Die Renovierung der Erinnerungskultur

Frank-Walter Steinmeier 2020 in Yad Vashem. Bild: kremlin.ru/CC BY-SA-4.0

 

Die legendäre deutsche Erinnerungskultur, mit ihrem Zentrum, der Singularität von Auschwitz, und der unbedingten Israel-Solidarität als Folge, muss von Zeit zu Zeit an den aktuellen Bedarf angepasst werden.

Vor rund zehn Jahren legten Dana Giesecke und Harald Welzer ihre Studie „Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur“ vor. Fünf Jahre später wurde der Topos der Renovierung – nicht wörtlich, aber der Sache nach – von Björn Höcke in seiner bekannten Dresdener Rede wieder aufgegriffen. Der AfD-„Flügel“-Mann bezeichnete, anknüpfend an die Polemik eines Franz-Josef Strauß oder Martin Walser, die bisherige „Bewältigungspolitik“ als „dämlich“ und forderte eine „Wende um 180 Grad in der Erinnerungskultur“.

Im Vergleich mit seinen Vorgängern war Höckes Tonlage eher gedämpft. Walser hatte 1998 von Auschwitz als „Moralkeule“ gesprochen und das geplante Mahnmal einen „fußballfeldgroßen Albtraum im Herzen der Hauptstadt“ genannt, wobei er besonders vom Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein unterstützt wurde. Walser, so Augstein, habe eine „fällige Debatte angestoßen“; in der „wiedergewonnenen Hauptstadt Berlin“ solle „ein Mahnmal an unsere fortwährende Schuld erinnern“, wobei dieses „Schandmal“ „gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland“ gerichtet sei (taz, 20.1.17). Von Strauß hatte es ähnlich deftige Bemerkungen gegeben, die im Grunde ein Ende des ganzen Erinnerungsgedöns forderten.

Kritik der Vergangenheitsbewältigung

Gründe, die zunächst westdeutsche, nach 1990 dann mit einem „antitotalitären Konsens“ auf ganz Deutschland übertragene Aufarbeitung der NS-Vergangenheit einer kritischen Analyse zu unterziehen, gibt es in der Tat. Sie wurden auch von Experten deutlich genug gemacht. So veröffentlichten die Erziehungswissenschaftler Rolf Gutte und Freerk Huisken 1997 eine umfangreiche Bestandsaufnahme, die den Bildungsbetrieb, aber auch das geschichtspolitische Interesse des NS-Nachfolgerstaates ins Visier nahm.

Was die beiden Autoren unter dem programmatischen Titel „Alles bewältigt, nichts begriffen!“ zusammentrugen, ist allerdings keine der üblichen Defizitmeldungen. Seit den 1960er Jahren gab es ja den Vorwurf – Schlagwort „Unfähigkeit zu trauern“ usw. –, dass in (West-)Deutschland nur eine mangelhafte antifaschistische Bewusstseinsbildung stattgefunden habe, dass die erzieherischen Anstrengungen versagt hätten, dass „verdrängt und verschwiegen“ worden sei.

Diesem Fazit vom Versagen der Bildungsbemühungen schlossen sich Gutte/Huisken nicht an. Ihre These lief eher auf das Gegenteil hinaus: Der normale Bildungsbetreib innerhalb (wie auch außerhalb) der Schule habe sich an einem politischen Auftrag orientiert und um seine Durchführung gekümmert. Die Hauptergebnisse der kritischen Bilanz waren:

  • Antifaschistische Erziehung in der Nachkriegs-BRD hatte nicht die Erklärung – und damit die Kritik – des faschistischen Herrschaftssystems zum Ziel, sondern das Programm „Vergangenheitsbewältigung“. Unter dem Titel pflegte der Verliererstaat des Zweiten Weltkriegs seine politische Moral und trug sie als Ausweis seiner demokratischen Läuterung auf dem inzwischen beendeten Weg zur „Normalisierung“ nach außen und innen vor. Gemäß dieser staatspolitischen Vorgabe erging der Auftrag an die Pädagogik – und diese habe folglich „nicht aufgeklärte Faschismuskritiker, sondern deutsche Nationaldemokraten hervorgebracht“.
  • Die damit etablierten pädagogischen Anstrengungen lebten von dem Ziel, den Faschismus als negative Abweichung vom Idealbild der Demokratie zu bestimmen: Das nationalsozialistische Deutschland diente als dunkle Folie, vor dem das demokratische Herrschaftssystem umso heller strahlen sollte. So wurde über die beiden Herrschaftsformen gar nicht von der Sache her geurteilt, vielmehr drehte sich alles um die erwünschte Lektion, der Loyalität zum neuen Deutschland die höhere Weihe zu verschaffen.
  • Antifaschistische Erziehung ist demnach eine Schule des Nationalismus. Ihr Grundgedanke besteht in der ideellen Vereinnahmung aller Deutschen für die NS-Verbrechen, um dann durch die Dialektik von Be- und Entschuldigung dem Nachwuchs zu einer gefestigten nationalen Identität zu verhelfen. Das Programm, Vergangenheit „zu bewältigen“, verdankte sich also keinem simplen Interesse an der Klärung geschichtlicher Vorgänge, sondern der Absicht, zur deutschen Geschichte – auch und gerade angesichts ihrer „dunklen Kapitel“ – Ja sagen zu können.
  • Und so fügte sich der westdeutsche Antifaschismus schon immer in die neue (alte) Feindschaftserklärung gegen den Kommunismus ein. Im vereinigten Deutschland wurde er dann, nach der nun angebrochenen Unverkrampftheit & Normalität, zum Element eines selbstbewussten Antitotalitarismus herabgestuft – in dem Anspruch nämlich, dass diese Nation auf eine mehrfache Vergangenheit zurückblicken und sich als moralisch geläutertes Subjekt ganz neu zu Wort mel­den kann.

Von Gutte/Huisken wurden neben einer ausführlichen Begutachtung des Normalbetriebs auch pädagogische Innovationen, etwa die Entdeckung des „Alltags unterm Hakenkreuz“, die Ende der 1970er Jahre als „Betroffenheitspädagogik“ von sich reden machte, auf den Prüfstand gestellt. Das Einziehen einer „unteren Betroffenheitsebene“ mit den didaktischen Weiterungen wie Zeitzeugen und Jugendbezug habe sich jedoch nicht dem Abstellen eines Mangels bisheriger Faschismuserklärungen verdankt, sondern der Absicht, Jugendliche als mitverantwortliche Deutsche anzusprechen. Die Bestandsaufnahme widmete sich auch anderen Innovationen, die mit neuen Methoden und Medien Ähnliches versuchten.

Das Fazit hieß, dass einem Zerrbild des Faschismus mit einem Idealbild der Demokratie begegnet werde. Gutte/Huisken bestritten dabei nicht die Unterschiede der beiden Herrschaftsformen, insistierten aber darauf, dass der in solchen pädagogischen Bemühungen immer unterstellte Vergleich reell durchgeführt werden müsse. Und sie arbeiteten heraus, dass im Nationalismus eine entscheidende Gemeinsamkeit der beiden Herrschaftsformen vorliegt.

Renovierungsbedarf des BRD-Patriotismus

Eine solche Kritik wurde natürlich vom pädagogischen Betrieb und den Verantwortlichen der geschichtspolitischen Inszenierung ignoriert. Was dagegen auf Resonanz stieß, waren Überlegungen zur Modernisierung des gesamten Bereichs, der sich durch die bildungs- und förderungspolitische Unterstützung etabliert und nach der Wiedervereinigung zu einer breit gefächerten Landschaft der Erinnerungskultur entwickelt hatte – mit dem auf Initiative von Kanzler Kohl errichteten Holocaust-Mahnmal sozusagen als Krönung.

So war in gewisser Weise Adornos kategorischer Imperativ „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung“, der ursprünglich von der 68er-Protestszene, dann von verschiedenen zivilgesellschaftlichen Initiativen aufgegriffen wurde, im konservativen Lager und bei der Springer-Presse angekommen. Und heute wird „die Erinnerung an das anerkanntermaßen monströseste Verbrechen der modernen Geschichte als kollektiver Verantwortungsbesitzstand“ Deutschlands und in der Konsequenz „dessen Verknüpfung mit der Existenz und Politik des Staates Israel zu einer gemeinsamen Schicksalsgemeinschaft als deutsche Sache“ verfochten (Gegenstandpunkt, 3/21).

Aus dem pflichtgemäßen Bekenntnis zur „Wiedergutmachung“, das in der Adenauerära – auch unter Protest aus CDU/CSU – als „Bedingung für den Wiederaufstieg, nämlich für den Einstieg als anerkanntes Mitglied in die Koalition westlicher kapitalistischer Nationen unter der Führung Amerikas“ (Gegenstandpunkt) abgeliefert wurde, erwuchs so ein nationaler Besitzstand. Die politisch-diplomatische Funktion, die die Vergangenheitsbewältigung für die Etablierung des Adenauerstaates besaß, hat sich zwar erledigt, der Bedarf nach einer entsprechenden Selbstdarstellung aber nicht. Die besteht auf der Singularität von Auschwitz. „Keine sonstige beklagte Untat deutscher oder auch anderer Täter darf auf eine Stufe mit dem Judenmord gestellt werden. Die Hüter dieses Selbstbilds der Nation bestehen auf der Einzigartigkeit dieses Verbrechens des ehemaligen Deutschland, weil nur so die moralische Exklusivität des heutigen Deutschland zur Geltung kommt, an der sie so einen Gefallen gefunden haben.“ (Gegenstandpunkt)

Es geht bei dieser „Kultur“ also nicht bloß um Leitlinien für den Geschichtsunterricht oder für die Sonntagsreden, die bei diversen Anlässen fällig sind. Vielmehr hat der Erinnerungsbetrieb „eine für die deutsche Demokratie nicht unerhebliche Funktion: als Kriterium, an dem die etablierten Demokraten sortieren, wen sie als Beitrag zur politischen Willensbildung des Volkes und damit als Konkurrenten um die Macht gelten und gewähren lassen wollen und wen nicht“ (Gegenstandpunkt) – eine Abgrenzung, die z.Zt. vor allem der AfD zu schaffen macht. Diese versucht zwar in puncto Israel-Solidarität die regierenden Parteien zu übertreffen, aber im ständigen Gedenken an Auschwitz  sieht sie einen „Schuldkult“, der das patriotische Gemüt unnötig belastet und für ein selbstbewusstes nationales Auftreten hinderlich ist.

Letzteres – ein gesunder deutscher Nationalismus, der sich auf dem Globus sehen lassen kann – ist natürlich auch die Zielsetzung der offiziellen Gedenkkultur, sie will ja gerade die mustergültige Läuterung Deutschlands vorführen. Um diese Funktionalität zu gewährleisten, wurden Anfang des 21. Jahrhunderts Rufe nach Modernisierung laut. Einen Schlussstrich sollte es auf keinen Fall geben. Die Deutsche Vereinigung für politische Bildung führte etwa eine eigene Tagung durch, die sich mit den neuen Erfordernissen „nach ’nach Auschwitz'“ auseinandersetzte (vgl. Ahlheim 2014).

In diesem Kontext entstand auch die Schrift von Welzer und Giesecke, die Nachdruck auf den Renovierungsbedarf legte. Dass Defizite und Leerlauf in der historisch-politischen Bildung zu finden waren, hatten auch schon Fachleute festgestellt. Welzer, laut Tagesspiegel „einer der einflussreichsten Intellektuellen Deutschlands“, fasste in einem Interview seine Kritik am Gedenkstättenbetrieb dahin gehend zusammen, dass ihn „vor allem die Ritualisierung des Holocaust-Gedenkens mit immer denselben Sprechblasenformeln und Betroffenheitsbekundungen“ störe – Rituale, „die mit politischer Bildung sehr wenig zu tun haben und ihr – im Gegenteil – häufig sogar noch im Weg stehen“ (zit. nach Ahlheim).

Der Erziehungswissenschaftler Klaus Ahlheim stimmte solchen Kritikpunkten zu. Aber er hielt – ähnlich wie Norbert Reichling (2012), der lange in der Bildungsarbeit tätig war – dagegen: Sie stammten von vorgestern, träfen nicht die aktuelle Professionalität, vermengten stattdessen die politische Betreuung und Indienstnahme der Erinnerungskultur mit der konkreten pädagogischen Arbeit in den Einrichtungen. Der problematische Kern der Geschichtspolitik gerate so gar nicht ins Visier.

Vielmehr geriet die vorgetragene Kritik am Leerlauf des Erinnerungsbetriebs zu einer Abrechnung mit dem Gründungsimpetus, der aus der 68er-Generation kam. „Was hier als weitgehende Erstarrung in Narrativen der 1980er Jahre gezeichnet wird, führen die Autoren auf die Etablierungskämpfe der alternativen ‚Gegengeschichte‘ und der ersten Gedenkstätten zurück; sie glauben zu erkennen, dass die heutigen Akteure der Erinnerungskultur in ihrer Gründungserzählung gefangen sind und die hohe Moralität der 30-40 Jahre zurückliegenden ‚Fronten‘ weiter tradieren. Die Gefahr der Überwältigung Lernender, insbesondere junger Menschen, erscheint hier als Ausfluss bornierten Sendungsbewusstseins der Akteure.“ (Reichling)

Schon wieder renovieren?

2021 meldet jetzt Per Leo in seinem Buch „Tränen ohne Trauer“ denselben Bedarf noch einmal an. Seine Reflexionen „Nach der Erinnerungskultur“ wurden hochgelobt: „Leo hinterfragt die deutsche Erinnerungskultur wie keiner vor ihm. Ich habe seit Jahren kein so intensives, dringliches und brillant geschriebenes Buch mehr gelesen.“ (NZZ, 26.9.21). Das ist natürlich Unfug. Leo führt Überlegungen im Stil von Giesecke/Welzer fort (ohne übrigens diese Studie zu erwähnen) und wiederholt auf weite Strecken bekannte Bedenken. Dabei ist die Absage an das antifaschistische Sendungsbewusstsein – als Folge des 68er-Aufbruchs – bei ihm auch ein entscheidender Punkt.

Am Schluss gibt es bei Leo ein paar gut gemeinte Ratschläge an Pädagogen, wie sie Reichling schon bei Giesecke/Welzer als überflüssige Zutat aufgespießt hatte. Historisch-politische Bildung – der rationale Kern des Erinnerungsbetriebs, nämlich die Befassung mit den Gründen von Faschismus wie Rassismus und die daraus gewonnene Möglichkeit der Aufklärung – spielt sonst bei Leo kaum eine Rolle. Bezeichnend sind in dem Zusammenhang auch andere Leerstellen. Adorno wird ganz am Rande erwähnt, z.B. als „Kuschelteddy“ der Linken, mit dem man es sich im Holocaustgedenken bequem gemacht habe – so bequem, dass man nach den „Schuldkult“-Vorwürfen der AfD gleich ein großes Geschrei veranstalten musste. In dieser Aufregung kann Leo nur noch „die gleiche spiegelbildliche Komik“ wie auf der rechten Seite entdecken (Leo, 93). Denn: „Das Erinnerungsgebot und der Vergessenswunsch sind nur zwei Seiten des gleichen Willens, dem Problem aus dem Weg zu gehen.“ (Leo, 92) Eine steile These!

Von Adornos Veranstaltungen zur Kritik des Rechtsradikalismus oder seinem berühmten Rundfunkvortrag aus dem Jahr 1966 „Erziehung nach Auschwitz“ ist bei Leo nicht die Rede. Der Vortrag kündigte seinerzeit einen pädagogischen Aufbruch an und wurde zum Prüfstein für die folgende Generation. Adornos Ausführungen zu seinem Imperativ der Erziehung werden von Leo jedoch genau so ignoriert wie die folgende Kritik, etwa die Arbeiten von Huisken oder Ahlheim. Statt dessen wird man mit Plattitüden versorgt: „Historische Bildung“ könnte bei Jugendlichen „den Kontakt mit der Realität befördern“, auch eine „kluge Bildungspolitik und zielgerichtete Projektmittel“ könnten hilfreich sein (Leo, 200).

Für den Schulunterricht hat der Autor leicht aberwitzige Vorschläge parat. Die Leitlinie entnimmt er der Völkermordforschung und hält fest, „dass man aus der Vergangenheit erst dann lernen kann, wenn sie unaufgeräumt erscheint“ (Leo, 232). Der Topos der Unaufgeräumtheit, den Leo mehrfach variiert, soll dafür stehen, dass Geschichte eine Ansammlung von Ereignissen darstellt, bei der man sich in der einen oder anderen Weise bedienen kann. Die Ereignisse in eine Ordnung zu bringen, soll unzulässig sein, die Freiheit des Zugriffs darf nicht beschnitten werden. Die Vielfalt der Geschichte müsse man vielmehr in „Erzählungen zusammenführen, die keine Botschaft vermitteln, sondern ein Angebot“ (Leo, 232f). Eine seltsame Unterscheidung: Natürlich sind Botschaften Angebote, an- und übernehmen müssen die Adressaten sie schon selber. Eine Seite später kommt Leo dann auf die Schule zu sprechen und hält fest: „Schuldbildung soll Grundwerte vermitteln. Aber sie darf nicht an Gesinnungen rühren.“ (Leo, 233)

Wie man sieht, passt hier nichts zusammen: Erst soll alles Mögliche offen bleiben, dann geht es ganz klar um eine Botschaft, nämlich um die Achtung der Grundwerte. Diese sollen ja nicht einfach bekannt gemacht und einer kritischen Prüfung unterzogen werden (da würden sie möglicher Weise alt aussehen), sondern sie stehen zur „Vermittlung“ an. Das ist auch der Sinn der modernen Erzählkunst, die in Wissenschaft wie Politik auf „Narrative“ setzt: Am Schluss soll ein „Fabula docet“ herauskommen, eine Einschwörung auf bestimmte Haltungen oder Gewissheiten. Kurioser Weise soll das aber nicht die „Gesinnung“ der Schülerschaft tangieren, obwohl es gerade um das Wertebewusstsein geht.

Bei Leo folgen dann Vorschläge ans pädagogische Personal, die einen genialen Mittelweg propagieren. Provokationen von Schülern, z.B. Hakenkreuzschmierereien, sollen Lehrkräfte nicht überbewerten und gleich als Grund zum Einschreiten nehmen – „Ohne Provokation keine Pubertät“ -, aber auch nicht „unwidersprochen ignorieren“ (Leo, 233). Der Ausweg: Man soll sie als Lernanlass nehmen – ein Tipp, der wohl jedem Praktiker geläufig ist. Bei dem Beispiel denkt der Autor übrigens an eine engagierte Lehrerin, die in ihrer Klasse Jugendliche mit arabisch-muslimischem Hintergrund hat und die beim Thema „Shoah“ gleich auf das Thema „Nakba“, „wie die palästinensischen Araber ihre Katastrophe nennen“, gestoßen wird. Beide „Katastrophen“ dürften natürlich nicht auf die gleiche Stufe gestellt, Schuld auch nicht mit Schuld verrechnet werden.

Irgendwie soll es im Unterricht multiperspektivisch zugehen. Aber kann man einfach Positionen gegeneinander stellen und dann stehen lassen? Eine gute Frage, meint der Autor. Doch: „Wie die Antwort ausfällt, kann kein Gebot, keine Theorie und kein Lehrplan entscheiden, sondern nur das Leben…“ Tja, da braucht es eben das berühmte Fingerspitzengefühl. Dabei erwartet sich der Autor von der Schulpädagogik sowieso nicht viel, sein Beispiel war im Grunde fiktiv: „Natürlich ist die Existenz einer solchen Lehrerin sehr unwahrscheinlich…“ (Leo, 235f).

Nachjustieren als Daueraufgabe

Die Forderung nach einer multiperspektivischen Aufarbeitung ist das eine, auf das die neue Bilanz Wert legt. Sie will plurale Herangehensweisen, „weil das erste Prinzip der Wissenschaft die Pluralität ist“ (Leo, 45). Im Rahmen eines solchen Pluralismusgebots übt der Autor auch Kritik an bestimmten Glaubenssätzen, die heute in der BRD Geltung haben. So weist er die üblichen westlichen Vorwürfe an die Adresse des DDR-Antifaschismus oder die Gleichsetzung bzw. „Überblendung“ von Antisemitismus und Antizionismus zurück, kritisiert die Anti-BDS-Resolution des Deutschen Bundestages sowie die ihr zu Grunde liegende „IHRA-Arbeitsdefinition Antisemitismus“ und den Beauftragten der Bundesregierung, der auf Basis der beiden vorgenannten Punkte agiert. Und natürlich erfolgen – ein Leitmotiv des Buchs – zahlreiche Einwände gegen die Singularitätsthese. Das wird am Ende dahingehend aufgelöst, dass man nur noch an einer Besonderheit (nicht Singularität) des Holocaust festhalten könne, nämlich an der „grenzüberschreitenden Qualität“, wobei die „tief in der Geistesgeschichte verwurzelte“ Judenfeindschaft „Züge einer Kreuzzugsideologie“ angenommen habe (Leo, 222).

Dass diese Besonderheit triftig ist, bleibt zweifelhaft. Muslime, die zu Opfern eines antimuslimischen Rassismus werden, erfahren diesen ja durchaus als Werk eines Kreuzzugs, der auch seine historisch tief verwurzelte Parallele im Abendland aufweist. Der Attentäter Breivik, der einer orientalischen Überfremdung entgegen treten wollte, berief sich z.B. auf diese Tradition, ja sah sich selbst in der Rolle eines Kreuzritters. Wichtiger ist, dass Leo mit einer solchen unorthodoxen Kritik zwar Position bezieht, sie aber gleich wieder in seinem multiperspektivisch angelegten, auf „Unaufgeräumtheit“ zielenden Vorgehen relativiert. Auf die Verteidigung des DDR-Antifaschismus folgt z.B. gleich wieder der Rückruf, da es sich hier ja eindeutig um eine Diktatur gehandelt habe. Nachdem die Verdienste der 68er gewürdigt wurden, muss deren Rückzug in die Auschwitz-Kuschelecke mit dem Teddy Adorno aufgespießt werden.

Oder am Beispiel des Nahostkonflikts: Leo trägt Argumente zur Kritik der israelischen Besatzung des Westjordanlands und der Siedlerbewegung vor. Das Fazit „Es gibt Gründe für die Besatzungspolitik, wie es berechtigten Widerstand gegen sie gibt“ (Leo, 185) nimmt deren Relevanz dann aber wieder zurück. Im Ergebnis heißt das, dass man sowohl Israel-Kritiker vom Typ der BDS-Bewegung verstehen kann, aber genauso den offiziellen Boykott, der in Deutschland über diese Bewegung verhängt wurde.

Mit dem multiperspektivischen Herangehen ist es aber nicht getan. Das ewige Hin und Her hat nicht das letzte Wort. Leo hat eine eindeutige Leitlinie für sein Problematisieren. Es geht ihm um „die identitätsstiftenden Narrative der Erinnerung“ (Leo, 216). Bei aller Pluralität wird eben doch auf eine Identität gezielt, nämlich auf die nationale. Im Zuge der Kritik an den Antideutschen schreibt der Autor: „Teil der Linken zu sein hieß immer schon, von der eigenen Herkunft zu abstrahieren, um sich selbst auf die richtige Seite der Geschichte zu stellen.“ (Leo, 179) Sich von seinem ethnischen Zusammenhang loszusagen – so wie Marx, der Stammvater der Linken, sich von seinem Judentum lossagte – geht gar nicht. Sich für etwas Richtiges zu entscheiden, z.B. für eine Absage an den Nationalismus, ist eine Anmaßung, die die Einbindung ins nationale Kollektiv ignoriert.

Das Eingebundensein steht fest, bei den Konsequenzen muss man aber hin und wieder renovieren. „Könnte es nicht auch für Deutsche mit Arierhintergrund allmählich an der Zeit sein, sich von Hitler zu emanzipieren“ (Leo, 201), fragt Leo und variiert damit die Aussage, mit der der Klappentext für das Buch wirbt. „Arierhintergrund“ wie die gelegentliche Rede von den „Post-Ariern“ sind dabei scherzhafte Formulierungen, die aber eines allen Ernstes zum Ausdruck bringen sollen: Hier hat man ein völkisches Kollektiv vor sich, nicht zusammengeschweißt durch Blut und Boden, sondern durch einen Verantwortungszusammenhang, dem keiner entkommen kann – und der z.B. auch von allen Einwanderern Verantwortungsübernahme verlangt, soll die Integration gelingen.

Der Autor will mit der Emanzipationsforderung natürlich keinem Höcke das Wort reden. Vergessen werden soll Hitler nicht. Der Bezug auf Auschwitz soll bleiben, das Ganze nur etwas unverkrampfter über die Bühne gehen. Dieser Gedanke, den man aus den Grundsatzreden eines Bundespräsidenten Herzog kennt, bringt einen Großteil von Leos Argumentation auf den Punkt. „Das Erbe des Nationalsozialismus verpflichtet Deutschland auf ein ethisches Minimum, dessen Pflege auch künftig Staatsaufgabe bleiben sollte.“ (Leo, 207) Ein Minimum muss genügen, Übertreibungen sollen unterbleiben. Das ist es, was mit Unverkrampftheit in einem normal gewordenen Deutschland gemeint war: ein nüchternes Erinnern, „ohne Tränen“, praktiziert „in einer lebendigen Geschichtskultur“ (Leo, 97), die unnötiges „Gedächtnistheater“ (Max Czollek) unterlässt.

Leo ist dabei ein Historiker, der gern mit einer Distanz zu seiner Zunft kokettiert, ihr aber letztlich treu bleibt: Bei ihm agiert die Geschichte als ein Subjekt, das der Nachwelt ein Erbe hinterlässt und Aufträge erteilt. Dass der westdeutsche Staat nach 1945 einen Auftrag der Sieger annahm, um den eigenen Wiedereintritt in die Staatenkonkurrenz zu bewerkstelligen, erscheint hier als Werk einer höheren geschichtlichen Verantwortungsgemeinschaft. Die ethische Verpflichtung Deutschlands und der Deutschen, die als vorstaatliches Faktum gegeben sein soll, hält der Autor wie noch jeder deutsche Bundespräsident hoch.

Die ganze Erinnerungskultur, die ja – da kennt der Autor sich aus – einige Sumpfblüten hervorgebracht hat, wird von ihm unter dem Gesichtspunkt betrachtet, ob sie auch die gewünschte Leistung hervorbringt, nämlich die Ausstaffierung eines modernen Nationalbewusstseins. Das muss zu einer Nation passen, die ihren Wiederaufstieg in der Staatenwelt hinter sich hat und die sich auf dem Globus nicht kleiner machen will, als sie ist. Hier muss immer wieder nachjustiert werden. So kann Leo auch gleich praktische Tipps geben, wie man in einer national emanzipierten Form aufzutreten hätte, und zwar an einem aktuellen Fall.

Als sich am 22. Juni 2021 zum 80. Mal der Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion jährte, hielt Bundespräsident Steinmeier eine Rede, in der er folgende Mahnung unterbrachte: „Mehr als 20 Millionen Menschen der damaligen Sowjetunion sind dem Krieg zum Opfer gefallen. Das rechtfertigt kein Fehlverhalten der russischen Politik, aber das größere Bild dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren“ (zit. nach Leo, 208). Das ist schon bemerkenswert: Die 20 Millionen Toten, die dem deutschen Vernichtungskrieg zum Opfer fielen, zählen natürlich nicht in gleicher Weise wie die 6 Millionen toten Juden, die angeblich Deutschland dazu verpflichten, dem nahöstlichen Staatsgründungsprojekt bedingungslos – Israel ist „Teil der deutschen Staatsräson“ (Merkel) – die Treue zu halten. Sie werden erwähnt, um Putin gleich daran zu erinnern, dass er sich keinesfalls unter Berufung auf die eigenen Opfer gegenüber Deutschland etwas herausnehmen darf. Deutschland kennt das „größere Bild“, weiß sich in diesem Sinne geläutert, und an Gedenktagen wird das auch einmal narrativ für ein bis zwei Stunden aufbereitet. Aber das berechtigt Russland zu gar nichts!

Das ist schon ein diplomatischer Affront sondergleichen gegenüber dem Kriegsgegner von gestern, der jetzt wieder als der neue im Visier des Westens ist. An dieser Unverfrorenheit hat aber Leo gar keine Kritik, im Gegenteil. Er könnte sie sich noch massiver vorstellen. Er nimmt nämlich den Einwand des ukrainischen Botschafters in Deutschland auf, Steinmeier hätte bei der Inszenierung des deutschen Schuldbewusstseins, das russische Ansprüche zurückweist, gleich noch einen Schritt weitergehen sollen, nämlich das sowjetische Völkergefängnis anklagen und die Ukraine als Opfer herausstellen sollen. Das ist wirkliche eine gelungene Renovierung: Die Erinnerung an die eigene Schuld dazu zu benutzen, die der anderen zur Sprache zu bringen!

 

Literatur

Klaus Ahlheim, Verstörende Vergangenheit – Wider die Renovierung der Erinnerungskultur. Hannover 2014.

Dana Giesecke/Harald Welzer, Das Menschenmögliche – Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur. Hamburg 2012.

Rolf Gutte/Freerk Huisken, Alles bewältigt, nichts begriffen! Nationalsozialismus im Unterricht. Eine Kritik der antifaschistischen Erziehung. 1. Auflage, Berlin 1997.

Per Leo, Tränen ohne Trauer – Nach der Erinnerungskultur. Stuttgart 2021.

Norbert Reichling, Gedenken „renovieren“? In: Journal für politische Bildung, Nr. 3, 2012.

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