Die große Entbehrungsoper

Taschen leer, Symbolbild: Preissteigerungen
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Als der Westen noch Kriege führte, versprach er seinen Bürgern Ordnung, Sicherheit und moralische Überlegenheit. Heute verlangt er Verzicht, höhere Spritkosten und neue Opfer – und bringt nicht einmal mehr den Mut auf, die Urheber der Eskalation beim Namen zu nennen. Ein Kommentar.

Keir Starmer und Anthony Albanese sprechen wie Männer, die einen Brand beklagen, an dessen Legung sie selbst politisch mitgewirkt haben. Sie bitten ihre Bevölkerungen um Disziplin, während sie zugleich an der großen Irreführung festhalten – so zu tun, als sei diese Krise über ihre Länder gekommen, nicht aber aus ihrer eigenen politischen Komplizenschaft erwachsen.

Es ist ein altbekanntes Bühnenbild: Staatsmänner treten vor die Kameras, die Kulisse ist düster, die Worte sind schwer und der Ton getragen, Ja, und irgendwo zwischen „Verantwortung“ und „Solidarität“ beginnt die nächste Zumutung für die eigene Bevölkerung. Diesmal geben Keir Starmer und Anthony Albanese die Hauptrollen in einer Posse, die sich selbst nicht als solche erkennt. (1)(4)

Die eigentliche Pointe

Der Plot ist simpel, beinahe grob geschnitzt. Ein Krieg erschüttert die Energieversorgung, die Preise steigen, die Unsicherheit wächst – und die politischen Akteure erklären ihren Bürgern, dass nun „Opfer“ notwendig seien. Was fehlt, ist nur ein entscheidendes Detail, die klare Benennung dessen, was diesen Zustand verursacht hat. Stattdessen erleben wir eine eigentümliche Verdrehung der Verhältnisse. Der Krieg wird zur Naturgewalt erklärt, zur anonymen Krise, die über die Welt hereingebrochen sei wie ein Sturm. „Nicht unser Krieg“, heißt es aus London. „Wir sind kein aktiver Teilnehmer“, versichert Canberra. Und doch, militärische Unterstützung, politische Rückendeckung und strategische Infrastruktur – all das ist längst Realität. Die Distanz ist rhetorisch, nimmermehr faktisch. (2)

Die eigentliche Pointe liegt in der Inszenierung der Folgen. Die Bürger sollen sparen, verzichten, sich einschränken. Öffentliche Verkehrsmittel nutzen, weniger fahren, sich auf „harte Monate“ einstellen. (4) (5) (6) Es ist die Wiederkehr eines bekannten Musters. Die Konsequenzen politischer Entscheidungen werden den Bürgern aufs Auge gedrückt, die Ursachen jedoch entpolitisiert.

Historisch ist das keineswegs neu. Die autofreien Sonntage der 1970er-Jahre in der Bundesrepublik waren ebenfalls ein Symbol staatlich verordneter Knappheit – eine Mischung aus Krisenmanagement und pädagogischer Maßnahme. Doch während damals ein externer Schock – die Ölkrise – zumindest offen benannt wurde, erleben wir heute eine eigentümliche Sprachverweigerung. Die gegenwärtige Energieverknappung wird als diffuse, fast schicksalhafte Entwicklung. (9)

Dabei ist die Lage strukturell klar. Eine der zentralen Energieachsen der Welt – die Straße von Hormus – ist de facto blockiert. (1) Förder- und Exportkapazitäten im Golfraum sind beschädigt. (7) Gleichzeitig haben sich insbesondere europäische Staaten in den vergangenen Jahren bewusst von kostengünstigen Bezugsquellen getrennt und alternative, deutlich teurere Versorgungswege etabliert. Das Resultat ist die logische Konsequenz einer politischen Neuordnung der Energieströme. (8) (10)

Die politische Bühne als Groteske

Die eigentliche Irreführung beginnt dort, wo Ursache und Wirkung systematisch entkoppelt werden. Wenn politische Führungen ihre Bevölkerung zu Verzicht aufrufen, ohne die eigenen Entscheidungen als Teil der Kausalkette anzuerkennen, entsteht ein Vakuum – und dieses Vakuum wird längst von einem wachsenden Misstrauen gefüllt.

Denn die Bevölkerung ist nicht mehr die schweigende Masse vergangener Jahrzehnte. Informationen zirkulieren schneller, Narrative werden überprüft und die entsetzlichen Widersprüche sichtbar, verliert die politische Kommunikation ihre Glaubwürdigkeit.

So verwandelt sich die politische Bühne zur Groteske. Die Akteure spielen Ernst, während das Publikum die Brüche im Stück längst erkennt. Die großen Worte – Verantwortung, Stabilität, Sicherheit – stehen im Kontrast zu einer Realität, in der zentrale Fragen unbeantwortet bleiben. Wer trägt Verantwortung? Wer trifft Entscheidungen? Und vor allem – wer bezahlt den Preis?

Es sind nicht die politischen Entscheidungsträger, die an der Zapfsäule stehen. Es sind nicht die Architekten geopolitischer Strategien, die ihre Heizkosten neu kalkulieren müssen. Es sind die Bürger. Und genau hier kippt das Stück und es entsteht ein gefährlicher Raum – einer, in dem politische Steuerung zunehmend durch Skepsis ersetzt wird. Wie lange akzeptiert die Bevölkerung eine Erzählung, die ihre eigene Intelligenz unterschätzt? Die große Entbehrungsoper hat nämlich einen Schönheitsfehler. Ausgerechnet jene, die den Vorhang aufgezogen haben, wollen nun so tun, als säßen sie bloß zufällig im Parkett.

 

1.) https://www.gov.uk/government/speeches/pm-remarks-1-april-2026

2.) https://www.reuters.com/world/uk/uk-requires-closer-eu-partnerships-due-volatile-world-starmer-says-2026-04-01/

3.) https://www.pm.gov.au/media/press-conference-parliament-house-canberra-49

4.) https://www.reuters.com/world/asia-pacific/australia-pm-albanese-address-nation-over-iran-crisis-2026-04-01/

5.) https://www.reuters.com/world/asia-pacific/australia-offer-businesses-693-million-cheap-loans-ease-fuel-cost-pressure-2026-04-01/

6.) https://www.reuters.com/business/energy/australia-halve-tax-petrol-bring-down-costs-wake-iran-war-2026-03-30/

7.) https://www.reuters.com/business/uk-food-inflation-heading-towards-10-due-iran-war-industry-says-2026-04-01/

8.) https://www.reuters.com/business/energy/any-eu-fiscal-response-energy-prices-should-be-tailored-ecb-2026-03-19/

9.) https://www.econostream-media.com/news/2026-03-26/ecb%E2%80%99s_lagarde%3A_energy_disruption_could_last_%E2%80%9Cyears%E2%80%9D_expecting_swift_return_to_normal_%E2%80%9Coverly_optimistic%E2%80%9D.html

10.) https://www.reuters.com/business/euro-zone-economy-may-already-be-ecbs-adverse-path-policymaker-warns-2026-04-01/

 

Dieser Artikel erschien bereits bei Globalbridge.

Sabiene Jahn

Sabiene Jahn studierte Kommunikation der Werbewirtschaft und arbeitet als Journalistin, Moderatorin, Sängerin und Synchronsprecherin. Sie beschäftigt sich mit gesellschaftspolitischen Themen sowie der Recherche extremistischer Strukturen. Sabiene Jahn organisiert die parteifreie Veranstaltungsreihe „Koblenz: Im Dialog“, um gesellschaftspolitischen Austausch zu fördern. Als Friedensaktivistin entwickelt sie Konzepte zur Deeskalation und Inklusion. Zudem leitet sie das internationale Musikensemble „Nobel Quartett“.
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8 Kommentare

  1. Zum Thema „Verursacher“:

    Die iranische Führung nennt die Enterung und Festsetzung eines iranischen Frachters auf dem Rückweg von China durch die US-Navy offiziell „bewaffnete Piraterie“. Offenkundig hat sie kein Interesse, einen „Bruch der Waffenruhe“ zu deklarieren, obgleich es sich um einen handelt, denn eine marine Handelsblockade gilt nach UN-Richtlinien als „Kriegsakt“.

    Auf der anderen Seite braucht WH dringend einen „Deal“, der ihm geeignet scheint, die amerikanischen und israelischen Zionisten dazu zu nötigen, von einer Fortsetzung des Irankrieges Abstand zu nehmen. Das ist daran zu erkennen, daß WH gemäß diverser Leaks darauf beharrt, das angereicherte Uran, über das Iran verfügt, zu konfiszieren und die iranische Nuklearwirtschaft abseits des Betriebes des KKW Bushehr brach zu legen, aber andererseits damit rechnen muß, daß ihm mit Ablauf der 60-Tage Frist für Kriegführung ohne Kongressbeschluss eine Reihe von Senatoren und Abgeordneten „von der Fahne“ gehen.

    Jetzt kann ein Beobachter sich natürlich auf den Standpunkt stellen, der Bruch der Waffenruhe sei eine taktische Maßnahme, den Iran zur Beendigung der Waffenruhe zu reizen, bzw. mit Blick auf die Empfindsamkeit iranische Patrioten und Militaristen auch zu „nötigen“, doch das wäre eine reichlich gewaltsame Deutung angesichts des Umstandes, daß der Übergriff direkt vor Beginn der in Pakistan anberaumten Verhandlungsrunde geschah, nicht etwa nach einem „Scheitern“ dieser Runde.
    Folglich ist die sachgerechte Wahrnehmung der Angelegenheit, daß abermals das Pentagon, oder auch CENTCOM aus eigener Anmaßung, ein vorläufiges Kriegsende bedingungslos torpedieren will UND – das ist das Entscheidende! – diesen Willen und Beschluß aller Welt zur Kenntnis gibt, um WH an seine Verfügung zu fesseln.

  2. Sabiene Jahn fängt de Geschichte aber auch erst in der Mitte an. Da liefen vorher ein paar andere in dem Artikel unerwähnte Dinge. Hätten z.B. die USA bereits während Trumps erster Präsidentschaft den Iran angegriffen, würden wir damals davon gar nichts bemerkt haben. Wenn man also schon mit Kausalkette kommt, dann bitte vorne beginnen.

    1. Hier ist KI mal nützlich zu machen:

      „Zentrale Vorfälle und Entwicklungen (2019)

      Mai 2019: Vier Handelsschiffe, darunter zwei saudische Öltanker, wurden vor der Küste der Vereinigten Arabischen Emirate (nahe der Straße von Hormus) durch Sabotageakte beschädigt. Die USA machten den Iran dafür verantwortlich.
      Juni 2019: Zwei weitere Tanker, die Front Altair und die Kokuka Courageous, wurden im Golf von Oman angegriffen. Videoaufnahmen des US-Militärs sollten zeigen, wie iranische Kräfte eine nicht explodierte Haftmine von einem der Schiffe entfernten.
      Abschuss einer US-Drohne: Im selben Monat schoss der Iran eine US-Aufklärungsdrohne vom Typ Global Hawk ab. Trump blies einen bereits autorisierten Vergeltungsschlag kurz vor der Ausführung ab.“

      Wer sich die Details reintut, erkennt, daß die Sabotageakte unzweideutig False-Flag-Operationen des CENTCOM gewesen sind, zu denen sich CENTCOM mit der Entsendung der Drohne in iranischen Luftraum inmitten der zugespitzten Lage obendrein semioffiziell bekannt hat.

      1. Was dann natürlich zur Frage führt, was Trump denn überhaupt zu sagen hat …

        Weiteres Beispiel: Während seiner ersten Präsidentschaft hatte Trump 2019 angekündigt, daß er die Amerikaner aus Syrien zurückziehen möchte und dann eine Kehrwende gemacht.

        (Politico: Trump says U.S. left troops in Syria ‚only for the oil,‘ appearing to contradict Pentagon)

        Solche Einblicke in das inneramerikanische Machtgefüge werden ja in der Westpresse nicht so gern diskutiert.

    2. Wenn zum Anfang der Kausalkette gegangen wird, dann doch nicht schon beim nächsten Kettenglied („Trumps erster Präsidentschaft“) stehen bleiben. Der Anfang liegt in der kapitalistischen Akkumulation, im Imperativ des allgegenwärtigen MEHR: Mehr Mobilität, Komfort, Dinge, alles auf Ausbeutung externer Energien basierend, ungeachtet der Möglichkeiten von Prozessoptimierung, der Betrachtung von Redundanz, der Identifizierung von Unnötigkeit, Zweckfreiheit und gesamtgesellschaftlicher psychotischer Ersatzbefriedigungen.

      #ItStartsWithI

  3. Die „Erschütterung der Energieversorgung“ steht ja auf der Agenda (2030) und von einem Benzinpreis von 5 DM haben Bündnis 90/Die Grünen schon im Jahr 1998 geträumt. Welch glücklicher Zufall, daß zwei Kriege „ausgebrochen“ sind (2022 in der Ukraine und 2026 im Iran), die den Benzinpreis in die Höhe getrieben haben. Wenn Kriege nicht von selbst ausbrechen würden, hätte man vielleicht im Hintergrund nachhelfen müssen. Oder die Ökosteuer erhöhen, aber dann hat man die schlechte Presse …

    Wenn man dem Pöbel das Jet-Set-Leben nicht mehr gönnt und im Rahmen der Dekarbonisierung sowieso den Flugverkehr massiv einschränken möchte, dann ist ein „Lockdown wegen Kerosinmangel“ doch viel praktischer als ein CO2-Budget oder ein CO2-Lockdown. Es möchte sich doch niemand als Spaßbremse oder Verbotspartei beschimpfen lassen. Die Energiekrise ist Schuld … und dahinter stehen sowohl der israelische Größenwahn im Nahen Osten, als auch der amerikanische Haß auf den Iran (erinnert sich noch jemand an die Botschaftsbesetzung in Teheran?), der Versuch den Petrodollar zu retten und vieles andere mehr. Der Irankrieg ist zwar nicht „unser Krieg“, kommt uns aber ganz gelegen.

    1. Ich stimme Deinem Beitrag zu, das ist plausibel. Die Erinnerung an die Botschaftsbesetzung 1979 in Teheran möchte ich aber durch ein noch weiter zurückliegendes Ereignis einordnen. Es gab da in Teheran bereits 1953 etwas, das sich Operation Ajax nannte. Das haben also nicht die Iraner mit der Botschaft begonnen.

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