Unser wertebasierter Standort

Audi geht in die USA, KI-generiert
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Die wertebasierte Außen- und Wirtschaftspolitik hat einen empfindlichen Knacks erhalten. Audi hat diesem Traumtanz ein Ende bereitet.

Der Ingolstädter Automobilhersteller Audi wird künftig keine Autos mehr in die Vereinigten Staaten exportieren – aber das ist ganz anders gemeint, als mancher Anhänger des wertebasierten Politisierens erhofft haben mag. Denn Audi braucht bald schon keine Exporte mehr in die Staaten – der Konzern wird für vier Milliarden Dollar ein eigenes Werk in Georgia eröffnen und unmittelbar dort produzieren. Auf diese Weise möchte der Automobilhersteller auch die 15-prozentigen US-Autozölle umgehen, die im April 2025 eingeführt wurden.

Viel wurde damals über das große Unrecht diskutiert, das dem Industriestandort Deutschland durch die Zölle des US-Präsidenten widerfahre. Die Debatte war moralisch hoch aufgeladen. How dare you, Mister President? Politik und Medien skizzierten – wie sie es ohnehin gerne tun – eine Schicksalsgemeinschaft. Man stehe zusammen gegen die Autokraten dieser Welt, die nur Übles im Schilde führten. Zusammenhalten! Zusammenstehen! Haltung zeigen! Wir dürften nun keine Parteien mehr kennen – Haltungspatriot sollte man nun mindestens werden. Mal wieder!

Vorsprung durch Standortwechsel

Eine Lösung für die wirtschaftlichen Probleme, in die sich der Wirtschaftsstandort Deutschland zuletzt manövriert hat, war das freilich alles nicht – aber empört sein über das Unrecht des Donald Trump, über den Fokus auf billige russische Energie im Vorfeld und die sich daraus ergebende Nähe zu Russland, simulierte wenigstens, dass man für die Problematiken sensibilisiert sei. Die Wirtschaft würde dies doch sicherlich honorieren – und sie würde einsehen, dass man nun patriotisch zusammenhalten müsse. Im Zweifelsfall schiebt man den Unternehmen Rüstungsaufträge zu, damit sie irgendwie weitermachen können. Kriegswirtschaft ist schließlich rentabel.

Was aber macht Audi? Es macht Geschäfte. Nur eben nicht mehr in der Heimat, sondern direkt in Übersee. Dort werden nun Automobile vom Fließband laufen. Von wegen Verständnis! Von wegen Patriotismus! Aber was hat man denn erwartet? Konzerne, die aus einem Solidaritätsgefühl mit der Bundesregierung heraus auf Gewinne verzichtet? Liebe Aktionäre, bitte haben Sie Verständnis, dass wir jetzt erstmal wirtschaften ohne Renditeabsichten! Lieber Mitarbeiter, danke für alles – bitte sei soldarisch, wenn du zum Arbeitsamt gehst! Und das alles nur, um ein Zeichen gegen Donald Trump und andere Autokraten zu setzen?

Dass der Markt als amoralischer Komplex zu betrachten ist, gilt als alter Hut. Ihm jedoch mit Bekenntnissen zu begegnen: Das ist wirklich neu – innovativ jedoch nicht. Auf solche Ideen kommt man nur in einer Republik, die sich längst im Nachbeten von Credos erschöpft hat – und die es offenbar gelernt hat, lästige Realitäten auszublenden. Anstand – wie auch immer man den hierzulande hoheitsstaatlich und pressedienstlich definiert – ist keine Eigenschaft, die die Weltwirtschaft belohnt. Das darf man selbstverständlich für ziemlich doof befinden, aber die Dinge sind nun mal, wie sie sind. Zuwarten ist jedenfalls keine Wirtschaftspolitik – immer wieder Werte nachzubeten, die Haltung zu betonen: Die Märkte danken einem solche Unterlassungserklärungen nicht. Haltung war nie und wird nie ein Standortvorteil sein.

A Hund is a scho

Man darf sich ohnehin fragen, ob die Zölle als einziger Grund angeführt werden können, um diesen »Haltungsbruch« Audis zu begründen. Die Situation für die Wirtschaft ist gravierend – besonders die extrem hohen Energiekosten veranlassen viele Produzenten, sich über einen Standortwechsel Gedanken zu machen. Wertebasierte Schicksalsgemeinschaft? Das sind Worthülsen, die sich nur jemand leisten kann, der wirtschaftlich keine Verantwortung trägt. Oder aber solche führen diese Parolen im Mund, die gar nicht erst wettbewerbsfähig sein wollen. Bei den Energiepreisen wäre die Bundesregierung in der Verantwortung – aber sie schafft es seit Monaten nicht, die explodierenden Preise einzudämmen, kommt mit albernen Rabatten um die Ecke und macht alles, nur keine nennenswerte Wirtschafts- und Nachfragepolitik.

Die Beschäftigten sollen länger arbeiten, die Sozialversicherung soll weniger Kosten erzeugen und die Unternehmen weiter fröhlich investieren: Aber die Bundesregierung vernachlässigt gewohnt zuverlässig die eigenen Aufgaben. Sie bekommt die Energiekrise nicht in den Griff, gibt den KI-Markt in die Hände amerikanischer Konzerne, kümmert sich leidlich zurückhaltend um nicht funktionierende Verkehrswege und schaut dabei zu, wie die unproduktive Verwaltung immer größer zu werden scheint. Immer mehr Leistungsappelle und noch eine Standortrede: Das ist keine Wirtschaftspolitik – es ist die Simulation einer solchen. Wenn überhaupt!

Früher oder später wandern die Unternehmen ab, wenn sich politisch nichts mehr bewegt – es ist vielleicht ihre einzige Chance, wenn sie wirtschaftlich überleben wollen. Unter Liberalen wird der Clou der Ingolstädter geradezu gefeiert, denn sie würden es der Regierung Merz nun zeigen. Aber heldenhaft ist daran nichts. Sie tun, was sie tun müssen – es ist eine existenzielle Entscheidung. Und es ist mehr als fraglich, ob die Bundesregierung dieses Zeichen der Zeit verstehen wird. Trump bietet den Unternehmen in Europa einen handfesten Anreiz, auf der anderen Seite des Atlantiks zu produzieren – a Hund is a scho, sagt man zu solchen Typen in Oberbayern anerkennend, wo auch Audi seinen Hauptstandort hat. Einen solchen »Hund« gibt es hierzulande nicht. Stattdessen kommen US-Autos weiterhin zollfrei nach Europa, denn die Europäische Union setzt wie gewohnt auf Freihandel. Wer unter solchen Bedingungen am Freihandel festhält, verteidigt ein vermeintlich wertebasiertes Ideal und weist der eigenen Industrie die Tür.

Was es auch nur am Standort Deutschland gibt: Ökonomen, die Bücher zu »antifaschistischer Wirtschaftspolitik« veröffentlichen. Mit Haltung verdienen lediglich solche »Wirtschaftskundigen« Geld – Konzerne jedoch nicht.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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2 Kommentare

    1. „Das sind Worthülsen, die sich nur jemand leisten kann, der wirtschaftlich keine Verantwortung trägt. Oder aber solche führen diese Parolen im Mund, die gar nicht erst wettbewerbsfähig sein wollen.“

      Die Bundesregierung versucht lieber den Krieg gegen Russland zu gewinnen, als die Wirtschaft zu behalten. Zölle und Sanktionen schädigen den deutschen Standort.

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