Sex, nein danke!

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Die Zahl der vor allem jüngeren Menschen, die kaum oder keinen Sex haben und auch nicht masturbieren, steigt. Steht ein Zeitalter der Asexualität bevor?

Schon seit längerem wurde der Rückgang sexuellen Verhaltens beobachtet. In Ländern wie Japan oder Südkorea werden regelmäßig Befragungen ausgeführt, die zeigen, dass die Lust an Sexualität schwindet und Asexualität zunimmt.

In Japan hatten 40 Prozent der Männer und 60 Prozent der Frauen zwischen März und Mai 2020 keinen Geschlechtsverkehr, egal ob verheiratet oder nicht. Die Corona-Pandemie scheint keinen großen Einfluss gehabt zu haben. In Seoul hatten 2020 43 Prozent der Frauen und 29 Prozent der Männer im ganzen Jahr 2020 keinen Sex. Die Frauen sagen oft, sie hätten kein Interesse an Sex, die Männer sagen, sie würden keine Frau finden.

Das ist auch in anderen Ländern wie den USA der Fall. Nach einer im Dezember 2021 veröffentlichten  Studie ging dort zwischen 2009 und 2018 nicht nur der Sex zwischen den Geschlechtern, sondern auch die Masturbation, oraler und analer Sex zurück. Besonders auffällig ist die Abwendung vom Sex bei den jüngeren Menschen und hier vor allem bei den jüngeren Männern. Der Anteil derjenigen, die im letzten Jahr keinen Sex hatten, stieg deutlich an, vor allem bei den Jüngeren: „Der Anteil der Jugendlichen, die angeben, weder allein noch in einer Partnerschaft sexuelle Handlungen vorzunehmen (latente Klasse 2), stieg von 28,8 % der jungen Männer und 49,5 % der jungen Frauen im Jahr 2009 auf 43,3 % der jungen Männer und 74,0 % der jungen Frauen im Jahr 2018.“

Die Gründe sind nicht bekannt. Die Wissenschaftler der US-Studie  machen etwa das Internet, Computerspiele, sinkenden Alkoholkonsum, „mehr Gespräche über sexuelle Einwilligung und mehr junge Menschen, die sich mit nicht-heterosexuellen Identitäten, einschließlich asexuellen Identitäten, identifizieren“. Andere sehen im frühen Zugang zu Pornos einen Grund, also einen inszenierten Sex, der ein Verhalten vorgibt, das real zwischen Partnern im Alltag in der Regel nicht stattfinden kann, weil sie sich nicht einem Rollenbild unterwerfen oder vorgeführte Leistungen erfüllen können.

Zwei der Autoren der Studie heben in einem Interview mit dem Scientific American besonders den Rückgang der Masturbation hervor, was auch bedeuten würde, dass Pornos keinen so großen Einfluss haben sollten. Möglicherweise fehlt die Zeit, der Sexualität nachzugehen, anderes wird interessanter. Zudem nehme die Zahl der asexuellen jungen Menschen zu, die es  gewissermaßen okay finden, mönchisch aus der Sexualität auszusteigen.

Mit dem leichten Zugang zu sexuellen Darstellungen auf Porno-Websites könnte aber zusammenhängen, dass angeblich das, was die Wissenschaftler „rough sex“ nennen, zugenommen haben soll:

„In Studien mit Tausenden von College-Studenten, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt wurden, wurde festgestellt, dass sie beim Sex gewürgt oder stranguliert werden. Dieses Verhalten scheint bei Studenten im College-Alter in der Mehrheit zu sein. Für viele Menschen ist es einvernehmlich und erwünscht, aber es ist auch für viele Menschen beängstigend, selbst wenn sie lernen, es zu genießen oder es zu wollen. Das ist ein wichtiger Forschungsschwerpunkt unseres Teams: Wir wollen verstehen, wie sie sich fühlen, welche gesundheitlichen Risiken bestehen und wie sich das in die allgemeine sexuelle Landschaft einfügt.“

Wenn das der Fall sein sollte, könnte das natürlich auch viele abschrecken, würde aber nicht erklären, warum auch Masturbation zurückgeht, obwohl es deutlich mehr Sexspielzeuge und auch Sexpuppen gibt. Möglicherweise hat die Veränderungen etwas damit zu tun, dass Sexualität nichts mehr ist, was man heimlich macht, was verboten ist, worüber man nicht spricht, sondern sie als notwendige und ganz wichtige Praxis eines gesunden (Partner)Lebens gilt, also mithin als von außen kommende Forderung, die erdrückend wirken kann.

Männlicherseits scheint die zunehmende Emanzipation der Frauen Probleme zu machen (Einblick in die verrückte Welt der Incel-Extremisten), aber auch, dass mehr junge Frauen asexuell sind oder Sex mit Männern nicht sonderlich attraktiv finden. Mit hereinspielen könnte auch, dass mehr Menschen Angst haben, die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren, oder zu stark von Erwartungen an den idealen Sex eingeschränkt werden. Dazu könnte im digitalen Zeitalter eine zunehmende Angst vor Intimität kommen – und Sex könnte dem Zwang nach einem perfekt präparierten, auch operierten, sauberen, nicht mehr natürlich riechenden Körper zuwiderlaufen, wenn dies mit einem Ekel vor Schweiß, Gerüchen und anderen Flüssigkeiten zusammengeht.

Aber vielleicht gibt es auch eine weitaus banalere Erklärung. Vielleicht haben frühere Generationen aus Erwartungsdruck nur ihre sexuelle Aktivität bei Umfragen seit dem Kinsey-Report vergrößert, um normal dazustehen.  Jetzt können vielleicht Männer und Frauen eher eingestehen, dass es für Manche mit dem Sexleben nicht so weit her ist oder sie keine Lust dazu haben.

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