Echt zum Schießen!

Deutsche Fotothek‎, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Ex-Bundespräsident Joachim Gauck würde schießen, wenn er schießen müsste. Er könne sich das leisten, weil er zu denen gehört die abwägen, bevor sie einen Schuss loslassen, erklärt er.

In den letzten Wochen hatten wir ja schon erahnt, dass die Talkshow von Markus Lanz kein journalistisches Format ist. Mit jeder weiteren Ausgabe, die man sich antut, bestätigt sich diese Einschätzung. Fast immer ringt der Moderator seinen Gästen Kriegsrhetorik ab, Bekenntnisse werden am allerliebsten gehört.

Neulich hatte er Joachim Gauck zu Gast. Der ehemalige Bundespräsident sollte natürlich auch mal bekennen, wenn er schon mal reinschaut: Würde er denn schießen? Gauck antwortete langatmig, im Duktus pastoraler Feldgeistlichkeit bejahte er die Frage. Er hoffe freilich nicht schießen zu müssen, aber falls es nötig wäre: Na klar. Er schieße ja nicht einfach so, er reflektiere ja, warum er den Abzug betätigt. Markus Lanz lauschte fast andächtig dieser Worte, sein Blick verriet Schwärmerei. Ins Wort gefallen ist er dem Ehrensoldbezieher nicht – so ein Benehmen geziemt sich wohl nur gegenüber Politologinnen, die die Chuzpe haben, ihre Selbstdenke nicht am Garderobenhaken aufzuhängen, bevor sie sich in sein Studio setzen.

Russen ante portas?

Der Kniff, jemanden auf Herz und Nieren und Schießbereitschaft zu prüfen, ist ja an sich verwegen. Denn dieser Joachim Gauck ist ja ein alter Mann. Dass der demnächst in die Ukraine mobilgemacht wird, ist jetzt eigentlich nur schwer vorstellbar. Wenn er also schießen müsste, handelt es sich wohl um ein Szenario, in dem der Feind vor seiner Haustüre biwakiert. Wenn die Russen ante portas sind: Erst dann würde er vor dieser Gewissensentscheidung stehen.

Das ist übrigens eine Frage, die man sich stellen kann. Jeder für sich. Würden Sie sich denn wehren, wenn irgendein Feind anrückt? Wahrscheinlich würde ein großer Teil der Befragten nicht so viel anders antworten wie Herr Ex-Präsident.

Der Punkt ist allerdings: Da steht gar kein Feind im eigenen Land. Und nach allem, was man so sehen kann aus der Ferne, steht so eine Welteroberungsplanung auch nicht im Raum. Lanz beschwört hier allerdings ein solches Szenario. Angstmache nennt man das ein bisschen vereinfacht ausgedrückt. Er suggeriert, dass es bald schon so aussehen könnte, als würden die Russen wieder im Brandenburgischen stehen. Unterstützt wird er dabei von einem Joachim Gauck, der sich recht mühelos einspannen lässt in diese Form der Übertreibung und Hysterie.

Der ehemalige Bellevue-Insasse wird uns schon seit Jahren als Intellektueller angepriesen. Eine Qualität, die er schon in den Jahren seiner Präsidentschaft meisterhaft bemäntelt hat. Und jetzt erneut: Denn ein Intellektueller würde nämlich ein solches Szenario nicht einfach annehmen und sich so zum Spielball von Suggestivfragen machen lassen. Er würde eine solche Manipulation erkennen – und an guten Tagen auch mal hinterfragen. Aber klar, Intellektuellen stellt Lanz in seiner Sendung keine Fragen: Er schreit sie lieber an und macht sie klein.

Wie der Friedensnobelpreiskriegstreiber

In einem Spiegel-Interview des Jahres 1959 steht ein Satz zu den Russen, der aktuell auch von Gauck stammen könnte. Man liest dort: »Ich würde die Gegenseite zwingen, zuerst zu schießen. Dann würde ich schießen. Ich würde in Berlin keinen Quadratzentimeter nachgeben.« Er stammt von Henry Kissinger. Jenem Mann, der Jahre später erst Vietnamesen und dann Kambodschaner in tiefstes Kriegsunglück stürzte, um sie dann mit Friedenverhandlungen zu beglücken. Ob der Deutsche Feuerwehrverband auch Auszeichnungen für solche Löschbrigaden vorrätig hat, die vorher pflichtbewusst das zu löschende Feuer gelegt haben, weiß man nicht – man ahnt aber: Eher nicht. Beim Nobelpreis ist das jedoch ein wenig anders, da kann auch der Brandstifter mal für seinen Löscheinsatz prämiert werden.

Hätte man nun diesen alten Staatsmann bei Lanz gefragt, ob er schießen würde, er hätte wohl so ähnlich geantwortet wie anno 1959 Und in gewissen Sinne hat er ja sogar die Waffe in die Hand genommen – oder in die Hand nehmen lassen. In Vietnam ging es doch genau darum: Schießen, um zu verhindern, dass der Dominostein kippt, die Welt Schritt für Schritt errötet und kommunistisch wird.

Natürlich war Kissinger nie der predigende Typ, wie unser einstiger Bundespastor, aber seine Erklärungen wären mindestens so selbstbewusst gewesen wie jene neulich in der ZDF-Propagandasendung. Der Geostratege vergangener Tage hätte es wohl ähnlich eingeschätzt: Wir, die Vereinigten Staaten und der Westen, wir schießen nicht einfach so. Wir überlegen uns das ganz genau, wir schießen reflektiert und abgeklärt. Die anderen ballern nur darauf los, sie denken nicht mal darüber nach.

In Gaucks Ausführungen schwingt mit, was immer Inhalt einer Rhetorik ist, die mit dem gerechten Schießduell hausieren geht: Wir sind die, die es richtig machen, wir sind die Guten, die die sich wehren müssen – und die anderen, die liegen ganz falsch, sind abgrundtief böse, haben uns überfallen und haben nur ein Motiv: Hass!

Legitime Schüsse: Die Rückkehr des gerechten Krieges

Er ist wieder da! Der gerechte Krieg. Diese rhetorische Einbahnstraße, die eine Generalrechtfertigung für alles sein kann – und im Regelfall auch ist. Einen gerechten Krieg führen alle. Immer. Und überall. Die Römer schlachteten schon mal ganze Völkerschaften, besonders jene, die Widerstand leisteten: Aber aus römischer Sicht war es gerecht, denn sie waren die einzige Zivilisation, sie waren ja der Fortschritt. Wer da nicht ehrfurchtsvoll einknickte, hatte auf der Welt einfach keinen Platz mehr.

Der Erste Weltkrieg war ein absolut gerechter Krieg, denn jede Partei konnte ganz genau darlegen, warum es gerecht war zu kämpfen. Man hört das heute nicht so gerne, aber selbst die Nationalsozialisten führten aus ihrer Sicht einen gerechten Krieg. Das heißt nicht, dass er objektiv gerecht war – es heißt auch nicht, dass Gauck jetzt in Wahlverwandtschaft zu jenen von damals aufrückt. Was es heißt: Mit diesen Erklärungen von einem gerechten Kriegsgrund reden sich von jeher Völker und ihrer Führer ein, dass schon alles in Ordnung ist, wenn sie einen Waffengang wagen.

Der gerechte Krieg, der dem Publikum bei Lanz – in leichter Abwandlung – in Form des gerechten Schusses präsentiert wurde, ist nichts als plumpe Propaganda. Wenn sie dann auch noch leicht feldgeistlich angehaucht unterbreitet wird, kann sich schon mal dieser oder jener unbedarfte Zuschauer in Beseelung versteigen.

Am Ende werden wir aber Gauck nicht dabei zusehen können, wie er mit einem Schießeisen in der Hand aus seiner Datsche stürmt. Ganz einfach, weil so ein Szenario nicht droht. Die Russen müssen auch gar nicht einmarschieren, es reicht ihnen vollkommen, wenn sie von zu Hause aus zusehen, wie die Sanktionen, die sich gegen sie richten sollen, auf uns auswirken. Sie können sich zurücklehnen, denn Gauck hat die Waffe längst in der Hand: Und richtet sie metaphorisch auf die Einwohner dieses Landes, das sich zusehends in eine Sackgasse manövriert.

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10 Kommentare

  1. Was will man von einem ehemaligen Doppelagenten, dem eine Auftragsseite wegbrach, erwarten? Am Treffendsten charakterisierte ihn Heiko Lietz, ein Pfarrerkollege aus seiner Umgebung, der Gauck lange vergeblich drängte, dem Neuen Forum beizutreten. Der unterschrieb zwar, um Ruhe zu kriegen, einen Aufnahmeantrag, das war’s dann aber auch. Lietz nannte dann Gauck den „Prediger der Unfreiheit“.
    Er hatte eben nur noch eine Befehlsstelle über sich.
    Ich konnte Gaucks Aufstieg mit wesentlicher Absicherung der „Dienste“ relativ nah verfolgen. Wenn Opportunismus einen Namen hat, dann heißt er Joachim.

    1. Sowohl Gauck als auch Merkel haben sich in eine DDRBRD win:win Situation begeben! Inner DDR gut mitgeschwommen und dann auch inner BRD gut durchgeschwommen! Zum Nutzen natürlich all jener die die Fassaden aufrechterhalten!
      Nur fürs Fußvolk sind sie der Horror!

  2. Wie man an dem Ex-Bundesgaukler wieder einmal eindrucksvoll sehen kann, lässt sich mit entsprechend salbungsvoll, moraltriefendem Ton, auch die Simulation eines „Gewissens der Nation“ darstellen. Der Pastor und seine dummen Schäfchen – oder: das Schweigen der (be)lämmerten.

  3. Vom 5. Gebot gibt es eigentlich nur eine konsequente Ausnahme , die da lautet:
    „Du darfst ausnahmsweise genau den, mit der Waffe erschießen, die er dir, aus welchen Gründen auch immer, in die Hand zu drücken versucht.“

    Da bräuchte dieser Typ nicht mehr lange abwägen, denn so eine einfache Regel müsste selbst der begreifen.

  4. Ich habs auch gesehen, zumindest teilweise.
    Und es war erwartungsgemäß stinkend langweilig.
    Man wusste ja vorher schon, was er sagen würde, es ging nur noch um den „Ton“‚ der ja bekanntlich die „Musike“ macht. Es war halt ein Rumgesalbadere erster Güte. Die üblichen Inhalte, nur „würdevoller“ verkauft.

    Und überhaupt: inzwischen kann man doch alle vorgetragenen Argumente, Einlassungen, Narrative, all das, was uns so verkauft wird, quasi wortwörtlich mitsprechen! Man weiß doch vorher schon, wer was wie und egal wo vorträgt! Ob in der FAZ, in der Tagesschau etc. , oder eben auch bei Lanz.
    Insofern ist es tatsächlich nur noch der Ton, der die Musike macht. Bei identischen Inhalten.
    (Nur bei Waffengattungen und den verschiedensten Sorten von Schießeisen komme ich ins Straucheln, was das Mitsprechen angeht….)!

    Z.B. neulich ein Michael Roth (SPD; Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses), bei dem man eigentlich denkt/dachte, alleine schon beim Ansehen, der könne kein Wässerchen trüben. Aber hallo! Was der an Kriegsrhetorik ablässt! Ein echt harter Hund! Einen derartigen Ton traut man dem Mann einfach nicht zu. Und ich glaube nicht, dass der reflektiert schießen könnte.
    Also Obacht!

    1. Sie wollen mehr über diesen Kriegrethoriker Michael Roth erfahren, dann lesen sie kurz in die beiden Links von mir rein. Hochaktuell! Michael Roth hatte als Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages zu seinem Vortrag am 12.Juli in den Sitzungsraum des „Korrespondenten-Cafés“ im Steigenberger-Hotel Berlin geladen (nur das Volk soll sparen!).

      https://www.nachdenkseiten.de/?p=85825
      https://www.nachdenkseiten.de/?p=85993

      Ein Artikel von: Florian Warweg

      Michael Roth, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages und einer der vehementesten transatlantischen Vertreter der SPD-Fraktion, traf sich am 12. Juli mit Journalisten, Wirtschaftsvertretern und Diplomaten zu einem Gespräch über den Krieg in der Ukraine und die Rolle Deutschlands. Die NachDenkSeiten waren dabei, fragten nach und dokumentieren für unsere Leser das aufschlussreiche Gespräch, das unter anderem eklatante Wissenslücken bei Herrn Roth aufzeigte. Von Florian Warweg.

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      Der Sitzungsraum des „Korrespondenten-Cafés“ im Steigenberger-Hotel, gelegen zwischen Kanzleramt und Berliner Hauptbahnhof, war erneut gut gefüllt an diesem 12. Juli. Bevor der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages zu seinem Vortrag eintraf, war das informelle Hauptthema zwischen dem Klappern von Kaffeetassen und Frühstückstellern die Abberufung des ukrainischen Botschafters in Deutschland, Andrij Melnyk. So erklärt ein bekannter ehemaliger ARD-Auslandskorrespondent mit verschmitztem Gesicht:, „Ich werde nie wieder über Tilo Jung lästern, dank ihm ist diese Type weg.“ Ein altgedienter Diplomat erwidert: „Endlich!“. In diesem Moment betritt Roth den Raum, wirft einen Blick über die Zuhörerschaft und erklärt: „Viel zu wenig Frauen hier. Zu Ende meiner Tätigkeit als Staatssekretär im Auswärtigen Amt arbeiteten fast nur noch Frauen für mich.“ Dann führte er noch aus, dass er Männern im Auswärtigen Amt (AA), die sich beschwerten, dass sie mit ihrem Geschlecht kaum noch Karrierechancen im AA hätten, psychologische Beratung empfahl.

      Nach einer kurzen Einführung durch den Leiter des „Korrespondenten-Cafés“, den österreichischen Journalisten Ewald König, ging Roth dann umgehend in die Vollen:

      „Es wird ja immer deutlicher, dass es sich nicht nur um einen Vernichtungskrieg gegen ein Volk und ein Land geht, das (sic!) von Putin ausgeht, sondern auch ein Krieg, der viele unmittelbare Folgen für uns hat.“

      Dann führte er weiter aus, dass es nicht erst seit dem 24. Februar eine „Zeitenwende“ gäbe, sondern dass man dies erst ab dem 24. Februar erkannt hätte. Diese Hypothese untermauert er dann mit einem Beispiel, das Fragen aufwirft, auf Basis welcher Quellen sich der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages so informiert:

      „Vergessen wir nicht, wir haben 2008 den Georgienkrieg, der von Russland ausging und zu einer nachhaltigen Destabilisierung des Landes geführt hat und einer der Gründe, wieso Georgien nicht den (NATO-)Kandidatenstatus erhalten hat.“

      Diese Behauptung von Roth ist nachweislich falsch. Die nach dem Georgienkrieg von der EU eingesetzte Untersuchungskommission kam zu dem eindeutigen Urteil, dass der fünftägige Krieg zwischen Georgien und Russland vom georgischen Militär auf Befehl des damaligen Präsidenten Michail Saakaschwili begonnen wurde.
      Siehe hier: https://www.reuters.com/article/russland-georgien-eu-zf-20090930-idDEBEE58T0KH20090930
      Auf die spätere Nachfrage des anwesenden NachDenkSeiten-Redakteurs, ob Roth die Erkenntnisse der EU-Untersuchungskommission anzweifelt, wich er mit Allgemeinplätzen aus.

      DIE WISSEN DAS SIE LÜGEN!

  5. Gauck ein ist ein Putinversteher. Man muss nicht auf Äußerungen von irgendwem 1959 rekurrieren. 2014 sagte Gauck in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „So wie wir eine Polizei haben und nicht nur Richter und Lehrer, so brauchen wir international auch Kräfte, die Verbrecher oder Despoten, die gegen ihr eigenes Volk oder gegen ein anderes mörderisch vorgehen, zu stoppen.“ Genau diese Begründung verwendete Putin für den Einmarsch in der Ukraine. Formulieren wir es mal salopp. Die Begründung für einen Krieg ist Ansichtssache. Wer glaubt, es verteidige die Freiheit und Gerechtigkeit, kann losschlagen. Eine besonders lustige Aporie ergibt sich, wenn Diktatoren gegen Diktatoren kämpfen. Hitler wollte Russland vom „jüdischen Bolschewismus“ befreien, und Russland befreite Deutschland von den Nazis.

  6. Roberto, lies mal das neue Buch von Kissinger.. Der Manm ist keineswegs so blöd, wie du ihm unterstellst. Ihn mit Gauck zu vergleichen ist ein schlechter Witz.
    Er vertrat die Interessen Amerikas, wie heute Putin diejenigen Russlands. Dass die Deutschen ganz offensichtlich mittlerweile so verblödet sind, dass sie sich nicht mal mehr eine Regierung wählenkönnen, die ihre Interessen vertritt, hat nichts mit Kissinger zu tun… Das Weltbild der USA besagt, dass es ein Land geben muss, welches das Imperium spielt und seine Regeln anderen, auch mit Gewalt, auferlegt. Wenn das keiner macht, so wird jeder jeden bekriegen, Länder der dritten Welt zeigen das. Das einzige was diem USA neues geschaffen haben, ist die Rolle des Schoolyard Bullies, der die Kleineren verdrischt.
    Wenn es die USA nicht machen, wird es noch schlimmer.
    Europa ist der Schwanz mit dem der Hund wackelt, die CLowns, die sich in Europas Ländern von der EU Kommission der Madam vdL kommandieren lassen, sind genauso wenig als Führer des Imperium wünschbar, wie die Putins oder Xis….
    Ich sage nicht, dass das gut it, ich sage nur, dass es so ist.
    Die Deutschen? Die sind das Volk dem man einen Pfaffen wie Gauck als Vorbild verkaufen kann.

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