Die »ukrainische Ideologie«

Heinrich-Böll-Stiftung from Berlin, Deutschland, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons, bearbeitet

Endlich verlässt der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk Deutschland. Das ist gut. Schlecht ist, dass er von der ukrainischen Regierung zurückgerufen wird – und nicht von der deutschen Bundesregierung ausgewiesen wurde.

Harte Zeiten für den ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk: Er wird von seiner Regierung demnächst abgezogen. Kuschelstunden mit deutschen Rüstungsindustriellen, diesen nettesten Deutschen von allen, wird es dann vielleicht seltener geben. Im Interview mit Tilo Jung hat er neulich verkündet, wie schön so Schäferstündchen mit Rüstungsgutmenschen zuweilen sein können. Sie sind ihm fast so lieb und teuer wie Stephan Bandera.

Aber wie das mit guten Menschen so ist, sie werden dem baldigen Ex-Botschafter vermutlich nachreisen. Für eine Umarmung fährt man gerne mal eine lange Strecke. Vor allem, wenn sich daran ein kleiner Waffendeal anschließen könnte. Unter Umständen hat die ukrainische Regierung erkannt, dass ein Kuschelbotschafter vor Ort, der gut kann mit den Waffenproduzenten, viel wertvoller sein könnte als einer, der zu oft in Talkshows sitzt. Ob die ukrainische Regierung allerdings der deutschen zuvorkam, darf bezweifelt werden: Die Ampel bewegt sich nicht, sie ist ideologisch völlig erstarrt.

Ideologisch verfangen

Was haben sich die Deutschen, ja was hat sich auch die deutsche Politik alles von diesem Botschafter vorwerfen lassen müssen. Zuletzt erklärte Melnyk noch, dass seine ukrainischen Landsleute, die nach Deutschland flüchteten, schnell wieder zurück in die Ukraine türmen wollten, weil die Deutschen nicht sonderlich freundlich zu ihnen seien und auch nicht unbedingt mehrheitlich für Waffenlieferungen einstehen. Hat diese Einschätzung aus Botschaftermunde irgendwen wachgerüttelt, vielleicht mal die Außenlena zu einem kurzen kritischen Statement gebracht?

Davon weiß niemand was. Es ist schon erstaunlich, dass man diesen NS-Kollaborateur-Versteher seit Monaten seine Geschichtsklitterung durchgehen lässt, sich dennoch solidarisch mit ihm ablichtet, während man den Abgeordneten der Unaussprechlichen im Bundestag oder in den Landtagen noch nicht mal die Hand geben möchte. Diese Doppelstandards sind beängstigend – freundlich ausgedrückt.

Geschuldet ist diese falsche Toleranz zu weiten Teilen einer »feministischen Außenpolitik« – Alice Schwarzer wird es sicherlich speiübel bei dieser Zwangsentfremdung des Wortes -, die die eigene Weltauffassung zum Zentrum der Entscheidungen erhebt. Man war und ist ideologisch verfangen. Jede noch so zögerliche Kritik an der Ukraine oder ihrem Personal wird als Häresie eingeordnet; nur ein Wort, das von ukrainischer Seite böse aufgefasst werden könnte – und schon wird man der Irrlehre bezichtigt: Des Lumpen-Pazifismus.

Arbeits- und Realitätsverweigerung

Melnyk war der Profiteur dieser Feigheit der politischen Klasse. Er war gewissermaßen ein Teil des ideologischen Glaubenskonstrukts. Und nicht mal jenes entlarvende Interview, das er Tilo Jung gab, war letztlich dazu geeignet, endlich den ideologischen Pfad zu verlassen. Kiew holt den Mann zurück. Berlin hat die Chance verpasst, wenigstens auch nur ein bisschen Haltung an den Tag zu legen. Alle Welt darf weiterhin annehmen, dass es zu den Gepflogenheiten in Deutschland gehört, sich von einem Botschafterlein zur Sau machen lassen zu dürfen – und mit ihm, gleich die gesamte Bevölkerung zu verunglimpfen.

Der von Kiew angeordnete Abzug Melnyks trübt die Aussichten, dass die Ampelregierung irgendwie zur Vernunft kommt. Eine Regierung, die sich aus ideologischem Verfangen heraus nicht dazu entschließen konnte, einen beleidigenden und anmaßenden Botschafter vor die Landesgrenze zu hocken, wird bei größeren Fragen, die sich bald stellen werden – und teilweise bereits jetzt stellen -, in eine ähnliche Arbeitsverweigerung hineinmanövrieren.

Apropos Arbeitsverweigerung: Der russische Außenminister wollte sich unter anderem mit der außenpolitischen Feminismusministerin treffen. Sie lehnte ab. Mit Lawrow gäbe es nichts zu besprechen, findet sie. Das ist erstaunlich. Flapsig spricht man von Arbeitsverweigerung. Realiter ist es aber Realitätsverweigerung – bei gleichzeitiger Ideologiebejahung. Geboten wäre wohl, eingedenk der drohenden Knappheiten, die Ukraine als Ideologie fallenzulassen.

Andrij Länder, Andrij Sitten

Denn als nichts anderes ist die Ukraine doch mittlerweile zu betrachten. Sie ist kein Land mehr, keine Nation im Krieg, sondern zu einem Label geworden, einem Glaubenssatz unserer Eliten und ihrer Claqueure. Sie ist ein Bekenntnis, ein Credo, ein ideologisches Konstrukt. Die ukrainischen Flaggen sind wie ein Button am Revers zu bewerten: Wer sich so einfärbt, legt Zeugnis ab, dem Glauben des Moments noch nicht abgefallen zu sein.

Dem Ex-Botschafter umgarnt man nicht etwa, weil er so ein feiner Kerl ist, sondern er ist der Hohepriester des Mantras, für den nicht gilt, dass Andrij Länder Andrij Sitten pflegen: Er schuf einfach ukrainische Umgangsverhältnisse und durfte sich sicher sein, dass das durchgewinkt wird, weil alles andere einer ideologischen Kapitulation gleichkäme.

Diese »ukrainische Ideologie« schert sich übrigens einen feuchten Kehricht ob Ukrainer weiter sterben, gegen eine russische Armee verheizt werden, die nicht fällt, nicht fallen kann. Sie nimmt im Kauf, dass Ukrainer wie Bauern in einem Schachspiel geopfert werden – ja, sie glorifiziert sie gar als Märtyrer. Diese Ideologie ist menschenfeindlich, sie ist gewaltbereit und sie ist größenwahnsinnig. Wenn wir diesen Irrglauben nicht schnell beerdigen und jenem Land weiter ins Ohr flüstern, dass es um dessen Sieg geht, verlieren am Ende alle – zuallererst die Ukraine.

Ähnliche Beiträge:

Sei der erste, der diesen Beitrag teilt:

16 Kommentare

  1. Was mich am meisten fasziniert ist das, wenn in Deutschland die Tür einer Synagoge beschädigt wird. Dann überschlägt sich die Presse und die Politiker mit Solidaritätsbekundungen und Unterstützung zu Deutschen jüdischen Glaubens. Dokus rauf und runter.
    Wenn der Botschafter einen Mörder von Ukrainern und Menschen anderer Nationalität mit jüdischem Glauben diskreditiert und deren Mörder als Volkshelden feiern, dann ist nichts zu hören von den, die in Deutschland solche Taten verfolgt wissen wollen.
    Da ist es doch unsäglich, dass die Ultrarechten der Polen die Naziverbrecher verurteilen und die Linken, Grünen und SPD nichts tun, beziehungsweise das Gegenteil.

      1. Doppelmoral und unsere Beste Aussenministerin aller Zeiten, welche möchte dass sich Indien den westlichen Sanktionsregiem anschließt.

        Gerade finde ich einen Artikel, in dem berichtet wird, wie begeistert man z.B. in Indien ist, wenn man mal wieder seitens des deutschen Außenministeriums über Menschenrechte und Pressefreiheit etc. belehrt wird:

        „“Journalists should not be persecuted and imprisoned for what they say and write. We are indeed aware of this specific case and our embassy in New Delhi is monitoring it very closely,” the official had stated.“
        8deutsche Übersetzung: „Journalisten sollten nicht für das, was sie sagen und schreiben, verfolgt und inhaftiert werden. Wir sind uns dieses speziellen Falles bewusst und unsere Botschaft in Neu-Delhi verfolgt ihn sehr genau“, so der Beamte.)

        https://www.opindia.com/2022/07/india-slams-germany-for-its-uninformed-comments-on-arrest-of-mohammed-zubair/

        Nach Julian Assange macht Deutschland mit Alina Lipp der nächsten Journalistin den Prozess. Meinungs- und Pressefreiheit, dass war ein mal!

  2. Wenn Melnyk für eins gut war, dann dafür aller Welt zu zeigen, daß das offizielle und mediale Deutschland nichts weiter als ein Haufen schleimscheißender, duckmäusernder Hosenkacker ist, den man im Vorbeigehen im Mülleimer entsorgen kann.

  3. “ Feminismusministerin “ verstehe ich in dem zusammenhang nicht ¯\_(ツ)_/¯ …
    Sonst geht es mir auch so das ich über unsere Politik schockiert bin.
    Vieles wird einfach ignoriert und verdrängt,
    von vorausschauender Planung kann man sowieso nicht reden !
    …als ob es kein Morgen gäbe.- …

    1. Nun ja, sie selbst wollte ja feministische Außenpolitik machen. Quasi die erste Botschafterin des deutschen Feminismus in der Welt sein.

  4. Herr Melnyk war vom ersten Augenblick an der ultimative Kulturschock für mich.
    Der 2. Augenblick lehrte mich, dass seine Worte offenbar genau die richtigen waren, um unsere „Ampel“ anzusprechen und zu entsprechenden Handlungen zu motivieren. Was meinerseits zu einem neuerlichen Kulturschock führte. U.s.w.
    Über „feministische Außenpolitik“ braucht man glaube ich nicht zu sprechen. Was zum Teufel ist das überhaupt ???? Ich weiß es wirklich nicht und bin dankbar für jegliche intellektuelle Unterstützung. Im Ernst.

    Da ich hier nicht auf alles Geschriebene eingehen kann, um nicht selbst einen eigenen Artikel sichreiben zu müssen, nur so viel: wieder einmal sehr gelungen!!!

  5. „Feministische Aussenpoliitik“ – genau solcher Schwachsinn, wie es „feministische Innenpolitik geben könnte. Es gibt sie NICHT! Das SCHLIMME ist: seit dem wirklich dumme Weiber – v.d Leyen, Baerbock etc, ist eben nichts mehr von „Empathie“ zu spüren. Dumme Hyänenweiber, machen Politik, die sie noch vor Jahrzehnten, nur den „Schwanzträgern“ zugetraut hätten.

    „Frauen sollen sichtbar werden“. Tja, nix dagegegen, ich sehe aber nur absolut deppate Weiber!!!!

  6. Baerbock und Melnyk sind beide ein gutes Beispiel für moderne Diplomaten, denen eines komplett abgeht: diplomatische Fähigkeiten.

    Dafür vermögen beide umso schöner zu heucheln, zu moralisieren und zu ideologisieren. Nichts vom Gerede ist durchdacht, alle Lösungsmöglichkeiten wurden verschlossen und am Ende erreichen sie genau das Gegenteil, was sie großspurig verkündet haben.

    In die gleiche Kategorie fallen Blinken und Trumps Ex-Botschafter in Deutschland, oder auch Von der Leyen
    Alle betreiben Politik als Mittel der Selbstdarstellung.

    PS. Warum sind die Äußerungen Melnyks in dem Jung-Interview eigentlich so ein Aufreger? Seine Standpunkte waren doch sattsam bekannt.

    1. Klar, seine Standpunkte waren bekannt. Dass er sie aber so ungeniert präsentiert, hätte man auch nicht ahnen können. Wobei ich für mich sagen muss: Ich habe mich gar nicht aufgeregt über dieses Interview. An mancher Stelle habe ich gelacht – bitter zwar, aber auch Bitteres kann ja irgendwie komisch sein. Rüstungsindustrielle als nette Menschen zu zeichnen, einen auch mal umarmt zu haben: So ein Kabarettist käme gar nicht auf so eine Überspitzung.

  7. Was Stepan Bandera, nach dem in seinem Heimatland nach 2014 zahlreiche Strassen und Plätze benannt wurden, in der Ukraine, ist Jonas Noreika in Litauen. Also in der EU. Das stört auch niemanden da, auch wenn es im einschlägig völlig unverdächtigen Spiegel steht (Das dunkle Vermächtnis, Solveig Grothe, Spiegel 18.9. 2021, p 38)

    Sowohl in der Ukraine als auch im Baltikum existieren ausgeprägt rechtsextreme Residuen. Aus dem Reich der Schatten klettern sie langsam aber sicher wieder ans Licht und der versagende Kapitalismus hat ihnen erneut nichts entgegen zu setzen.

  8. Der Artikel ist so gut, so zutreffend, dass ich nur immer wieder feststellen muss: Was ist mit undetem Land passiert, was ist passiert, dass unsere bekannten Medien so gleichgeschaltet wurden, dass es m.E. keine Presse- und Meinungsfreiheit mehr gibt. So einen zutreffenden, kritisch-ehrlichen Artikel würde inzwischen keiner unserer einstigen Leitmedien mehr veröffentlichen. Danke an Overton.

  9. Bitte nicht vergessen: Die deustche Regierung hat sich nicht an die Macht geputscht. Das deutsche Volk hat sie mit grosser Begeisterung in einer doch ziemlich legitimen Wahl dorthin gesetzt….

    Wer verstehen will wie, was und warum das alles so abläuft, dem sei der Artikel der nachdenkseiten mit einem Gespräch mit Albrecht Müller empfohlen:
    „Eine harte Trennungslinie unserer Gesellschaft läuft zwischen aufgeklärt und ahnungslos.“

    Wer diesen Teil der Realität mal verstanden hat, der weiss auch, dass es dagegen so schnell keine Lösung geben wird. Die Doppelmoral IST heutzutage die Moral…. denn die „Guten“ vertreten sie!

    https://www.nachdenkseiten.de/?p=84151

  10. PS
    Wer mal sehen will wie man in manchem anderen Land mit einer Regierung umgeht, deren Politik Folgen hat, wie die Politik der deutschen Regierung, dem sei empfohlen GANZ schnell mal auf Al Jazeera zur vollen Stunde die Blider und Nachrichten aus Sri Lanka anzuschauen…. und sich solche Bilder im deutschen Herbst zu wünschen.
    Ich bin sicher die Deutschen würden dabei Masken tragen! 🙂

  11. *Ironie an*
    Der indonesischen Künstlergruppe hat die mitteleuropäische Tante Gouvernante entschlossen die Tür gewiesen, da ein schwer staatsgefährdendes Wandbild nicht tolerierbar ist. So sind sie eben, diese Südländer!
    Der Botschafter ist aber Ukrainer. Herrjeh, er ist in der Tat ein bisschen rechts. Aber das kommt ja in jeder guten – also europäischen – Familie vor.
    *Ironie aus*

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.