Der Gottkanzler und die Brandmauer

Merz, Gott der Brandmauer
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Friedrich Merz ist politisch tot. Aber er muss durchhalten, muss die Legislaturperiode überdauern. Denn Friedrich Merz ist mehr als ein Kanzler: Er ist das letzte Bollwerk »unserer Demokratie«. Ein Kommentar.

Er sieht tatsächlich schlecht aus. Schlechter als ohnehin. Seine Statur gebeugt. 1,98 Meter wollen aufrechtgehalten werden. So richtig aufrecht – und aufrichtig – war er freilich nie. In der Phase, in der sich seine Kanzlerschaft im Augenblick befindet, bemerkt man seine schlechte Körperhaltung noch eher. Friedrich Merz ist am Ende. Er wirkt ausgelaugt, angespannt und ausgesaugt. Vor einiger Zeit hätte man noch gesagt, dass er angeschlagen wirke. Jetzt passt das nicht mehr. Er ist kollidiert – frontal aufgelaufen. Gescheitert an seinem Koalitionspartner, gescheitert an sich selbst. Eine lahme Ente: So würde man in den Vereinigten Staaten zu einem wie ihm sagen – das klingt freundlicher als »politisch tot«.

Friedrich Merz ist seit etwas mehr als einem Jahr im Amt. Schon der Weg ins Kanzleramt war steinig. Die erste Brandmauer, die ihn vom großen Traum der Kanzlerschaft fernhielt, hieß Angela Merkel. An ihr stieß er sich den Kopf so oft wund, dass es ihn von der Politik forttrieb – er fiel weich, ging in die Wirtschaft, verdiente viel Geld, expandierte mit BlackRock in Deutschland. Dann die Rückkehr, er würde seine Partei retten, die Ära Merkel ablösen – aber die eigenen Leute lehnten ihn ab, entschieden sich für eine rheinische Frohnatur als Kanzlerkandidat. Dann Jahre später – zwischendrin fuddelte die hanseatische Fahlheit im Kanzleramt – Hängen und Würgen bei seiner Kanzlerwahl im Bundestag; die Linken sprangen ein, wählten den einst Verhassten. Sie erklärten pathetisch, dass Merz Demokrat sei – Wochen zuvor stellten sie ihn noch als Fascho hin. Nach nur einem Jahr im Amt weist Merz nun die schlechtesten Beliebtheitswerte auf, die ein Bundeskanzler je hatte. Merz selbst wimmert im Angesicht der Presse. Und dennoch, mitten in dieser Krise deutet sich an, dass Merz mehr ist, als nur ein ordinärer Bundeskanzler.

Er kann es nicht – er muss bleiben

Denn dieser gescheiterte Kanzler, dessen Bundesregierung sich schon nach einem Jahr zur regimen non gratum entwickelte, kann nicht einfach zurücktreten und somit eine Regierungskrise auslösen – oder gar eine Neuwahl. Letzteres soll der Bundespräsident – so munkelt man in der Berliner Blase – bereits vorsorglich ausgeschlossen haben. Diese Befugnis hat er in der Tat – nur hat er den Parteien nicht vorzuschreiben, wer mit wem koaliert und ob überhaupt koaliert werden soll. Ginge Merz diesen Schritt, so würde er vermutlich die AfD stärken. In den Umfragen wird sie mittlerweile als stärkste Kraft für eine neuerliche Bundestagswahl ausgewiesen. Früher oder später – spätestens 2029 – wird es zu einer solchen Wahl kommen müssen. Aber man kann sie ja verzögern und verschleppen.

In so einer Lage dennoch am Stuhl zu kleben – und das mit dem Wohlwollen wohl aller Parteien bis auf eine –, ist schon eine einmalige Situation, die im Kern aufzeigt, dass Merz nun viel mehr ist als ein Bundeskanzler – er ist die Brandmauer, ein Bauwerk und Monument. Ein Symbolbild für die Demokratie. Nun gut: Für »unsere Demokratie«. Seine Person erfährt damit eine Art von höherer Weihe, geht über das ordinäre Amt eines Regierungschefs hinaus.

Dass ausgerechnet jener Friedrich Merz einmal zur tragenden Säule dieses politischen Systems aufsteigen würde, gehört zu den grotesken Wendungen einer Berliner Republik, die sich vollkommen verfranzt hat im Modus des Selbstzweckes. Ausgerechnet jener Mann, den große Teile des linken Milieus noch vor kurzem als Gefahr für die Demokratie behandelten, gilt nun auch verschämt als ihr Schutzpatron. Und das natürlich nicht, weil er überzeugt oder weil er führt – sondern weil sein Sturz eine Dynamik entfesseln könnte, vor der sich der gesamte politische Betrieb fürchtet. Er soll nun im Amt verbleiben, weil niemand weiß, wie man ihn ersetzen soll, ohne das ohnehin brüchige Gefüge weiter zu destabilisieren. Alternativlos sei diese Kanzlerschaft also – man erinnere an das Unwort des Jahres 2010, »alternativlos« lautete es. Damals erklärte die zuständige Jury, dass das Wort sachlich unangemessen suggeriere, »dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe.« Und die Jury hegte auch eine Befürchtung, die sie äußerte: Dass die zur Schau gestellte Alternativlosigkeit nämlich »die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung« verstärken werde.

Friedrich, der Schutzheilige

Mit einiger Berechtigung könnte man von einem Akt der politischen Sakralisierung sprechen. Denn die Kanzlerschaft des Friedrich Merz erreicht eine merkwürdige historische Dimension – für bundesrepublikanische Verhältnisse merkwürdig. Denn grundsätzlich ist es eine Konstante in jedem deklassierten Herrschaftssystem, die Repräsentanten mit einer höheren Bedeutung aufzuladen. Besonders augenfällig war dieser Mechanismus im antiken Rom. Dort konnte ein Kaiser, der politisch scheiterte, militärisch versagte und sogar persönlich verachtet wurde, dennoch noch zu einem Gott aufsteigen – als vergöttlichte Figur sollte er die Stabilität des Reiches gewährleisten. Eine gewisse Größe vor dem Angesicht der Geschichte war zwar von Vorteil, aber letztlich entschieden die Bedürfnisse des Systems, wem sie in den Status einer Gottheit verhalfen – Unfähigkeit war dann kein Hinderungsgrund. Kaiser Claudius wüsste in Lied davon zu stottern.

Nun trifft es eben Friedrich Merz mit dieser Entrückung. Eigentlich eine Fehlbesetzung, ein Mann ohne politisches Gespür und frei von der Vorstellungskraft, wie die Gesellschaft sich aufstellen und neu justieren soll, aber dafür ideologisch vorgeprägt, zudem befleckt durch seine Nähe zum Investmentgesellschafter BlackRock, steigt er nun nichtsdestotrotz auf in der Gunst »unserer Demokraten«. Seine bloße Anwesenheit im Kanzleramt gilt, egal was auch im Argen liegt, als staatsnotwendig – ja, als Staatsräson. Merz wird zu einem Symbolkörper transformiert. Seine Autorität nährt sich nicht aus seiner Politik, sondern aus dem Umstand, dass er da ist und auch bleibt.

Die alten Römer hätten das als normalen Prozess des Reichserhalts verstanden. Wenn die Institutionen schwach werden, muss man es mit Sakralisierung auffangen. Die Amtsträger werden entrückt, ihre Leistung ist dabei mindestens zweitrangig. Auf diese Weise fungiert die Unfähigkeit als Schutzwall vor dem Chaos, das man fürchtet. Der Funktionsträger wird zum Fetisch und zur Heilsfigur. Als vor Jahren einer von der spätrömischen Dekadenz sprach, wurde er gescholten – sie lässt sich aber hier und heute deutlich erkennen. Ein erschöpftes System verbindet sein Schicksal mit einem, dessen politische Kraft längst erschöpft ist, um die Krise – die so oder so programmiert scheint – noch etwas hinauszuzögern.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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7 Kommentare

  1. Eines übersieht der Autor: Das BSW hat vor dem BVerfG auf Neuauszählung der BT-Wahlen geklagt. Sofern diese Republik noch nicht vollkommen verrottet ist und das Gericht korrekt entscheidet, ist das BSW im Bundestag. Dann wird es erst so richtig lustig. Sollten wir auf jeden Fall noch in diesem Jahr erleben.

    1. deine Worte im Gehörgang dessen, an den ich nicht glaube. Die Neuauszählung glaube ich erst, wenn ich es sehe. Sollte es soweit tatsächlich kommen, was ich mir nicht vorstellen kann, dann gibt das ein politisches Erdbeben, hier im „Land der Bekloppten und Bescheuerten“ (D. Wischmeyer)

    2. Erstens ist es sehr fraglich, ob das BVerfG für das BSW entscheiden wird.

      Zweitens wird die Entscheidung vermutlich erst fallen, wenn die Legislaturperiode ohnehin praktisch vorbei ist und alle nur noch „Wahlkampf“ machen.

      Drittens bedeutet „Neuauszählung“ ja nicht automatisch, dass sich am Ergebnis etwas signifikant ändert.

      Aufgrund der ersten zwei Punkte würde ich diesen Vorgang unter „Demokratiesimulation“ verbuchen. In einer echten Demokratie hätte der Bundestag sofort neu auszählen lassen – von der Richtigkeit der ersten Auszählung ausgehend, um das Vertrauen in demokratische Prozesse und Transparenz zu stärken.

  2. wenn dieses Land es nicht schafft, sich der aktuellen politischen Kaste zu entledigen und seine Politik komplett zu erneuern, ist es m.E. dem gesellschaftlichen Untergang geweiht. Dann geht hier für sehr lange Zeit das Licht aus.
    „Unsere Demokratie“ – das ist das allerletzte. Hier geht es nur noch um den Erhalt der persönlichen Pfründe. Um dieses Land geht es diesen Verbrechern schon lange nicht mehr.

    1. „wenn dieses Land es nicht schafft, sich der aktuellen politischen Kaste zu entledigen …“

      Das ginge imho nur über das BSW, deshalb halte ich es für so wichtig, dass neu ausgezählt wird. Dann ließe sich die Partei nicht ganz so totschweigen, wie es derzeit passiert. Hoffen wir, dass du mit deinem Pessimismus nicht richtig liegst. Ganz so pessimistisch wie du bin ich dann doch nicht. Wenn du Recht behieltest, dann wäre es auf jeden Fall schon wieder so weit, dass nur noch auswandern bliebe. Aber dafür bin ich zu alt.

  3. Merz vertritt das Gegenteil von Demokratie. Er ist auch nur von einer kleinen Minderheit gewählt worden.

    Merz ist Abgesandter von Blackrock im Namen aller Transatlantiker und ihrer Steueroasen (sog. US Finanzindustrie).
    Er muss durchhalten, denn Alice Weidel kann es nicht. Ihr 11 Monate Praktikum bei der Wallstreet-Firma Goldmann-Sachs hat nicht ausgereicht. Sie hat noch weniger Berufspraxis als Baerbock.

    Die kleine Minderheit der CDU-Wähler heute:
    2,7 Millionen (Millionäre) x 3 (ihre Familienangehörige und Abhängige) = 9 Millionen (Wähler)
    = die Hälfte dessen, was die CDU bei der letzten Bundestagswahl erreichte.
    Tendenz der CDU-Wähler: weiter stark sinkend. / Tendenz der Millionäre in Deutschland: weiter stark wachsend: https://www.oxfam.de/presse/pressemitteilungen/2026-01-19-so-schnell-nie-so-gross-nie-milliardaersvermoegen-erreichen

    Das heißt: Mit der Demokratie des demokratischen und sozialen Rechtsstaats – auf Basis des Grundgesetzes und seines Klassenkompromisses – hat die CDU/CSU heute (+AfD in Wartestellung) NICHTS mehr zu tun.

  4. Thema „Brandmauer“. Ich nenne sie Idiotie-Brandmauer. Diese weist m. E. u. a. drei Zielrichtungen auf:

    1)Ablenken von Fehlern / Schieflagen / Missbräuchen / Vetternwirtschaft … des Establishments, jener Parteien also, welche Deutschland seit Dezennien regieren, plündern, Deutschland also an jenen Abgrund manövriert haben, an welchem es heute steht.

    2) Unterdrückung von Ergebnis offenen Diskursen ( Cancel Culture / Gesinnungsterror ), welche aber wesentliche Konstituenten einer funktionierenden Demokratie sind. Dies geht einher mit Aussagen wie „Diese oder jene Diskussion sollten wir nicht führen, weil sie den Falschen in die Hände spielt“ u. ä. m. Solche K.O.-Aussagen kennt man bekanntlich aus Diktaturen. Sie verfolgen ausschließlich ein Ziel: anders Denkende zu diffamieren und sozial auszugrenzen. NGOs und „Empörungsmanagement“, verbunden mit medialen Hinrichtungen, sind an der Tagesordnung. Dies geht einher mit der ständigen Verharmlosung des Nationalsozialismus ( siehe u. a. Correctiv, „Geheimplan-Recherche“ – correctiv.org/themen/geheimplan-recherche/ — lto.de/recht/hintergruende/h/so-begruendet-das-lg-berlin-ii-die-correctiv-niederlage)

    Literaturhinweise
    Karl Dietrich Bracher: Die Auflösung der Weimarer Republik.
    Ders.: Die deutsche Diktatur.
    Ders.: Zeit der Ideologien.

    3) Beabsichtigte Selbstparalyse der politisch-staatlichen Akteure zum Zwecke der eigenen Machtzementierung. Es geht mitnichten um Demokratie. Der Fuchs will den Hühnerstall, die Pfründe bewachen.

    Wenn ich auf diesem Hintergrund das Agieren der gegenwärtigen Bundesregierung betrachte, sehe ich Schwarz. Ein Mann will durch die Wand, koste es, was es wolle.

    Im gegenwärtigen Politiktheater fehlen Menschen der Zeitgeschichte wie der Visionär W. Brandt oder gebildete Analytiker wie H. Schmidt: „Berliner Lektionen“, Willy Brandt, 1988 / „Berliner Lektionen“, Helmut Schmidt, 1991.
    https://www.youtube.com/watch?v=3eR5dlKcKqY
    https://www.youtube.com/watch?v=SdT-5S_gVZo

    Es fehlen im öffentlichen Diskurs darüber hinaus ‚Weltwohldenker‘ und ‚Weltwohlpraktiker‘. Aber das ist ein anderes Thema.

    „Die schnellstmögliche Herbeiführung eines größtmöglichen Allgemein- / Weltwohles muss das oberste Ziel allen Denkens und Handelns in ziviler Bürgergesellschaft, Politik, Staat, Wirtschaft und Wissenschaft sein.“ ( RW ) – Davon sind wir jedoch sehr weit entfernt! Auch daran wirkte und wirkt Politik nachhaltig mit. Deutscher Politik geht das Wohl der BürgerInnen – Pardon! – ‚am Arsch vorbei‘ seit 1914.

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