Dänemarks Geheimdienstchef als Whistleblower?

Svend Larsen, Nachfolger von Lars Findsen. Bild: Forsvarets Efterretningstjeneste (FE)

Dänemarks prominentester U-Häftling heißt Lars Findsen, formal immer noch  Chef des Militärischen Geheimdiensts FE. Der Beamte soll angeblich vertrauliche Informationen an die dänischen Medien geleakt haben.

 

Der 57-Jährige und drei weitere Personen wurden bereits Anfang Dezember von der Polizei verhaftet. „Die Weitergabe der Informationen kann Dänemark oder den Staaten der EU beziehungsweise der NATO schweren oder äußerst schweren Schaden zufügen“, so die Einschätzung des Inlandgeheimdiensts PET. Die Verhaftung wurde erst Anfang dieser Woche von dänischen Medien bekannt gemacht, da der studierte Jurist Findsen nicht auf Namensschutz bestand.

Das bekannteste „Leck“, für das der Geheimdienstler verantwortlich sein soll, ist das Versorgen der Medien mit Informationen über die Zusammenarbeit seines Dienstes mit dem US-Auslandsdienst NSA. Beide Organisationen waren für das Anzapfen europäischer Spitzenpolitiker wie Angela Merkel und Emmanuel Macron verantwortlich, was für einen Skandal sorgte.

Die dänische Geheimdienst-Kontrollbehörde veröffentlichte bereits im August 2020 einen Bericht, der Sicherheitslücken im Dienst FE vermutete. Danach beschloss der Inlandsgeheimdienst PET, auch verantwortlich für den Schutz von Staatsgeheimnissen, den Militärischen Geheimdienst abzuhören.

Doch weiter wurden Informationen an die Medien weiter gegeben, wie über einen Undercover-Agenten in der Islamistenszene sowie über den Unwillen der Regierung, Kinder aus den kurdisch kontrollierten Lagern mit Gefangenen aus dem „Islamistischen Staat“ aufzunehmen, so die Angaben des öffentlich-rechtlichen Senders DR.

Der aktuelle „Skandal“ betrifft nun nicht das Faktum, dass der dänische Dienst mit einem amerikanischen zusammen Verbündete abhört, sondern dass dies und andere Informationen an die Presse weitergegeben wurden.

Unter den drei verhafteten Personen sollen auch ehemalige Mitglieder des Inlandsgeheimdiensts PET sein, diese seien jedoch mittlerweile auf freiem Fuß.

Um weitere Veröffentlichungen zu unterbinden, luden nach den Verhaftungen beide Geheimdienste die Leiter der führenden Medien zu einem Gespräch, bei dem diesen angedroht wurde, dass solche Publikationen eine Gefängnisstrafe von bis zu zwölf Jahren nach sich ziehen können. Eine Verurteilung nach der sogennanten „Landesverräterklausel“ droht auch dem Inhaftierten.

Findsen hält die Vorhaltungen für „verrückt“, wie er zum Auftakt der Verhandlung erklärte, die dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit weiter geführt wurde.

Die dänische Regierung müsse nun das Vertrauen der ausländischen Dienste, gemeint sind wohl die amerikanischen, wieder aufbauen, sagte der ehemalige Geheimdienstler und Publizist Hans Jörgen Bonnichsen im dänischen Fernsehen.

Aber auch im Inland ist der Vertrauensverlust enorm. Denn es gibt kaum einen Dänen, der mehr Wissen über Sicherheitsfragen in sich speichert als Findsen. Seit 1990 war er in sensiblen Bereichen tätig, kurz nach den Anschlägen auf das World Trade Center wurde er Chef des Inlandsgeheimdiensts PET, es folgten Posten im Verteidigungsministerium, von 2015 an leitete er den Militärischen Geheimdienst FE, deren Chef er formal weiterhin ist, trotz Freistellung vor anderthalb Jahren.

Das NATO-Mitglied Dänemark gilt als einer der treuesten Verbündeten der USA, auch die regierenden Sozialdemokraten unter Mette Frederiksen sind traditionell bekennende Atlantiker. Das Land mit seinen knapp sechs Millionen Einwohnern liegt strategisch wichtig zwischen Nord- und Ostsee und bestimmt die Außen- und Sicherheitspolitik von Grönland und den Färöer Inseln.

Die dänische Regierung schweigt sich bislang zu dem Fall aus, auch die Anklageschrift wird geheim gehalten. Eine Offenlegung des Falls fordert Lars Kjeldsen, der Anwalt des Beschuldigten, aber auch einige Parteien im dänischen Parlament verlangen mehr Informationen.

Nach aktuellem Wissensstand sehen die Medien in Dänemark zwei Möglichkeiten – entweder ist die Regierung dabei, ihre eigenen Geheimdienste zu zerlegen, indem sie eine unbegründete Anklage gegen den Findsen erhebt, oder Dänemark hat einen Spionagechef, der die Sicherheit des Königreichs untergraben hat. Beide Versionen gelten als Katastrophe. Bis Anfang Februar soll Findsen in U-Haft bleiben.

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