Abbas und die ausgebliebene Entschuldigung

Präsident Abbas während der Pressekonferenz. Screenshot des Videos der Bundesregierung

Der Palästinenserpräsident hat in Deutschland das Wort Holocaust im Plural zur Bezeichnung der von Israel an den Palästinensern verübten Verbrechen in den Mund genommen und sich nicht für die während der Olympiade begangenen Taten der palästinenschen Terroristen entschuldigt.

 

Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas hat sich eine Verfehlung zuschulden kommen lassen. Er hat  gleich von “50 Holocausts” gesprochen, die den Palästinensern durch das zionistische Israel widerfahren seien. Das klang, auf deutschem Boden zumal, empörend. Und entsprechend empörte man sich sogleich.

Man mag sich allerdings fragen, ob die saloppe Quantifizierung der palästinensischen Leiderfahrung, die das Fünfzigfache von dem, was den Juden widerfahren ist, suggeriert, nicht eher indiziert, dass Abbas “Holocaust” als Metapher gebraucht hat, die keinen wirklichen Vergleich in Umfang und Intensität der beiden Leiderfahrungen intendiert, sondern eher die Insistenz darauf, dass Juden Allerschlimmstes erlitten haben, aber dass Palästinensern durch Juden ebenfalls Katastrophisches zugestoßen ist.

Ja, aber der Vergleich, und dann auch noch “auf deutschem Boden”? In einen Vergleich ist Abbas durch die Aufforderung getrieben worden, sich für den von palästinensischen Terroristen an den israelischen Sportlern auf der Münchener Olympiade von 1972 verübten Mord zu entschuldigen. Abbas wollte sich aber nicht entschuldigen, und hat stattdessen den Vergleich gezogen, freilich unter der prekären Verwendung des Begriffs “Holocaust”.

Aber Abbas konnte sich auch gar nicht entschuldigen. In wessen Namen hätte er sich vor wem entschuldigen sollen? Denn für ihn – und was noch wichtiger ist: für die von ihm vertretenen Palästinenser – sind es Freiheitskämpfer (und in einer gewissen religiösen Konnotation nachgerade Märtyrer) und nicht Terroristen gewesen, die den Mordanschlag von 1972 verübt haben. Sich für ihre Tat zu entschuldigen, hätte nicht weniger als Verrat am generationenlangen Widerstandskampf der Palästinenser gegen den zionistischen Staat für die von ihm an ihnen verbrochene Nakba und das jahrzehntelang aufrecht erhaltene verbrecherische Okkupationsregime bedeutet.

Zu fragen gilt es aber darüber hinaus: Wann hat je ein israelischer Premier oder irgendein anderer israelischer Spitzenpolitiker sich für die an Palästinensern begangenen Verbrechen Israels entschuldigt? Bekannt ist Golda Meirs Spruch aus den 1970er Jahren “Wir werden den Arabern nie verzeihen, dass sie uns zwingen, ihre Kinder zu töten.” Die Perfidie dieser “Entschuldigung” lag darin, dass es Meir nicht um die getöteten palästinensischen Kinder ging, sondern darum, sich (bzw. Israel) selbst als moralisch zu beweihräuchern, ein Muster, das sich bis zum heutigen Tag im Selbstverständnis der meisten Israelis fortsetzt, im Besitz der “moralischsten Armee der Welt” zu ein.

Ehud Barak gab in den 1990er Jahren immerhin zu, dass er sich, wenn er als junger Mensch in der Lage der Palästinenser gewesen wäre, einer Organisation des palästinensischen Widerstands angeschlossen hätte. Aber als paradigmatisch für die eigentliche Gesinnung der israelischen Politprominenz darf der Wahlkampfspot von Benny Gantz im Jahr 2019, damals ernsthafter Anwärter auf den Premierposten, gelten, in welchem er sich brüstete, im Gazakrieg von 2014 nicht weniger als 1364 “Terroristen” getötet zu haben. Was er freilich unterschlug, ist die nebensächliche Kleinigkeit, dass zu den Getöteten Hunderte von Frauen und Kindern zählten.

Man mag auch einen Blick auf die Geschichte werfen: “Etzel” war die Untergrundorganisation der zionistischen Revisionisten. Unter der Führung von Menachem Begin, nachmals Israels Premierminister, beging die Organisation einen legendären Terrorakt, als man am 22.7.1946 das King David Hotel in Jerusalem sprengte: 41 tote Araber, 28 tote Briten, 17 tote Juden (und andere). In der Zeit zwischen August 1945 bis September 1947 fielen den Terrorakten des “Etzel” 141 Briten, 44 Araber und 25 unschuldige Juden zum Opfer. Auch Premierminister Itzhak Shamir, in der prästaatlichen Ära Führer von “Lehi”, einer anderen Untergrundorganisation der Revisionisten, war kein kleiner Terrorist. Es ist nicht bekannt, dass Begin oder Shamir sich je für ihre mörderischen Aktionen entschuldigt hätten. Im Gegenteil, ihren Terrororganisationen wurden später staatlich anerkannte Museen in Tel Aviv errichtet.

Wie sieht es mit anderen Ländern und Nationen aus? Die Aufarbeitung der britischen und der französischen Kolonialzeit und der Verbrechen der Kolonialherren hat nie eine staatsoffizielle Entschuldigung gezeitigt. Und es hätte wahrhaft viele und schwerwiegende Gründe für eine solche Entschuldigung gegeben.

Aber was heißt schon “entschuldigen” für Verbrechen dieser Dimensionen? Der Kniefall Willy Brandts in Warschau am 7.12.1970 darf als bewegender Akt gewertet werden, aber trotz Brandts offizieller Funktion kann dies nicht als staatlicher Akt verstanden werden – ein Staat kniet nicht nieder, auch nicht in Vertretung. Deutschland hat entsprechend die “Sühne” materialisiert, und zwar im Deal der Wiedergutmachungs-Abkommen von 1952. Dies hatte sowohl auf israelischer als auch auf deutscher Seite etwas mit Geopolitik, nichts mit “Entschuldigung” zu tun. Denn nichts kann am Holocaust “wiedergutgemacht”, nichts “entschuldet” werden. Erst unter friedlicher Beilegung dessen, worum es bei der Entschuldigung zu gehen hätte, kann der formelle Akt der Entschuldigung als Beitrag zur Versöhnung akzeptiert werden. Das war in Südafrika im Rahmen der Neukonsolidierung nach Abschaffung des Apartheid-Regimes unter Nelson Mandela der Fall. Im israelisch-palästinensischen Konflikt, der bei weitem noch nicht ausgestanden ist, nimmt sich die Forderung nach “Entschuldigung” wie eine hohle Phrase aus.

Olaf Scholz hat bei dem zum Staatseklat gesteigerten Ereignis des rhetorischen Fehltritts von Abbas zunächst geschwiegen (wofür er attackiert worden ist) und dann gab er sich von Abbas’ Worten “angewidert”. Er tweetete: “Ich bin zutiefst empört über die unsäglichen Aussagen des palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas. Gerade für uns Deutsche ist jede Relativierung des Holocaust unerträglich und inakzeptabel. Ich verurteile jeden Versuch, die Verbrechen des Holocaust zu leugnen”. Israels Premier Yair Lapid dankte ihm dafür, und zwar “sowohl als Israels Ministerpräsident als auch persönlich als Sohn eines Holocaust-Überlebenden”. Auf English hatte er zuvor getweetet: “Dass Mahmud Abbas Israel beschuldigt, ’50 Holocausts‹ begangen zu haben, während er auf deutschem Boden stand, ist nicht nur eine moralische Schande, sondern eine ungeheuerliche Lüge. Die Geschichte wird ihm nicht vergeben.”

Die Karten waren wieder angemessen verteilt, die Rhetorik perfekt orchestriert. Der deutsche Kanzler verschwendete keine Sekunde an der Überlegung, was den palästinensischen Präsidenten zu seinen Worten getrieben haben könnte. Deutschbefindlich und in Vertretung der kollektiven Deutschbefindlichkeit artikulierte er seinen Ekel und versicherte, nichts habe sich am Einvernehmen zwischen Israel und Deutschland verändert.

Lapid seinerseits wusste genau, was ihm politisch in die Hände gefallen war, und entblödete sich nicht zu verkünden, dass “die Geschichte” Abbas “nicht vergeben” werde. Von den historischen wie aktuellen Verbrechen Israels keine Rede – weder seitens des “angewiderten” deutschen Kanzlers noch von der Seite des israelischen Premiers, seines Zeichens “Sohn eines Holocaust-Überlebenden”. Bilaterale Politik auf höchstem Niveau. Und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Genau dies haben beide Seiten gewollt – dem Widerwillen der Deutschen gegen und den Hass der Israelis auf die Palästinenser neuerliche Legitimität zu verschaffen. Hat hervorragend geklappt.

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11 Kommentare

  1. Wenn die Menschheit sich bemühen würde etwas aus dem besagten Geschehnis lernen zu wollen. so gäbe es heute wesentlich weniger Gewalt auf der Welt.
    Dieser Begriff wird leider oft nur noch als Totschlagargument benutzt – Auf die Weise wird man nie friedlich zu einander finden.

      1. Sobald du dich geistig soweit fort entwickelt hast, meinen einfachen Namen richtig zu schreiben. – An deiner miserablen Rechtschreibung, will ich gar nicht erst anfangen zu meckern, und schon gar nicht an deiner Lese.- und Verständnis Schwäche.

    1. Wenn ich mich auf das Zitat unseres Unkanzlers (im Artikel) beziehe, dann ist nicht Herr Abbas das Problem, sondern diese Person, die eben unser Land zugrunde richtet.
      Natürlich ist das, was in den Palästinenser-Gebieten passiert, Unrecht. Sogar schlimmes Unrecht. Aber es ist kein Holocaust. Leider werden heutzutage alle möglichen „starken Begriffe“ zu oft missbraucht. Das ist in der Politik Alltag, bei den Medien Alltag und wird dann auch bei den einfachen Menschen Alltag. Dem Palästinenser-Präsidenten darf man aber zugestehen, dass er aus emotionaler Überzeugung und persönlicher Betroffenheit gesprochen hat.
      Ein wirklicher Kanzler hätte die Wortes seines Gastes (!) dplomatisch höflich zurückgewiesen, und gut wäre es gewesen. Mit seiner Reaktion hat er bewiesen, dass er nichts weiter als eine folgsame Marionette ist, ein Apparatschik eben ohne emotionale Überzeugungen. Er hat sich nun auch vor allen Palästinensern unmöglich gemacht und der israelischen Regierung sicher keinen Gefallen getan. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese derartige Pudel schätzt.

  2. Widerlich ist vor allem, dass der Bundeskanzler nicht eingegriffen hat, als ein schmieriger Haltungsjournalist versuchte den palästinensischen Präsidenten zu provozieren. Da hätte er ja auch mal was sagen können.

    Es sind ja die Medien, die, indem sie ihre Arbeit nicht ordentlich machen, diese Konflikte befeuern. Dies betrifft ja nicht nur den Fragesteller, sondern auch die Kommentatoren, die mit ihren böswilligen Interpretationen die Sache weiter aufgebauscht haben.

    1. Ich muss gestehen, dass ich eben diese voraus gegangene Frage in dem ganzen Empörungsgeschreibsel nirgends gelesen hatte, weswegen ich in einem früheren Kommentar geschrieben hatte, Scholz hätte reagieren sollen.
      Ich bin nur noch angewidert von diesem ganzen bigotten Empörungsgeschrei, gerade im Umgang mit dem seit 70 Jahren andauernden Leid und der ebenso langen Entrechtung und Terrorisierung der Palästinenser, die in Deutschland praktisch keine Möglichkeit mehr haben, ihre Situation zu thematisieren.
      In der Berliner Zeitung gibt es einen guten Artikel von Eyal Weizman zu der ebenso widerwärtigen Documenta-Geschichte. https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/eyal-weizman-rassismus-und-antisemitismus-werden-kuenstlich-getrennt-li.258319
      Danke, Moshe Zuckermann, für Ihre immer wohltuenden und differenzierten Kommentare.

  3. Moshe Zuckerman, beim letzten Satz widerspreche ich, in der ‚Narrativ‘ gebenden Politik (wer ist das?) ja, aber auf der unteren Ebene sind m. E. eine ganze Menge an Menschen vorhanden die diesen Zionismus nicht teilen.
    Und diese ganze Diskussion ist m.M.n. inszeniert, ihr Artikel zu den indonesischen Künstlern beim Besuch zur Dokumenta ist ein Teil dessen!
    Der Besuch von Herr Abbas ist ein Besuch aufgrund Bilateraler Übereinkunfte und jeder Besuch folgt einem Protokoll dessen sich die Beteiligten im Vorfeld einigten!
    Deutsche Politik ist subversiv, aber der Adressat weiss um was es geht.

  4. Seid vielen Jahren findet im deutschen, westlichen Journalismus/ Politikeraussagen bei der Auswahl und Einordnung der Themen eine „Doppelmoral“ in „gut & böse“, in „nützlich & schädlich“ statt, die ganz weit weg von Objektivität & Realismus sich bewegt. Deshalb ist der westliche Standpunkt so leicht zu wiederlegen. In offenen Diskussionen mit prowestlichen werden Quellen als VTer disqualifiziert, mit Whataboutism gekontert, Vergleiche nicht zugelassen, mit nicht Wissen bei vergleichbaren Handlungen der eigenen Seite die Diskussion abgewürgt.

    Eine offenen Diskussion über die Verbrechen durch Israelis und US-Amerikaner findet seit jahrzehnten nicht statt. Die Verbrechen an der Bevölkerung der slawischen Staaten, war in Quantität weit aus schlimmer als der Holocaust. Die Qualität des Holocaust in Form die industriellen Tötungen in Ausschwitz, Theresienstadt und Co ist eine besonders entmenschlichte Form des Verbrechens. Ich weiß aber nicht, ob es sich für das Opfer was ändert, das es vondeutschen Nazis direkt in deren heimat standrechtlich oder einfach so erschossen wurde, durch Granaten und Bomben getötet wurde, bei der Zwangsarbeit ums Leben kam oder ob der Mensch vorher in ein Vernichtungslager transportiert wurde.

    Wäre ich Richter mit der Gesetzeslage von damals, würde ich für beide Verbrechensformen der systematischen (Slawen) und der industriellen Ermordung (Juden, Sint & Romas) die Höchststrafe verhängen. Und höher als höchst geht meiner Meinung nach nicht.

    Übrigens sind die Artikel von Moshe Zuckermann immer lesenswert und bringen einen gewissen Gewinn. Danke!

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