Asovstal scheint noch immer nicht ganz „befreit“ zu sein

Heldenverehrung von Asow in Asovstal vom Nationalen Korps.

Nach russischen Angaben haben Kämpfer versucht, Munitionslager zuz sprengen. Derweilen wird die Heldenverehrung der Asow-Kämpfer inszeniert.

Die Geschichte des Stahlwerks Asovstal, in dem sich wochenlang ukrainische Soldaten und Asow-Kämpfer verschanzt hatten, ist auch nach der Kapitulation der meisten mitsamt ihren Kommandeuren noch nicht zu Ende. Am Freitag hatte Igor Konashenkov, der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, offenbar etwas zu früh verkündet, dass die Anlage „vollständig befreit“ sei, nachdem seit Montag 2134 Soldaten und Kämpfer sich nach dem Befehl des Oberkommandos ergeben und in russische Kriegsgefangenschaft gekommen sind, was die ukrainische Führung als „Evakuierung“ zu verkaufen sucht.

 

Schon der ukrainische Präsident Selenskij hatte nur davon gesprochen, dass fast alle Kämpfer Aovstal verlassen hätten. Am Montag hatte sich Svyatoslav Palamar, der stellvertretende Kommandeur des Asowschen Regiments, der auch am Freitag in Gefangenschaft gegangen ist, noch in einer Videobotschaft erklärt, dass er mit weiteren Kämpfern noch in Asovstal sei und eine Aktion vorbereite, die er nicht näher bezeichnen wollte: „Eine Operation ist im Gange, deren Einzelheiten ich nicht bekannt geben werde. Danke an der ganzen Welt, dank der Ukraine. Wir sehen uns.“

Nach Angaben von DNR-Chef Dennis Pushilin haben noch in dem Tunnelsystem von Asovstal verbliebene Kämpfer nach dem Verlassen der meisten anderen versucht, Munitionsvorräte zu sprengen. Dabei seien sechs Kämpfer getötet und vier weitere verletzt worden.  Unbekannt sei, wer das Kommando dazu gegeben hat, der Befehl sei hastig ausgeführt worden.

Der Vorfall macht darauf aufmerksam, dass sich noch weitere Kämpfer im Untergrund aufhalten könnten, die sich nicht ergeben wollen oder noch etwas vorbereiten, wie Palamar angekündigt hatte. Pushilin erklärte, es würde „jeder Raum, jeder Winkel und jedes Versteck“ durchsucht. Das kann auf dem riesigen Gelände mit seinem verzweigten unterirdischen Tunnelsystem lange dauern.

Religiöse Heldenverehrung. Bild: Dmytro ‘Orest’ Kozatsky/Asow-Regiment

Derweilen wird weiter an dem Heldenstatus der Asovstal-Kämpfer und der ukrainischen Soldaten gebaut. Selenskij hatte den todesmutigen Einsatz von Hubschraubercrews gewürdigt, die den Eingeschlossenen Lebensmittel und Medikamente brachten und Verletzte (und VIPs?) abholen sollten. 90 Prozent seien getötet worden. Das sollte wohl auch begründen, warum eine militärische Befreiung nicht möglich gewesen sei, die Asow gefordert, aber die von Kiew abgelehnt wurde. Selenskij schob die Verantwortung des westlichen Partnern die Verantwortung zu, die die dafür notwendigen Waffen nicht geliefert hätten. Welche Waffen er für diesen Zweck angefordert hatte, sagte er nicht.

 

Andriy Biletsky, der erste Asow-Kommandeur mit neonazistischer, rassistischer und ultranationalistischer  Ideologie, der auch den Nationalen Corps gründete und jetzt von der „Ukrainska Pravda“ weiter als Asow-Kommandeur bezeichnet wird, trat Selenskijs Darstellung aber entgegen. In letzter Zeit wurde versucht, Asow von der rechtsextremen Gesinnung weißzuwaschen, das Regiment habe sich verändert, wozu auch diente, dass Biletsky 2014 Asow verlassen habe, nachdem er Abgeordneter der Duma geworden war. Natürlich beschwor er jetzt auch den „Heldenmut“ der Hubschrauberbesatzungen. Es habe fünf Flüge gegeben, nur die letzten beiden seien abgeschossen worden, was heißt, die meisten seien im Gegensatz zu Selenskij erfolgreich gewesen. Er habe die Flüge organisiert, mit denen 72 weitere Asow-Kämpfer nach Asovstal gebracht worden seien. Trotz des hohen Risikos, bei dem Einsatz getötet zu werden, seien die Mannschaften geflogen.

Andriy Biletsky beim Interview

Biletsky lebt offenbar in der Welt der Hollywoodfilme und meint, dass die von ihm organisierten Einsätze filmreif sei, wobei er auf  „Black Hawk Down“ von Ridley Scott über eine tödliche Mission in Somalia verwies. Die Amerikaner hätten aber niemals Missionen erlaubt, „Hunderte von Kilometern tief in ein Luftverteidigungssystem einzudringen, während feindliche Jäger in der Luft patrouillierten. Solche Operationen hat es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben.“ Er hofft, dass über den ersten geglückten Hubschraubereinsatz auch ein Film gedreht wird, vielleicht sogar noch während des Krieges.

Bild: Dmytro ‘Orest’ Kozatsky/Asow-Regiment

Das Nationale Corps warnt davor, Asow-Kämpfer nach der Kapitulation nicht mehr als Helden zu bezeichnen: „Niemand habe das Recht, etwas über Asow zu sagen, der nicht ein Hundertstel dessen erlebt hat, was sie durchgemacht haben.“ In einem anderen Tweet heißt es, die ganze Welt warte auf Antworten, ob jeder Asovstal verlassen hat, wie es den „Verteidigern von Mariupol“ geht und wie die „Evakuierung“ stattgefunden hat: „Wir versprechen, wir werden alles Schritt für Schritt erzählen.“

Zuerst einmal solle man sich das Video anschauen, auf dem sie sich ergeben. Da sehe man Kämpfer mit hoch erhobenen Kopf, die nicht aufgegeben haben: „Sie gehorchten den Befehlen und kämpfen weiter.“ Oder: „Ihr werdet in ihren Augen weder Angst vor dem Feind noch Angst vor dem Tod sehen. Sie marschieren tapfer weiter! Sie sind ein Beispiel für Mut und Würde für uns alle. Asow ist Stahl!“

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3 Kommentare

  1. In den ÖR wird fleißig mitgeholfen bei der „Weißwaschung“ von Azov. Heute morgen wurde man im DLF darüber aufgeklärt, daß Azov seit der „Integration in die regulären Streitkräfte entideologisiert“ sei.
    Nach Auskunft von „regulären“ Kriegsgefangenen sah das so aus, daß man riskierte, von Azovmannen hinterrücks erschossen zu werden, sollte man den Versuch gemacht haben, sich zu ergeben.
    Und die TIMES klärte schon im März darüber auf, daß es sich bei Asov um „Patrioten“
    handle, die die „wahren Nazis“ bekämpfen würden. Damit steht der Heiligsprechung ja nichts mehr im Wege.

    https://www.thetimes.co.uk/article/azov-battalion-we-are-patriots-were-fighting-the-real-nazis-of-the-21st-century-sdccf0w9t

  2. Soviel an vielen Orten darüber geschrieben wird – kann bitte jemand über die Bedeutung des Begriffs „Asow“ (in welcher Schreibweise auch immer) aufklären?

    Das einzige, was ich im www gefunden habe, war der Name irgendeiner kleinen Stadt. Hat die irgendeine symbolische Bedeutung? Oder ist es ganz was anderes?

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