Was der Ukraine-Krieg mit dem Mauerfall zu tun hat

Mauer am Brandenburger Tor am 9.11.1989. Bild: Lear 21/CC BY-SA-3.0

Putin und Co., die zu Kapitalisten gewordenen ehemaligen Sowjetfunktionäre, töten im Nachbarland ukrainische und russische Zivilisten gleichermaßen – Eine Betrachtung

 

Nationalismus ist das Mittel, die Interessen hinter diesem und anderen Kriegen zu verschleiern. Und Krieg ist ein Mittel, Bevölkerungen in Geiselhaft zu nehmen.

Der Ukraine-Krieg ist kein Krieg der Person Putin gegen die Ukraine und die Welt. Es ist aber auch keiner Russlands gegen die Ukraine. Es gibt mindestens vier beteiligte beziehungsweise betroffene Parteien. Erstens und zweitens den russischen und den ukrainischen Staats- und Militärapparat. Drittens und viertens die ukrainische und die russische Zivilbevölkerung.

Der – russische – Aggressor sagt zwar, er wolle im Nachbarland Russen befreien, aber mit seinen Bombardements tötet er nicht nur ukrainische Frauen, Männer und Kinder, sondern auch russische Familien, die in ukrainischen Städten in den Plattenbauten wohnen. Die Kriegsmaschinerie tötet unterschiedslos und sorgt geradezu für eine Vereinigung von Russen und Ukrainern – in den Gräbern. Wenn der russische Aggressor erklärt, er wolle im Nachbarland Russen befreien, stellt sich die Frage: Wozu? Für die selbe fragwürdige Freiheit, die die Bevölkerung in Russland genießt?

Der ukrainische Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj und sein Machtapparat leisten gegen die Invasion militärischen Widerstand, weil sie erklärtermaßen ihre Freiheit verteidigen wollen. Die jedoch ist geteilt. Männer, die den Kriegsdienst verweigern oder vom Töten desertieren wollen, haben nicht die Freiheit, das zu tun. Wenn der ukrainische Staatschef will, dass russische Soldaten desertieren, warum ist das auf ukrainischer Seite verboten? Wäre es nicht die beste Ermutigung für russische Soldaten, das zu tun, wenn sie sehen könnten, dass auch ukrainische Männer dem Krieg entfliehen? Wäre eine solche internationale Koalition der Friedfertigen nicht die beste Waffe gegen die Koalition der Kriegswilligen, die eine tödliche Eskalation eingegangen sind? Schuss mit Schuss zu beantworten, heißt: Auge um Auge. Am Ende können beide nur blind sein.

Wenn jemand wie der ukrainische Oberbefehlshaber, der zudem um die Unterstützung des Militärbündnisses Nato wirbt, russische Soldaten zur Desertion aufruft und die russische Zivilbevölkerung zum Aufstand gegen die russischen Machthaber und Kriegsführer, dann ist das kontraproduktiv, weil es von einer Kriegspartei kommt. Es ist die beste Unterstützung für den Kriegsführer Putin.

Das gilt selbstverständlich auch umgekehrt: Wenn Putin ukrainische Soldaten zur Aufgabe aufruft, hilft er seinem Gegenüber Selenskyj und dem ukrainischen Militärapparat, gegen Verweigerer und Deserteure in den eigenen Reihen vorzugehen, weil die dann zu Agenten der Gegenseite erklärt werden. Das ist die Logik des Krieges. Eine Logik, die beide Seiten braucht.

Die Logik des Friedens kann von den Präsidenten und Generälen nicht kommen, sondern nur von den Zivilisten und Kriegsverweigerern auf beiden Seiten.

Im Westen wird seit Kriegsbeginn Solidarität mit der Ukraine und ihren Einwohnern gegen den Kriegsverbrecher Putin geübt. Aber hat die russische Zivilbevölkerung keine Solidarität verdient gegen diesen Herrscher und seine Diktaturverhältnisse, unter denen sie schon lange leben muss?

Der Krieg, der mit dem Datum 24. Februar 2022 verbunden ist, hat nicht nur eine Vorgeschichte, sondern mehrere Vorgeschichten. Sie gehen unter anderem zurück ins Jahr 2014, als der ukrainische Präsident Janukowitsch nach Russland floh, als der russische Präsident Putin die Halbinsel Krim annektierte und als im Osten der Ukraine Separatistengebiete abgespalten wurden.

Unerledigte Aufgaben und offene Rechnungen

Doch eine andere Vorgeschichte dieses Krieges führt zurück bis 1989 beziehungsweise 1991 in die Zeit der osteuropäischen Revolutionen, die zu politischen Umwälzungen, zum Ende von Staaten (DDR, CSSR) und zur Bildung neuer Staaten (Tschechien und Slowakei, nach-jugoslawische Staaten) führten. Diese Revolutionen erreichten die Garantiemacht Sowjetunion, den großen Bruder, erst 1990 und führten zum Zerfall des Sowjetreiches in zahlreiche Nationalstaaten.

Sie waren zunächst aber nicht von inneren Umwälzungen mit einhergehenden Demokratisierungen begleitet, sondern nahmen lediglich die Gestalt der Rekonstruktion der Nationalstaaten an, zum Beispiel auch des Staates Russland beziehungsweise der Russischen Föderation.

Der Chef der Kommunistischen Partei (KP) und Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, wurde ein Präsident ohne Land, die Sowjetunion ein Staat ohne Territorium und damit eine Konstruktion ohne Macht. Im August 1991 putschten die KP-Kader gegen diese Entwicklung. Der Putsch scheiterte, weil die Menschen in Massen auf die Straße gingen und damit die Panzer wie Sand im Getriebe zum Stehen brachten. Ein wirkungsvoller ziviler Widerstand, der heute als Vorbild und Alternative zum gegenseitigen Zerstörungswerk des Krieges dienen könnte.

1992 war die Sowjetunion Geschichte. Die Macht verlagerte sich in die neuen Nationalstaaten. Dort herrschten aber zum Teil noch innere Verhältnisse wie zu Sowjetzeiten. Politische Umwälzungen wie etwa in Polen oder der DDR fanden nicht oder nur teilweise statt. Das sollte sich die kommenden Jahrzehnte hinziehen und zu einer Vielzahl von Bürgerkriegen, etwa in Ex-Jugoslawien, beziehungsweise Kriegen zwischen den SU-Nachfolgestaaten führen.

Der Prozess der Demokratisierung ist bis heute nicht vollendet. Die Kommunisten verhinderten ihre Entmachtung durch die Hinwendung zu Nationalismen. Die neuen Präsidenten dieser Staaten, die der Sowjetunion folgten, waren meist die alten KP-Kader von einst. Boris Jelzin wurde der erste gewählte Präsident Russlands und Vorgänger von Putin, Leonid Krawtschuk der erste Präsident der unabhängigen Ukraine, Putin ist einer dieser ehemaligen Kommunisten. Doch auch die Kapitalisten von heute, sprich: Oligarchen, sind die Kommunisten von gestern.

Aus der langen Zeit des großen komplexen Reiches der ehemaligen Sowjetunion gibt es zahllose unerledigte Aufgaben und offene Rechnungen. Zum Beispiel auch mit den Zivilgesellschaften und ihren demokratischen Ansprüchen in Russland wie der Ukraine. Hinzu kommen die Konflikte, die in kapitalistischen Verhältnissen entstehen. Für Ex-Kommunisten und Neu-Kapitalisten, zu denen Putin zählt, Motivation genug, die Wohnungen von ukrainischen wie russischen Familien gleichermaßen zu zerbomben, wie in Mariupol. In gewisser Weise auch eine Reaktion auf die vor 30 Jahren begonnenen Revolutionen, die gestoppt werden müssen.

War der 15. August 2021  der Startschuss für den Krieg gegen die Ukraine?

Der Krieg, der am 24. Februar 2022 begann, geht aber auch zurück zum 15. August 2021. An jenem Tag kehrten in Afghanistan, einem der ärmsten und schwächsten Länder der Erde, die fundamental islam-religiösen Taliban zurück an die Macht, von der sie 20 Jahre zuvor vertrieben worden waren. Seit 2001 führte die US-geführte Nato dort Krieg. Ein schmutziger Krieg mit zahllosen Kriegsverbrechen, die denen aktuell in der Ukraine verübten in nichts nachstanden. Sie fanden nur weniger Beachtung, weil sie eben von den „Guten“ begangen wurden, der Nato, der US-Armee, aber auch zum Beispiel der Bundeswehr. Die Nato, die jetzt im Ukraine-Krieg zu Hilfe gerufen wird, sorgte in Afghanistan weder für Demokratie noch für Freiheit, sondern zerstörte das Land. Sie ermöglichte den zweiten Siegeszug der Taliban.

Dass das nominell stärkste Militärbündnis der Welt im August 2021 Afghanistan fluchtartig und panisch verließ, ist im Übrigen eine verhängnisvolle Parallele zum Scheitern der Sowjetunion in Afghanistan, die 1979  dort einmarschierte und zehn Jahre später wieder abziehen musste. Für kundige Beobachter war das der Anfang vom Ende des Sowjetreiches.

In gewisser Weise ist auch für die USA der Krieg in Afghanistan zum Beginn ihres Niedergangs als globale Führungsmacht geworden. Damit ist zugleich die Frage aufgeworfen, wie fähig das Militärbündnis Nato eigentlich noch ist. Ein Machtvakuum entstand, das Putin und Co. erkannt haben müssen. War der 15. August 2021 also der Startschuss für den Krieg gegen die Ukraine? Sind das Scheitern von USA und Nato in Afghanistan vielleicht ein Schlüssel zur Erklärung, warum der russische Präsident Putin diesen mutwilligen Krieg gegen das große Nachbarland wagte?

Aus den Afghanistan-Kriegen gibt es übrigens noch bemerkenswerte Umstände, was das Verhältnis der Weltmächte angeht. Zum Beispiel gab es, nachdem die US-geführte Nato in das Land eingefallen war, bestimmte, indirekte Kooperationen zwischen den USA und Russland. So waren russische Militärberater vor Ort, die der US-Armee zur Seite standen. Außerdem konnten die Nato-Truppen „russische“ Transportwege nach Afghanistan nutzen. (Darauf weist zum Beispiel der Journalist Michael Lüders in seinem kürzlich erschienenen Buch „Hybris am Hindukusch“ hin.)

Sind Russland und die Nato überhaupt tatsächlich Gegner? Hat nicht jede Macht die andere in ihrem Einflussbereich agieren lassen? Politisch und diplomatisch waren Putin und Co. sowieso immer anerkannt., immer Teil der internationalen Führungs- und Herrschafts-Nomenklatur.

Der Angriffskrieg in der Ukraine ermöglicht dem Westen und den Natoländern eine lange nicht erlebte Aufrüstung und Militarisierung mit entsprechender Kriegsvorbereitung, die nicht nur materielle Auswirkungen hat, sondern auch ideelle. Sie beeinflusst das Denken. Das Denken in Kriegskategorien ist dabei, das Denken in zivilen Kategorien abzulösen.

Ähnliche Beiträge:

Sei der erste, der diesen Beitrag teilt:

5 Kommentare

  1. Die Gedanken des Artikels sind nicht neu, doch stellt sich die Frage, wo bleibt die gesamte zivile Bevölkerung unserer Erde auf Demonstrationen gegen Krieg, Hetze und Aufrüstung? Ist noch nicht genug Blut geflossen? Der Kapitalismus zerstört durch Aneignung, Besitztum, Macht und Kriege viele unschuldige Menschenleben. Auch die UNO, als Schlichtungsinstitut versagt hierbei ständig, vielleicht sind die Staaten zu sehr voreingenommen und Vetos werden oft falsch interpretiert. Eine Macht ( USA ) nimmt sich ständig heraus, Kriege und Besetzungen durchzuführen um alles zu ihren Gunsten anzuwenden. Millionen Menschen sind dabei umgekommen, die USA bekommt keine Sanktionen und Verurteilungen, sie werden noch vom Wertewesten unterstützt. Sollte das nicht eine Überlegung wert sein?

  2. Eine ganze Reihe von Spekulationen, die ohne weiteres nachvollziehbar sind und sicherlich jeweils einiges an Wahrheit enthalten. Am allerwenigsten ist dies wohl ein Krieg Putins gegen die Ukraine – das sieht nur sehr vordergründig so aus. Ich persönlich würde den Grund für diesen Krieg am ehesten auf die ‚Brzezinski-Doktrin‘ zurückführen, dass sich nämlich das Schicksal der Welt in der Ukraine entscheiden wird. (Okay, stark verkürzt gesagt). Und an diesem Punkt sind wir jetzt angekommen.

    Meiner Meinung nach handelt es sich hier eigentlich und vor allem um den Endkampf zwischen der bisherigen unipolaren US-geführten Weltordnung und der sich abzeichnenden neuen multipolaren Weltordnung mit Putin und Xi Jinping als Galeonsfiguren. Sehr detailliert dargestellt hier:

    https://thesaker.is/joint-statement-of-the-russian-federation-and-the-peoples-republic-of-china-on-the-international-relations-entering-a-new-era-and-the-global-sustainable-development/

    (Sehr langer Text, habe ihn selber noch nicht ganz gelesen….). Dies macht wohl auch den oft gehörten Vorwurf, Putin wolle das russische Großreich wieder herstellen, obsolet. Eher ist das Gegenteil der Fall, wie es ja auch an der zunehmende Kooperation zwischen Russland und Indien und Iran, der EAEU, dem immer stärker werdenden Einfluss Russlands in Afrika und, und, und….. absehbar ist.

    Und aus diesem Grund hoffe ich, dass Russland seine Ziele in der Ukraine erreicht. Sollte die russische Unternehmung scheitern bleibt als Alternative nur noch der Great Reset nach Klaus Schwab. (Okay, wieder stark verkürzt gesagt). Und das möchte ich der Welt nicht wünschen.

    Die Geschehnisse in der Ukraine sind für die betroffenen Menschen dort natürlich tragisch. Aber – vielleicht, vielleicht – beendet dieser Krieg ja auch die Aera der bellizistischen US-Hegemonie und es kehrt dann mehr Frieden in dieser Welt ein.

    Man wird ja noch träumen dürfen…..

  3. „Aber hat die russische Zivilbevölkerung keine Solidarität verdient gegen diesen Herrscher und seine Diktaturverhältnisse, unter denen sie schon lange leben muss?“
    Das ist die westliche Sicht. Ein Grossteil der russischen Bevölkerung hat aber vorallem unter Putins Vorgänger Jelzin gelitten, die heutige wirtschaftliche Lage Russlands ist mit der damaligen nicht mehr zu vergleichen. Das kann man auch an der Entwicklung der Lebenserwartung ablesen.

    Es ist ein Mythos, ja ein ein Ideologem, dass die Bevölkerung autoritär geführter Staaten grundsätzlich darunter litten, wohingegen diejenigen bürgerlicher Demokratien sich in Freiheit sonnten und also nicht litten. Dazu kann man nur Clinton zitieren: „It’s the economy, stupid.“ Oder brechtianisch, zuerst kommt das Fressen. Gelitten wurde auch unter Merkel reichlich. In Britannien leben Hundertausende – laut einem UNO-Bericht von vor ca. 3 Jahren, an die genaue Zahl kann ich mich nicht erinnern – Kinder in nahrungsunsicheren Verhältnissen.

  4. „Aus der langen Zeit des großen komplexen Reiches der ehemaligen Sowjetunion gibt es zahllose unerledigte Aufgaben und offene Rechnungen. Zum Beispiel auch mit den Zivilgesellschaften und ihren demokratischen Ansprüchen in Russland wie der Ukraine. Hinzu kommen die Konflikte, die in kapitalistischen Verhältnissen entstehen. Für Ex-Kommunisten und Neu-Kapitalisten, zu denen Putin zählt, Motivation genug, die Wohnungen von ukrainischen wie russischen Familien gleichermaßen zu zerbomben, wie in Mariupol. In gewisser Weise auch eine Reaktion auf die vor 30 Jahren begonnenen Revolutionen, die gestoppt werden müssen.“

    Der Text suggeriert, dieser Krieg habe innergesellschaftliche Ursachen und beruhe auf einem Konflikt zwischen autoritäten Neu-Kapitalisten und den demokratischen Bevölkerungen.
    Es sei daran erinnert, dass die Geopolitik der USA, die von den Neocons unablässig vorangetrieben wird, der Hauptgrund für den Krieg und die Entstehung der Oligarchen gewesen ist. Zu den Fehlern, die hier gemacht wurden, hat sich auch einer Jeffrey Sachs geäußert. Und bei allem Geschimpfe auf die Oligarchen Putins, haben wir eine derartige Klasse nicht auch hier im Westen und gibt es sie nicht auch in vielen mit dem Westen verbundenen Ländern?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.