Beziehungen im Zeitalter der Online-Partnersuche und von Dating-Apps

Bild: Amrothman/Pixabay.com

Beziehungen, die mit Dating-Apps wie Tinder zustandekommen, halten entgegen Vorurteilen länger und setzen sich eher über Klassen-, Bildungs- und geografische Schranken hinweg.

 

Seitdem nicht mehr die Familien oder der Stand bestimmen, wer als Partner in Frage kommt, sondern die Liebenden oder Sexualpartner sich auf dem freien Markt fanden, bestimmte zunächst der Zufall die Partnerwahl. Entscheidend war in aller Regel die gemeinsame Begegnung an einem Ort, in der Schule oder Universität, bei der Arbeit, während der Freizeitaktivitäten oder im Urlaub, wo es auch entsprechende Orte der Kontaktanbahnung gibt. Aus der Perspektive des Partnermarkts gab es zwar Möglichkeiten der Auswahl oder Selektion unter Bedingungen der Konkurrenz, aber die Auswahl war nicht groß und musste oberflächlich geschehen, also nach Aussehen, Verhalten und Auftritt, wobei ganz entscheidend und für manchen schwierig die Methode des Anbahnens oder Flirtens war. Wer das nicht beherrschte, hatte gegenüber den Flirtvirtuosen meist keine Chancen.

Natürlich beherrscht weiterhin die Inszenierung die Partnersuche, aber mit den Online-Börsen gibt es nicht nur überregional, national oder auch international eine sehr viel größere Auswahl, sondern die Partnersuche wird über das körperliche Aussehen aufgrund von Bildern hinaus durch die Angaben von Persönlichkeitseigenschaften und durch mit Algorithmen erzeugte Angebote von passenden Partnern ergänzt. Es ist nicht nur eine räumlich distanzierte Partnersuche, sie geschieht auch durch einen reflexiven Abstand heraus, der nicht durch Mangel, sondern durch eine gewisse Auswahl und den darauf folgenden Entscheidungsprozess gekennzeichnet ist.

Und klar ist auch, dass die Menschen, die sich dort online versammeln, auch wirklich auf Partnersuche sind, was in der realen Welt vor Ort keineswegs der Fall sein muss. Die Partnersuche aus der Ferne erleichtert die Selbstdarstellung, die Suche und die Kontaktaufnahme, weswegen die Online-Partnersuche immer attraktiver wurde und heute, auch vor allem bei älteren Menschen, zum vorherrschenden Mittel der Partnersuche wurde.

Dating-Apps wie Tinder lassen eine beschleunigte Übersicht in einem räumlich festzulegenden Umkreis mittels Swipen zu und basieren auf Bildern, also vor allem auf den visuellen Eindruck, der sich entsprechend auf einer Bühne anbietenden Partnersuchenden. Gewarnt wird gerne, dass dadurch Beziehungen flüchtiger würden, ebenso schnell, wie man sich findet, trennt man sich auch wieder.  Wer sich über Dating-Apps kennen gelernt hat, sollte also weniger Interesse an einer Heirat und am Zusammenwohnen sowie Kinderwünsche haben.

Eine in PLoS One veröffentlichte Studie von Wissenschaftlern der Universität Genf kommt jetzt zu einem Ergebnis, das den Betreibern der Dating-Apps gefallen könnte. Grundlage ist eine Befragung von 3235 Schweizern über 18 Jahren, die in einer Beziehung leben und ihren Partner maximal seit 10 Jahren gefunden haben, aus dem Jahr 2018. Letzteres soll bessere Vergleiche ermöglichen, da es Dating-Apps noch nicht so lange gibt. Dating-Apps werden stärker von jüngeren Menschen genutzt, Online-Partnerbörsen, die teurer sind sowie mehr Aufwand erfordern, werden hingegen eher von Menschen über 40 Jahren und Geschiedenen benutzt.

Noch begegnen sich die meisten Paare über die Vermittlung von Freunden, aber diese Art des Treffens schwinde ebenso wie andere Offline-Begegnungsmöglichkeiten auf der Arbeit, in der Schule/Universität oder durch die Familie. Online-Treffen steigt hingegen steil an, in den letzten beiden Jahren begann bereits ein Viertel der Partnerschaften online.

Man sollte meinen, dass je nach Interesse unterschiedliche Suchmittel verwendet werden, beispielsweise Dating-Apps eher für kurzfristige und Partnerbörsen für langfristige Partnerwünsche. Partnersuche mit Dating-Apps führt allerdings nach der Studie öfter zu Wünschen, gemeinsam zu wohnen,  und trägt auch stärker dazu bei, dass sich Menschen über Klassen-, Bildungs- und geografische Schranken hinwegsetzen. Ob Partnerschaften, die durch Dating-Apps oder Online-Börsen entstanden sind, tatsächlich auch länger halten als solche, die sich auf traditionellen Wegen gefunden haben, ist allerdings nicht klar.  Der Wunsch, gemeinsam zu wohnen, kann als Versuchszeit gelten, bevor eine Ehe eingegangen wird, die in der Schweiz noch immer eine „zentrale Institution“ sei, auch wenn die Scheidungsrate 40 Prozent beträgt.

Interessant ist jedenfalls, dass Dating-Apps die Abschottung von Bildungsschichten zu durchbrechen scheinen. Normal war bislang, dass besser ausgebildete Männer, die meist gut verdienen, gerne mit weniger gut ausgebildete Frauen Partnerschaften eingehen: der Arzt und die Krankenschwester oder der Professor und die Studentin. Dating-Apps sollen aber auch eine Vermischung von gut ausgebildeten Frauen mit weniger gut ausgebildeten Männern ermöglichen. Das wäre eine durch Technik geförderte Veränderung der Geschlechterverhältnisse  und deren Machtverteilung. Die Wissenschaftler glauben, dass dies mit einer stärker auf das Visuelle konzentrierten Selektionsmethode zu tun habe. Das ist aber wohl Unsinn, denn das Visuelle spielt bei jeder Partnersuche wohl eine entscheidende Rolle.

„Im Wissen, dass Dating-Apps wahrscheinlich während der Lockdown- und Sozialen-Distanzierungs-Zeiten noch beliebter wurden, ist es beruhigend, alarmierende Sorgen über die langfristigen Folgen bei Verwendung dieser Mittel zurückzuweisen“, sagt Gina Potarca, Mitautorin der Studie. Eine Konsequenz der Studie soll sein, dass der Kontext, durch den sich die Partner finden, keine Rolle für die Qualität der Beziehung spielt. Das würde aber auch bedeuten, dass ausgefeilte Partnerauswahlprogramme auch keine besseren Partnerschaften ergeben. Und was sollen letztlich Menschen, die im Homeoffice als Singles arbeiten und sich alles online bestellen, auch anderes machen, als mögliche Partner online zu suchen?

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