kennenlernen durfte, veranlassen mich dazu, die Arbeit des Secret Service als vorbildlich zu charakterisieren.

Aber sollte es nicht auch mehr verdeckte und offene Operationen gegen den rechten Terror durch die Geheimdienste geben?

Brig Barker: Ich glaube, das FBI hat seinen Fokus schon gedreht, um sicherzustellen, dass sie die rechten Terroristen im Auge behalten. Angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Lage halte ich dies für eine gute Idee. Mein Vorbehalt ist, dass die dschihadistische Seite weiterhin stark im Fokus stehen muss, da sich gerade ISIS in diesem Moment aalt. Nachdem ich den größten Teil meiner Karriere auf dieser Seite im Kampf gegen den Dschihadismus verbracht habe, muss ich davon ausgehen, dass sie immer dann etwas planen, beschaffen und kommunizieren, wenn es keine „Kontrolle“ gibt.

Die derzeitige Herausforderung für die Strafverfolgungsbehörden hier besteht darin, die Bedrohungen angemessen zu priorisieren. Die USA hatten in den letzten 18 Monaten etwa 12 Verschwörungen oder Angriffe von Dschihadisten, und diese Bedrohung wird anhalten. Meine Angst ist, wenn einer von denen durch den Draht rutscht. Angesichts der Fülle der nun aktuellen Bedrohungen hier müssen die Führungsebenen der Strafverfolgungsbehörden die Greifbarkeit dieser von uns hier diskutierten Gruppen, die Realität der Bedrohungen, die beabsichtigten Vorhaben und die Wahrheit, die in ihren Anwerbungen und ihrer Werbung doch enthalten ist, entsprechend so bewerten, dass man die Gedanken dieser Menschen nicht lesen kann.

Viele mutige Polizisten widersetzten sich dem Chaos der Terroristen auf dem Kapitol, einer wurde getötet. Bist Du wütend?

Brig Barker: Fast jeden Tag sehe ich diese Mitteilungen von End of Watch für Polizisten, die nun auch die für Officer Brian Sicknick enthalten.

… Officer Sicknick wurde auf dem Capitol Hill von den Demonstranten mit einem Feuerlöscher totgeschlagen …

Brig Barker: Ich sehe Officer Sicknick als Helden und nicht weniger. Diese Verluste treffen das Herz unserer Gesellschaft.

 

„Der Islamische Staat ist im Moment sehr aktiv und stärker als auf dem Höhepunkt des Kalifats“

Ist das FBI denn derzeit allgemein gut organisiert? Oder brauchen sie dort mehr Ressourcen?

Brig Barker: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das FBI sehr gut organisiert und dennoch immer unterversorgt ist. Im Allgemeinen hat das gesamte FBI bundesweit in der Gesamtzahl weniger als die Hälfte der Agenten als das New York Police Department Polizisten zur Verfügung hat. Das wird sich höchstwahrscheinlich nie ändern. Sie müssen also dort einfallsreich und effizient sein, um Bedrohungen zu erkennen und ständig zu bewerten, was vor ihnen liegt. Ich hörte einen Satz, als ich spät in meiner Karriere beim Militär war: „Mach nicht nur gute Dinge, sondern stelle sicher, dass du die richtigen Dinge tust.“ Das ist mir wirklich aufgefallen. Dies ist für das FBI in der aktuellen gesellschaftlichen Bedrohungsumgebung von entscheidender Bedeutung.

Glaubst Du, Daesh wird das Chaos in den USA auch nutzen, um wieder aktiv zu werden?

Brig Barker: Daesh, der Islamische Staat, ist im Moment sehr aktiv und stärker als auf dem Höhepunkt des Kalifats. Ihre Stärke und ihr Einsatztempo sind jetzt nur außerhalb des Irak und außerhalb Syriens angesiedelt. Ich charakterisiere den Islamischen Staat immer als Franchise-Organisation. Die ausländischen Kämpfer, die den Irak und Syrien verlassen hatten, nahmen eine giftige Ideologie mit, das Wissen, wie man ein Netzwerk aufbaut und ausbaut, und die technischen Fähigkeiten, Kommunikation durch digitale Verschlüsselung zu schützen – und die Lust auf Tod und Zerstörung. Als sie dann in ihre Heimatländer wieder zurückkehrten, brachten sie das dorthin mit. Sie haben somit jetzt einen Brückenkopf in die USA gebracht, so dass ihre Rekrutierungszahlen und Aktivitäten im Laufe der Zeit wieder zunehmen werden.

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