Kopf-an-Kopf-Rennen oder erdrutschartiger Sieg für die CDU?

Bild: Tim Reckmann/CC0/CC BY-2.0

 

Bericht zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein

Ende März kamen innerhalb von zwei Tagen zwei Wahlumfragen heraus von INSA für Bild und infratest dimap für ARD, beides Medien mit maximaler Verbreitung, die gewaltige Unterschiede aufzeigten.

Dabei gibt es von Seiten der Medien kaum vernehmbare Kritik. Man könnte daraus gute Geschichten schreiben. Im ersten Fall ein Kopf-an-Kopf-Rennen (nur 1 Prozentpunkt Vorsprung) und im zweiten Fall ein erdrutschartiger Sieg mit 16 Prozentpunkten Vorsprung zugunsten der CDU.

Um die Situation zahlenmäßig aufzuarbeiten, haben wir eine Simulation durchgeführt, die am Bespiel der CDU etwas ausführlicher dargestellt werden soll. In den beiden Umfragen erreicht die CDU 28 bzw. 36 Prozent, also besteht eine Differenz von 8 Prozentpunkten. Wir wollen berechnen, wie wahrscheinlich ein solcher Sachverhalt ist. Dazu nehmen wir die neutrale Sicht ein, dass beide Umfragen gleichwertig sind und somit im Mittel ein Wert von 32 Prozent gegeben ist. Beide Institute verwenden Stichproben von etwa 1000 Befragten. Nach der bekannten Formel, die Umfrageinstitute auch für Intervallprognosen verwenden, erhält man eine Standardabweichung (Streuung) von 1,5 Prozentpunkten. Aus einer solchen Normalverteilung mit einem Mittelwert von 32 und einer Standardabweichung von 1,5 werden dann zufällig 10.000 Paare von Stichproben genommen, sowie deren absolute Differenzen und die entsprechenden Häufigkeiten gemessen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Wert von 8 Prozentpunkten erhält man als den Anteil aller Messungen, die zwischen 7,5 und 8,4 liegen. Diese Wahrscheinlichkeit ist geringer als ein Tausendstel (also 1 Promille). Analoge Werte erhält man auch für die Differenz bei der SPD und noch kleinere Werte für das Auftreten von Parteiunterschieden bei CDU und SPD von 16 Prozent bzw. 1 Prozent.

Derartige extreme Sachverhalte könnte man eventuell aufklären, wenn die Umfrageinstitute ihre Befragungsergebnisse offenlegen würden. Das tun sie fast alle nicht, weil sie nur ihre Projektionen veröffentlichen. Das sind die durch Erfahrungswissen veränderten Basiswerte, die durchaus um mehr als fünf Prozentpunkte differieren können. Somit ist keine Transparenz wie etwa bei Wahlbörsen gegeben.

Lobend hervorzuheben ist einzig das Institut Forschungsgruppe Wahlen (ZDF), das diese Stichprobenwerte bei Analysen zu Bundestagwahlen veröffentlicht. Um dennoch eine zuverlässige Qualitätskontrolle durchführen zu können, bewerten wir die finalen Prognosen aller Institute in den 16 aktuellen Landtagswahlen anhand von sechs Kriterien und stellen daraus eine Gesamtrangliste zusammen, wobei die jeweiligen Institute mindestens an der Hälfte der Wahlen (also an acht) teilgenommen haben müssen, um in die Gesamtrangliste mit aufgenommen zu werden.

Für infratest dimap und INSA ist das Resultat ernüchternd. Sie landen auf den Plätzen 9 und 10 bei 11 Konkurrenten. Unsere beiden Methoden von Prognosys-Master-Vote, eine weitgehend automatische Expertenprognose und die PESM-Wahlbörse erreichen die Ränge 2 und 3 hinter dem Erstplatzieren Forschungsgruppe Wahlen (ZDF).

Es ist uns rätselhaft, warum die Medien keine Offenlegung der Zahlen einfordern. Sollen besondere Seilschaften unerkannt bleiben? Oder ist man nur an spannenden Geschichten interessiert, nicht aber am Zustandekommen der Werte? Das Publikum wird teil- oder sogar desinformiert zurückgelassen und lässt sich das seit Jahrzehnten gefallen.

Prognosen zur Landtagswahl

Drei Wochen vor der Landtagswahl gibt es in Schleswig-Holstein bereits wichtige Erkenntnisse.

Es ist sinnvoll, zunächst einen Blick auf die Untersuchung von infratest dimap zu werfen, die vor jeder Landtagswahl einen sehr informativen Ländertrend veröffentlicht. Dort erreichen die regierende Jamaika-Koalition und der Ministerpräsident insgesamt hohe Bewertungen, viel bessere als im Saarland und Nordrhein-Westfalen. Das schlägt sich ebenfalls in den Wahlprognosen nieder. Neben den Voraussagen aus der PESM-Wahlbörse und dem Prognosys-Master-Vote sind in Klammern jeweils der kleinste und größte Wert aller aktuellen Einschätzungen angegeben.

Die CDU führt klar und bisher unangefochten mit 33,5 Prozent (28 bis 37 Prozent), während die SPD etwa auf 23 Prozent (20 bis 27 Prozent) kommt. Die im Vergleich zur Vorwahl 2017 stärksten Zugewinne können bisher die Grünen mit 17,5 Prozent (15 bis 18 Prozent) verbuchen. Das könnte auch am Rückenwind der Grünen in der Bundesregierung liegen. In dem neuen Politbarometer von Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF gehören vier der fünf beliebtesten Politiker zu den Grünen, mit Robert Habeck an der Spitze. Allerdings hat es gerade durch den Rücktritt der Bundesfamilienministerin einige Abschläge gegeben.

Die FDP erfährt zurzeit hingegen keine besondere Unterstützung aus Berlin und fällt mit 8,5 Prozent (6,5 bis 11 Prozent) deutlich hinter ihr früheres Wahlergebnis zurück. Die AfD kann mit 5,5 Prozent (4,5 bis 6 Prozent) ungefähr das Niveau aus der Vorwahl halten. Jedoch besteht damit durchaus ein Risiko unter die Fünf-Prozent-Marke zu rutschen und den Einzug in den Landtag zu verpassen. Das droht auch dieses Mal wieder den Linken, die nach dem desolaten Ergebnis im Saarland nur noch mit 2,5 Prozent (2 bis 3 Prozent) bewertet werden. Der SSW, für den als Partei der Minderheit diese Fünf-Prozent-Klausel nicht gilt, steht stabil bei knapp 4 Prozent (3 bis 4 Prozent). Alle sonstigen Parteien erhalten zusammen etwa 5,5 Prozent (5 bis 7 Prozent).

Bei der künftigen Regierungsbildung ist die bisherige Jamaika-Koalition am wahrscheinlichsten. Sie könnte sich nach den aktuellen Zahlen von 56,4 auf 59,5 Prozent verbessern. Es ist sogar allein eine Schwarz-Grüne Koalition möglich sowie natürlich eine große Koalition aus CDU und SPD. Gegen die CDU kann es nur die Ampel geben.

Bis zur Wahl werden sicher noch einige Veränderungen eintreten, wodurch die Spannung erhalten bleibt.

Prof. Dr. Walter Mohr und Dr. Frank W. Püschel

Prof. Dr. Walter Mohr ist Leiter der Prognosys Bewertungs GmbH. Studium der Mathematik und Wirtschaftswissenschaften, Lehr- und Forschungstätigkeiten an Fachhochschulen und Universitäten mit über 50 Veröffentlichungen, insbesondere in den Bereichen Zeitreihenanalyse und Wirtschafts- und Wahlprognosen sowie medizinischen Qualitätsuntersuchungen (eHealth).

Dr. Frank W. Püschel: Studium der Mathematik und Wirtschaftswissenschaften, Lehrtätigkeiten im Hochschulbereich, Forschungsschwerpunkt auf den Gebieten der Zeitreihenanalyse und Wirtschaftsprognosen. Aktuell tätig in der Geschäftsführung eines Medizinprodukteherstellers.

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Ein Kommentar

  1. Zweimal wurde ich in den letzten beiden Jahren von Forsa angerufen. Beide Male wurde das Gespräch plötzlich unterbrochen. Ich konnte keiner der angegebenen Parteien oder Kandidaten meine Zustimmung geben. So kann man natürlich auch gewollte Umfrageergebnisse erzielen.

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