Die New York Times und Israel

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Autor/-in unbekanntUnknown author, Public domain, via Wikimedia Commons

Ein Bericht in der New York Times zeigt israelische Gräueltaten auf. Wird er der Anfang vom Ende der israelisch-amerikanischen Freundschaft werden?

Ich bin nicht leicht zu schockieren, aber die New York Times vom Montag hat mich umgehauen. Auf einer halben Seite beschreibt Nicholas Kristof, einer der bekanntesten Kolumnisten der Zeitung, die Grausamkeiten, die israelische Soldaten an ihren Gefangenen begehen, Folter, aber vor allen Vergewaltigungen.

Vergewaltigungen durch Hunde. Mit Gummistöcken. Metallstöcken. Durch Gefängniswachen. Durch Soldaten. Agenten des Bet-Shin und, natürlich, Siedler. Die Opfer sind palästinensische Männer, Frauen und Kinder. Ein Gefangener beschreibt, wie eine Soldatin seinen Penis gequetscht hat. Anderen wurden mit Metalldetektoren geschlagen, die Hoden wurden ihnen amputiert oder die Zähne ausgeschlagen.

Alles nur hässliche Lügen?

Eine Frau erzählt, wie sie nackt auf einen Metalltisch geschnallt wurde und zwei Tage lang von Soldaten vergewaltigt. Die Männer filmten sie dabei und drohten, das Video zu veröffentlichen, wenn sie nicht kollaboriere. Zehntausende von Palästinensern hält Israel gefangen, manche erst zwölf Jahre alt. Auch Beduinen würden Opfer sexueller Gewalt.

Israel lässt das Rote Kreuz nicht in die Gefängnisse, aber es gibt Organisationen, die Kristofs Bericht bestätigen, wie „Save the Children„, das Comitee to save Journalists, das israelisch-amerikanische Public Committee Against Torture in Israel und Human Rights Monitor. Die Netanyahu-Regierung schlage routinemäßig alle Ermittlungen nieder, so Kristof in der Times, und Bibi hat Donald Trump an ihrer Seite.

Wie man sich denken kann, waren die Schockwellen von amerikanisch-jüdischen Organisationen und aus Israel fast mit Händen zu greifen. Hunderte von Israel-Unterstützern protestierten gestern vor dem Times-Gebäude in New York. Kristof ist ein Pulitzerpreis-gekrönter Journalist, der über Darfur und andere kriegerische Grausamkeiten berichtet hat. Das bremste seine Kritiker nicht.

Vor allem werfen sie Kristof (und der Times) vor, dass Opfer nur anonym zitiert werden. Der Einzige, der mit Namen genannt wird, habe für den arabischen Sender Al Jazeera gearbeitet. Es ist natürlich schwierig, Leute zur Offenlegung ihres Namens zu bewegen, die unter israelischer Besatzung leben. Eine Nebendebatte hub an, ob Hunde überhaupt Menschen vergewaltigen können (ähnliche Vorwürfe gab es gegen den chilenischen Diktator Auguste Pinochet). Aber wirklich, wenn nur die Hälfte in dem Artikel stimmt, das wäre schon schlimm genug.

Israels Außenminister Gideon Sa’ar allerdings sagte, der Artikel sei einer der hässlichsten und verzerrenden Lügen, die jemals gegen Israel in moderner Zeit veröffentlicht worden seien. Man werde die New York Times verklagen. Er hat die Unterstützung von Netanyahu, der die Times auch vor Gericht zerren will.

New York vs. Netanyahu

Dürfen die das überhaupt? Im Prinzip ja, aber wegen des First Amendment, die Redefreiheit in unsere Verfassung, ist das ist sehr schwer, und erst recht schwierig wäre es, die Times zu einer Richtigstellung zu zwingen. Und wenn Israel vor Gericht siegte, das würde ohnehin ein Pyrrhussieg. Ganz abgesehen davon, dass der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani angekündigt hat. Er werde Netanyahu verhaften lassen, falls der seinen Fuß in die Stadt setzt.

Deshalb schlugen publizistische Hilfstruppen in den USA einen anderen Weg ein. Die Murdoch-Presse im Verein mit rechten Blättern wie der National Review griffen Kristof frontal an. Am meisten tat sich der Washington Free Beacon hervor, der schrieb, Kristofs (2010 verstorbener) Vater habe im Zweiten Weltkrieg für die Nazis gekämpft. Tatsächlich wurde Ladislas Kristof in Czernowitz, Rumänien geboren, und Rumänien gehörte, wie alle Länder des alten Habsburger Imperiums zu den Achsenmächten und hat Ladislas eingezogen, um gegen die UdSSR zu kämpfen. Für den Zweiten Weltkrieg ist das nicht so ungewöhnlich, und vererbt sich auch nicht.

Interessanter ist, wem gehört der Washington Free Beacon? Der Hauptfinanzier ist der Hedgefondsmanager Paul Singer, ein „vulture capitalist“, der Firmen und manchmal auch ganze Länder ausschlachtet. Er war der Mann, der die erste schwarze Präsidentin von Harvard zu Fall gebracht hat und der an der Columbia durch schieren finanziellen Druck mit israelkritischen Studenten jeglichen Glaubens aufräumte.

Mitgründer ist Michael Goldfarb, der vom Murdoch-eigenen Weekly Standard und dem Project for the New American Century kommt. Das ist der Think Tank, der kurz vor 9-11 die USA mit der Hilfe eines „neuen Pearl Harbor“ zur Weltherrschaft propellern wollten. Von solchen Leuten angegriffen zu werden ist eine Ehre.

Aber was mich mehr bewegt, ist die Rolle der New York Times. Als ich aufwuchs, in Brooklyn, war die Times unsere Bibel, wie bei vielen jüdischen Familie. Sie ist selbst im Besitz einer jüdischen Familie. Einer eher antizionistischen und natürlich demokratischen Familie. Mein Vater, seit hundert Jahren Demokrat, findet das gut.

Ende der israelisch-amerikanischen Freundschaft in Sicht?

Meine Mutter denkt, in einer Zeit, wo es Anschläge auf Synagogen gibt, wo Populisten wie Tucker Carlson sich auf Israel einschießen, hätten wir schon genug Feinde, unser Hausblatt müsse sich da nicht einreihen. Was denken meine Eltern über den Bericht von Kristof? Ich weiß es nicht, ich traue mich nicht, sie zu fragen. Zum Glück feiern sie keine religiösen Feiertage, es steht also kein Besuch an.

Natürlich hat die Times auch Böcke geschossen, etwa über die Shoa nur „unter ferner liefen“ berichtet. Oder die Sache mit den irakischen Massenvernichtungswaffen … Nun aber, mit Donald Trump als Hauptfeind und Rupert Murdoch Arm in Arm mit Bibi Netanyahu, sehe viele von uns die Zeitung als wichtige Verbündete.

Die große, unausgesprochene Frage ist aber: Ist der Times-Artikel ein Menetekel, dass wir vor dem Ende der israelisch-amerikanischen Freundschaft stehen? Der Irankrieg, den wir zusammen mit Israel führen, ist nicht beliebt. Wir hauen einander Kritik um die Ohren, öffentlich, mit Namen, wie es sich für fünf, sechs Jahren noch niemand getraut hätte. Bei den Rechten sowieso, aber auch bei den Linken. Dass Netanyahu Trump mit in den Abgrund ziehen könnte, ist für viele ein Feature, kein Bug.

Ich bin selber kein Zionist. Aber ich weiß noch, wie ich Zionisten, wenn schon nicht sonderlich schätzte, doch immerhin verstand. Nun beobachte ich mit Entsetzen, dass die Zionisten, uns, die jüdischen Amerikaner gegen unseren Willen an Donald Trump gekettet haben, den halb Wahnsinnigen, wild tweetenden Semifaschisten mit dem wir nun ganz gewiss nicht zusammen untergehen wollen.

Danny Patrick Rose

Danny Patrick Rose schreibt unter anderem Namen für die US-Fernsehshows Real Time und die Daily Show. Er begann als Stand-up-Comedian in seiner Heimatstadt Salt Lake City, studierte Civic Disobedience am City College in New York und arbeitete dann als Coach für das Baseballteam Boston Red Sox, Pizzalieferant für Tupac Shakur und Faktenchecker beim Council of Foreign Relations. Danach eröffnete er eine Stripbar in New Orleans. Als ihn das FBI als Person of Interest suchte, tauchte er in New Mexico unter, wo er bewusstseinserweiternde Kekse mit Kakteen kreuzte. Nach einem Burnout reiste er nach Indien, die Mongolei und Liechtenstein und verbrachte ein Jahr in London als Liebhaber der Duchess of York. Zurück in den USA, konzipierte er Sitcoms unter dem Pseudonym Tucker Carlson. Heute lebt der Autor des Politfachblatts The Onion und Hobbyveganer im Brooklyner Stadtteil Crown Heights mit seiner dreibeinigen Katze Petunia und zwei Piranhas. Die Verschwörung ist sein erster Roman. Er beruht auf einer wahren Geschichte.
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6 Kommentare

  1. Alles nix neues, da gab es schon längerer Zeit Berichte über Folterknäste die von Israel betrieben werden.
    Und es wurden auch ihre eigenen Leute von ihren eigenen Leuten umgenietet .

    Sollten die Israelis bei der nächsten Wahl noch mal diese Spackos an die Regierung wählen ist der Laden endgültig und komplett bei mir durch.

    1. Später Erkenntnis – aber besser spät als nie. Übrigens scheint es mir egal zu sein, ob bei irgendwelchen Wahlen die gleichen oder dieselben an die Macht kommen.

  2. Wenn nur die Hälfte stimmt — nein, wenn nur ein einziger Fakt nicht stimmt wird das ausreichen, ihn in Gänze zu diskreditieren.

  3. Zum guten Glück nimmt das jemand in dem verrückten Deutschland auf, wo man wieder einmal auf der falschen Seite und wieder auf der Seite der Völkermörder steht.
    Und jetzt kommen sicher gleich die „Antideutschen“ um die Ecke und erklären, dass das alles falsch oder nur „Selbstverteidigung“ sei.

    1. Warten Sie ab, wie schnell auch hier in overton die üblichen Verdächtigen erklären werden, dass das alles seine Ordnung hat.

    2. @Heiner Flusser
      Deutschland steht immer auf der falschen Seite, jetzt haben sie sogar Angst Trump könnte sich mit den Chinesen gegen sie wenden.

      So ist das, wenn man es sich mit allen verdirbt, Russland, China, Iran, Nahost, dem globalen Süden, usw., nur weil man sich wieder für die Größten hält. Am Ende haben sich die Deppen von allen Handelswegen und Gütern abgeschnitten.
      So ist das mit der deutschen Großmansucht, mit einem Auspuff am Arsch düst man durch die Welt und verpestet jedes Miteinander.

      Ein solches System kann nur krank machen, da hilft auch keine Raucher- oder Zuckesteuer. 🙂

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