Washingtons Hochzeitsalbum aus der Hölle

Massaker in Butscha

In den letzten Wochen haben sich die Amerikaner zu Recht über die schrecklichen Verbrechen der russischen Truppen empört – darunter Massaker, Morde und Vergewaltigungen.  In den letzten zwei Jahrzehnten haben viele jedoch kaum mit der Wimper gezuckt, als Berichte über Massaker, Morde und Vergewaltigungen durch Amerikaner von den Schlachtfeldern des globalen Kriegs gegen den Terror auftauchten.

Sie haben die grausamen Bilder gesehen. Sie haben die erschütternden Berichte gelesen. Die Beweise sind überall, und sie sind ebenso erschreckend wie unwiderlegbar. Da war der kleine Junge, der kaltblütig geschlagen und erschossen wurde; der Mann, der für Schießübungen benutzt wurde; der alte Mann, der von einer Klippe geworfen wurde; und die Gruppe von 19 Frauen und Kindern, die zusammengetrieben und erschossen wurden, wobei ihre Leichen in ihrem Dorf auf freiem Feld liegen blieben.

Diese Woche stimmte das Repräsentantenhaus mit überwältigender Mehrheit für eine Untersuchung der Kriegsverbrechen, die von den Russen in der Ukraine begangen werden. „Wir erheben uns heute nicht als Republikaner oder Demokraten, sondern als Amerikaner, als geeinter Kongress im Namen des amerikanischen Volkes, um diese Gräueltaten zu verurteilen“, sagte der Abgeordnete Michael McCaul, ein Republikaner aus Texas. Er ist Mitverfasser des Gesetzentwurfs, der darauf abzielt, „Beweise und Informationen im Zusammenhang mit Kriegsverbrechen und anderen Gräueltaten zu sichern, die während der russischen Invasion in der Ukraine begangen wurden“.

Das Repräsentantenhaus wird jedoch niemals Informationen über den kleinen Jungen, den alten Mann oder die 19 durch Schüsse zerfetzten Zivilisten sammeln, denn diese Verbrechen wurden Ende 1967 und Anfang 1968 von amerikanischen Soldaten in Südvietnam begangen. Die Beweise in diesen Fällen wurden vor Jahrzehnten von militärischen Strafermittlern gesammelt. Sie belegten in fünf Fällen Mordanklagen gegen neun Verdächtige, aber niemand wurde jemals vor ein Kriegsgericht gestellt, geschweige denn verurteilt.

In den letzten Wochen haben sich die Amerikaner zu Recht über die schrecklichen Verbrechen der russischen Truppen an der ukrainischen Zivilbevölkerung empört – darunter Massaker, Morde und Vergewaltigungen.  In den letzten zwei Jahrzehnten haben viele jedoch kaum mit der Wimper gezuckt, als Berichte über Massaker, Morde und Vergewaltigungen durch Amerikaner von den Schlachtfeldern des globalen Kriegs gegen den Terror auftauchten. Auch wenn die Berichterstattung über diese blutigen Konflikte nie so umfangreich war wie heute, so gab es doch genügend Beweise für jeden, der sich dafür interessierte. Um ein Beispiel zu nennen: TomDispatch verfolgte jahrelang einen besonders grausamen Todeszoll – die Auslöschung von Hochzeitsgesellschaften durch US-Luftangriffe.

Wenn sich herausstellen würde, dass Russland in acht unterschiedlichen Fällen ukrainische Bräute, Bräutigame, Trauzeugen, Musiker und Familienmitglieder abgeschlachtet hätte, könnten die Nachrichten- und Kabelsender alle anderen Berichte für den nächsten Monat aussetzen. Doch als die amerikanische Luftwaffe wiederholt Hochzeitsgesellschaften in Afghanistan und jeweils mindestens eine im Irak und im Jemen auslöschte, gab es kaum ein Raunen, auch wenn die New York Post über den letzten Vorfall unter der schrecklichen Schlagzeile auf der Titelseite berichtete: „Bride and Boom!“

Schauen Sie sich in diesem Zusammenhang einen Artikel an, den Tom Engelhardt 2013 geschrieben hat, und machen Sie einen kleinen Spaziergang durch TomDispatchs Version der Erinnerungsstraße, vorbei an den afghanischen Leichen, die das Repräsentantenhaus nur allzu gerne ignoriert hat und über die die Kabelnachrichtensender jahrelang kein Wort verloren haben. Die Beweise für Amerikas zahlreiche Verbrechen – von dem toten vietnamesischen Jungen bis hin zu einem toten irakischen Hochzeitssänger – sind immer noch zugänglich. Sie sind für jeden zugänglich, der danach suchen möchte. Aber damit diese grausamen Aufzeichnungen wirklich etwas bedeuten, muss sich erst jemand dafür interessieren.

Der Essay ist im englischen Original auf TomDispatch.com und auf Deutsch auf krass & konkret“ erschienen: „Bride and Boom. Wir sind die Nummer eins … beim Auslöschen von Hochzeitsfeiern“.

Nick Turse ist geschäftsführender Herausgeber von TomDispatch und Fellow am Type Media Center. Zuletzt ist von ihm das Buch erschienen: Next Time They’ll Come to Count the Dead: War and Survival in South Sudan und der Bestseller Kill Anything That Moves.

Ähnliche Beiträge:

Sei der erste, der diesen Beitrag teilt:

4 Kommentare

  1. Die Toten auf amerikanisch generierten Schlachtfeldern dienten der Ausbreitung der „freiheitlich demokratischen Ordnung“ in dieser Welt – dafür gehen sie auch über Leichen, egal, wie hoch der Berg von Toten ist. Auf diesem Auge hat man uns dank Mainstreammedien erblinden lassen. Wer die Augen offen behält, sitzt wie Assange im Gefängnis.

  2. Unermessliches Leid, Jahrzehnt um Jahrzehnt, Kriege, die hätten verhindert werden können, Geschichten und Bilder der Opfer, jeweils nur die Spitze des Eisbergs. Assange, der dazu beitrug, dies öffentlich zu machen, seit Jahren im Gefängnis unter katastrophalen Bedingungen.

    Jetzt soll es „zur letzten Schlacht“ in Mariupol kommen. Seit zwei Wochen wird mit Asow-Einheiten nicht mehr kommuniziert. Während Selenskyj für westliche Medien vor der Kamera posiert und Heldenerzählungen zum Besten gibt, hat er wohl vergessen, seine Leute mit Nachschub an Wasser, Lebensmitteln und Munition zu versorgen, geschweige denn, sie rechtzeitig aus der Stadt zu holen.

    Oder will Selenskyj das Asow-Regiment auf diese Weise loswerden und zu Märtyrern machen? Warum spricht er nicht von der Möglichkeit, sich zu ergeben?

    Allerdings befinden sich mutmasslich hochrangige ausländische Kämpfer in der Anlage Azovstal und mehrere hochriskante Evakuierungsversuche mit Hubschraubern scheiterten. https://zeitungderarbeit.at/international/nato-offiziere-sitzen-im-kessel-von-mariupol-fest/

    Eduard Bassurin, militärischer Anführer der Volksrepublik Donezk (VD), zieht den Einsatz chemischer Kampfstoffe in Erwägung, um die Katakomben von Azovstal einzunehmen:

    https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-04/ukraine-krieg-mariupol-marineinfanterie-umzingelt-munition-separatisten-chemischer-angriff

    Eine Kopie von Hunter Bidens Laptop befindet sich jetzt in der Schweiz und wird auf Informationen zu Bidens Verbindungen zu Firmen wie Burisma und Metabiota gefilzt.
    Laut Jack Maxey ist an Putins Vorwurf der Biolabore in der Ukraine jedenfalls mehr dran als an den Massenvernichtungswaffen des Iraks.
    https://weltwoche.ch/daily/durch-forensische-recherche-mit-einem-it-team-in-der-schweiz-findet-maxey-delikate-dokumente-er-meldet-sich-bei-der-us-botschaft-in-der-schweiz-erhaelt-nie-eine-antwort-er-kontaktiert-den-us-staats/

  3. Ich frage mich, ob man nicht die amerikanischen Kriegsverbrechen und -verbrecher HIER in Deutschland anzeigen sollte. Genauso wie es Baum und L.-Sch. aus der FDP doch gerade mit Russland vorhatten. Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit will man ja hier ebenfalls territorial unabhängig verfolgen können. Das gilt dann für die Amis, die Nato-Spezis und natürlich auch die deutschen Beteiligungen in Jugoslawien etc.

    1. Ich glaube, wir haben wenig Vertrauen in unser Justiz-System was die Politik anbelangt. Längst müssten auch einige unserer Politiker wegen ihrer Äußerungen vor Gericht stehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.