„Wir können gewinnen!“

Charkiw am 11. März – Video

 

Direkt aus Charkiw: Die Regierungsberaterin Maria Avdeeva im Interview mit Marcel Malachowski. Vor der Invasion spielte sie US-Präsident Biden Informationen zu. Im k&k-Interview berichtet sie nun über ihre Erlebnisse, die militärische Lage und über Bomben in der Nacht.

 

Maria Avdeeva hält sich seit Beginn der Invasion an einem geheimen und geschützten Ort im von der russischen Armee mittlerweile belagerten Charkiw auf. Dort fanden Ende letzter Woche und am Wochenende die bisher schwersten Bombardements des Krieges statt, die zweitgrößte Stadt der Ukraine ist im Moment mit Mariupol am stärksten umkämpft. Seit Donnerstag gibt es in der akademisch renommierten und multikulturellen Wissenschaftsmetropole auch Straßenkämpfe. Am Freitag wurde der nukleare Forschungskomplex der dortigen Universität mit Raketen beschossen und stark beschädigt. Laut Bürgermeister wurden unter anderem 48 Schulgebäude bereits komplett zerstört.

Das Interview wurde gestern am frühen Vormittag geführt, in der Nacht zuvor waren mehrere Wohnblöcke im selben Bezirk zerbombt worden. Die eindrucksvolle und elegante Metropole mit der sehr reichen wie dramatischen Historie liegt nahe an der Grenze zu Russland und die Oblast (Region) Charkiw grenzt an die Separatistengebiete Donezk und Luhansk. 1943 wurde das vormals jüdisch geprägte Charkiw von den Deutschen fast komplett vernichtet und alle Juden ermordet. Die Deutschen töteten alleine in der Stadt und ihrer Umgebung über eine Viertelmillion Menschen. Nur die Choral-Synagoge überstand die Shoah und ist bis heute eine der größten Osteuropas.

Die ukrainische Juristin und Politikwissenschaftlerin Maria Avdeeva ist Gründerin und Forschungsdirektorin der European Experts Association, die den Präsidenten Wolodymyr Selenskij und die Regierung der Ukraine berät, zudem ist sie OSZE-Konsultantin für Cyber Security, Autorin für Visegrad Insight   und arbeitet auch für iSANS (Strategisches Aktions-Netzwerk, das auch in Belarus agiert). Sie berät Regierungen, PolitikerInnen und Sicherheits-Institutionen in Ost- und Westeuropa und auf dem Balkan und hat beste Kontakte zur US-Regierung und zur Regierung Polens. Maria studierte u.a. in Washington, D.C., arbeitete dann am Nationalen Institut für Strategische Studien und entwarf das Nationale Sicherheitskonzept der Ukraine mit.

Ihre Forschungsschwerpunkte waren Internationale Beziehungen und Digitale Forensik, heute sind ihre operativen Spezialgebiete gefechtsferne Undercover-Geheimoperationen, hybride Kriegsführung, Infowar, Politik „unter dem Radar“, psychologische Krisenmaßnahmen, Cyberguerilla, digitale Sicherheit/Watchdog-Ops, Untergrund-Aktionen „behind enemy lines“, unkonventionelle Sicherheitstaktiken und die militärische Kooperation der Ukraine mit der Nato auf offenen und verdeckten Ebenen.

Die dramatische Rede an die Weltöffentlichkeit von US-Präsident Joe Biden und die Warnungen von Außenminister Blinken vor False Flag-Terroraktionen russischer GRU-Speznaz und FSB-Alfa-Kommandos sowie die Notfall-Sitzung des UN-Sicherheitsrates in den Tagen vor der Invasion basierten auf den Informationen der CIA und von Maria Avdeeva und ihres Teams.

„Charkiw steht noch unter der vollen Kontrolle der Ukraine“

Wie betrachtest Du die Situation in den letzten Stunden?

Maria Avdeeva: Russland hatte die Bombardierungen und Beschießungen von Wohngebieten fortgesetzt, besonders in der letzten Nacht in Charkiw und in Städten um Charkiw – Chuhuiv, Izium und Dergachi. Das ukrainische Militär schlägt effektiv zurück. Die russischen Truppen rücken nicht vor, sie sind deutlich langsamer geworden und verlieren an Kampffähigkeit. Die Stadt steht unter der vollen Kontrolle der Ukraine. 600 000 Menschen wurden bereits aus Charkiw evakuiert, andere fanden Schutz in Notunterkünften und U-Bahnstationen. Es gibt aber Engpässe bei Nahrungsmitteln und medizinischen Hilfsgütern, aber die lokalen Behörden versuchen, die Versorgungsketten gemeinsam mit Freiwilligen zu organisieren, und auch humanitäre Hilfe kommt nun in die Stadt.

Und wir verbringst Du die Tage zur Zeit?

Maria Avdeeva: Ich enthülle weiterhin russische Desinformationen und dokumentiere russische Kriegsverbrechen in meiner Heimatstadt. Ich sehe meine Mission im Moment darin, dem internationalen Publikum die Stimme der Ukraine zu vermitteln, da ich sehe, wie viele Ressourcen Russland in die Verbreitung von Desinformationen und gefälschten Nachrichten investiert. Russische Behörden verbreiteten wilde und unverantwortliche Verschwörungstheorien über die Ukraine und leugneten, dass Russland Bomben auf Wohngebiete abwirft und russische Soldaten Befehle erhalten, Zivilisten zu töten. Deshalb gehe ich jeden Tag auf die Straßen von Charkiw und versuche, Beweise für russische Kriegsverbrechen zu sammeln und der Welt die Wahrheit zu offenbaren.

Was fühlst Du in diesen Tagen? Was hast Du erlebt?

Maria Avdeeva: Es ist schwer, meine Heimatstadt verwüstet und von russischen Truppen belagert zu sehen, aber ich glaube, dass wir sie nach dem Krieg wieder aufbauen und sie noch schöner werden wird. Es ist jetzt ungewöhnlich kalt für diese Jahreszeit und ich denke an all die ukrainischen Militärs, die Tag und Nacht an vorderster Front stehen, um meine Stadt und andere ukrainische Städte zu schützen. Die ukrainische Nation ist geeinter als je zuvor, was mir zusätzliche Kraft gibt, um die Härten des Augenblicks zu überwinden.

Maria Avdeeva in Charkiw – Video

„Wir brauchen logistische Unterstützung der Nato“

Was hörst Du denn von anderen Menschen, die Du in der Ukraine kennst?

Maria Avdeeva: Es ist für mich sehr schwer vorstellbar, dass viele meiner Freunde und Kollegen aufgrund der ständigen Bombardierungen gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen und nun weit entfernt von ihren Heimatorten leben müssen. Aber alle wollen so schnell wie möglich zurück, denn niemand will ein Flüchtling werden, unser ganzes Leben und unsere Zukunftspläne sind mit der Ukraine verbunden. Viele Männer, die ich kenne, haben sich territorialen Verteidigungseinheiten angeschlossen und schützen die Ukraine jetzt mit Waffen.

Was erwartest Du denn von der Nato?

Maria Avdeeva: Schließen Sie den Himmel über der Ukraine! Aber mir ist klar, dass es vielleicht nicht sofort passieren wird. Wir brauchen auch Unterstützung in anderen Bereichen – informativ, logistisch, humanitär. Die Lieferungen von kompakten tragbaren Panzerabwehr- und insbesondere Flugabwehrwaffen sind sehr wichtig. MANPADS und andere Flugabwehrsysteme, die den Streitkräften helfen werden, den ukrainischen Himmel vor russischen Kampfflugzeugen und Raketen zu schützen. Schließlich kämpft die russische Armee nicht viel, ihre Strategie zielt darauf ab, alles um sich herum zu zerstören, vor allem zivile Einrichtungen und Wohngebiete. Ziel ist es, Zivilisten einzuschüchtern und zu terrorisieren. Das ist ein reiner Völkermord.

„Es ist nicht möglich, den Aggressor zu besänftigen“

Reden wir über Deutschland … Was hat die Bundesregierung Deiner Meinung nach falsch gemacht?

Maria Avdeeva: Es scheint, dass Deutschland noch nicht ganz realisiert hat, dass Russland nicht bei der Ukraine Halt machen wird, sondern weiter gehen wird. Alle europäischen Länder, einschließlich Deutschland, müssen sich gegen einen externen Aggressor konsolidieren, der den Krieg gegen die Demokratie selbst und nicht nur gegen die Ukraine begonnen hat. Wenn westliche Länder einschließlich Deutschland Putin jetzt nicht aufhalten, wird nach der Ukraine Russland hinter ihnen her sein. Es ist nicht möglich, den Aggressor zu besänftigen, Putin versteht nur die Sprache der Macht.

Deutschland sollte auch erkennen, dass die Ukraine sein zuverlässiger langfristiger Verbündeter sein kann. Wir sind ein Land, das die Werte der direkten Demokratie, der freien Entwicklung und des Unternehmertums teilt. Die Ukraine ist auch ein günstiger und umfangreicher Wirtschaftsmarkt. Während die russische Wirtschaft wegen der verheerenden Sanktionen, die als Folge einer nicht provozierten Invasion verhängt wurden, für viele kommenden Jahre taumeln wird.

Aber kann die Ukraine denn den Krieg überhaupt gewinnen?

Maria Avdeeva: Certainly. Bestimmt. Aber nur mit der Unterstützung Europas. Unsere Gesellschaft ist viel geeinter und gefestigter, weil unsere Armee ihre Häuser, Kinder und Familien verteidigt. Die Ukraine ist ein Land freier Menschen. Wir werden unser Recht auf ein freies Leben und Souveränität verteidigen. Russische Versuche, die Ukrainer entlang sprachlicher, kultureller oder religiöser Grenzen zu spalten, sind gescheitert.

Wie gut ist denn die Territorialverteidigung ausgerüstet? Ist die Motivation noch gut? Braucht sie mehr professionelle Waffen aus dem Westen?

Maria Avdeeva: Die Territorialverteidigung wird jeden Tag besser ausgerüstet. Es gibt mehr Menschen, die ihr Land verteidigen wollen, als es Waffen gibt. Ihre Motivation ist überwältigend. Sie brauchen bessere Waffen, also Panzerabwehrwaffen, und Ausrüstung, also vor allem Körperschutz und Kommunikationsausrüstung.

„Der Kreml braucht eine Entschuldigung für die Russen“

Sollten Polen und die USA denn Deiner Einschätzung nach noch MiG-Flugzeuge liefern? In Deutschland befürchtet ja man einen Atomkrieg für diesen Fall …

Maria Avdeeva: Die Lieferung von Kampfflugzeugen in die Ukraine wäre sehr positiv, da sie den ukrainischen Himmel schützen und das Leben der Zivilbevölkerung retten wird. Aber wenn sie dem in diesem Moment nicht zustimmen, kann dies durch Lieferungen von tragbaren Flugabwehr-Raketensystemen kompensiert werden.

In der Ukraine leben sehr viele Juden und Israelis, der Präsident ist Jude. Warum glaubt Putin, dass Nazis dort regieren? Der Kreml hat der sogenannten „Spezialoperation“ den Claim „Z“ gegeben, den man hier auch auf vielen russischen Panzern als Graffito sieht …

Maria Avdeeva: Das ist reine Propaganda. Ich denke, Putin selbst glaubt nicht daran. Das ist absurd. Der Kreml braucht eine Entschuldigung für die Russen, um dieses wahnsinnige russische Kriegsverbrechen zu rechtfertigen. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen in der Ukraine erhielt der Kandidat der nationalistischen Partei nur etwa 1 % der Stimmen. Dies ist das Ausmaß der Unterstützung der Ukrainer für jene Parteien, die mit großem Abstand als „nationalistisch“ bezeichnet werden können. Putin nennt die gesamte ukrainische Nation „Banderitas“, weil er alles Ukrainische hasst und das Existenzrecht unseres Landes ablehnt. Das ist eine schreckliche Lüge, die jeden gesunden Menschenverstand übersteigt.

Welche Botschaft hast Du für die Menschen in Russland? Und welche an Putin?

Maria Avdeeva: Für die Russen – unterstützt diesen wahnsinnigen, schrecklichen Krieg gegen die Menschheit nicht. Die Ukrainer haben Russland nie bedroht. Aber wir werden unser Land mit allen möglichen Mitteln gegen Eindringlinge verteidigen.

Putin – hören Sie auf, Kinder und Zivilisten zu töten, die Menschen in der Ukraine werden diese Kriegsverbrechen niemals vergeben. Bringen Sie nicht noch mehr Tote zu den Familien in Russland, die Leichen von Soldaten erhalten, denen kriminelle Befehle erteilt wurden und die in der Ukraine den schändlichen Tod von Aggressoren starben. Hör auf, Dich und Deine Leute zu belügen.

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8 Kommentare

  1. Einer Person, die dazu aufruft den dritten Weltkrieg zu starten, publizistisch Raum zu geben, ist keine sonderlich gute Idee, Herr Rötzer.

    Die Ukraine ist ein failed state, der seit 2014 am westlichen Geldtropf hängt und in dem faschistische Gruppen einen sehr grossen politischen Einfluss ausüben.

  2. Wow – was für abscheuliche Propaganda. Hätte nicht gedacht, sowas bei K&K zu lesen. Mit kritischen und gegensätzlichen Ausserungen setze ich mich gern auseinander. Aber nicht mit solch widerwärtigem Gewäsch.

    1. “ gerichtsferne undercoveroperationen “

      Na ja
      So fern ist das Gericht nicht mehr.
      Die Frau braucht eigentlich gar nichts ausser einer Suppe.

      Nicht nur die NATO kann den Himmel über der Ukraine schliessen.
      Und das passiert spätestens im März.

  3. Ich finde es ausgesprochen in Ordnung, dass der Artikel hier erschienen ist.
    Ich frage mich nur, wie die Propaganda, von der sie spricht, im Westen verbreitet wird, wo doch alle russischen Medien verboten sind und auch die sozial Medien die Russen rausschmeißt.
    Toll auch, wie sehr Deutsche russischer Herkunft von Deutschen deutscher Herkunft, angegriffen, beleidigt und gestalkt werden.
    Wie sehr müssen sich Länder wie Polen und Deutschland vor die Russen (die wieder vor der Tür stehen) fürchten, wenn sie es nicht einmal durch die Ukraine schaffen.
    Wie schnell sich Einstellungen wandeln, wird sich nach Gasstopp und Ölstopp aus Russland zeigen, auch wenn die vor allem privat untergebrachten Ukrainer nicht mehr wegwollen und Papa noch dazu kommt.

  4. ‚Die Ukraine ist ein Land freier Menschen‘.

    Klar. Deswegen wird den Menschen ja auch vorgeschrieben, welche Sprache sie noch benutzen dürfen und welche nicht. Und die Menschen im Donbass haben die ukrainische Freiheit in den letzten 8 Jahren sicher sehr genossen.

    Der Rest des Interviews ist genauso daneben. Furchtbare Kriegshetzerei.

  5. Schön, dass wir lernen dürfen, was die Frau, die nach ihrer Tätigkeitsbeschreibung den Guerillakrieg für die NATO mit konzipiert, so denkt! Hätten Sie einem IS oder Al Nusra konzeptivem Ideologen auch so ein affirmatives Interview gegönnt?
    „ Ihre Forschungsschwerpunkte waren Internationale Beziehungen und Digitale Forensik, heute sind ihre operativen Spezialgebiete gefechtsferne Undercover-Geheimoperationen, hybride Kriegsführung, Infowar, Politik „unter dem Radar“, psychologische Krisenmaßnahmen, Cyberguerilla, digitale Sicherheit/Watchdog-Ops, Untergrund-Aktionen „behind enemy lines“, unkonventionelle Sicherheitstaktiken und die militärische Kooperation der Ukraine mit der Nato auf offenen und verdeckten Ebenen.“

  6. Gerade in dieser überhitzten Zeit, sollten wir nicht beklagen, dass uns Meinungen präsentiert werden, die wir HIER, vielleicht nicht erwartet hätten.

    Ich war und bin immer ein objektiver Stöberer im „Blätterwald“ – und versuche immer objektiv zu bleiben: Mich interessieren BEIDE/ALLE Seiten, um mir meine Meinung zu bilden. Am Besten natürlich, wenn mit belgbaren Fakten, unterfüttert.

    Was mir aber auffällt, ist ein Paradoxon, dem die allgemeine Öffentlichkeit unterliegt: Die Ukraine instrumentalisiert – und wurde/wird instrumentalisiert.

    „Solidarität“ mit der Ukraine, hat einen Hype-Charakter erhalten, ohne tiefer in die Hintergründe einzutauchen. Kaum jemand reflektiert, dass die Ukraine vom „Westen“, den USA, ebenfalls instrumentalisiert wurde.

    Das ist vielleicht ein Nebenaspekt unserer heutigen „flashmob-Kultur“, die sich zu schnell organisiert, bevor noch das objektive Denken einsetzen kann.

    Aber offenbar lieben wir unsere Empörungskultur, wir brauchen ein moralisches Feindbild, an dem wir unsere „Erhabenheit“, zelebrieren können.

    Goebbels hatte leider Recht: Die Botschaft muss sich an den Primitivstn wenden, er muss sie verstehen. Und die heutige Presse, ist der willfährige Schüler. Auch wenn sie es selber nicht weiß.

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