
Trump regiert mit (direktem?) Beistand Gottes. Vize Vance, möglicherweise bald sein Nachfolger, hat den katholischen Glauben als unfehlbare Leitschnur. Und Kriegsminister Hegseth zeigt stolz sein Tattoo „Deus vult“. Ist das MAGA-Gaga oder passt es zum freien Westen?
1. Ein bemerkenswertes Sendungsbewusstsein
Nicht erst seitdem sich Trump als Erlöser bzw. Heiler in Jesus-Tradition inszeniert – worauf Papst Leo als der Stellvertreter Gottes hienieden einschreiten musste –, springt beim aktuellen Stand des US-Anspruchs auf Weltherrschaft eine religiöse Überhöhung ins Auge, die eher an theokratische als an demokratische Herrschaftsprinzipien erinnert. Und die den deutschen Qualitätsjournalismus bedenklich stimmt.
- Aber nicht nur den! Die neue Bekenntnisschrift „Communion – Finding My Way Back to Faith“ (2026) von J.D. Vance kam in der US-Presse nicht gut an. Die New York Times sah darin ein dubioses Selbstfindungsunternehmen, das Wall Street Journal sprach von „egregious sloppiness“, von „enormer Schludrigkeit“. Die FAZ (20.6.26) widmete dem Buch eine Rezension (Autorin: Marianna Lieder) mit der Überschrift „Auf in den Gottesstaat“. Ohne Fragezeichen übrigens! Sie wies mit spitzen Bemerkungen auf Widersprüche bei diesem US-Frömmler hin, der zu den mächtigsten Figuren auf dem Globus gehört, und warf sogar die „Klassenfrage“ auf. Der Mann fühle sich zwar seit seiner Konversion zu Trump und Gott (wie der hl. Augustinus kannte Vance ja eine wilde Jugend) von der katholischen Soziallehre „angezogen“, die er „als gesellschaftspolitisches Allheilmittel“ anpreist. Gleichzeitig verehrt er aber Peter Thiel, der von der Demokratie wenig hält und laut FAZ kaum geeignet ist, die Nöte der amerikanischen Arbeiterklasse zu verstehen.
- Einen demokratieskeptischen Mentor hat auch der fromme, ebenfalls unter heftigen Konvulsionen konvertierte Kriegsminister Pete Hegseth, nämlich Pastor Wilson, „der seit Jahren von einem christlichen Gottesstaat predigt“. So Paul Middelhoff in der Zeit (2.7.26), die von einem Gespräch mit diesem Anführer einer – dank Trump – aufstrebenden evangelikalen Kirche berichtet. Der Gottesmann nimmt kein Blatt vor den Mund, seine „Re-Christianisierung soll den USA den Säkularismus austreiben“, Frauen müssten z.B. das Wahlrecht verlieren, Nichtchristen von Staatsämtern ausgeschlossen werden, Juden oder Muslime hätten dort nichts verloren… Ob Trump selber in den Himmel kommt, sei aber fraglich.
- Das sieht der Chef im Weißen Haus natürlich anders. In einem Interview mit der New York Times hatte er ja sein Gewissen als maßgebliche Instanz hochleben lassen: „My own morality. My own mind. It’s the only thing that can stop me.” Und als er dann gegen das Böse in der Welt – gegen den antiamerikanischen Iran – zu Felde zog, fand seine gute Absicht in der deutschen Öffentlichkeit prinzipiell Zustimmung, obwohl er alle Register eines christlichen Dschihadismus zog. Nur in der Jungen Welt (13.3.26) gab es entschiedenen Widerspruch. Renate Dillmann ließ dort unter dem Titel „Trump von Jesus gesalbt“ (so ein US-Kommandeur bei der Einschwörung seiner Soldaten auf den Überfall) die neuesten Lobhudeleien Revue passieren, z.B. den Aufruf von Paula White, der „spirituellen Beraterin“ des Präsidenten: „Was für ein großartiger Tag, an dem wir für @potus, für unsere Truppen, für die Familienangehörigen unserer großartigen Soldaten, für Amerika und Israel und für die Operation Epic Fury beten.“ Außenminister Rubio, auch Katholik: „Lasst mich euch das in einfachen Worten erklären, okay? Der Iran wird von Wahnsinnigen regiert, von religiösen Fanatikern.“ Und nicht zu vergessen der katholische Bundeskanzler Merz, der sich dem im Prinzip anschloss.
In der Tat: Die freie Welt, die sonst immer das Gespenst des Totalitarismus an die Wand malt, legt bei Gelegenheit ein religiöses Sendungsbewusstsein an den Tag, das angeblich nur dem „Mullah-Regime“ und sonstigen Barbaren zu eigen ist. Hier zeigt sich auch, passend zum Atomzeitalter, eine Selbstherrlichkeit und -gerechtigkeit, die locker, wie jetzt im Fall Iran, die Auslöschung einer „ganzen Zivilisation“ (Trump) ins Auge fasst. Was man genau so vom „unique ally“ Israel kennt, wo seit den 1970er Jahren die Palästinenser mit dem Volk der Amalekiter gleichgesetzt werden, das auf Jahwes Befehl ausgelöscht werden sollte. Das zionistische Regime beruft sich ja ebenfalls auf eine heilige Schrift, wobei Netanjahu mit seinen Zitaten aus dem Alten Testament, wie er sagt, den Amalekiter-Topos nur umgangssprachlich aufgreift.
Übrigens hat Hegseth nicht nur „Deus vult“ (Gott will es) auf dem Bizeps, sondern neben martialischer Kreuzrittersymbolik auch „Jahwe“ auf seinem Body tätowiert. Das führt bei Zuständigen in Deutschland, etwa beim katholischen Domradio, zu Bedenken. Einerseits jedenfalls. Man müsse konstatieren, dass Hegseths Tattoos „zum extremistischen, christlichen Nationalismus“ gehören, der in den USA „evangelikal aufgeladen ist. Nicht zuletzt beim Sturm aufs Kapitol waren Kreuzrittersymbole und ‚Deus vult‘-Flaggen zu sehen. Selbst der Massenmörder Anders Breivik, der sich zum Templerorden zählte, sah sich als ‚Kreuzritter‘.“ Andererseits fällt den katholischen Öffentlichkeitsarbeitern sofort ein, dass die bedenkliche Symbolik erstens zum festen kirchlichen Traditionsbestand gehört und dass zweitens die religiöse Ansprache bestimmter Wählergruppen durchaus verständlich und üblich ist.
So geht halt Demokratie. In der Tat auch bei uns.
2. Mit Gott regieren – so what?
Bei uns erinnert man gerne an die Aufklärung und die republikanischen Werte, die damit in die Welt kamen. Man ist stolz auf die Trennung von Staat und Religion und verlangt vom angeblich mittelalterlichen Islam (sofern es sich nicht um unsere Freunde in Saudi-Arabien oder den Arabischen Emiraten handelt) den Nachvollzug unserer Errungenschaften. Beim Ausmalen von Feindbildern kann man aber selber einen religiös gehaltenen Moralismus gut gebrauchen – wenn man sich nämlich gegen das Böse in der Welt aufstellt, gegen die „bad guys“, die auch ein Merz nicht mag, wie er Trump versicherte. Da ist Religion eine nützliche Berufungsinstanz. Aber nicht nur da. Für die unhinterfragbare, absolute Gültigkeit des staatlichen Gewaltmonopols in unserem Gemeinwesen leistet sie überhaupt ihre Dienste.
So heißt es in der Präambel des deutschen Grundgesetzes: „Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen … hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“ Die besagte Verantwortung vor dem Allerhöchsten soll (laut Bundeszentrale für politische Bildung) „ein ethisches Fundament von absoluter Tragfähigkeit bieten… Mit der Anrufung Gottes ist nicht die Entscheidung für einen christlichen Staat verbunden, sondern die besondere Verantwortung aller Staatsgewalt angesprochen.“ Wahre Souveränität kann sich nicht damit aufhalten, dass „alle Staatsgewalt vom Volke“ ausgeht (siehe GG, Art. 20). Die Letztbegründung der Staatsmacht hängt eben nicht von den Vorstellungen und Wünschen der Untertanen ab, die heute Staatsbürger heißen. Ein eigenes Notstandsrecht trägt dem ja Rechnung, dass im Falle des Falles die höchste Gewalt aus sich heraus das Recht hat, die Unterordnung ihres Volks durchzusetzen.
- Diese religiöse, speziell christliche Einkleidung stand auch der Nachkriegs-BRD auf die Stirn geschrieben. Der Adenauerstaat verteidigte das christliche Abendland gegen den gottlosen (vormals: jüdischen) Bolschewismus, der als das Böse schlechthin galt und in seiner Gottlosigkeit mit dem Faschismus angeblich übereinstimmte – so die gängige Anwendung der Totalitarismustheorie. Und die Kennzeichnung des Ostblocks als „Reich des Bösen“ hat sich bis in die Endphase des West-Ost-Gegensatzes gehalten, ja in der BRD eigentlich bis in die Gegenwart.
- Dazu passt die Gründung von C-Parteien, die in den Westzonen als Statthalter einer antifaschistischen Staatsräson aus der Taufe gehoben wurden, sowie die Tatsache, dass die SPD 1959 mit dem Godesberger Programm, der Verabschiedung aus der Rolle einer Arbeiterpartei, das Christentum zu einer ihrer Quellen erklärte. Christentum galt nicht nur als Ausweis einer edlen Gesinnung in der politischen Klasse, sondern als verbindliches Staatsprogramm, was Lebensführung, Sittlichkeit oder Kulturleben anging. Bis dahin etwa, dass die christliche Sexualmoral als demokratische Sitte vorgeschrieben war. Ein (katholischer) Staatsrechtler wie Klaus F. Gärditz hat noch 2023 festgehalten, dass die Bundesverfassungsgerichts-Entscheidung von 1957, die die Strafbarkeit von Homosexualität bestätigte, durch ein rechtsstaatlich einwandfreies Verfahren zustande gekommen ist.
- Als Fußnote sei nur erwähnt, dass die „christlich-abendländische Kultur in Deutschland“ als Höchstwert überhaupt nicht ausgestorben ist. Die AfD verteidigt ihn in seiner konservativen Fassung. Gegen einen „politischen Islam“ beziehen aber alle demokratischen Kräfte Stellung. Und klar, in einem Land, das laut katholischem Bundesinnenminister „klar christlich geprägt“ ist, muss das „Stadtbild“ u.Ä. gegen Überfremdung geschützt werden.
3. Dasselbe auch noch auf links?
Das gibt’s dann auch noch: Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow taucht beim diesjährigen Katholikentag mit der Botschaft auf, dass die Republik „in Gotteshäusern wichtige Orte für Zusammenhalt und gesellschaftlichen Austausch“ habe. „Jesus ist ein Linker“, hatte SPD-Fraktionschef Matthias Miersch Ende 2025 erklärt, was dann der Katholik Ramelow, religionspolitischer Sprecher der Links-Fraktion, gleich für seine Partei reklamierte. Denn angeblich setzen Christen wie auch Linke gleicherweise „auf Gemeinschaft“. Das schreibt Ramelow jedenfalls im Geleitwort zu einem Sammelband, der gerade bei VSA erschienen ist. Gegen den alten Bebel-Spruch setzt der die Gegenposition: „Nicht wie Feuer und Wasser – Religion und Sozialismus“.
Die Veröffentlichung erinnert vor allem an die Geschichte des „Bundes der Religiösen Sozialisten in Deutschland“ (BRSD), der, in den 1920er Jahren gegründet, immer eine Miniszene blieb, aber „bis zu seinem Ende 1933 die mit Abstand wichtigste Kraft gegen die Faschisierung der Kirchen“ war. Eine Feststellung, die vor allem eins erkennen lässt: wie geschlossen die Kirchen sonst den nationalen Aufbruch und den Übergang in den faschistischen Staat mittrugen. Für deutsche Protestanten war das ja sowieso eine Selbstverständlichkeit. Aber auch die Katholiken, die mit ihrem „ultramontanen“ Oberhaupt eher den Verdacht einer nationalen Unzuverlässigkeit auf sich zogen, leisteten hier treue Dienste, gerade mit ihren profaschistischen Päpsten Ratti (Pius XI.) und Pacelli (Pius XII.). Pacelli hatte ja noch als Kardinalstaatssekretär 1933 das Reichskonkordat mit dem NS-Regime unter Dach und Fach gebracht, den Nazis also mit dem ersten großen völkerrechtlichen Vertrag eine außenpolitische Aufwertung verschafft. An diese Vorgänge sollte man speziell heute erinnern, wo wieder ein Krieg gegen Russland vorbereitet wird. Peter Bürger hat jüngst bei Overton darauf hingewiesen, dass die deutschen katholischen und evangelischen Kirchenleitungen bei Hitlers Vernichtungsfeldzug gen Osten mit über 20 Millionen Opfern assistierten, wofür sie niemals wirkliche „Kirchenbuße“ leisteten.
Den Autoren der neuen Publikation ist natürlich diese Randstellung bewusst, sie fordern aber eine Reaktivierung der Bewegung und wollen mit ihren zeitgeschichtlichen Dokumenten belegen, dass die Synthese möglich ist und dass das alte Verdikt Bebels, Sozialismus und Christentum stünden sich gegenüber wie Feuer und Wasser, schon empirisch keinen Bestand hat. In einer Hinsicht kann man den Autoren da zustimmen, es gibt eine Tradition katholische Kapitalismuskritik. Es fragt sich nur, was diese kritisiert und ob sie mit einem sozialistischen Programm zusammengeht.
Trump und sein Vize Vance sehen das, wie gesagt, genau umgekehrt. Sie wollen mit Gottes Beistand einen entfesselten Kapitalismus durchsetzen. Das wiegt natürlich wesentlich schwerer als gewisse historische Reminiszenzen in puncto Sozialismus. Aber klar: In der Catholica hat jemand anders das Sagen, nämlich Papst Leo XIV., der sich mit seiner Namenswahl passenderweise in die Tradition von Leo XIII. stellte, dem Verkünder der modernen katholischen Soziallehre. Der warnte damals mit seiner Sozialenzyklika „Rerum novarum“ (1891), die ganz dem Geist des Antimodernismus verpflichtet war, vor dem „Geist der Neuerung“: Der habe schon auf dem politischen Gebiet „seine verwerflichen Wirkungen“ entfaltet, allerlei demokratische Unsitten (z.B. Religions- und Gewissensfreiheit) eingeführt und erstrecke sich nun auch aufs „volkswirtschaftliche Gebiet“, wo die Zusammenschlüsse der Arbeiter für Unruhe sorgten und der Obrigkeit Schwierigkeiten bereiteten.
Auf diese Weise kam kirchlicherseits ein älterer Gedanke wieder zu Ehren, dass man nämlich der Geldwirtschaft mit ihren Entartungen wie Zinswucher und Geldgier Einhalt gebieten müsse. Der Kapitalismus – so der Grundtenor der modernen Soziallehre, die freilich von Leo über „Papa buono“ Roncalli bis zum gediegen antikommunistischen Wojtyla gewisse Konjunkturen erlebt hat – sei nur mit Regulierungen und Beschränkungen vertretbar. Im Blick auf sein „individuelles“, „ungezügeltes Gewinnstreben“, das „ohne Rücksicht“ auf die „Gemeinschaft“ betrieben werde, wie es heute Ramelow formuliert, müsse der Staat einschreiten. Dies natürlich auch und vor allem, wie der alte Leo Ende des 19. Jahrhunderts klar machte, um unzufriedene Arbeiter von ihren umstürzlerischen Gedanken abzubringen und die staatliche Autorität zu festigen.
Im Prinzip, das sei hier in aller Kürze gesagt, ist die katholische Soziallehre auch unter dem neuen Leo dieser Linie treu geblieben (siehe dazu „Geliebte Armut“ in der Jungen Welt vom 10.12.26). Er hat die Meisterleistung vollbracht, die harschen Worte seines Vorgängers Franziskus („Diese Wirtschaft tötet“) in eine zeitgemäße Fassung von Nächstenliebe einzubauen und somit das seltsame soziale Programm zu erneuern, Armut eigentlich nicht abzuschaffen, sondern zum Orientierungspunkt eines frommen Lebens, ja zu einem Ort der Gottesbegegnung zu machen. Päpste bleiben, unbestritten, auf dies Weise „lästige Mahner“. Leo, der gebürtige US-Amerikaner Prevost, geriet sogar mit Trump aneinander, logischerweise, da er – und nicht der US-Präsident – den direkten Draht nach oben hat. Nur muss man auch festhalten, dass er sich nicht wirklich mit der US-Linie anlegt (vgl. „Ein Vorbild für Frieden?“ in der Jungen Welt vom 2.7.26), wie jetzt seine Enzyklika zu Fluch und Segen der Künstlichen Intelligenz zeigt.
4. Wie gehabt: Mit Jesus für „unsere“ Werte
Alles in allem vertritt Leo ein Programm, das mit dem sozialistischen Projekt, den Produktionszweck zu ändern und damit die Armut samt Klassengegensatz abzuschaffen, wenig zu tun hat. Da kann sich eher ein Ramelow bestätigt sehen. Seine Auslegung des Neuen Testaments hat mit Sozialismus ja auch nicht viel zu tun. Er sieht in seinem Geleitwort vor allem „vier Aspekte, die die Gemeinsamkeiten begründen“. Das seien erstens „die Sorge und das praktische Bemühen“ um die „Schwachen“ in unserer Gesellschaft, woraus sich die Notwendigkeit einer Reichensteuer ergebe; denn „die Entlastung von Menschen mit kleinen Einkommen, das ist doch auch ein christlicher Ansatz“. Bemerkenswert, dass in Ramelows sozialistischem Gesellschaftsentwurf Starke und Schwache, also Klassenunterschiede vorkommen, die bei der staatlichen Geldbeschaffung zu berücksichtigen und dafür in ein ausgewogenes, sozialpartnerschaftliches Verhältnis zu bringen sind. Welcher Vertreter der sozialen Marktwirtschaft wollte da widersprechen!
Zweitens setzen laut Ramelow „christliche Soziallehre wie auch linke und progressive Politik auf Gemeinschaft“ und lehnen das rücksichtslose Gewinnstreben ab. Na ja, auch nichts speziell Sozialistisches! Das tun ebenfalls Faschisten, die auf den nationalen Arbeitsdienst an der Volksgemeinschaft großen Wert legen. Und in der demokratischen Kriegswirtschaft, wie wir sie momentan erleben, verlangt der Staat ebenfalls von den Kapitalisten, auf seine politischen Absichten Rücksicht zu nehmen. „Drittens leitet sich daraus aus meiner Sicht eine ähnliche, jedoch nicht identische Kritik am heutigen Kapitalismus ab: Ausbeutung, ungezügeltes Gewinnstreben und die Konzentration von Vermögen, das sind Zustände, die niemals Gerechtigkeit ermöglichen“. Hier ist Ramelow vorsichtig, Fusionen und kartellrechtliche Fragen sind ja auch bei Jesus kein Thema. Aber es ist klar, was angestrebt werden soll: eine gerechte Verteilung durch den Staat, der eben, wie eingangs festgestellt, den „Starken“ einiges zumutet, statt alles von den „Schwachen“ erledigen zu lassen. Dass es um eine solche anständige Staatsmacht geht, bestätigt dann der letzte Punkt, der Klartext redet: „Viertens sind die Verteidigung von Menschenwürde und -rechten, Demokratie und Mitbestimmung sowie Freiheit – auch Religionsfreiheit! – Aspekte, die Bande knüpfen.“
Man beachte, die „Verteidigung der Freiheit“ ist mit im Programm, passend zu Ramelows Plädoyer für eine gut gerüstete Bundeswehr, die zur Verteidigung der BRD – aber nicht nur dazu, sondern auch von „Würde“ und „Rechten“ – in der Lage sein soll. Fazit seiner Vision: ein starker Staat, der seine Gesellschaft im Griff hat und auf ein tätiges Volk zugreifen kann. Und das kommt von einem, der seine Partei dazu auffordert, „ihr Verhältnis zur Bundeswehr zu überdenken“, und der mit einer militärische Zeremonie aus seinem Thüringer Amt verabschiedet wurde (mit „Tränen in den Augen“).
In diesem Verhältnis hat der deutsche Katholizismus ja seinen festen Platz: Die Militärseelsorge steht Gewehr bei Fuß, den Krieg gegen Russland im Rahmen ihrer Möglichkeiten mitzutragen – so wie vor 85 Jahren beim Unternehmen Barbarossa oder 1933 beim Reichskonkordat, dessen Abschluss auch schon im Blick auf den geplanten Krieg und den Bedarf an Seelsorge erfolgte. Der Katholik Hitler hielt ja nichts von der Wiederbelebung germanischer Kulte, wie vom Amt Rosenberg vorgesehen, sondern setzte auf bewährte Kräfte. Und dieser Brauch ist auch bei heutigen Herrschern nicht ausgestorben.
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Es ist eigentlich alles ganz einfach.
Solange es Religionen, Staaten und Kapitalismus gibt, wird es auch immer Krieg geben.
Es gab auch lange vor diesen Dingen Krieg. Krieg ist eine Art Naturzustand des Lebens. Immer wenn die Ressourcen knapp sind, konkurrieren Lebewesen darum. Unser Unterschied ist nur, dass wir dafür keine biochemischen Kampfstoffe, Zähne, Klauen oder Fäuste, sondern Waffen benutzen. Kriege wird es so lange geben, solange es Lebewesen gibt.