„Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen“

Unternehmen Barbarossa
Autor/-in unbekanntUnknown author, Public domain, via Wikimedia Commons

Der 1. September ist Weltfriedenstag – und der Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen. Doch ausgerechnet an diesem Tag präsentiert die Bundesregierung Russland erneut als Feind: Ist das historische Vergesslichkeit oder politisches Kalkül?

„Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen“: Mit diesem Satz im Reichstag eröffnete Adolf Hitler am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg.

Am Dienstag, den 1. September 2026, haben Außenminister Wadephul und Innenminister Dobrindt öffentlich bekanntgeben, was der Deutschlandfunk und mit ihm im Gefolge der Mainstream alle schon zu wissen glaubten, sogar die Außenbeauftragte der EU, Frau Kallas, wusste es schon vor Wadephuls großem Auftritt: die Drohnen in Leipzig, das waren die Russen. Schade, dass wir es bei Nord Stream II immer noch nicht beweisen können.

Papst Leo XIV. hat in seiner Enzyklika den Verlust des historischen Gedächtnisses als einen wesentlichen Grund herausgehoben, warum wir Krieg immer noch für eine normale Lösung von Konflikten halten. Was bedeutet es also, wenn ein deutscher Außenminister ausgerechnet am 1. September sein Feindbild Russland erneut der Öffentlichkeit präsentiert?

Ist das ein gravierender Verlust historischen Gedächtnisses oder machtpolitisches Kalkül? Kann man Wadephul wirklich unterstellen, er wisse nicht, was der 1. September 1939 für uns Deutsche bedeutet? Der 1. September gilt in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges als Weltfriedenstag. Der Deutschlandfunk schweigt dazu, auch die Aachener Zeitung hat es vergessen. Ihre Schlagzeile am 1. September 2026 lautete: „NRW soll Rüstungsland werden“. Vom 1. September kein Wort. Ist das der Verlust unseres historischen Gedächtnisses?

„Leute, es möcht der Holunder sterben an eurer Vergeßlichkeit“ schreibt Johannes Bobrowski im letzten Vers seines Gedichtes „Holunderblüte“. Vielleicht ist die Poesie eine Möglichkeit, den gegenwärtigen Hass und die Propaganda zu ertragen:

Leute, ihr redet: Vergessen –

Es kommen die jungen Menschen,

ihr Lachen wie Büsche Holunders.

Leute, es möcht der Holunder

sterben

an eurer Vergeßlichkeit.

Klaus Kenke

Klaus Kenke gehört als traumatisiertes Kriegskind zur Letzten Generation (Jahrgang 1943). Die Geschichtsvergessenheit und das damit verbundene mangelnde historische Bewusstsein der gegenwärtigen Politik macht ihn fassungslos. Das Grundgesetz mit seinem Friedensgebot und der Bindung unserer Verfassung an das Völkerrecht (Präambel, Artikel 25/26 GG) werden permanent ignoriert. Er betrachtet es als seine Lebensaufgabe, das historische Bewusstsein für die deutsche massenmordende Vergangenheit zu schärfen und der Stärke des Rechts gegen das Recht des Stärkeren Geltung zu verschaffen.
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