„Alle Menschen in Gaza sind sehr, sehr müde“

Bombardierte Eisfabrik. Bild: Hana Salah

Journalistin Hana Salah in Gaza City im Interview mit Marcel Malachowski über die Situation der Menschen und zur Frage, ob israelische Eiscreme besser ist

 

Die palästinensische Autorin und Journalistin Hana Salah lebt und arbeitet in Gaza als Kolumnistin und Korrespondentin für das Mid East-Nachrichten- und Analyseportal Al Monitor, auch im Moment ist sie dort. Artikel von ihr erschienen unter anderem auch in der Los Angeles Times und in The National.

Die Hamas begann vor über einer Woche nach der Absage der Wahlen durch die Fatah-Konkurrenz der PA in Ramallah mit dem wahllosen Beschuss der jüdischen, muslimischen, christlichen und drusischen Bevölkerung Israels, in Greater Tel Aviv und im Süden leben zudem zehntausende Gastarbeiter aus Asien, Afrika und Osteuropa, gestern starben dabei zwei Gastarbeiter aus Thailand in einem selbstverwalteten Kibbuz-Kollektiv aus sozialistischer Tradition. Rund 500 der bisher über 3000 Geschosse gingen dabei als „friendly fire“ bereits in Gaza nieder.

Die israelische Armee Zahal reagierte daraufhin mit dem Bombardement militärischer Infrastruktur, des „Metro-Systems“ aus Tunneln und Bunkern für die Hamas-Elite und mit gezielten Tötungen von Führungspersonen.

Hana Salah

„So ein schweres Bombardement hat Gaza noch nie erlebt“

Du bist gerade in Gaza, in der vorletzten Nacht wurde Dein Viertel und Dein Häuserblock sehr stark bombardiert, Du hattest bis heute früh keinen Strom mehr … Was sind Deine Gefühle während dieser Stunden, Hana?

Hana Salah: Ich bin ja in der Innenstadt von Gaza-Stadt, das derzeitige Bombardement hier ist wirklich unerträglich und ungewohnt gewaltig. Die Geräusche der israelischen Raketenschläge sind derart schwer, wie eine unaufhaltsame heftige Welle. Man kann es überhaupt nicht mit den vorherigen Eskalationen und Kriegen in Bezug auf Anzahl und Art der Raketenangriffe vergleichen, die Orte in Gaza ins Ziel genommen hatten, so ein schweres Bombardement wie das jetzige haben wir in Gaza noch nicht erlebt.

Wo genau verbringst du diese Tage dort? Nirgendwo ist es sicher …

Hana Salah: Kein Ort ist sicher und wir haben keine Schutzcenter für die Bevölkerung in Gaza. Wir müssen hier immer bereit sein, in jedem aufkommenden Bombardement von zu Hause zu fliehen. Du kannst nicht einmal erahnen, wo das nächste Ziel sein könnte … Es könnte sich in Deiner Nähe befinden und Du könntest um sofortige Evakuierung durch die Israel Defense Forces (IDF) gebeten werden oder sogar ohne vorherige Warnung „ins Ziel genommen“ werden.

Und wie ist es für Dich, die Raketeneinschläge zu hören?

Hana Salah: Es ist sehr erschreckend und hat uns sehr in den Stress gebracht. Selbst mit einem Waffenstillstand bräuchte es Tage, um sich erst einmal davon wieder zu erholen …

„Viele hier unterstützen die Jerusalem-Sache“

Wie geht es denn den anderen Leuten dort?

Hana Salah: Alle Menschen hier sind sehr, sehr müde, aber viele hier unterstützen auch die Jerusalem-Sache und wollen die Stadt unbedingt einmal besuchen und dort beten. Sie fordern, die „Verstöße“ im Ost-Jerusalemer Stadtteil Shekh Jarrah und an der Al-Aqsa-Moschee zu beenden.

Aber warum hat sich die Situation seit zwei Wochen Deiner Meinung nach so stark eskaliert?

Hana Salah: Dies ist Sache der palästinensischen Fraktionen, bitte, frage mich nicht …

Hat die Hamas diesen aktuellen Konflikt nicht einseitig eskaliert?

Hana Salah: Naja, dazu möchte ich nichts sagen …

Was denkst Du als Politik-Analystin: Wie viele Raketen hat die Hamas noch?

Hana Salah: Dazu lieber auch nicht … Verstehe es, bitte …

Hana Salah

„Frauen kämpfen hier um ihre Rechte“

Es gab ja in den letzten Jahren immer mehr Proteste gegen die Hamas im Gazastreifen, insbesondere junge Menschen wollen mehr Freiheit … Was halten die Gazaner wirklich von der Hamas?

Hana Salah: Da müsstest Du so viele Gazaner fragen, weil jeder hier eine ganz andere Sichtweise hat und es sehr  kompliziert ist, eine direkte Antwort auf diese Frage zu kriegen. Hier gibt es einen riesigen Kontext verschiedenster Sichtweisen …

Wie ist die Situation denn für Frauen in Gaza?

Hana Salah: Gaza hat im Großen und Ganzen eine konservative Gemeinschaft und Frauen kämpfen darum, alle Rechte hier zu haben.

Es gibt ja sehr viele fortschrittliche Menschen in Gaza, die die Freiheit lieben und den Hunger satt haben. Sie sind hungrig nach Essen und nach Leben, einige bestellen bei KFC in Chan Younis, Ägypten, und das Essen wird wie beim normalen Pizzaservice durch die Tunnel geliefert. Viele junge Frauen wollen wie junge Frauen im liberaleren und lebenslustigeren Ramallah oder im wunderschönen Beirut leben, wie in Los Angeles, Neapel oder Hamburg … Du bist immer sehr modisch und elegant gekleidet, arabische Frauen sind generell sehr modisch orientiert. Unterdrückt die Hamas diesen Wunsch nach Mode, Kultur und Lebenslust?

Hana Salah: Die Hamas ist eine konservative Bewegung und Gaza hat eine konservative Gemeinschaft, aber es ist immer noch möglich, der Mode zu folgen in Gaza, obwohl Israel internationalen Marken nicht erlaubt, nach Gaza direkt zu importieren.

Als Fachfrau und als Palästinenserin – für was beschuldigst Du Israel noch?

Hana Salah: Kannst Du Dir das nicht denken …

Kannst du auch die Israelis verstehen?

Hana Salah: Diese Frage wäre schwierig zu beantworten.

Juden und Palästinenser lebten Hunderte von Jahren friedlich zusammen, und auch während der Besatzung gab es im Gazastreifen Freundschaften von Israelis und Gazanern. Kann es wieder so sein, Hana?

Hana Salah: Ich erwarte, dass Freundschaft und harmonische Beziehungen wieder möglich sind, aber die politische und militärische Situation wirkt sich auf alles aus.

„Ich will in Freiheit leben“

Die Eiscreme aus Gaza gilt als mediterrane Spezialität … Eis ist ja Deine Obsession, Du behauptest sogar, Eure sei besser als die legendäre von Tel Aviv, sehr gewagt, das Duell sei hiermit angenommen. Gerade erst wurde aber eine der größten Eisfabriken in Norden von Gaza aber bombardiert …

Hana Salah: Ich bin nach den Einschlägen dort sofort dort hin gefahren als Reporterin und habe dann den Besitzer interviewt, er schätzt seinen Verlust auf bis zu einer halben Million Dollar. Die Fabrik ist quasi von einer Minute auf die andere komplett im Erdboden verschwunden durch das Bombardement. Ich habe alles fotografiert und sofort auf Twitter veröffentlicht … Sehr traurig, das zu sehen, geschmolzenes Eis im fast völlig zerstörten Kühlraum. Die Fabrik in Gaza wurde zu Wochenanfang ins Visier genommen. Sie verarbeitete das Eis von A bis Z vor Ort und entwickelte es von 2006 bis heute zur Perfektion. Heute hat er seine Fabrik verloren, in der früher mehr als 5000 Liter Eis pro Monat hergestellt wurden. Israel hinderte ihn daran, es nach außerhalb des Gazastreifens zu exportieren, und er dachte bis zuletzt, dass es für ihn sicher sei, die Fabrik im Industriegebiet Nordgaza zu errichten, obwohl sie während der anhaltenden Eskalation mit mindestens 40 anderen Fabriken ins Visier genommen wurde

Was muss sich denn generell in Gaza ändern? Was erwartest Du von Europa, den USA, Qatar und den Vereinigten Arabischen Emiraten?

Hana Salah: Als normaler Bürger erwarte ich von diesen Ländern, dass sie die Menschen in Gaza unterstützen und ihnen helfen, wie andere Nationen und wie in freien Ländern zu leben, in Freiheit.

Was wünschst Du Dir für die Zukunft? Als Journalistin und als Mensch?

Hana Salah: Ohne weitere Einschränkungen zu leben … um in Frieden leben zu können, ohne Eskalationen oder Zerstörung oder irgendeinen anderen Krieg!

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