„Um Gottes Willen“ Die „historische“ Rede von Joe Biden

Biden in Warschau. Bild: Weißes Haus

 

In Warschau bemüht der amerikanische Präsident die Malerei in Schwarz und Weiß, von Demokratie gegen Tyrannei und Gut gegen das Böse.

 

Die Rede von US-Präsident Joe Biden am Samstagabend im Hof des Warschauer Königsschlosses bezeichneten die polnischen wie internationalen Medien bereits im Vorfeld als „historisch“ Vergleiche mit zwei US-Präsidenten-Ansprachen wurden gezogen – mit der von John F. Kennedy 1963 und Ronald Reagan 1987.

Während Kennedys auf Deutsch geäußertes Bekenntnis   „Ich bin ein Berliner!“ als stärkster Satz galt, von Reagan „Mister Gorbatschow reißen Sie diese Mauer nieder!“ in der Erinnerung bleibt, wird Bidens Abschluss seiner Rede „Um Gottes Willen, dieser Mann (Putin) darf nicht an der Macht bleiben!“ als „geschichtlich“ gelten. Soll etwa eine „göttliche Hand“ eine Palastrevolte im Kreml führen?

Der amerikanische Präsident beginnt mit dem Bibel-Spruch „Fürchtet euch nicht“, den Papst Johannes Paul II. bei seinem ersten Auftritt 1979 in Warschau zitierte. Der Mutmacher-Spruch gegen die Bedrängnisse des starken (kommunistischen) Staates seien „Worte, die die Welt geändert haben“, so Biden. Und vielleicht erhofft er sich der bekennende Katholik eine ähnliche Wirkung.

Dann bezieht sich der Demokrat, so wie viele US-Präsidenten vor ihm in Polen, auf die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc und ihr Verdienst für den Weg zur Demokratie.

Biden schwört hier und auch später in seiner Rede das Publikum auf einen langen Kampf ein, auf die Auseinandersetzung „zwischen Demokratie und Autokratie“.  Dabei seien die Ukrainer in einer „Frontlinie im Kampf und Demokratie“.

Dann spannt der 79-Jährige einen geschichtlichen Bogen, zählt die Aufstände in den Ostblockstaaten auf, um zum Schluss zu kommen, dass 1989 noch nicht überall Freiheit herrschte, sondern dass die „Kräfte der Autokratie“ in den vergangenen 30 Jahren zugenommen hätten und kommt so erstmals auf Russland direkt zu sprechen, welches die Demokratie „im Würgegriff“ habe.

Das Zitat von Abraham Lincoln „Das Recht soll Macht haben“ stellt er dem Verhalten Putins gegenüber, den er einen „Kriminellen“ nennt, der also außerhalb einer Rechtsordnung stehe.

Dann betont Biden seinen guten Willen, er habe lange den diplomatischen Weg mit Putin versucht zu gehen. Doch Russland sei von Anfang auf Gewalt (gegen die Ukraine) aus gewesen.

Bei der Überleitung zum Thema Russland hält Biden seine Rede kämpferischer und aggressiver im Ton. Vielleicht ist dies aktuellen Umfragen in den USA geschuldet, dort glauben 56 Prozent der Bürger, Biden wäre nach der russischen Invasion „nicht forsch genug“ gegenüber Moskau aufgetreten.

Biden zählt die Maßnahmen der US-Regierung sowie der amerikanischen Unternehmen gegen Russland auf – Höhepunkt der Attacke ist der Vergleich zwischen dem US-Dollar und dem Rubel, der nur noch „Bauschutt“ sei.

Zudem nehme er die NATO-Beistandsverpflichtung ernst und wendet sich zum ersten Mal direkt an Putin oder Russland und brüllt dabei fast: „Wagt nicht mal daran zu denken, Euch auch nur auf einem Zoll NATO-Territorium zu bewegen.“

Dann ein dramaturgischer Wechsel – der Politiker beschwört Rührung und Mitgefühl. Mit einer leiseren Stimme erzählt er von den Hoffnungen und Ängsten der Ukrainer, die er am gleichen Tag im Warschauer Nationalstadion angetroffen hatte.

Die USA wollen 100.000 ukrainische Flüchtlinge bei sich aufnehmen. „Wir stehen euch bei. Punkt“, versicherte Biden den Ukrainern, die auch mit ihren Fahnen im Hof des Königschlosses versammelt sind.

Es folgt erneut ein schärferer Ton, als er auf die militärischen Misserfolge der Russen zu sprechen kommt, dann wendet er sich an die russische Bevölkerung, die Untaten des russischen Militärs beschreibend, die einer „großen Nation“ nicht würdig seien.

Langer Kampf: Die Flamme der Freiheit gegen die Dunkelheit der Autokratie

Wladimir Putin würde Russland ins 19. Jahrhundert befördern, dabei könne und müsse nur dieser den Krieg beenden – eigentlich ein Widerspruch zum Ende der Rede, bei der Biden den Machtverlust des jetzigen russischen Staatspräsidenten wünscht.

Europa müsse seine Abhängigkeit von fossilen Energieträgern aus Russland beenden, Amerika werde hier helfen – vermutlich mit seinen eigenen Energieträgern wie etwa Flüssiggas, was Biden jedoch nicht sagt.

Als zweitens sollte die Korruption aus dem Kreml bekämpft werden, alle Länder müssten die „harte Arbeit der Demokratie“ vollbringen. Es bleibt verschwommen, was damit gemeint sei.

Abschließend bemüht Biden die Lehren der Geschichte – die Dunkelheit der Autokratie sei kein wirklicher Gegner gegen die Flamme der Freiheit.

Demokratie gegen Tyrannei, der Westen sendet ein Signal der Stärke und der Geschlossenheit des Westens – so lässt Inhalt und Absicht der sehr amerikanischen Rede zusammenfassen. Die demokratischen Länder und ihre Bevölkerungen, dazu gehört nun auch die Ukraine, müssen vereint sein und einen langen Kampf erbringen, um zum Ziel zu gelangen, vergleichbar mit dem Kalten Krieg, der mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion endete. Ein wenig Churchill ist hier herauszuhören, der nach seiner Wahl im Mai 1940 Großbritannien auf schwere Zeiten vorbereitet.

Konkretes, wie dieser Kampf aussehen kann, lässt Biden aus, abgesehen davon, dass er Zahlen zu Militärhilfen und humanitärer Unterstützung nennt. Auch geht er nicht auf die Gefahr einer nuklearen Auseinandersetzung ein, eine Frage, die viele bewegt.

Was passiert, sollte der NATO-Bündnisfall eintreten, sollte Russland die territoriale Integrität Polens oder der baltischen Länder verletzen, mittels Truppen oder Raketen? Oder sollte eine Provokation inszeniert werden? Für die konkreten, diesseitigen Ängste vieler Menschen ist die Rede des Katholiken zu religiös.

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6 Kommentare

  1. Bis hin zu den Zahlen ist alles gelogen. So behauptete Biden keck, der Rubel stehe 200 zu 1 zum Dollar. In Wirklichkeit in etwa 96 zu 1. Insgesamt hat er sich aufs Äusserste bemüht, die letzten diplomatischen Brücken einzureissen. Persönlich würde ich ihm den Gefallen machen und den u.s.-Botschafter nach Hause schicken.

  2. Was klug an der Rede gewesen zu sein scheint, ist, dass sie Widerstand aufzeigt zu Gefahren, die nicht auf der Tagesordnung stehen. Dazu werden Situationen konstruiert, die zu der Rede passen. Na klar besteht in den meisten Staaten der Welt nicht die Freiheit, die sich Biden wünscht.
    Da wüste ich gerne wie US-amerikanische Umfragen erstellt werden, etwa so wie das Wählerverzeichnis bei dem fast 50 % nicht zugelassen sind?
    Putin interessiert mich erst einmal wenig, bei dem Gerede eher die Reputation des Redners bzw. der Menschen die er vertritt. Auch das Land, in dem er spricht, wird von der EU nicht als lupenreine Demokratie gesehen.
    Aber mit Einsatz des Sohnes des Redners kann sich da was ändern, hin zur Demokratie. Das darf doch angeführt werden? Bei Russland ist das keine Frage.
    „… den er einen „Kriminellen“ nennt, der also außerhalb einer Rechtsordnung stehe.“
    Da war der Autor ein wenig übereifrig. Es sollte nicht heißen „einer Rechtsordnung“, sondern seiner bzw. Bidens Rechtsordnung. Wie er damit umgeht, ist gut bei YouTube zu sehen, wo er von den Ukrainern fordert einen Staatsanwalt zu feuern, der seinen Sohn anklagt. Was passierte.
    „Doch Russland sei von Anfang auf Gewalt (gegen die Ukraine) aus gewesen.“ Wie kommt der Autor dazu „gegen die Ukraine“ zu schreiben? Hat sich der Donbass mit russischem Verständnis nicht geben den unrechtmäßigen Putsch in Kiew ausgesprochen 5 % Milliarden Beihilfe zum Umsturz ist kein Leichtgewicht.
    Es wird sich noch zeigen, was Bauschutt ist, wenn der Zahlungsmittel für Rohstoffe ist. Die Sicht auf Schulden beider Staaten wird erspart.
    Was allerdings betrachtet werden sollte, sind die militärischen Überfälle der USA seit dem Zweiten Weltkrieg initiiert wurden. Es wird sich eine Spur der „aggressiven“ Bombardierungen finden, die auch vor Zivilisten keine Rücksicht genommen hat. Angezettelt wurden die Kriege immer mit Lügen und bis heute sind sie nicht vorbei. Guantanamo, Snowden und Assange können das bestätigen.
    Wir Zeit für den Friedensnobelpreis für Biden.

  3. Noch eine Anmerkung zum Thema Recht: „Demokratie gegen Tyrannei, der Westen sendet ein Signal der Stärke und der Geschlossenheit des Westens – so lässt Inhalt und Absicht der sehr amerikanischen Rede zusammenfassen.“ Ja, das ist die US-Sicht auf diesen Krieg. Biden sagt allerdings mehr und das macht die Sache bedrohlicher: Wir sind die einzigen auf diesem Planeten, die das Recht verkörpern und den Maßstab setzen, der darüber befindet was Recht und was Nicht-Recht ist, sprich definiert, was Staaten dürfen und was nicht. Die Stärke und Geschlossenheit des Westens unterstreicht diesen Standpunkt lediglich: Nato/EU versammeln sich hinter ihrer Führungsmacht trotz sehr unterschiedlichen Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die beteiligten Staaten. Damit ist das US-Ziel, Krieg den Russen, zur verbindlichen Handlungsmaxime der westlichen Staatenwelt erklärt, das militärische und ökonomische Niedermachen der widerspenstigen russischen Förderation quasi gutes Recht, unterlegt mit dem gemeinsamen Willen, das auch im praktischen Umgang umzusetzen. Ein einziges Kriegsbekenntnis, das Russland die Kapitulation eröffnet, als funktionierendes Staatswesen und irgendwie anerkannter Mitspieler weiterzumachen.

    Die Ukraine ist ein Vehikel des Westens mit allen Konsequenzen, die eine demokratisch geregelte Weltordnung mit starker Führungsmacht so abverlangt. „Konkretes, wie dieser Kampf aussehen kann, lässt Biden aus, abgesehen davon, dass er Zahlen zu Militärhilfen und humanitärer Unterstützung nennt.“ Die Details braucht er gar nicht ausführen, denn die Wirkung von ein paar Milliarden Dollar und das spendierte Kriegsgerät samt Instruktoren vor Ort ist schon jetzt deutlich sichtbar und schraubt den Preis für Erfolge auf militärischem Feld für die russischen Truppen Tag für Tag nach oben. Das Verheizen der ukrainischen Bevölkerung ist dabei als humanitärer Kollateralschaden mitberücksichtigt.

  4. Aus einem Kommentar in MoA:
    Bidet:”You American troops will go to Ukraine and see for yourself.”
    White House:”He didn’t really mean that.”

    Bidet:”Putin can’t remain in power.”
    White House:”He didn’t really mean that.”

    Bidet:”I’m president.”
    White House:”He didn’t really…”

  5. „Konkretes, wie dieser Kampf aussehen kann, lässt Biden aus“

    Vor allem läßt er aus, wie eine Exitstrategie aussehen könnte. Oder wird so weitergemacht, bis die ganze Welt der westlichen „Rules-based-Order“ unterworfen ist?

    Dazu fällt mir nur noch die Gnade der frühen Geburt ein.

  6. Biden hatte als Vize-Präsident den Umsturz in der Ukraine maßgeblich veranlasst, hätte es diesen nicht gegeben, wäre die Krim nicht besetzt worden, es hätte keinen Krieg gegeben. Somit ist Biden der Teufel, der hinter diesem ganzen Wahnsinn steckt.

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