Berichterstattung ohne Balance?

Klagende Mutter nach dem Anschlag auf die Schule in Kabul.

 

In Kabul sind vor drei Tagen bei einem Angriff auf eine Schule mehrere Kinder getötet worden. WHO-Chef Tedros A. Ghebreyesus fordert eine Balance in der Berichterstattung. Darüber hatten Anfang März auch der russische Außenminister und eine britische Journalistin gestritten.

„Ich habe eine Frage zu Polina Zakhodinskaya. Sie war in der Abschlussklasse der Grundschule. Sie wurde von Russen erschossen… Herr Lavrow, ich weiß, Sie haben selbst eine Tochter. Ich möchte, dass Sie mir in die Augen schauen und mir nur sagen, wie schlafen Sie nachts, wissend, dass russische Bomben Kinder töten?“

Die Anklage der britischen Journalistin, vorgebracht auf einer Pressekonferenz Anfang März, zeigt beispielhaft das Bemühen der westlichen Berichterstattung, die Opfer des Krieges aus der Anonymität herauszuholen. Wie in kaum einer Kriegsberichterstattung zuvor wird den Opfern des Krieges in der Ukraine ein Gesicht gegeben, indem ihre Namen genannt, ihre Geschichte erzählt und ihre Bilder gezeigt werden. Mitgefühl und Empörung weltweit sind die Folge.

Mindestens sechs Kinder und Jugendliche fielen vor drei Tagen einem Terroranschlag im Westen Kabuls, im Stadtteil Dasht-e Barchi zum Opfer. Sie wurden getötet, als sie gerade die Schule verließen. Es ist nicht der erste Anschlag dieser Art, die Brutalität des Schicksals trifft die Menschen deswegen nicht weniger hart. Mindestens 20 verletzte Schüler soll es geben. Ihre Schulbücher liegen verteilt über dem Boden. Eine Mutter sucht verzweifelt ihren Sohn, ein Vater soll gleich drei seiner Söhne verloren haben. Wie lauten ihre Namen, wo sind ihre Bilder, was ist ihre Geschichte?

Das ZDF hatte für das Schicksal dieser Kinder und Jugendlichen in der heute-Sendung um 19 Uhr kein Wort übrig. Das gilt auch für das heute-Journal, das von Bettina Schausten mit den Worten „Soweit der Tag aus unserer Sicht“ beendet wurde. Auch die ARD-Tagesthemen erwähnten den Anschlag auf die afghanischen Schulkinder mit keinem Wort. Lediglich die Tagesschau konnte sich immerhin zu einer kurzen Randbemerkung als letzte Meldung vor den Sportnachrichten entschließen. Das alles beherrschende Thema der Abendnachrichten von ARD und ZDF blieb die Frage nach Waffenlieferungen an die Ukraine.

Erst letzte Woche hatte der Leiter der Weltgesundheitsorganisation Tedros Adhanom Ghebreyesus beklagt, dass die Welt das Leben von Menschen je nach ihrer Herkunft ungleich gewichte:

 

„Unsere Aufmerksamkeit für die Ukraine ist natürlich sehr wichtig, weil es die ganze Welt betrifft, aber nicht einmal ein Bruchteil davon wird Tigray, Jemen, Afghanistan, Syrien und anderen Ländern gegeben. Nicht ein Bruchteil. Und ich muss offen und ehrlich sagen, die Welt behandelt die menschliche Rasse nicht auf dieselbe Art und Weise. Manche sind gleicher als andere, und wenn ich das sage, dann tut mir das weh, es ist sehr schwer zu akzeptieren, aber es geschieht.“

Ghebreyesus‘ Worte und sein abschließender Appell, jedes Leben ernst zu nehmen, weil jedes Leben kostbar ist, wurden kaum zur Kenntnis genommen, das gilt auch für den (hier leicht gekürzten) Wortwechsel zwischen Lavrow und der britischen Journalistin über den Tod eines ukrainischen Kindes:

„Ich kann dem nichts hinzufügen, was ich nicht bereits gesagt habe, antwortet der russische Außenminister, „jedes Leben ist kostbar, leider umfassen Kampfhandlungen auch Opfer, nicht nur unter den Militärangehörigen, sondern auch unter Zivilisten, unsere an der Spezialoperation teilnehmenden Soldaten haben den strikten Befehl, nur hochpräzise Waffen zu benutzen, um die militärische Infrastruktur abzustellen…Ich kann nur mein Beileid für die trauernde Familie übermitteln.“

„Sie sagen, hochpräzise Waffen werden benutzt, aber Hunderte von Zivilisten sind Berichten zufolge schon gestorben. Das wird jetzt vom Internationalen Gerichtshof untersucht. Ich frage mich, ob Sie sich persönlich auf Ihre Verteidigung vor einem Kriegsverbrechertribunal vorbereiten?“

„Ich sage es noch einmal: Ich rechtfertige keinerlei Handlungen, die den Tod von Zivilisten zur Folge haben. Wir waren es nicht, die den Begriff ‚Kollateralschäden‘ erfunden haben. Unsere westlichen Kollegen haben dies getan während ihrer unverantwortlichen Unternehmungen in Irak und davor in anderen Ländern… Haben Sie jemals die Entwicklungen in Irak oder Libyen mit demselben emotionalen Eifer behandelt? Mit Hunderttausenden von toten Zivilisten? Ich kann mich nicht daran erinnern. Ihre Frage betrachte ich deshalb als rhetorisch.“

„Aber Sie haben den Krieg begonnen, und Polinas Blut klebt an Ihren Händen, ist es nicht so, Herr Lawrow?

„Ich verstehe, dass Sie all das auf die Weise behandeln wie Sie es brauchen, aber ich möchte Sie daran erinnern…, was Sie während der letzten acht Jahre gemacht haben, als kleine Mädchen, Frauen und ältere Menschen zu Tausenden im Donbass getötet wurden. Das ukrainische Regime hat sie getötet. Besuchen Sie die Internetseite unseres Ministeriums. Ich möchte lieber nicht Ihre Zeit beanspruchen mit langen Geschichten. Und wenn Sie so besorgt sind (und das wären Sie zu Recht) über die humanitären Konsequenzen jeder Kampfhandlungen, wäre es nur fair, wenn Sie sich die Kapitel anschauen würden, die Sie bisher in Ihrer Arbeit nicht anzusprechen bevorzugt haben.“

 

Der Wortwechsel zeigt ganz gut die Stärken und Schwächen der westlichen Kriegsberichterstattung. Die von der Journalistin zu Recht hartnäckig gestellte Frage nach der Verantwortung für die Tötung eines unschuldigen Kindes bleibt unbeantwortet. Lavrow weicht ihr mehr oder weniger aus, da es für diese Tat keine Rechtfertigung geben kann, das sagt er auch deutlich.

So wichtig die Beharrlichkeit der Journalistin ist, so offenbart der Wortwechsel aber auch eine allgemeine Schwachstelle der westlichen Berichterstattung, die oft genug den Richterstuhl für sich beansprucht, ohne menschliches Leben unabhängig von seiner Herkunft gleich(wertig) zu behandeln. Dass über die getöteten afghanischen Schulkinder in den Abendnachrichten des ÖRR hinwegberichtet wurde, ist ja nur ein Beispiel von vielen und eben keine redaktionellen Gründen geschuldete Ausnahme.

Update: Ich muss feststellen, dass es mir nicht gelungen ist, das, was ich an der Berichterstattung anderer kritisiere, besser zu machen. Auch in diesem Artikel ist über das Schicksal der afghanischen Kinder hinweggeschrieben worden.

 

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6 Kommentare

  1. Meines Erachtens verbietet es sich von selbst, vor allem unter dem Aspekt des Anstands, dass man als Journalist/in der sogenannten „westlichen Wertegemeinschaft“ mit dem Zeigefinger auf andere zeigt, während 4 Finger der Hand gleichzeitig auf die Kriegsverbrechen der eigenen Seite zeigen, um diese zu ignorieren und investigative Journalisten, die diese aufdeckten für 175 Jahre = lebenslang in der zu erwartenden Einzelhaft verrotten lässt.
    Von diesem Gesichtspunkt aus war Lawrow’s Reaktion völlig berechtigt.

  2. „So wichtig die Beharrlichkeit der Journalistin ist, so offenbart der Wortwechsel aber auch eine allgemeine Schwachstelle der westlichen Berichterstattung, die oft genug den Richterstuhl für sich beansprucht, ohne menschliches Leben unabhängig von seiner Herkunft gleich(wertig) zu behandeln. “

    Da hätte ich noch ein Beispiel für die inzwischen übliche westliche Berichterstattung im Hinblick auf die Herkunft. Und auch hier geht es um ukrainische und afghanische Menschen:

    „An unexpected visitor—a social worker—stood outside, bringing even more unexpected news: The family would have to clear out their home for newly arriving refugees from Ukraine. No questions, no negotiation, just “out within 24 hours,” they were told.
    The evictions purposefully weren’t publicized. Some people had lived in their homes for years and were ripped out of their social structures, including children who were moved to locations far from their respective schools.

    The decision was made by Berlin’s Senate Department for Integration, Labor, and Social Services, arguing that it was “based on operationally necessary and difficult considerations” and that there was no alternative because Ukrainians, including many women with children, needed a roof over their heads and a bed.“

    https://foreignpolicy.com/2022/04/20/germany-refugee-policy-afghanistan-ukraine/

    Irgendetwas davon in den Qualitätsmedien gelesen oder gehört?

  3. Es kann jetzt nicht darum gehen, sämtliche zivilen Kriegsopfer, auch nicht sämtliche minderjährige zivilen Kriegsopfer namentlich zu erwähnen. Die namentliche Erwähnung von Kriegsopfern ist nur dann legitim und sinnvoll, wenn es gegen den Krieg allgemein gerichtet geschieht, nicht arbiträr gegen einen bestimmten. Andernfalls handelt es sich um einen Emotionalisierungsversuch. Die Rezipienten sollen von den Hintergründen, Interessenlagen abgelenkt und im eignen Sinn beeinflusst, aus Eigeninteresse soll Verstand durch Gefühl ersetzt werden. Von pazifistischen Neigungen in Britannien ist mir nichts bekannt.

    Im Fall von Afghanistan erleiden, weniger spektakulär, viele Kinder den Hungertod. Dafür ist massgeblich die wirtschaftliche Strangulierung durch den Westen, also auch die Briten verantwortlich. Der Westen hat den afghanischen Krieg militärisch verloren, will das aber nicht akzeptieren und führt ihn daher mit anderen Mitteln weiter. Ohne die geringste Rücksicht auf die afghanische Bevölkerung.

  4. Es gibt eine sehr gute, einfache Möglichkeit, Kinder zu retten: Keine Waffen zu liefern! Das würde den Krieg recht schnell beenden, und ausserdem könnten dann wieder Getreide exportiert und die Felder bestellt werden und eine Hungerkatastrophe vermieden und mit dem Wiederaufbau der zerstörten Gebiete begonnen werden.

  5. Die Insistenz mit der auf Kriegsschuld beharrt wird ist nu wirklich Kindergarten.
    Da wird von vorne herein falsch abgebogen Richtung Moral & Waffenlieferungen die den Krieg nur verlängern (das ist der Plan aber warum machen Journis mit?).
    Was für eine „Friedensbewegung“ stellt als erstes feststellt daß Russland angefangen hat, wo es doch nur darum gehen kann daß der Krieg so rasch wie möglich aufhört.

  6. Diese Dame wollte doch nur versuchen, den Lawrow vorzuführen. Sie versteht sich, wie die meisten Journalisten, als Kriegspartei. Beispiel Spiegel: „Putins völkerrechtswidriger Angriffskrieg“ (Angriffskriege, die dem Völkerrecht entsprechen, sind offenbar ok.) Spiegel: „Putins Vernichtungskrieg“. Ich glaube kaum, dass Journalisten nicht wissen, was ein „Vernichtungskrieg“ ist. Sie haben jedoch ein Anliegen und sind bereit, für eine vermeintlich gute Sache, einseitig zu berichten.

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