Hohe und volatile Preise für Flüssiggas

Bild: Magnascan/Pixabay.com

Streitpunkt Energiesicherheit: Kann LNG russisches Pipeline-Gas in Europa ersetzen? (Teil III)

Wegen des Kriegs in der Ukraine sind Deutschland und die EU dabei, unter anderem die Energiepartnerschaft mit Russland zu überdenken. Vor dem Beginn der Kampfhandlungen am 24. Februar hatte Berlin bereits die Zertifizierung der Gasleitung „Nord Stream 2“ ausgesetzt. Künftig könnte es darum gehen, die europäischen Energiesicherheit ohne die russischen Gaslieferungen zu verwirklichen. Dabei soll das importierte Pipeline-Gas am besten durch verflüssigtes Erdgas ersetzt werden. Allerdings lassen bereits Aspekte wie die globale Verfügbarkeit von Flüssiggas sowie die unzureichende LNG-Infrastruktur auf dem europäischen Kontinent die Perspektiven einer optimalen Nutzung dieses Energieträgers derzeit fraglich erscheinen.

Politiker und Experten plädieren in diesem Zusammenhang unlängst dafür, das russische Pipeline-Gas durch das per Tankschiff nach Europa importierte verflüssigte Erdgas LNG (Liquified Natural Gas) zu ersetzen. Allerdings gibt es diverse Aspekte, die einen ausreichenden kurz- und mittelfristigen LNG-Import in Frage stellen.

Wie bereits im ersten und zweiten Teil des Artikels „Streitpunkt Energiesicherheit: Kann LNG russisches Pipeline-Gas in Europa ersetzen?“ erläutert, spielen die folgenden Aspekte in der Flüssiggas-Problematik eine außerordentliche Rolle:

1. Die globale Nachfrage nach verflüssigtem Erdgas übersteigt das Angebot für diesen Energieträger bei weitem, so dass große zusätzliche LNG-Kontingente, die theoretisch importiert werden könnten, physisch einfach nicht vorhanden sind.

2. Die EU verfügt nicht über die ausreichende Infrastruktur, um größere LNG-Lieferungen aufzunehmen, wobei Deutschland bislang überhaupt keine eigenen LNG-Terminals besitzt.

Zu den weiteren Schlüsselaspekten, die aus wirtschaftlicher Sicht gegen einen baldigen rigorosen Umstieg auf LNG  in Europa sprechen, zählen die hohen und volatilen Preise für die nicht an langfristige Lieferverträge gebundene LNG-Kontingente an den Handelsmärkten.

Extrem volatile LNG-Preise

Nicht zuletzt seit der europäischen Gaskrise Ende 2021 und dem geopolitischen Konflikt um die Ukraine wurde deutlich, dass das Flüssiggas als ein Rohstoff mit extrem volatilen bzw. instabilen Preisen gilt. Dies stellt für europäische Importländer ein immenses Problem dar, denn Volatilität der Flüssiggaspreise ist hinsichtlich der Versorgung eines Landes mit Gas aus ökonomischer Sicht zweifelsfrei unvorteilhaft.

Wirtschaftlich ist jede Preisschwankung um den Mittelwert grundsätzlich als Risiko zu betrachten. Eine hohe Volatilität – wobei der Grad der Preisschwankung an den Abständen zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Preis in einer Periode gemessen wird – bedeutet eine größere Unsicherheit für das Geschäft. Dieses ist schwerer kalkulierbar, weswegen beispielsweise eine langfristige Planung schwieriger umzusetzen ist.

Verursacht werden die Preisschwankungen auf den Märkten unter anderem von den geopolitischen Spannungen in der Welt, den Wetterbedingungen und den daraus resultierenden Nachfrageprognosen in den Import-Ländern, dem Umfang der Gaslieferungen via Pipeline sowie der Situation bei der Nachfrage bzw. die Konkurrenz auf den globalen Handelsmärkten.

Das Problem mit den LNG-Preisschwankungen bringt Pepe Egger in seinem Artikel in der Online-Ausgabe der Wochenzeitung “Der Freitag“ gut auf den Punkt: “Der Preis ist flatterhaft und nervös, er reagiert auf alle möglichen Signale. In Frankreich müssen Atomreaktoren abgestellt werden: Der Preis steigt. Aus den USA kommen verstärkt […] Flüssiggas-Lieferungen nach Europa: Der Preis fällt. Mehrere LNG-Tanker biegen ab und steuern nach China, weil dort mehr gezahlt wird: Der Preis steigt. In Nordamerika gibt es Schneestürme: Der Preis steigt weiter. Biden trifft Putin, es soll verhandelt werden, der Preis fällt; Russland findet, es gebe nichts mehr zu verhandeln, der Preis steigt wieder an.“

Wenn wir davon ausgehen und zudem die Probleme mit einbeziehen, die wir gerade in Europa haben – Krieg in der Ukraine, Aussetzung der Inbetriebnahme von “Nord Stream 2“, historisch niedrige Gasreserven in den EU-Ländern – dann spricht wenig dafür, dass sich die LNG-Preise bald stabilisieren.

Was außerdem noch dazu kommt: Wegen der Knappheit des Angebots bekommen das Flüssiggas nur diejenigen, die bereit sind, dafür am meisten zu zahlen, weswegen es oft zu einer kontinuierlichen Preisrallye zwischen den Abnehmern kommt. Der Preis kann dann abhängig von der Situation in die Höhe getrieben werden und geht je nach Lage entweder nach Asien, Südamerika oder Europa.

Allerdings gelten der europäische LNG-Markt sowie der noch kleinere südamerikanische Markt verglichen mit Asien gemäß den Zahlen der aktuellen LNG-Marktprognose von Shell eher als Hinterhöfe im globalen Handel mit Flüssiggas. Erstens ist man von der Konjunktur im asiatisch-pazifischen Raum abhängig, wo die Preisbildung am stärksten beeinflusst wird. Zweitens ist der asiatische Markt mit mehr als 75 Prozent der globalen LNG-Nachfrage physisch viel größer und drittens ist er lukrativer für die Exporteure, weil da generell mehr geboten wird und der Nutzen deshalb am höchsten ausfällt.

Europas LNG-Markt nur bei hohen Preisen konkurrenzfähig?

Im Zuge der europäischen Gaskrise Ende 2021 war jedoch eine einzigartige Situation auf dem globalen LNG-Markt entstanden: Laut dem Portal russland.capital wurde Europa wegen den stark gestiegenen Gaspreisen plötzlich zu einem sehr gewinnbringenden Markt für Exporteure, während Asien einen Preisrückgang verzeichnete. Für die europäischen Länder war das Flüssiggas aus den USA an der Börse günstiger, als zusätzliches, nicht an langfristige Lieferverträge gebundenes Pipeline-Gas aus Russland, den Niederlanden oder Norwegen.

Dies und die sinkenden Gaspreise im asiatisch-pazifischen Raum haben die US-Exporteure motiviert, das LNG in Europa zu verkaufen. Als Folge wurden viele Schiffe, die eigentlich nach Asien gingen, nach Europa geschickt – und US-Händler konnten dort in dieser Zeit zum ersten Mal Rekordumsätze erzielen.

Die Lage entwickelt sich aber oft so, dass wenn die Preise in Asien fallen und die Preise in Europa im Gegenzug ansteigen, dann führt das wiederum dazu, dass die Preise früher oder später in den asiatischen Ländern wieder ansteigen, um die für die dortige Wirtschaft notwendigen LNG-Kontingente “abzufangen“.

So verursachte die Umleitung der LNG-Tanker nach Europa einen Anstieg der Gaspreise auf den asiatischen Märkten und wenn dies nicht zu einem Anstieg der europäischen Preise führt, wird dieser Markt für US-Exporteure automatisch uninteressant. Aus diesem Grund und angesichts der gegenwärtigen Gasknappheit in Europa könnten die Preise auf dem europäischen Markt erneut drastisch ansteigen.

Dies zeigt vor allem, dass das Interesse der LNG-Exporteure an Europa und die Konkurrenzfähigkeit der europäischen Importeure in Bezug auf Asien im Grunde den ungewöhnlich hohen Gaspreisen zu verdanken ist.

Wie das Portal EURACTIV unter Verweis auf Angaben der Europäischen Kommission schreibt, wirken sich hohe Gaspreise jedoch negativ auf die gesamte Wirtschaft aus und werden voraussichtlich auch 2022 ein Haupttreiber der Inflation bleiben. Die Preise hätten bereits energieintensive Industrien mit hohen Produktionskosten belastet und würden wahrscheinlich auch die Preise für andere Güter, einschließlich Lebensmittel, erhöhen.

Schlussendlich bleibt zusammenzufassen, dass die niedrige Verfügbarkeit von Flüssiggas weltweit, der mangelnde Ausbau der entsprechenden Infrastruktur auf dem europäischen Kontinent sowie die hohen Volatilität und Gaspreise entscheidende Argumente dafür sind, dass es künftig immer Schwierigkeiten bei dem Import und der Nutzung von LNG in Deutschland und der EU geben kann. Daher wird Russland zumindest kurz- und mittelfristig ein Hauptakteur bei der Energieversorgung in Europa bleiben. Langfristig haben die Europäer allerdings durchaus Möglichkeiten, ihre Energieimporte zu diversifizieren. Bis dahin gibt es aber nur wenig Alternativen, um russisches Gas vollständig und wenigstens nur zu einem großen Teil zu ersetzen.

Der Artikel von Alexander Männer ist zuerst auf EuroBRICS.de erschienen.

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Ein Kommentar

  1. Bei allem beschriebenen Unwägbarkeiten ist über ein Umstand leicht hinweggegangen worden. Die Abhängigkeit zu Russland, dass die Russen die Energieversorgung als Erpressungspotential nutzen könnten, das durch nichts belegt ist. Wie im Artikel beschrieben, ist das Fracking Gas erst dann sicher geliefert, wenn es entladen ist, bis dahin folgt es dem Markt. Was ist das für eine Energiesicherheit? Das gab es schon bei den Corona-Masken.
    Was wäre denn, wenn die USA sich nicht an Verträge halten würde? Gäbe es dann Sanktionen? Das hieße den Strick kaufen, mit dem man aufgeknüpft wird.
    Eine Kleinigkeit noch, die Infrastruktur für Fracking-Gas würde Jahre beanspruchen. Dabei darf wie beschrieben, kein Französisches „Grünes“ Atomkraftwerk ausfallen, wie immer.
    https://www.geo.de/natur/oekologie/2906-rtkl-erdgasfoerderung-fracking-das-sollten-sie-wissen#weniger-brennstoff-als-gedacht

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