Anschlag Breitscheidplatz ungelöst: Die seltsamen Bewegungen des angeblichen Täter-Handys

Bild: Emilio Esbardo/CC BY-SA-4.0

Das Bundeskriminalamt stellt mit seinen Ermittlungen die eigene Theorie vom Alleintäter Anis Amri in Frage und nährt den Verdacht behördlicher Manipulationen.

 

Es ist ein einziger unscheinbarer Satz, der aber die ganze offizielle Version des Terroranschlages vom Breitscheidplatz 2016 ins Wanken bringt und der da lautet: „Die Auswertung der Geodaten des HTC-Handys von Amri weisen darauf hin, dass er nach dem Anschlag in der Wohnung gewesen sein muss.“ Der Satz findet sich im Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses vom Berliner Abgeordnetenhaus. Er sagt nicht weniger aus, als dass besagtes Mobiltelefon zur gleichen Zeit an zwei unterschiedlichen Stellen gewesen wäre – am Tat-LKW auf dem Breitscheidplatz sowie in Amris Wohnung in Berlin-Wedding. Da das nicht sein kann, ist damit die offizielle Version vom Alleintäter Anis Amri in Frage gestellt – und zwar von offizieller Seite selber.

Der Bericht des U-Ausschusses wurde bereits im August 2021 veröffentlicht und ist auf der Webseite des Berliner Abgeordnetenhauses (AGH) abrufbar.

Der fragliche Satz war offensichtlich bisher niemandem aufgefallen, inklusive den Urhebern, also den Abgeordneten. Ich selber habe ihn erst mit Verspätung nach einer zweiten gründlichen Lektüre des stark 1200 Seiten dicken Berichtes realisiert. (S. 747/748)

Um die Bedeutung des HTC-Handys für die offizielle Version des Anschlages zu erklären, zunächst noch einmal zurück zum 19. Dezember 2016: Kurz nach 20 Uhr wurde ein Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz an der Gedächtniskirche gelenkt. Insgesamt dreizehn Menschen verloren ihr Leben, Dutzende wurden zum Teil schwer verletzt, viele leiden dauerhaft unter dem Ereignis.

Offiziell gilt der 23jährige Tunesier Anis Amri als der Attentäter. Das stützt sich im wesentlichen auf drei Gegenstände, die im sowie am Tat-LKW gefunden wurden und Amri zugerechnet werden. Ein altes Klapphandy, das nicht internetfähig war und in dem zusätzlich die SIM-Karte fehlte, womit es keinerlei praktischen Nutzen hatte. Ein Portemonnaie mit einer Duldungsbescheinigung der Ausländerbehörde von Kleve, ausgestellt auf den Namen Ahmed Almasri, den Amri als Aliasnamen benutzte. Beide Gegenstände wurden in der Fahrerkabine gefunden. Der dritte Gegenstand steckte außen in einem Loch der LKW-Karosserie: Ein internetfähiges HTC-Handy. Auch das wird allein Amri zugeschrieben, obwohl es Hinweise gibt, dass es auch von anderen Personen benutzt wurde. Einen dieser Hinweise liefert auch der erwähnte Satz des AGH-Berichtes. Der Fundort des HTC-Handys gibt fundamentale Rätsel auf, die das BKA bis heute nicht beantworten kann. Jedenfalls kann das Gerät nicht durch den Aufprall des LKW auf dem Weihnachtsmarkt an die Fundstelle gekommen sein. Es muss ein Mensch in das Loch auf der Frontseite des Fahrzeuges gesteckt haben.

Dort soll es noch in der Nacht zum 20. Dezember von den Tatermittlern der Polizei sichergestellt worden sein. Das internetfähige HTC-Handy, dessen Geodaten für einen wochenlangen Zeitraum in der Cloud gesichert werden konnten und mit dem der spätere Attentäter am 19. Dezember auf der Anfahrt zum Breitscheidplatz mit einem Funktionär des IS (Islamischer Staat) gesprochen haben soll, gilt den Ermittlern als zentraler Beleg für die Täterschaft Amris.

Soweit der erste Strang der Erzählung.

Ein zweiter Strang gilt der Frage, wann der angebliche Attentäter Amri seine Wohnung in der Freienwalder Straße in Berlin-Wedding nahe des Gesundbrunnens geräumt hat: Vor oder nach dem Anschlag? Zur offiziellen Version passt nur die Angabe „nach dem Anschlag“. Denn hätte er sie „vor dem Anschlag“ verlassen, gäbe es Differenzen zwischen den Geodaten des HTC-Handys und den Bewegungen Amris in der Stadt. Da ein Handy aber nicht allein unterwegs sein kann, wäre das der Beleg, dass jemand anderes als Amri das HTC bei sich hatte. Gleichzeitig hätten wir damit einen Hinweis auf eine Tätergruppierung.

Das Handy hätte zugleich in Charlottenburg und in Wedding sein müssen

Der Hauptmieter der Weddinger Wohnung Amris, der streng genommen zu den Tatverdächtigen zu zählen ist, weil sich seine DNA an jener Pistole fand, mit der der polnische Speditionsfahrer erschossen wurde, gibt tatsächlich drei unterschiedliche Zeitpunkte an, an denen Amri die Wohnung zusammen mit einem Rucksack endgültig verlassen habe: 21 Uhr, 18 Uhr oder 16 Uhr. Zur offiziellen Version würde, wie gesagt, nur 21 Uhr passen, also nach dem Anschlag. Die Sicherheitsbehörden sind bemüht, diese Zeitangabe zu untermauern, was ihnen aber nicht so richtig gelingt.

Und genau an diesem Punkt kommt nun jener sensationelle Satz aus dem AGH-Bericht ins Spiel: „Die Auswertung der Geodaten des HTC-Handys von Amri weisen darauf hin, dass er nach dem Anschlag in der Wohnung gewesen sein muss.“ Für Amri ist das möglich, für das HTC-Handy aber nicht so ohne weiteres. Denn übersetzt heißt der Satz: Jenes Handy, das an jenem seltsamen Platz in der Karosserie des Tat-LKWs auf dem Breitscheidplatz gefunden wurde, war nach dem Anschlag auch in der Freienwalder Straße. Eine genaue Zeitangabe fehlt.

Es wäre zugleich in Charlottenburg und im Wedding gewesen. Da das zeitgleich nicht möglich ist, müsste es zeitlich nacheinander geschehen sein. Zuerst im Wedding und dann bis zur Bergung in jenem LKW-Loch auf dem Breitscheidplatz. Das hieße, jemand Drittes hätte das Gerät nach dem Anschlag am LKW plaziert. Den Todesfahrer oder eine andere zivile Person kann man dabei ausschließen. Der Breitscheidplatz war abgesperrt und nur von Polizisten und Rettungskräften betretbar.

Als Quelle des Satzes und seines Befundes gibt der Untersuchungsausschuss das Bundesinnenministerium (BMI) an. Da es um die „Auswertung der Geodaten“ geht, kommt als Stelle eigentlich nur das Bundeskriminalamt (BKA) in Frage. Aus dem Bericht des U-Ausschusses geht nicht hervor, ob und gegebenenfalls wie sich das BKA zu dem widersprüchlichen Befund verhalten hat. Auch nicht, ob der U-Ausschuss überhaupt um Aufklärung gebeten hat. Offensichtlich nicht.

Theoretisch gibt es noch eine zweite Möglichkeit, den Widerspruch aufzulösen: indem die besagten Geodaten als unzutreffend erklärt werden, als irgendwie zustande gekommenen Fehler. Das würde aber die Ermittlungsqualität des BKA in Zweifel ziehen und das gesamte Täternarrativ erst Recht ins Rutschen bringen. Denn, wenn die Bewegungsdaten einmal fehlerhaft sind, warum nicht öfter? Dann könnten die zentralen Ermittlungsstellen überhaupt nicht mehr mit den Geodaten, die Amris Bewegungen in Berlin abbilden sollen, argumentieren.

Wurde manipuliert?

Dass Amri der alleinige Nutzer des HTC-Handys war, wird von einigen Bundestagsabgeordneten aus dem ehemaligen Untersuchungsausschuss sowieso grundsätzlich bezweifelt. Für sie ist die Gleichsetzung der HTC-Daten mit Amris Bewegungen fraglich. In dem Handy wurden mehr SIM-Karten mit Telefonnummern verwendet, als man von Amri kennt. Im Sondervotum der drei kleinen Fraktionen FDP, Linkspartei und Grüne ist gar davon die Rede, dass das HTC-Handy möglicherweise immer wieder von Kontaktpersonen bewusst „spazieren getragen“ wurde, um tatsächliche Bewegungen zu verwässern beziehungsweise um falsche Spuren zu legen. (Abschlussbericht des Bundestagsuntersuchungsausschusses, S. 1227)

Selbst die Amri-Gegenstände in der Fahrerkabine des LKW, also Klapphandy und Portemonnaie, würden in den Augen der kritischen Abgeordneten seine tatsächliche Präsenz in dem Fahrzeug nicht beweisen, liest man weiter. (Abschlussbericht S. 1224)

Diese Aussagen deuten in Richtung von möglichen Manipulationen. Die Frage wäre nur, wo wem und welcher Seite? Seitens der – mutmaßlichen – Tätergruppierung oder etwa seitens der Sicherheitsbehörden?

Geht man davon aus, dass die Geodaten stimmen und das HTC-Handy am Abend nach der Tat tatsächlich in der Freienwalder Wohnung war, sowie dass es in der Nacht im Tat-LKW gefunden wurde, dann müsste man sich einen abenteuerlichen Vorgang vorstellen.

Zunächst bewegte sich das Telefon bei der Anfahrt des LKW zum Breitscheidplatz identisch mit dem Tat-Fahrzeug. Unklar ist aber, ob es sich im LKW befand, ob neben dem Fahrer vielleicht ein zweiter Täter saß, der es benutzte, oder ob es außerhalb des LKW beispielsweise in einem Pkw vor oder hinter dem Sattelschlepper benutzt wurde – vielleicht ja wirklich von Amri, der dann aber nicht am Steuer des LKW saß. Nach der Tat begibt sich eine Person, vielleicht tatsächlich Amri, zusammen mit dem Handy zur Wohnung in der Weddinger Freienwalder Straße. Von dort wiederum bringt eine Person das Telefon zum Breitscheidplatz und steckt es außen in das Loch der LKW-Karosserie, wo es gefunden wurde. Nur wer und zu welchem Zweck? Von einem solchen Manöver kann man nicht einmal die Sicherheitsbehörden ausnehmen, die über eine Reihe von geheimen V-Leuten mit der islamistischen Szene verbunden waren.

Für Aufklärung könnte das BKA sorgen, indem es zum Beispiel die Geodaten des HTC lückenlos darlegt. Auch, wann genau und in welchem Zeitraum es in der Freienwalder Straße gewesen sein soll.

Dubios ist im übrigen auch die Herkunftsgeschichte des HTC-Geräts. Ende September 2016 meldete es ein Schweizer Bürger in Berlin als gestohlen. Dieser Mann kann aber nicht mehr befragt werden, weil er bei der Polizei eine falsche Adresse angab, wo er gar nicht wohnt. Über einen Bekannten soll das Mobiltelefon in die Hände Amris gekommen sein. Dieser Mann ist ebenfalls nicht mehr greifbar, er wurde aus Deutschland abgeschoben. Die Frage ist aber, ob die Einschleusung des HTC-Handys in islamistische Kreise bereits eine Manipulation war.

Thomas Moser diskutiert am Dienstag, den 14. Juni, um 19 Uhr im Deutsches Spionagemuseum
(Leipziger Platz 9, 10117 Berlin) mit Stephan Lenz (Leiter CDU, Amri-Untersuchungsausschuss) und Frank Zimmermann  (SPD, AGH Berlin) über die Ermittlungen zum Anschlag am Berliner Breitscheidplatz. Moderation: Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs (Politologe). Der Eintritt ist frei.

Der letzte Untersuchungsausschuss in Berlin gelangt weiter zu der bitteren Erkenntnis: „Nur durch zahlreiche Fehler in verschiedenen Sicherheitsbehörden in Berlin wie auch im Bund ist der islamistische Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016 erst möglich geworden.“

 

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2 Kommentare

  1. Es sind ja nicht nur die rätselhaften Handy Daten, die nachdenklich machen, sondern auch die Navitracking Daten vom LKW die ja auch sehr sonderbar sind. – So konnte man dem polnischen Spediteur bislang nicht erklären womit es zu begründen wäre, dass sein Fahrzeug kurz vor der eigentliche „Geisterfahrt“ noch ohne Motorbetrieb vom Parkplatz zu einen LKW Betriebshof in der Nähe geschafft hat. ….. Rätsel über Rätsel
    Schaut man sich mal die Frontpartie des Fahrerhauses an, so fällt die sonderbar zerstörte stabile Frontscheibe auf, wo hingegen das relativ leichte Alublech des Kühlergrills nahezu keine Zerstörungen aufweist. – Man fragt sich auch ob es möglich ist, wie die Hölzer eine Frontscheibe schräg von unten durchstoßen konnten – sehr mysteriös, denn so eine Frontscheibe hält sehr (!!!) viel aus.
    An den dünnen Seitenplanen sind hingegen überhaupt keine Beschädigungen usw. usw.
    Warum waren keine Überwachungs Kameras aktiv – sehr sonderbar, denn solche belebten Plätze werden doch heute rund um die Uhr überwacht. – Aber welche Aufgabe hatte z.B. der gelbe Bus mit den verdunkelten Seitenscheiben hingegen dort?
    Es gibt auch keine Blutspuren auf dem Weg den der LKW dort angeblich gefahren sein soll. Handy Filme von Leuten, die kurz danach die Nerven hatte dort zu filmen, zeigen NICHTS dergleichen. – An der Front vom LKW ist auch nichts Vergleichbares zu erkennen.
    Es bleiben noch tausend Fragen – man fragt sich: “ Was sollte das Ganze ? „

  2. Schade das am 19 Juni nur CDU/SPD bei der Podiumsdiskussion sein werden. Es wäre schön gewesen ein paar der kritischeren Stimmen des Untersuchungsausschusses dort zu haben. Dann würde es so richtig spaßig werden, wenn die Politiker sich gegenseitig zerfleischen.

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