Wer hat sich noch in Asovstal versteckt?

Asow wird in der Ukraine verklärt, die Kämpfer, die kapituliert haben, werden offenbar in russischer Kriegsgefangenschaft zufriedenstellend behandelt, im Donbass sollen bereits 8000 ukrainische Kriegsgefangene gemacht worden sein.

 

Derzeit wird trotz der Kapitulation der Soldaten und der Kämpfer des Asow-Regiments versucht, vor allem das umstrittene Freiwilligenbataillon zu verklären und zu mythisieren. Die Kämpfer, die sich aufopferungsvoll auch um Tiere kümmern, werden als Helden aus Stahl oder als Cyborgs bezeichnet, während für Kiew die Situation im Donbass düster wird, da offenbar die russischen Truppen und die Milizen der „Volksrepubliken“ derzeit schneller vorrücken.

Die in dem Stahlwerk Asovstal eingeschlossenen Soldaten und Kämpfer hatten sich lange geweigert, sich in russische Kriegsgefangenschaft zu begeben, mit Zivilisten, Verwundeten, Tieren und einzelnen Helden an die Öffentlichkeit appelliert, sie zu befreien oder in ein Drittland zu evakuieren, nachdem die ukrainische Regierung erklärt hatte, sie militärisch nicht befreien zu können. Diese hatte dann ein Vorwurf an die westlichen Staaten gemacht, dafür nicht die notwendigen Waffen geliefert zu haben, aber gleichzeitig sich geweigert, von einer bedingungslosen Kapitulation zu sprechen, die als Evakuierung bezeichnet wurde.

Asow hatte zunächst argumentiert, sich den Russen nicht ergeben zu können, weil auf sie dann nur der Tod warte. Bis zum Tod wollten sie dann doch nicht kämpfen und verwiesen zur Kapitulation auf den Befehl vom Oberkommando, ihr Leben zu retten, weil ihre Aufgabe erfüllt sei. Vermutlich hat die Mitwirkung des Internationalen Roten Kreuzes der Entscheidung nachgeholfen, auch wenn Russland erklärte hatte, dass Asow ein nazistisches Regiment sei und die Kämpfer nicht als Kriegsgefangene betrachtet würden. Sie müssten mit Strafen rechnen, sofern ihnen Verbrechen wie dieses nachgewiesen werden.

Wenn nun Scharfmacher Anton Gerashchenko, Berater des Innenministers, tweetet, dass Denis Prokopenko, der Kommandeur des Asow-Regiments in Asovstal, seine Frau anrufen durfte, die sagte, er sei OK, dann lässt sich erst einmal keine Dämonisierung daraus mehr ableiten. Seine Frau sagte, sie hätte von anderer Seite gehört, dass es den Gefangenen zufriedenstellend gehe: „Sie erhalten Essen und Wasser. Die Bedingungen entsprechen den Anforderungen, und sie sind in dieser kurzen Zeit keiner Gewalt ausgesetzt gewesen. Wir wissen natürlich nicht, wie es weitergeht, aber im Moment sind es Dritte – die Vereinten Nationen und das Rote Kreuz – die die Situation kontrollieren.“

Rodion Miroshnik, der Botschafter der „Volksrepublik Lugansk“ (LNR) in Russland, kritisiert hingegen, dass das Rote Kreuz nicht alle  LNR-Kriegsgefangenen besuchen könne. Die LNR erlaube hingegen, dass das Roste Kreuz alle ukrainischen Kriegsgefangenen besuchen könne. Angeblich sind in den beiden Volksrepubliken 8000 ukrainische Kriegsgefangene. Hunderte würden jeden Tag dazu kommen. Ein Grund sei, dass Kiew zunehmend Angehörige der schlecht bewaffneten und flüchtig ausgebildeten Territorialverteidigung an die Front schicke (siehe auch das Video der 115. Brigade der Territorialverteidigung). Am 3. Mai hatte die Rada entschieden, dass Mitglieder der Territorialverteidigung, oft ausgebildet von Asow-Kämpfern, nicht mehr nur ihre Heimatorte verteidigen, sondern auch zu Kampfeinsätzen überall im Land verwendet werden können. Dazu wurde auch das Gesetz „Über die Grundlagen des nationalen Widerstands“ verändert, das bislang die Teilnahme an militärischen Kampfoperationen ausschloss. Das hatte schon klar gemacht, dass die Verluste der ukrainischen Streitkräfte, die von Kiew verschwiegen werden, groß sein müssen und dass nun nicht für einen militärischen Einsatz Ausgebildete an die Front versetzt, d.h. dort verheizt werden. Die Verluste steigen damit, der Widerstand bröselt und die Zahl derjenigen, die sich ergeben, wächst.

Denis Pushilin, der Chef der „Volksrepublik Donezk“, versicherte, das Rote Kreuz habe die Gefangenen aus Asovstal besucht und die Haftbedingungen als zufriedenstellend bezeichnet. Er habe keine Informationen darüber, ob das Rote Kreuz die in ukrainischer Gefangenschaft Befindlichen besucht hat.

Die letzte Mitteilung des ICRC stammt vom 20. Mai. Dort wurde berichtet, man habe Kriegsgefangene auf beiden Seiten besucht. Aber offenbar wird ein Zugang nicht zu allen Kriegsgefangenen gewährt. Viele Familien würden auf Antworten warten, heißt es in üblicher Weise zurückhaltend vom ICRC, das auch nicht nennt, welche Seite Schwierigkeiten macht. Es wird darauf verwiesen, dass das ICRC nach den Genfer Konventionen Zugang zu allen Kriegsgefangenen und Inhaftierten haben muss.

Es war schon vermutet worden, dass sich nicht alle der in Asovstal Eingeschlossenen ergeben haben. Präsident Selenskij hatte von nur fast allen gesprochen. Gestern sagte Eduard Basurin, der Vizechef der DNR-Miliz, dass sich noch Dutzende „Nazi-Militante“ in Asovstal versteckt haben könnten. Sie würden aber keinen Widerstand leisten, da sie wüssten, dass jeder Schuss ihren Aufenthaltsort in den labyrinthischen Untergrundanlagen verraten würde. Man hatte lange Zeit vermutet, dass auch ausländische Berater, beispielsweise Nato-(Ex)Militärs, unter den Eingeschlossenen seien, was nicht bekannt werden dürfe. Die Vermutung kann noch nicht ausgeschlossen werden. Basurin führt das Verbleiben von Kämpfergruppen auf mangelnde Koordination der Kommandostrukturen zurück. Die Gruppen hätten unabhängig in Verstecken gelebt. Es würde noch zwei bis drei Wochen dauern, bis man sie finde. Sie hätten sich verängstigt versteckt und würden hoffen, dass man sie nicht finden werde. Aber Basurin gibt keine Hinweise darauf, wie er zu der Einschätzung kommt, dass sich noch Kämpfer in Asovstal aufhalten.

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