Weltkrieg und Staatsterror als Unterhaltungsangebot

Atomtest Operation Crossroad im Bikini Atoll. Bild: public domain

 

Die Massenunterhaltung zur Vorkriegslage wirkt wie bestellt. Das „Politainment“ zu Weltkrieg und -untergang hat vielfältige, meist monströse Heldentaten im Angebot – dafür edle Einfalt im Blick aufs Feindbild.

Vor knapp einem Jahr trat US-Präsident Joseph Biden sein Amt an und beschloss seine Antrittsrede mit einer Anrufung Gottes: „Unterstützt durch unseren Glauben, angetrieben durch unsere Überzeugung, mit Hingabe füreinander und für das Land, das wir lieben… Möge Gott Amerika segnen, und möge Gott unsere Truppen schützen.“ Und seine Vizepräsidentin ergänzte, sie werde die US-Verfassung „nach besten Kräften erhalten und verteidigen gegen alle Feinde im Ausland und im Inland“.

Wenn man der Politikwissenschaft folgt, hat man hier die drei entscheidenden Strukturmerkmale vor sich, die extremistische und populistische Demokratiefeinde vereinen: erstens das Denken in Freund-Feind-Kategorien, im Innern wie im Äußern; zweitens herausragende Führer, die in der Rolle von „Heilsbringern“, z.B. mit dem Beistand einer göttlichen Autorität, agieren; und drittens die Konstruktion eines homogenen Volks als einheitliche, identitätsstiftende Gemeinschaft, die von allen hingebungsvoll geliebt wird und deren Zusammenhalt gegen jede Spaltungstendenz der gegenwärtige US-Präsident ja ganz oben auf seiner Agenda hat.

Aber nicht nur als Predigt, sondern auch als unterhaltsames Angebot haben Politiker ihrem Volk einiges übers Zeitgeschehen mitzuteilen. Sie wollen die Regierten durch „mitreißende Narrative“ beeindrucken  oder inszenieren ihre Auftritte bis ins letzte Detail, während TV-Clowns wie Selenskij oder Trump ins Politfach wechseln und dort unmittelbar den Unterhaltungswert steigern.

All das wird außerdem noch ins Unterhaltungsformat gepresst, und zwar von einem Betrieb, der sich regelrecht als Agentur der politischen Klasse aufführt. Romane, Filme und TV-Serien bedienen sich hier bzw. dienen sich an. Ihre Urheber nehmen keine Distanz zur Politik ein. Sie kommen aus dem Politbetrieb wie das Ehepaar Clinton, das in Kooperation mit käuflichen Kräften seine Krimis unters Volk bringt, oder wie der pensionierte US-Admiral Stavridis, der zuletzt mit seinem Weltkriegs-Roman „2034“ Furore machte. Oder sie bewegen sich wie der Engländer Ken Follett in dem einen oder anderen inner circle der Regierungsparteien, kennen die Menschen hinter der öffentlichen Fassade und wollen die hier verborgene Menschlichkeit – sofern die Betreffenden im richtigen Lager stehen – dem Publikum nahebringen.

Fabelhafter Realismus

Ken Follett, der Weltmeister der aneinander gehefteten Plattitüden und Stereotype, der schon in den Zeiten des Kalten Kriegs mit seinen Ost-West-Schablonen stets blitzschnell zur Stelle war, hat sich nicht lumpen lassen. Nach zahlreichen Politthrillern, der Ausstaffierung des Mittelalters mit der Mentalität moderner Kleingewerbetreibender und der jüngsten Verwurstung von Weltkrieg Nr. 1 und 2 erteilte er seiner Romanfabrik einen neuen Auftrag: den letzten Krieg, die „letzte Entscheidung“, die bis zur nuklearen Katastrophe eskaliert, als Abenteuer für die globale Lesegemeinde zu gestalten („Never – Die letzte Entscheidung“, aus dem Engl. von D. Schmidt und R. Schumacher, Bastei-Lübbe, Köln 2021).

Folletts Roman ist – wie der Thriller „2034“ – eine Warnung vor dem Atomkrieg. Er ist der Nachvollzug eines Weltuntergangs-Szenarios, das, gestützt auf politische Expertise (Folletts Kontakte in die englische Politik dürften hier eine Rolle gespielt haben), der Ausmalung eines Feindbildes dient und damit einen eher irrealen Charakter annimmt, einem Schauerstück gleich kommt. Das weltpolitische Tableau wird in ein Panoptikum von Charakterzeichnungen überführt, wo Hassgefühle und Karrieregeilheit mit der ernsthaften Sorge ums Wohlergehen der Nation im Widerstreit liegen, was dann auch meist auf die einzelnen Romanfiguren verteilt wird.

Anders als im Kriegshelden-Spektakel „2034“ wird bei Follett die Ebene vom militärischen zum politischen Entscheidungsprozess verschoben. Die realistische Pose wird natürlich gleich durch den Plot dementiert: Folletts Weltpolitik besteht im Grunde nur aus zwei Akteuren, nämlich den USA und der VR China, ergänzt um ihre jeweiligen Anhängsel. Wie bei Stavridis wird das Eskalationsgeschehen – zur übersichtlichen Gestaltung eines Showdowns und zur einfacheren moralischen Wertung – auf diese beiden Protagonisten verteilt.

Natürlich wunderte sich auch die Literaturkritik, die dem schreibwütigen Follett in der Regel Bewunderung zollt, dass im Weltkriegsroman ein großer Teil der Welt fehlt. Doch das geht dann als literarisches Mittel im „Duell der Großmächte“ durch: „Den Sog und die dramaturgische Finesse des Romans mindert all dies indessen nicht.“ (General-Anzeiger, 12.11.21) Finesse ist gut – bei der holzschnittartigen Zeichnung! Dass es ihm nicht um Realismus, sondern um eine Lektion geht, ist dabei von vornherein klar, und der Autor hat es auch in Interviews hemmungslos ausgeplaudert.

Lernziele fürs Fußvolk der Weltpolitik

„Never“ ist eine Fabel über „zwei Tiger“, die „sich nicht den gleichen Berg teilen“ können – wie das Roman-Motto erklärt. Im Vorspruch des Buchs („Never“, S. 5) erläutert der Autor dann sein Programm. Er habe bei den Recherchen zum Ersten Weltkrieg festgestellt, dass niemand ihn gewollt habe. „Auf keiner Seite wünschte sich ein europäischer Machthaber einen derartigen Konflikt…“ und trotzdem hätten die Staatenlenker „eine Entscheidung nach der anderen getroffen, von denen uns jede einzelne einen kleinen Schritt näher an den furchtbarsten Konflikt brachte, den die Welt erlebt hatte. Und ich fragte mich: Könnte so etwas wieder passieren?“ Der Erste Weltkrieg war also „nur ein tragischer Unfall“ und Follett treibt die Sorge um, dass es auf diese Weise wieder zum dritten kommen könnte.

Wie das langatmige Opus diesen Anspruch im Einzelnen einlöst, kann man kaum als spannend bezeichnen. Es geht um Ideenkino, um das Ausmalen politischer Ideal-, Negativ- oder (seltener) Problemfiguren. Der human touch ist da, doch selbst Folletts Lobredner müssen zugeben, dass er „dem Schnittmusterbogen des Trivialromans“ (G.-A.) folgt. Im Prinzip ist es zähe Kost, bei gewissen Unterschieden in den einzelnen Handlungssträngen. Jenseits der schwachen Unterhaltungsqualität muss man aber die Dummheit und imperialistische Dienstbeflissenheit dieser romanhaften Aufklärung festhalten, die ja immerhin mit Kassandra-Rufen vor einer unvorstellbaren Katastrophe, dem nuklearen Holocaust, warnen will.

Lernziel 1: Krieg als Betriebsunfall

Die These vom Krieg, den keiner wollte, hat der Historiker Christopher Clark 2014 im Gedenkjahr des Ersten Weltkriegs aufgestellt – und sie ist dann Allgemeingut geworden. Follett schließt sich einfach dieser Deutung an; dass seine eigenen Recherchen zu dieser Einsicht geführt hätten, ist natürlich Quatsch. Wenn man den damaligen Entscheidungsprozess Revue passieren lässt – dasselbe gilt für die fiktive Eskalationsspirale in „Never“ –, wird das Gegenteil deutlich: Schritt für Schritt tun die Verantwortlichen mit klarem Verstand all das, was die damalige wie die heutige Großmachtkonkurrenz in einen militärischen Konflikt überführt, die Mittel dazu häufen sie sowieso Tag für Tag an. Und der Romanautor will mit seinem „Talent, Politik zu personalisieren“ (G.-A.), ja gerade die Rolle der dramatis personae herausstellen, die mit Willen und Bewusstsein handeln.

Lernziel 2: Ehrenhafte Motive, schlimme Folgen

In „Never“ wird, wenn man dem in den Chefetagen der Politik angesiedelten Handlungsstrang folgt, genau der Wille zum – finalen – Atomkrieg vorgeführt. Die Tochter der US-Präsidentin fragt ihre Mutter, ob sie wirklich gewillt sei, auf den Roten Knopf zu drücken, und Pauline Green, die Präsidentin, die „Herzenswärme und kühlen Kopf besitzt“ (G.-A.), verdeutlicht ihrer Tochter diese Notwendigkeit. Wenn alle anderen Mittel erschöpft sind, muss sie es tun. Die Tochter: „…dann würdest du das Ende der Menschheit riskieren, ja?“ Die Mutter bekennt Farbe: „Pauline glaubte nicht, dass das so schlimm sein würde, aber es war schlimm genug, und sie wollte auch nicht darum herumreden. ‚Ja, das würde ich…‘“  („Never“, S. 653ff)

Hier ist Follett (wie Stavridis) übrigens nahe bei der US-Militärdoktrin, die ja den Ersteinsatz von Atomwaffen im Programm hat, auf die Führbarkeit eines Atomkriegs setzt, wenn er mit taktischen Waffen auf dem (europäischen bzw. fernöstlichen) Schlachtfeld stattfindet, und rüstungspolitisch dafür alles in die Wege leitet.

„Never“ will natürlich darauf hinaus, dass dies die „letzte Entscheidung“ sein wird, die der Globus in militärischen Dingen erlebt. Trotzdem muss es sein, das erläutert – die Untertanenrolle der modernen Weltbürger kindgemäß ausgestaltend – die Mutter der Tochter. Es muss sein wegen der nationalen Sache, die hier ganz banal und unaufgeregt als das maßgebliche Interesse festgehalten wird. Dafür, für Amerikas Größe und die Unangefochtenheit seiner Militärmacht, würde die Präsidentin es tun – und der Roman zeichnet sie als eine durch und durch sympathische Person. Bei den Chinesen wird dagegen der komplementäre Vernichtungswille als eine Ausgeburt des ideologischen Fanatismus dargestellt: Der „Kommunismus ist eine heilige Mission“ („Never“, S. 841), sagt der Altfunktionär, dafür seien alle Mittel recht. Wenn der Roman Realismus bieten wollte, hätte er zumindest die triviale Wahrheit bemühen können, dass auch auf der anderen Seite die Nation als Höchstwert feststeht, für den Menschenleben zu opfern sind.

Lernziel 3: Vertrauenswerbung für „unsere“ Führer

„Never“ ist eine Reinwaschung der Politik – wie Stavridis‘ Roman eine Reinwaschung des Militärs –, und zwar im Angesicht des Weltuntergangs, den sie herbeiführt. Das ist schon eine stramme Leistung. Sie soll dem Publikum einleuchten, weil beide Seiten in ähnlicher Weise (aber nicht moralisch gleich) als Exekutoren einer Zwangslage gezeichnet werden. Dass beide in Konkurrenz zueinander stehen, ist halt so – siehe die Tigerfabel. Man kann natürlich bei beiden Scharfmacher und Gemäßigte unterscheiden, in den USA den populistischen Konkurrenten, der Atomwaffen am liebsten sofort einsetzen würde, von der amtierenden Präsidentin, während bei den Chinesen die Reformer hilflos der KP-Betonfraktion gegenüberstehen.

Interessant ist, dass ausgerechnet die gemäßigte US-Präsidentin auf den Knopf drückt und nicht der Populist! Das ist wohl ein didaktischer Zug des Romans, der – aus europäischer, aber nicht antiamerikanischer Perspektive – auf „unsere“ Staatenlenker und -lenkerinnen blickt – also auf die Figuren, die im Fall des Falles den Weltuntergang herbeiführen. Sie verdienen Vertrauen, denn sie sind bereit zur Verantwortungsübernahme. Das nicht gewollte, aber von ihnen mit vollem Bewusstsein herbeigeführte Resultat dokumentiert dabei die Konsequenz einer verbreiteten Haltung, die Konflikte zuspitzt, statt miteinander im Gespräch zu bleiben.

Denn wer hat eigentlich die Macht und ist verantwortlich? Wir alle! So führt es der Roman in einer „reflexiven“ Passage aus („Never“, S. 724f). Wenn wir alle uns nicht genügend engagieren, wenn wir eine gemäßigte Politik, wie sie von der US-Präsidentin Greene repräsentiert wird (übrigens, so viel Verfremdung muss sein, eine Republikanerin), nicht stark machen, kommt es noch zum Schlimmsten. Wir alle sollten uns also bemühen, dass man im Gespräch bleibt. Denn solange geredet wird…

Volk mit Führung versöhnt

Alles in allem ist das eine Vertrauenswerbung härtesten Kalibers für die politische Klasse. So etwas geht natürlich nur, weil sich das einschlägige Unterhaltungswesen auf die Geltung der Feindbilder verlassen kann. Zwar wird in den Polit-Thrillern auch schon mal bei fanatischen Islamisten, imperialistischen Russen oder überheblichen Chinesen differenziert, aber es ist klar, auf wessen Konto das Unheil geht: Es sind die weltpolitischen Rivalen. Bill Clinton hat das in seiner neuen Koproduktion mit James Patterson „The President‘s Daughter“ (2021) wieder variiert (Die Tochterdes Präsidenten). Hatte noch sein erster Roman „The president is missing“ (2018 ) alle Schuld der russischen Seite zugeschoben, ist es jetzt der Chinese, der als Übeltäter auf dem Globus agiert und die verhängnisvolle Eskalationsdynamik auslöst.

Bill Clinton hat mit seinem neuen Buch allerdings keinen welt-, sondern einen innenpolitischen Thriller geliefert, die Leiden eines abgehalfterten US-Präsidenten betreffend, dessen Tochter von Terroristen gekidnappt wird. Und Gattin Hillary hat jetzt mit dem Krimi „The State of Terror“ (2021) nachgelegt. Sie hat ihn mit der kanadischen Schriftstellerin Louise Penny verfasst, die als „feinfühlige“ Autorin gilt und der der Romananfang wohl auch eine gewisse Subtilität verdankt, während der Flachkopf Patterson die Clintonsche Selbstbespiegelung gnadenlos als Haudrauf-Abenteuer abspult.

Beim Feindbild steht Hillary, die eine geniale Außenministerin zur Heldin gewählt hat, ihrem Bill aber in nichts nach. Die Literaturkritikerin der SZ (15.10.2021) störte dabei der „eitle Beigeschmack“, nämlich „dass hier ein Mythos von den Clintons als Retter von mindestens der Vereinigten Staaten von Amerika, wenn nicht dem ganzen Abendland befeuert wird“. Die moralisch aufgeladene Hetze gegen Politiker, die aus den „Schurkenstaaten“ stammen, geht dagegen voll in Ordnung. Ob iranischer Ayatollah oder russischer Bär – Hillarys alter ego, eine Ministerin mit reinem Herzen, begegnet den diversen Bösewichtern und kämpft gegen sie Auge in Auge. Aber nicht mit der Knarre, sondern mit den Waffen einer Frau, in diesem Fall vor allem mit Einfühlungsvermögen und diplomatischer Kunstfertigkeit.

Das gerät dann aber im Schlussteil zu einem derart primitiven Duell von Gut gegen Böse, dass es schon Patterson-Niveau erreicht. Das Schnittmuster ist sowieso dasselbe wie bei „President‘s Daughter“. Die erste Hälfte von „State of Terror“ folgt dabei dem Drehbuch des Terrorismus-Schockers „London Has Fallen“ (2016). Wie in dem Film befindet sich die oberste politische Ebene gemeinsam mit ihren Bodyguards regelrecht im Handgemenge mit den islamischen Fanatikern. Und wie bei ihrem Ehemann ist auch hier das zentrale Motiv eine Entführung, in diesem Fall des Sohns der Außenministerin, der von einer fiktiven Taliban-Abteilung gekidnappt wird.

„State of Terror“ zielt aber vor allem auf die US-Führungsmacht selber. Sie ist im Innern bedroht, natürlich von Trump (im Roman als Eric Dunn beißend karikiert) und seinen Spießgesellen bzw. Hintermännern. Wie bei Stavridis wird die uralte Weisheit bemüht, dass Imperien an innerer Fäulnis zugrunde gehen; die antinationalen, explizit als faschistisch bezeichneten Kräfte aus dem Trump-Lager „start the rot from the inside“ („State of Terror“, S. 446) und sind so die Erfüllungsgehilfen, wenn nicht Auftraggeber der Bösen auf dem Globus

Bei Bill Clinton wird das Wirken der US-feindlichen ausländischen Kräfte ebenfalls in die innenpolitische Problemlage verwoben. Und wie bei Follett, der auch militärische Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent als Ausgangspunkt wählt, beginnt alles mit einer (rüstungspolitischen) Allianz von islamistischen Terroristen und Chinesen. Bei Stavridis sind die Dschihadisten dagegen durch reguläre iranische Soldaten ersetzt – während im Hintergrund der gnadenlos imperiale Russe auf seinem eigenen Schlachtfeld wütet. Bei Hillary Clinton ist jetzt wieder der islamistische Terror – neben dem Iran hat auch Pakistan einen Auftritt – mit den Russen im Bunde.

Diese Allianz aus Islamisten und Russland/China könnte man als bizarren Romaneinfall durchgehen lassen. Aber er verweist natürlich auf das feststehende Feindbild. Bei den Clintons wird das besonders perfide eingesetzt, denn ganz am Rande klingen Motive für die abgrundtiefe Bösartigkeit der Feinde Amerikas an. So wird in „State of Terror“ anlässlich der Bombenanschläge, die den Westen treffen, angedeutet, dass auch schon einmal US-Bombardements Unschuldige – natürlich zufällig – getroffen hätten. Eine groteske Verharmlosung der Realität, in der die USA seit Jahren mit ihren Drohnen-Modern fremde Länder überfallen und systematisch Tausende Opfer „kollateral“ produzieren!

Noch grotesker die Zeichnung des russischen Autokraten Ivanov, der von der US-Außenministerin mit der Drohung in die Enge getrieben wird, seine (erfundenen?) pädophilen Neigungen würden publik. Das schreibt ausgerechnet die Frau eines US-Politikers, der – wie jeder weiß – regelmäßig in Epsteins „Lolita-Express“ unterwegs war. Doch das sind nur absurde Farbtupfer im Feindbild, bei denen man sich fragt, wie eine kanadische Autorin dem die Hand leihen konnte.

Politisch perfide ist der grundsätzliche Einfall von Follett/Stavridis/Clinton etc., eine weltkriegsträchtige Kumpanei zwischen Chinesen/Russen und Dschihadisten zu erfinden, um damit die Eskalationsspirale beginnen lassen. Gerade US-Politiker wie die Clintons dürften bestens darüber Bescheid wissen, wie die USA in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts den militanten Dschihadismus aufbauten und ausstatteten, um ihn in Afghanistan oder auf dem Balkan gegen die jeweils ins Auge gefassten Gegner (SU, Serbien) einzusetzen – und ihn auch heute noch in Syrien oder Libyen, wie es passt, benutzen oder fallen lassen. Es geht also letztlich nur um die romanhafte Bebilderung der offiziellen US-Verschwörungstheorie, God‘s own country sei von einer „Achse des Bösen“ bedroht.

Die Lektion vermitteln die einschlägigen Politthriller ihrem Publikum ja an erster Stelle: Wir im Westen sind die Guten. Das gilt, auch wenn „unsere“ Leute den Weltuntergang herbeiführen, denn sie können nicht anders; sie werden durch die Machenschaften der Bösen, die die US-Weltherrschaft zu untergraben versuchen, in eine Eskalationsspirale gedrängt. Dem kann man nur dadurch entgehen, dass „unsere“ Politiker dem Gegner frühzeitig seine Grenzen aufzeigen, ihm die Aussichtslosigkeit seiner expansiven Bestrebungen deutlich machen und die bewaffneten Desperados, die im Windschatten der Großmachtkonkurrenz unterwegs sind, ausrotten.

Wie das geht? Die Clinton-Romane weisen den Ausweg: Der zum Rambo verklärte Ex-Präsident – bei dem man natürlich als erstes an den Autor selbst zu denken hat – beschließt, erneut für das höchste Amt zu kandidieren. Er ist eben eine Idealfigur, ein Politiker mit soldatischer Vergangenheit, der im Fall des Falles selbst zur Waffe greift. Rücksichtslosigkeit wird gebraucht, aber auch Fingerspitzengefühl. Das wird aus europäischer Warte von Follett, aus amerikanischer von Frau Clinton beigesteuert. Von deren tapferer Außenministerin erfährt man gleich auf den ersten Seiten das Wesentliche: „How she loved this country. This glorious, broken beacon.“ („State of Terror“, S. 3).

Das amerikanische Leuchtfeuer soll wieder glorreich über alle Welt strahlen. Denn „unsere“ westliche Führungsmacht wird ja letztlich doch von guten Menschen regiert – und in „State of Terror“ ist sogar eine kleine Verbeugung vor Kanzlerin Merkel eingebaut. Also: Mit diesem Vertrauensbeweis wird die drohende atomare Apokalypse zum reinsten Lesevergnügen!

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Ein Kommentar

  1. Mein Vergnügen ist die Besprechung des Buches. So schön auch der kräftige Sprachgebrauch, der die „Nettikete“ passiert hat. Nicht das ich solche Romane lese, so weiß ich jetzt zumindest was mir entgeht.
    Dann auf ein neues und sei es das Jahr.

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