Falken im Schafspelz

Helge Klaus Rieder, CC0, via Wikimedia Commons

Seitdem Andrij Melnyk Bundeskanzler ist, scheint es mit diesem Land abwärts zu gehen. Ach was? Er ist gar nicht Kanzler, hat gar kein Amt inne?

Stellen wir uns doch mal vor, dass dieser Tage jemand, der – sagen wir mal – seit zehn Jahren im Koma lag, wieder zu Bewusstsein kommt, sich langsam wieder an das öffentliche Leben herantastet: Er hat ordentlich was nachzuholen. Es ist viel passiert seither. Ein Blick in die aktuelle Zeitung, ohne die Zusammenhänge der letzten Jahre, Monate und Wochen zu kennen, könnte dabei zur großer Verwirrung führen. Recht häufig würde unser Erwachter von einem gewissen Andrij Melnyk lesen. Einem Mann, der ständig zu Wort kommt, hofiert, ja von etlichen im Lande geschätzt wird. Von einem, der gefragt scheint wie keiner sonst. Omnipräsent ist. Ein begehrter Interviewpartner.

Nun gut, vielleicht würde diese wiedererwachte Person, die wir uns gerade beim Lesen der Tageszeitung vorstellen, nicht zu dem Schluss kommen, dass Melnyk Bundeskanzler sei. Aber irgendein politisches Amt müsse dieser Mann doch haben. Warum sonst bettet man ihn auf Rosen? Ist er vielleicht Außenminister? Oder wenigstens Verteidigungsminister? Der Schock steht unserem Erwachten noch bevor – wenn man ihm später mal die wirkliche Außenministerin und die tatsächliche Verteidigungsministerin vermittelt, sollte man ihm vorher einen weichen Sitzplatz anbieten. Ein weiterer Schock könnte sich einstellen, wenn er erfährt, dass dieser Melnyk nur ein Diplomat ist.

Leberwürste und Märchenerzähler

Kürzlich fiel der ukrainische Botschafter wieder auf. Er nannte Deutschlands Politiker Märchenerzähler. Die Ansicht kann man nun nicht einfach von der Hand weisen, natürlich sind die politischen Protagonisten dieser Republik Märchenerzähler: Es wird verklärt und es werden geradezu märchenhaft Gelder ausgeschüttet – die Ölkonzerne danken herzlich, bitten aber darum, dass die nächste Ausschüttung gleich direkt auf deren Konten überwiesen wird. Das spart Zeit und Nerven und ist letztlich für alle Beteiligten einfacher. Dennoch steht das einem Botschafter nicht zu: Er ist als Verhandlungsführer im Lande. Nicht als Empörer und Beleidigungsdelegierter.

Das ist ja nicht der erste Angriff jenes Andrij Melnyk. Vor Wochen nannte er den Bundeskanzler eine »beleidigte Leberwurst«. Man muss ja nun wirklich kein Freund des Hosenanzug-Nachfolgers sein, um das als verbalen Tiefschlag zu bewerten. Wenn wir uns – Sie und ich – mal am Wasserhäuschen auf ein Bier treffen und so über Olaf Scholz sprechen, ist das völlig in Ordnung. Mit uns wird man über die Fragen von Krieg und Frieden oder über zwischenstaatliche Angelegenheiten vermutlich nicht sprechen und verhandeln, daher können wir uns das erlauben. Aber ein Diplomat, dessen Aufgabe die nüchterne Interessenvertretung im Ausland ist, der sollte seine Ausdrucksweise schon vorher etwas überdenken.

Der ukrainische Botschafter ist indes präsenter als der Kanzler selbst. Man könnte also schon irrtümlich annehmen, ihm eine ganz andere Rolle im Lande zuzuschreiben, als nur die eines ganz banalen Nuntius. Wir aber kennen ihn bloß als einfordernden, undifferenzierten Zeitgenossen, der vulgär wird, wenn er nicht das erreicht, was er gerade für nötig erachtet. An Alice Schwarzer richtete er die Worte, dass »keiner mit gesundem Verstand […] ihre schäbige EMMA kaufen« sollte. Ist es die Aufgabe eines ausländischen Diplomaten, die Presseerzeugnisse des Landes, in dem er residiert, zu bewerten und etwaige Kaufentscheidungen der Kundschaft zu reflektieren?

Erstaunlich ist aber nicht dieser Mann selbst, über den weiß Gott in den sozialen Netzwerken längst alles gesagt wurde. Was verwundert ist, wie bescheiden sich die Reaktionen der Offiziellen im Lande ausnehmen. Geradezu lammfromm. Und das, obwohl sie sonst gerne die Flügel ausbreiten – ganz so, wie es Falken zuweilen tun.

Belämmerte Falken

Es ist an sich schon erstaunlich, dass Andrij Melnyk beleidigend und ehrabschneidend durch die Lande tingeln kann, ohne von der Politik behelligt oder (wenigstens moralisch) abgemahnt zu werden, während diejenigen aber, die in diesen Zeiten falsche Fragen stellen, sich öffentlich den Kopf waschen lassen müssen. Nehmen wir nur mal jene berüchtigte Lanz-Sendung, in der eine Politikwissenschaftlerin vor aller Welt gegrillt wurde, nur weil sie unpassende Gedankengänge ausbreitete. Sie hat fürwahr niemanden beleidigt, wurde nicht vulgär – gar nichts in der Art. Sie stellte im Grunde nur Fragen. Ein bisschen sokratisch hinterfragte sie die Wahrheiten, die als unumstößlich etabliert scheinen. Und sie versuchte sich an einer alternativen Sichtweise. Dennoch erntet sie genau die Reaktion, die eigentlich ein Melnyk ernten sollte.

Mit dabei saß eine Falkin, eine vermeintlich Liberale mit besten Beziehungen zur Rüstungsindustrie. Sie legte eindrücklich Zeugnis über ihre Flügelspannweite ab, was so viel heißt wie: Sie griff die Politikwissenschaftlerin mit lautem Kriegsgebrüll an. Dieselbe Falkenfrau ist allerdings stets zurückhaltend, ja geradezu harmoniesüchtig, wenn unser ukrainischer Botschafter mal wieder den Stab über dieses Land und seine viel zu friedfertigen Leute  bricht. Da wird sie zum Lämmchen, ganz so, wie auch andere Falken sich belämmern.

Churchill nannte seinen Amtsnachfolger und späteren Amtsvorgänger, Clement Attlee, desöfteren ein »Schaf im Schafspelz« – und fast könnte man geneigt sein, diese Bezeichnung auch für das politische Personal anzuwenden, das in diesen Tagen auf die oben beschriebene Weise mit zweierlei Maß misst. Zutreffender ist aber wohl, dass wir es mit Falken im Lammfell zu tun haben. Biologisch schwer vorstellbar, denn die Lammimitation auf zwei Beinchen muss recht unförmig aussehen. Und wenn wir uns die Gestalten, die zwar Melnyk gewähren, aber jeden anderen grillen lassen, mal so ansehen, kommt das hin. Selten waren Lämmer so schief.

So oder so ist es ein Armutszeugnis für ein Land, sich so von einem Botschafter auf der Nase herumtanzen zu lassen, während man gleichzeitig die Kritiker im Lande unangemessen herunterputzt. Längst hätte man Herrn Melnyk des Landes verweisen müssen. Aus Gründen des Anstandes – und auch um zu belegen, dass man noch so etwas wie Restselbstwertgefühl in den Knochen stecken hat. Als Kritiker sollte man gleichwohl vielleicht die eigene Taktik überdenken, keine Argumente mehr bringen, sondern nur noch melnyken: Dann sind sie vielleicht nett zu einem.

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7 Kommentare

  1. Melnyk ist ja weiss, nationalistisch bis rechts, unverschämt und allgegenwärtig – das kenen wir ja vo. Den 30-er Jahren. Er floesst keine Angst ein, wie ein Farbiger, nachdenklicher und sozialer Fremde es tun würde.

  2. Wieder ein Artikel, den man gerne liest!
    Es macht regelrecht Spaß, diese Worte zu lesen!
    Ich verfolge die „Auftritte“ von Herrn Melnyk quasi von Tag 1 an……, und bin von Tag 1 an nicht nur verstört sondern nachgerade fassungslos, was der Mann wie von sich gibt……
    Das Schlimmste daran ist, dass er Erfolg (???!!?) mit seinen Worten hat! Dass keiner sich traut, ihn in seine Schranken zu verweisen! Das wäre ja zutiefst unmoralisch……., klar. Kurzum: seine Rechnung geht auf! Der Erfolg gibt ihm Recht. Fassungslos nimmt man all dies zur Kenntnis. Und: MIR flößt er sehr wohl sehr viel Angst ein.

    1. Herzlichen Dank. Im Grunde ist es ja erfreulich dass man auch Spaß beim Lesen von Texten haben kann, denen an sich ein trauriges Thema zugrunde liegt. Was Melnyk betrifft: Ja, da kann man tatsächlich Angst bekommen.

      1. Vielen Dank an Roberto De Lapuente für die erhellenden Zeilen.

        Die Reaktion unserer Wirtschafts-, Journalismus- und Politikelite auf das Verhalten eines von der Kette gelassenen US-Versallen in Form eines ukrainischen Botschafters Namens Melnyk sagt mehr über die wirklichen Befehls- und Empfangsstrukturen aus als der US-Oligarchie recht sein kann. Welches Mitspracherrecht die Kiewer Regierung hat, konnte man leicht erkennen, wenn man beobachtete, wie die Ukraine vom Verhandlungstisch in der Türkei wie ein Schosshündchen von Johnson zurück gepfiffen wurde. Jetzt kann man also auch gut ausmachen, in welcher Abfolge der König seine Versallen abstuft.

        Durch die Welt eilt der Ruf: „Der König ist nackt!“.

        In Russland weiß man das schon lange.

  3. noch dazu:
    Melnyk nannte den Düsseldorfer OB Geisel einen »gotterbärmlichen Putin-Versteher«.
    Zu Harald Welzer bzgl. des Offenen Briefes: Im„Professorenzimmer zu sitzen und zu philosophieren“. „Was sie anbieten, ist moralisch verwahrlost.“
    Die Krönung seiner diplomatischen Qualität: „Wir werden auf die Krim nie verzichten, das ist klar.“

    1. Es gibt viele Verfehlungen des genannten Herrn. Man kann sie gar nicht alle aufzählen, wenn man einen Text halbwegs in lesbarer Länge halten möchte. Aber herzlichen Dank für die Ergänzung.

  4. Wäre ich ein Wurstproduzent, gäbe es gleich ein schnippisches Jausen – oder „Snack“ – Angebot: „Olli, die Leberwurst, Andrij, der scharfe Senf“.

    Aber das Problem der menschlichen Natur ist: Setzt man keine Grenzen, werden sie soweit gehen, soweit man sie gehen lässt. Und da seit Onkel Adolf posthum, den Deutschen ein übermächtig brodelndes Mitleidsgen, implantiert wurde – „Bei unserer Vergangenheit,….“ – erklärt man sich mit allen Opfern eines Angriffskriegs, solidarisch. Oder man könnte auch sehr ironisch meinen, Deutschland handle nur noch nach dem „SolidARIER“ Pargraphen. Passt ja, bei den Tendenzen, die ja in der Ukrainer angeblich NICHT vorhanden sein sollten. Aber gut, holen wir uns die neue „Herrenrasse“ endlich in die EU. Und nochmals sehr ironisch: „Deutschland, erwache“ – aus deinem moralischen Koma!! (Dies ist satirisch gemeint und ich distanziere mich ausdrücklich von einer Verherrlichung des Nationalsozialismus.)

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