Baustellenbesichtigung mit Neun-Euro-Ticket

Blaufisch123, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, bearbeitet

Die Deutsche Bahn ist eine der größten Baustellen dieses Landes. Ab heute ist sie eine recht überlaufene Baustelle. Dem Neun-Euro-Ticket sei dank.

Heute ist ein historischer Tag. Nicht weil wir mit unserem kleinen Magazin online gehen. Jedenfalls nicht nur deswegen. Nein, weil heute ein über Jahrzehnte kaputtgesparter Betrieb mit einem durch unschlagbar günstige Fahrkarten anschwellenden Fahrgastaufkommen konfrontiert wird. Sieben Millionen Stück wurden verkauft. Die Auswirkungen des Neun-Euro-Tickets dürften für den Betrachter spannend werden. Aber nur für den Betrachter. Für diejenigen, die dummerweise zusteigen müssen, könnte es sich als lästig gestalten. Wenn denn der Zug überhaupt kommt.

Das ist ja nun nie ganz sicher. Denn seit Mitte der Neunzigerjahre hat die Deutsche Bahn 5.400 Kilometer Gleise stillgelegt und abgebaut. Zumeist handelte es sich zwar bei den hinfortgesparten Strecken um Gleise für den Güterverkehr – das hatte allerdings trotzdem Auswirkungen auf den Personenverkehr. Denn seither teilen sich Güterzüge und Personenzüge das noch verbliebene Schienennetz. Seit Jahren fordern Klima- und Umweltschützer, den Güterverkehr von der Straße auf die Gleise zu verlegen. Der Gedanke ist auch gar nicht falsch. Aber unter den gegebenen Umständen käme das einem Kollaps gleich.

Fahrplanmäßige Bummelbahn

Mittlerweile hat die Deutsche Bahn ihre Sparsamkeit übrigens so sehr verinnerlicht, dass die nicht erbrachte Instandsetzungen, statisch nicht mehr ganz belastbare Brücken etwa oder in die Jahrzehnte gekommene Schienenabschnitte, einfach in ihren Fahrplan hineinarbeitet. Fast immer dann, wenn sich die Fahrgäste darüber wundern, dass man bei bester Sicht und ohne Not behutsam über Wälder und Wiesen zuckelt, handelt es sich um ein fahrplanmäßiges Herunterbremsen aus Sicherheitsgründen. Überdies ist es auf der Schiene so eng, dass man auch Überholvorgänge mit in den Fahrplan aufnimmt. Dann steht man irgendwo auf einem Abstellgleis und wartet, bis der ICE vorbeibummelt – denn auch er muss ja herunterbremsen, um die marode Substanz der Strecke nicht zu pulverisieren.

Alles das wird eingepasst, damit Pünktlichkeit gewährleistet werden kann. Aus statistischen Zwecken erhebt die Deutsche Bahn aber einen Zug auch dann noch als pünktlich, wenn er bis zu sechs Minuten verspätet einfährt. Ob denn ein Zug, der gar nicht erst kommt, auch als pünktlich gilt, weil ja ein nicht anwesender Zug eigentlich auch gar nicht unpünktlich sein kann, soll an dieser Stelle nicht geklärt werden.

Immerhin jeder fünfte ICE galt vor der Pandemie nicht als voll funktionstüchtig. Es wäre sicher nur allzu verlockend, sie als pünktlich zu erfassen.

Neulich musste man lesen, dass wegen der Situation in der Ukraine nicht mehr alle Waggons an Züge des Nah- und Fernverkehrs angekoppelt werden können. Im S-Bahn-Betrieb Frankfurts merkt man das schon eine Weile. Ob die Verkehrsbetriebe indes behandschuhte Schieber einstellt, wie im Tokioter Schienenverkehr üblich, wo also geschultes Personal die Fahrgäste fachgerecht in die Waggons hineinschiebt und einpasst, ein bisschen wie beim Tetris, hat man bis dato noch nirgends gelesen. Besser wäre es vielleicht, um die neue Neun-Euro-Bahnkundschaft auch unterzukriegen.

Nach dem Neun-Euro-Ticket: Ist der Zug dann endgültig abgefahren?

Die Idee hinter dem Neun-Euro-Ticket, nämlich den Menschen in Deutschland die Attraktivität des Öffentlichen Personennahverkehrs näherzubringen, nennen freundliche Gemüter idealistisch. Man könnte sie etwas unfreundlicher auch als Schnapsidee von naiver Güte bezeichnen. Was an überfüllten Zügen attraktiv, was an nun abermals kalkulierten Verspätungen so imponierend sein soll, als dass man vom ÖPNV nicht mehr ablassen möchte, kann vermutlich nur von Leuten vermittelt und dargelegt werden, die so gut wie nie einen Zug von innen sehen müssen.

Am Ende wenden sich unter Umständen mehr Menschen von der Idee eines bequemen, sauberen, pünktlichen und entspannten Nahverkehrs ab, als man jetzt noch anzunehmen vermag. Das wäre tragisch. Aber irgendwo auch nur zu logisch. Zumal wenn die Tickets nach den drei Monaten Vergünstigungen verteuert werden sollen, wie es einige Verkehrsbetriebe schon mal anmeldeten. Natürlich ist es nicht der heutige Tag, der dem Nahverkehr einen Bärendienst erweist. Schon seit etlichen Jahren hat man darauf hingewirkt und den umweltfreundlicheren Schienenverkehr gezielt geschwächt.

Wobei das mit der Umweltverträglichkeit und der Deutschen Bahn auch so eine ganz spezielle Geschichte ist. Im Ausland machen Tochterunternehmen der Bahn Geschäfte auf der Straße – also ziehen dort den Busverkehr auf, befördern Patienten in Krankenhäuser oder schicken Lastwagen auf Tour. Der umweltbewusste Kunde in Deutschland steigt vom Auto auf die Bahn um, während die Bahn im Ausland vom Gleis auf den Asphalt umsattelt. Wer darüber mehr erfahren möchte, dem sei an dieser Stelle herzlichst Arno Luiks »Schaden in der Oberleitung. Das geplante Desaster der Deutschen Bahn« ans Herz gelegt. Das mit dem Schaden in der Oberleitung stimmt auf alle Fälle.

Wie gesagt, ein historischer Tag ist das heute durchaus. Man lässt gezielt Menschenmassen auf die größte Baustelle des Landes los. Da mag man gar nicht hinsehen – muss man aber, wenn man Pendler ist. Neben dieser Baustelle sieht unsere kleine Baustelle hier übrigens, unser neues Overton Magazin, in dem Krass & Konkret ein Teil sein wird, doch ganz passabel aus. Noch ist nicht alles so, wie wir uns das wünschen. Aber es wird. Ein Satz, den man bei der Bahn nicht mehr so oft hört.

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