Kampf um die Deutung der ersten evakuierten Zivilisten aus Asovstal

Aus Asovstal geflohene Zivilisten …

Mariupol ist für Moskau, Kiew und Asow zu einem Symbol geworden, Selenskij spricht von einem „russischen Konzentrationslager“

Am Freitag waren erstmals Zivilisten aus dem von ukrainischen Soldaten und Asow-Kämpfern besetzten, mehrere Quadratkilometer großen Gelände des Stahlwerks Asovtal entkommen. Seit Wochen sind die ukrainischen Soldaten eingeschlossen und haben sich in dem in Sowjetzeiten auch vor Atombomben geschützten Tunnelnetzwerk verschanzt, wo ihnen Lebensmittel, Wasser und Medizin ausgehen. Neben den Soldaten und Hunderten von verwundeten Soldaten, sollen sich auch hunderte Zivilisten dorthin geflüchtet haben.

Trotz wiederholten russischen Angeboten eines humanitären Korridors, war dieser von den Zivilisten nicht genutzt worden, es soll sich nach einem sich ebenfalls dort aufhaltenden Kommandeur einer Marinebrigade meist um Familienangehörige der Soldaten handeln. Die Soldaten wollen nicht in russische Kriegsgefangenschaft geraten, weil sie um ihr Leben fürchten, das ihnen wiederholt von Russland ebenso wie faire Behandlung und medizinische Versorgung garantiert wurde. Dem Angebot zu misstrauen ist verständlich. Die ukrainische Regierung steht unter Druck, auch die Soldaten aus Asovstal herauszuholen, wozu die Zivilisten sowohl von Asow und Kiew instrumentalisiert, schließlich hätte Präsident Selenskij schon längst den Befehl geben können, dass die Soldaten die Zivilisten ziehen lassen sollen.

Es war ein Paar mit einem 11-jährigen Kind, dem am Donnerstag die Flucht aus Asovstal gelungen ist, wo sie sich seit dem 8. März bis zum 28. April aufgehalten haben. Sie hätten zufällig über Radio erfahren, dass es einen Korridor gibt, die Soldaten hätten sie festgehalten. Danke venice12 für den Hinweis. So berichten russische Medien und auch das Ehepaar, das möglicherweise die erwünschte russische Version erzählt, um sich zu schützen. Die Frau kam kurzzeitig in Verdacht, eine Scharfschützin zu sein, der Mann, der seit 20 Jahren als Ingenieur in Asovstal gearbeitet haben will,  hatte vor 10 Jahren etwa ein Foto gepostet, wo er mit Nazi-Symbolen den Hitlergruß zeigte.  Das sei eine Dummheit gewesen, sagt der Mann jetzt, die Russen prüfen allerdings, ob er Verbindungen zu Asow hat.

Nach den Angaben des Ehepaars seien kleine Gruppen von Bewaffneten ab dem 10. März in das Tunnel- und Bunkersystem gekommen. Danach hätten die Soldaten erst zufällig entdeckt, nachdem sie durch den russischen Angriff in Bedrängnis kamen, welche Vorteile die Anlage anbot. Das klingt nicht sehr überzeugend, könnte aber dafür sprechen, dass sie vom russischen Angriff überrascht wurden. Wenn das so gewesen sein sollte, könnten sich auch ausländische Berater und Ausbilder in die Luftschutzbunker gerettet haben, wie vielfach vermutet wird. Das Ehepaar sagte, es seien 70 Zivilisten in Asovstal, also nicht hunderte.

Gestern haben 19 Erwachsene und 6 Kinder Asovstal verlassen, berichtete RIA Novosti, ohne weitere Details. Auch Tass bestätigte dies. Die Evakuierung soll mit Unterstützung von Mitarbeitern der Vereinten Nationen und des IKRK erfolgt sein. Der Asow-Vizekommandeur Palamar erklärte, das russische Bombardement von Asovstal habe die Evakuierung der Zivilisten nicht zugelassen. Ein Konvoi sei am Samstag an den angekündigten Ort gekommen, am Sonntag wolle man die Evakuierung fortsetzen, „wenn die Russen nicht wieder zu schießen beginnen“, so die NYT. Nach Palamar habe Asow die Zivilisten aus den Trümmern befreit und an Ort der Evakuierung gebracht. Man hole weitere Menschen aus den Trümmern heraus. Palamar forderte in dem Zusammenhang auch, dass auch die verwundeten Soldaten evakuiert werden müssten.

Interessant ist, dass die BBC die Flucht der Zivilisten so darstellen will, dass sie gegen die Interessen Russland erfolgt sei. Hat doch Putin die Einkesselung von Asovstahl befohlen, so dass keine Fliege entweichen kann. Der BBC ist entgangen, dass wiederholt den Zivilisten von russischer Seite Fluchtmöglichkeiten angeboten wurden. Man muss hingegen davon ausgehen, dass Russland die Evakuierung der Zivilisten am Herzen liegt, weil man dann massiv gegen Asovstal vorgehen könnte, während die eingeschlossenen Soldaten eher das Interesse haben, dass bei ihnen Zivilisten sind.

Update: Nachts sollen weitere 21 Zivilisten Asovstal verlassen haben. Nach Aussage einer Frau sei dies ohne Hilfe der ukrainischen Soldaten geschehen, sie hätten das Werk durch einen zerstörten Zaun verlassen können. Sie sagte, die Soldaten hätten sie gehindert früher zu gehen und gewarnt, sie würden draußen beschossen. Die Kinder seien gut behandelt worden.

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8 Kommentare

  1. Es ist ein hässliches, skandalöses Trauerspiel, das die Westmedien abliefern. Es ist ja offensichtlich, dass die Asow-Faschisten die Zivilisten als menschliche Schutzschilder missbrauchen, aber davon natürlich kein Wort. Stattdessen lässt man die Faschisten selbst zu Wort kommen und wiederholt ihre durchschaubaren Märchen. Die Gruppe, die gestern den Weg ins Freie gefunden hat, ist wohl geflüchtet.

    Bei der ARD wird immer noch vom umkämpften Mariupol gesprochen, obwohl ein beträchtlicher Teil der russischen Truppen längt verlegt worden ist, da für die Abschnürung des zentralen Teils des Asovstal-Geländes, der Rest ist inzwischen wie die übrige Stadt unter russischer Kontrolle, nicht mehr viel Personal benötigt wird.

    Öffentlich-rechtliche wie private Medien haben sich zu Propagandaschleudern entwickelt, die auch Faschisten nicht mehr politisch einordnen, vor dem Krieg wurde das Asow-Regiment durchaus als rechtsextrem bezeichnet. Grundsätzlich sind eklatante Fehlbeschreibungen einer militärischen Situation nichts Neues. Auch über Afghanistan wurden viele Lügen verbreitet. Bekanntlich wollte man die realen Verhältnisse bis zum Schluss nicht wahrhaben. Und das scheint sich nun in der Ukraine zu wiederholen.

    1. „…. die auch Faschisten nicht mehr politisch einordnen, vor dem Krieg wurde das Asow-Regiment durchaus als rechtsextrem bezeichnet.“

      Und die Entwicklung ging so:

      „Media Are Now Whitewashing Nazis They Had Previously Condemned“

      https://www.moonofalabama.org/2022/04/azovreplist.html#comments

      Es wird nicht nur „nicht mehr politisch eingeordnet“; inzwischen sind einige bereits zur Heroisierung übergegangen, ganz im Sinne des derzeit größten Führerdarstellers aller Zeiten, der die Jungs sogar dem griechischen(!) Parlament zumutete.

      „A young blonde woman, ashen-faced and eyes vacant, fell forward across the body. One soldier caught her and led her gently outside as the coffin lid was screwed tight. Six soldiers hoisted it onto their shoulders as her howls cut through the whistling wind outside.“

      https://www.thetimes.co.uk/article/azov-battalion-we-are-patriots-were-fighting-the-real-nazis-of-the-21st-century-sdccf0w9t

      Im besten Relotiusstil wird da die Beerdigung eines Azovhelden beweint, und gleichzeitig klargemacht, wo die „real nazis“ zu finden sind, die von den tapferen Helden bekämpft werden.

      Und wehe, man wagt es, in einem uns allen gut bekannten Medium den Herrschaften
      „Nazimethoden“ zu „unterstellen“. Für diesen einen Satz:

      „Die „guten alten Methoden der Nazis“ werden der Welt doch gerade in der Ukraine beim Umgang mit russischen Kriegsgefangenen oder Oppositionellen stolz in den asozialen Medien vorgeführt.“

      wurde ich mal wieder gesperrt (Verletzung der Nutzungsbedingungen: „….volksverhetzende und menschenfeindliche Äußerungen „etc. etc.) und bekam eine mehrtägige Schreibsperre. Auf Bitte um Begründung und dem Angebot, meine Aussage mit zuverlässigen Quellen zu belegen, wurde mir mitgeteilt:

      „Die Foren sind kein Platz, um für Verschwörungstheorien Werbung zu machen oder entsprechende Inhalte zu verbreiten.“

      Tja, so weit sind wir inzwischen wieder. Und ich kann immer noch nicht erkennen, worin die „Verschwörungstheorie“ bestehen soll.

  2. Merkwürdiges KZ. Die Insassen flüchten – und begeben sich in die Hände der KZ-Betreiber? Oder sind sie durch die russischen Linien in die Ukraine gelangt?

    Muss ich noch mal drüber nachdenken.

  3. Ist es eigentlich ein Kriegsverbrechen, die Eingeschlossenen verhungern zu lassen? Oder müssen die Russen festgehaltene Zivilisten retten?

  4. Hier scheint eine Verwechselung vorzuliegen:
    Die beiden Gruppen von 25 und 21 Zivilisten sind gestern nicht aus dem Stahlwerk entkommen, sondern sie kamen aus Wohnhäusern in der Nachbarschaft zum Gelände des Stahlwerks.
    https://tass.com/defense/1446041

    Die Asow-„Kämpfer“ hingegen haben sich, anscheinend mit Frauen und Kindern, im Tunnelsystem unter dem Stahlwerk verschanzt und von dort ist bisher wohl immer noch keine Evakuierung erfolgt.

    Wer dort unten bei den „Kämpfern“ ist, kann sich wohl auch nicht leisten, einfach mal ein Radio einzuschalten, um sich zu informieren.
    Nazis (dass die Asow-Ideologie unbestreitbar im Nazismus wurzelt, hat sogar der Atlantic Council wörtlich zugegeben) mögen es selten, wenn man „Feindsender“ hört.

    Bei diesem Thema sollte beachtet werden, wie aufwändig die USA die ukrainischen Nazi-Kollaborateure direkt nach dem 2. Weltkrieg (zwecks späterer Sabotage in der Sowjetunion) und inzwischen eben Asow & Co gefördert haben.

    Schon im Juni 2014 hat der Atlantic Council das Asow-Regiment förmlich promoted mit dem verzückten Erfahrungsbericht eines britischen Journalisten, der sich selbst als „embedded with the Azov Battalion“ bezeichnete.
    https://www.atlanticcouncil.org/blogs/new-atlanticist/the-battle-for-mariupol/
    Zusätzlich legte der Atlantic Council liebevoll ein Flickr-Album für beeindruckende Fotos der Asow-Söldner und ihrer Aktivitäten an.
    Später hat er keine Mühe gescheut, zu verhindern, dass Asow in den USA als „ausländische Terror-Organisation“ klassifiziert wird.
    Das wurde im US-Congress vorgeschlagen aufgrund eines alarmierenden Berichts von Amnesty International über Kriegsverbrechen Asows im IS-Stil.

    In den USA weiß man also ganz genau, dass die Asow-„Helden“ befürchten müssen, von Donesk und Lugansk wegen Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt zu werden und sie im Verhör einiges ausplaudern könnten über Befehlsstrukturen, Mitwisserschaft westlicher „Berater“ usw.
    Deshalb hat Russland Interesse daran, die Asow-Elite gefangen zu nehmen, während den USA nicht daran gelegen sein kann, dass ihre „mutigen Helden“ lebend in russische Hände fallen.

    1. „Die Asow-„Kämpfer“ hingegen haben sich, anscheinend mit Frauen und Kindern, im Tunnelsystem unter dem Stahlwerk verschanzt und von dort ist bisher wohl immer noch keine Evakuierung erfolgt.“

      Doch. Russische Medien melden, es seien ca. 80 Personen evakuiert worden. Sie berichten übereinstimmend, daß sie von den Azovkämpfern bisher daran gehindert wurden, das Gelände zu verlassen.

      Ob sich noch weitere Zivilisten dort befinden ist derzeit nicht bekannt.

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