
Historisch schlechte Wahlergebnisse, eine Partei am Abgrund – und Friedrich Merz erklärt, er habe das nötige Rückgrat zum Weitermachen. An diesem Wahlabend gab es nur einen Rücktritt: den des postdemokratischen Mummenschanzes.
Kurz vor Schließung der Wahllokale am heutigen Abend um 18 Uhr sickerte durch, dass der Bundeskanzler recht bald nach den ersten Hochrechnungen vor die Öffentlichkeit treten würde. Um 18:14 Uhr folgte er dieser Ankündigung. Zunächst kommentierte er die Ergebnisse der heute stattfindenden Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Schwer seien die Verhältnisse an der Ostsee gewesen – zu dem Zeitpunkt seiner Ansprache stand seine Partei in Mecklenburg-Vorpommern in den Hochrechnungen bei 5 bzw. 5,5 Prozent, je nach TV-Sender. Lob hingegen hatte er für die Berliner CDU übrig, ihr Kandidat hätte ein ordentliches Ergebnis erzielt – 20 Prozent laut erster Hochrechnung, ein Verlust von mehr als 8 Prozent gegenüber 2023.
Schwer habe es auch seine Bundesregierung gehabt – denn die Wirtschaft, aber im Grunde das komplette gesellschaftliche Leben, stehen vor einem Umbruch. Aber die Reformen müssten weitergehen – wenn sie vielleicht auch erst im Laufe der Zeit wirkten. Konkreter wurde der Mann nicht. Den unversöhnlichen Ton innerhalb der Gesellschaft verurteilte er in einem Nebensatz. Vor den autoritären Stimmen von links und rechts warnte er in altgewohnter Manier. Dann der Abschluss seiner Ansprache, die nur etwa drei Minuten dauerte: Es brauche nun Rückgrat, um durchzuhalten. Er bringe ein solches mit. Als Bundeskanzler.
Er, der Friedrich und der Merz
Friedrich Merz hat sich offenbar in eine Stimmung versetzt, in der er für die Realitäten der Stunde nicht mehr zugänglich ist. Bundeskanzler müssen nicht die beliebtesten Herrschaften im Lande sein, waren sie nie. Aber ein Kanzler, den neun von zehn Bürger ablehnen, der selbst in den eigenen Reihen mehrheitlich abgelehnt wird, dessen Politik immer stärker in eine Sackgasse mündet, der das Land in außenpolitische Eskalationen führt, ihm Milliarden und Milliarden entzieht, um gleichzeitig die Zeche über Einsparungen im Sozialen und im Gesundheitswesen auszugleichen, der ist ja nicht einfach nur unbeliebt – der ist als Regierungschef offenbar an Grenzen gelangt, die er – noch halbwegs bei Trost – nicht überschreiten sollte.
Aber Merz hat sie dann doch überschritten. Seine Rede trotzte von Unterlassungen und Auslassungen, eine typische Merz-Rede, die aus Empfindlichkeiten und aus mehreren zu kräftigen Schucke aus der Pulle bestand. Am Ende hatte er gar die Chuzpe, sich am Abend des schlechtesten Wahlergebnisses, das die CDU seit 1949 in einem Bundesland einfuhr – kurz vor der Fünf-Prozent-Hürde, vielleicht ja auch drunter, was die Auszählung noch so hergibt –, vor die Bürger zu stellen und so zu tun, als gäbe es nur drei Alternative für Deutschland: Ihn, den Friedrich und den Merz.
Rückgrat – dieses Wort verwendete er und brachte es in der Tat mit seiner Person in Zusammenhang. Die Schwierigkeiten, die »angesichts konkreter Bedrohungen« –gerne wiederholte Phrase des Bundeskanzlers auch heute – für Deutschland bestehen, kann offenbar in dieser Republik nur einer so angehen, dass sie Hand und Fuß haben. Sicher, der Mann hat eine Agenda und dafür kein Taktgefühl, aber gibt es nicht diesen einen lichten Moment, wo auch die Borniertesten zu der Erkenntnis kommen, dass sie es vielleicht gut sein lassen sollten? Merz jedoch will nicht einfach nur weiterhin Bundeskanzler und Parteivorsitzender bleiben, er will seinen Kurs quasi sogar verschärfen – das war als Ansage auf die Sozialdemokraten gedacht, die am heutigen Abend einen Aufwind verspüren dürften. Nächste Kanzlerkandidatin: Manuela Schwesig, eine zum Erfolgsmodell hochgeschriebene Allerweltsfunktionärin, die in Mecklenburg-Vorpommern mehr als 35 Prozent eingefahren haben wird – das ist ein Wert, in den die SPD Baden-Württembergs fast siebenmal hineinpassen würde.
Adieu, postdemokratisches Schauspiel!
Wahlsieger – wenn man so sagen kann angesichts Weimarer Zahlenarithmetik – in Berlin: Die Linken. Also die Leute, die es mit der Gerechtigkeit in der Hauptstadt anpacken werden: Am besten mit der Umbenennung all der Straßen, die nach einem berühmten toxischen Mann heißen – klassische Linke sind darunter kaum zu finden. Die Wohlstandssphäre spielt Politik. Für Rot-Rot-Grün könnte es reichen. Die Fronthauptstadt wird also weiterhin die Stellung halten. Das BSW steht indes in beiden Ländern an der Schwelle, die Briefwahlen werden es so richten, wie es gerade opportun ist, behaupten böse Zungen immer wieder, wenn das BSW im Laufe der Auszählung so unschlüssig zwischen Drinnen und Draußen mäandert.
Weiter so! Friedrich Merz macht weiter. Diesmal mit Zuversicht – er monierte in seinen drei Minuten übrigens auch, dass man hierzulande so viel schlechtrede. Dieser dumme Idiot von einem Bürger, der sich nicht freut, dass er nur sechs Monate auf einen Facharzttermin warten muss, der stattdessen drängelt und schneller vorstellig werden will und dann auch noch jammert: Es reicht, der Mann mit Rückgrat packt weiter an, auch damit diese Schwarzmalerei aufhört. Das ist sicherlich genau der Humor all derer, die Friedrich Merz satthaben – und das ist eine absolute Absolutmehrheit. Aber es bedeutet rein gar nichts. Das nicht – die schlechten Wahlergebnisse nicht. Gar nichts. Es ist vollkommen wumpe, total wurscht. Und damit ist uns klar, wer heute wirklich endgültig abgetreten ist: die Postdemokratie. Sie ist vorbei, les jeux sont faits. Nichts geht mehr.
Andere sagen Fassadendemokratie dazu. Die Idee dahinter: Es gibt einen demokratischen Apparat, der als Überbau rein rituell weiterbetrieben wird, während Entscheidungen andernorts getroffen werden – so weit so bekannt. Es war ja nie anders, in Hinterzimmern macht man von jeher Politik. Die Postdemokratie verhieß aber ein Theaterstück, das aufgezogen wird, um Teilhabe zu simulieren. Das Ritual erforderte auch, Abbitte leisten zu müssen, wenn der Ritus – also die Wahl – auf Abwege geriet. Wer den Ritus zu stark schädigte, wurde Anschlussverwendungen zugeführt. Dann trat einer zurück, um dem Rituellen die Ehre zu erweisen, die Fassade aufrechtzuerhalten. Heute ist wohl jedem klar, dass auch diese Fassade nicht mehr gestrichen wird. Sie bröckelt ja schon sehr lange. Am heutigen Tage ist sie in Teilen heruntergekommen. Dem Bürger noch irgendwas vormachen? Irgendwas, vielleicht auch nur einen kleinen Ausschnitt aus dem neuen Stück? Keine Chance, diese Zeiten sind vorbei – es ist möglich, dass der Totengräber der Union weitermacht, gegen alle Widerstände, gegen alle Vernunft, gegen die postdemokratische Scheinordnung. Rückgrat also? An diesem Abend spielt es tatsächlich eine Rolle: Denn Merz hat das morsche Rückgrat der ohnehin schon vertrockneten Postdemokratie durchbrochen. Durch die Brandmauer hatte er es nicht geschafft.
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Der Friedrich, der Friedrich…
Kleinigkeiten. Die CDU bewegt sich also auf die 4% zu. Da kommt Freude auf. Aber das stört keinen grossen Reichskanzler. Es geht weiter in Richtung Krieg und Sozialabbau. Sind doch autoritäre Säcke, die dagegen sind.
Wegen solchen Kleinigkeiten tritt man nicht zurück. Da beweist man Rückgrad. Was anderes würden die Auftraggeber sicher nicht akzeptieren.
Morsches Rückgrat? Unfähigkeit? Nein, nichts davon. Nur kann er nicht die Wahrheit über seine Aufgabe aussprechen.
Die Ministerpräsidentin Schwesig sieht sich, ja auch als Gewinnerin der aktuellen Landtagswahl. „Was mich nicht wählt, macht mich nur stärker“ (aus Wille zur Macht) und nicht etwa was die Wahlberechtigten wirklich wollen.
Der Fritze wird so lange an seinem Posten kleben, bis ihm Larry Fink sagt, das es Zeit ist zu gehen.
Und das fehlende Rückgrat war bisher die Grundvoraussetzung für einen deutschen Politiker, der „nach oben“ wollte. Ansonsten das übliche hohle Geschwätz, wenn sie eine Klatsche vom Wahlvieh bekommen haben…
Moin,
ein bisschen verwunderlich finde ich es schon, dass alle auf dem armen Fritz herumhacken…..,
wohlweislich außer acht lassend, dass es vor allem der Jens war und ist, welcher der CDU den größten Schaden zufügt.
Allerdings darf man sich da dann durchaus auch fragen, inwiefern eine „Volkspartei“ so wenig passables Personal vorweisen kann, dass sie sich gezwungen sieht, komplett verbrannte „Kader“, dann doch wieder in die erste Reihe zu schieben……? (Gruß auch an den Maut-Looser!)
Ist es tatsächlich „nur“ Dummheit…….., oder muss die Partei noch alten Versprechungen nachkommen?
Selbstredend ist der Friederich der falsche Mann am falschen Ort. In Kombination mit der Weiter-so-bis-in-den-Abgrund-Partei SPD verheerend.
Nichtsdestotrotz summieren sich die Wahlberechtigten in MVP und SA auf gerade mal 3 Mio., fallen mithin unter die 5% Hürde bundesweit. Rauschen im Osten. Mehr nicht.
Schon richtig interessant wie die Wahlen in MP und Berlin das politische Deutschland durcheinander bringen. Auch wenn mir nicht jede Entwicklung gefällt, schön und spannend zu sehen das die Wähler die Entscheidung in der Hand haben.
Wann wird so ein spannender Artikel über die Dumawahl veröffentlicht? Das war doch auch wieder ein Kopf an Kopf Rennen zwischen der Partei des Zaren und ähhhh, ja, also und den andern die auch irgendwie für das aktuelle Feudalsystem durchs Feuer gehen.
Naja, wichtig ist das die parlamentarische Opposition gegen die Regierung die Rechtstaatlichkeit durchsetzt.
Mission erfüllt. 👍
„Wann wird so ein spannender Artikel über die Dumawahl veröffentlicht?“
Gemach, gemach!
Unser Mann vom Anti-Spiegel ist wieder live vor Ort.
https://anti-spiegel.ru/2026/ich-bin-wieder-als-wahlbeobachter-unterwegs-2/
Wozu eine Wahl beobachten bei der bereits vor der Wahl die kritische Opposition komplett ausgeschlossen wurde. Wähle zwischen Putin, Putin, Putin und noch ein paar Putins.
Extrem langweilig, selbst wenn es zu Unregelmäßigkeiten kommen sollte. Der Betrug wurde vor der Wahl bereits vollbracht. 🥱
„Unser Mann live vor Ort“
Sind die anderen bekannten „internationalen Wahlbeobachter“ diesmal auch dabei? Ich meine: Patrik Baab, Sergey Filbert und die „Wahlbeobachter“, die Fico aus der Slowakei vorbeischickt, um die transparenten Wahlurnen zu überwachen..?
Oliver oder Thomas?
Also ich bin da nicht so gut informiert, wer sich da alles aufgemacht hat, um die freien und demokratischen Wahlen in Russland einschl. Cherson zu bestaunen. Vielleicht mal die anderen hier fragen…
Die eigene Demokratie ist immer interessant. Da kommt ja nichts durcheinander. Nur wird gerade die CDU durch die AfD ersetzt. Von Ludwig Erhard zu Ludwig von Mises oder so. Und auch Patriotismus und Wehrsport wird die AfD besser können. Es bleibt also alles fast wie es ist, nur noch mehr Sozialabbau und mehr Wehrsport. Auch der Krieg gegen Russland wird bleiben, keine Sorge. Man darf auch weiterhin alles sagen, wenn es gegen Putin geht.
Und jetzt ist die CDU in Mecklenburg-Vorpommern nach jüngsten Hochrechnungen unter die 5%-Hürde gerutscht. Damit würde sie erstmals bei einer Landtagswahl rausfliegen.
Vielleicht sollte ja Merz in der Ukraine kandidieren. Ich meine, falls es dort mal Wahlen geben sollte. 🤡
CDU unter 5% – Hürde gerutscht
Die CDU ist laut Hochrechnung von infratest dimap (21:47 Uhr) bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern mit 4,9 Prozent unter die Fünf-Prozent-Hürde gerutscht. Damit wäre sie nach jetzigem Stand nicht mehr im Landtag vertreten.
Kein Wanken, kein Zweifel.
Christdemokraten sind für Höheres geschaffen.
Kreuzzüge sind nur bewaffnete Pilgerfahrten.
Direkte Demokratie –
Für eine Abwahl von Parlamentären per Volksentscheid !
„Lob hingegen hatte er für die Berliner CDU übrig, ihr Kandidat hätte ein ordentliches Ergebnis erzielt – 20 Prozent laut erster Hochrechnung, ein Verlust von mehr als 8 Prozent gegenüber 2023.“
Für die Berliner CDU wäre das im neuen Jahrtausend in der Tat ein ordentliches Ergebnis, praktisch am Durchschnittswert gelegen:
2001 = 23,8; 2006 = 21,3; 2011 = 23,3; 2016 = 17,6; 2021 = 18,0; 2023 = 28,2
Die Wiederholungswahl war einfach ein Ausreißer.
„Für Rot-Rot-Grün könnte es reichen.“
Wann hat es für die in Berlin denn genau NICHT gereicht?
Stimmen der sog. „Mitte-Links“-Parteien (SPD, Grüne, PDS / LINKE):
1990 = 48,9; 1995 = 51,4; 1999 = 50,0; 2001 = 61,4; 2006 = 57,3; 2011 = 57,6; 2016 = 52,4; 2021 = 54,4; 2023 = 49,0; 2026 = 52,2 / 56,9 (Hochrechnung, inklusive / exklusive BSW)
Sie hatten in jedem Senat seit der Wende die Mehrheit der Sitze. In JEDEM.
„Dem Bürger noch irgendwas vormachen?“
Das scheint in der Tat das Stichwort der Leitartikler zu sein! Denn warum beschäftigt man sich eigentlich nicht mal mit etwas WIRKLICH Interessantem? „Der Bürger“ wählt nämlich erstaunlich gleich!
These: Über den Verlauf der Jahrzehnte hinweg betrachtet, zeigt sich eine bemerkenswerte Persistenz der sog. „politischen Lager“ (Grundorientierung), bei gleichzeitig erheblichem Wandel der Parteien, die diese Lager repräsentieren. Das macht die Wahlgeschichte eher zu einer Geschichte wechselnder politischer Angebote bei gleichzeitig erstaunlich stabiler politischer Nachfrage nach bestimmten Produkten (ohne deren Einlösung).
Gebt euch mal die Ergebnisse der Parteien in MV seit 1990:
https://wahlen-in-deutschland.de/blMVP.htm
Wilde Wechsel, oder? Aber ordnen wir das nun gemäß der „politischen Lager“ an. Die Zuordnung SPD/Grüne/Linkspartei vs. CDU/FDP/AfD entspricht dabei der gängigen Betrachtung des deutschen Parteiensystems in Wissenschaft und Medien. Für das „linke“ Lager kann 2026 noch das BSW neu hinzugenommen werden.
„Mitte-Links“:
1990 = 52,0; 1994 = 55,9; 1998 = 61,4; 2002 = 59,6; 2006 = 50,4; 2011 = 62,7; 2016 = 48,6; 2021 = 55,8; 2026 = 52,5
„Mitte-Rechts“:
1990 = 44,0; 1994 = 41,6; 1998 = 32,9; 2002 = 36,8; 2006 = 45,7; 2011 = 31,8; 2016 = 45,8; 2021 = 36,6; 2026 = 44,1
Die aggregierten Lager-Werte entsprechen fast spiegelbildlich den Werten von 1990!
Die enorme Verschiebung INNERHALB der Lager ist also wesentlich größer als die Verschiebung ZWISCHEN den allgemein definierten „politischen Lagern“. Die persönliche Parteibindung mag schwächer geworden sein – aber das zugrunde liegende politische Kräfteverhältnis wurde davon nicht sonderlich stark berührt. Die CDU zum Beispiel ist von 38,3 % (1990) auf 4,9 % (heute) gefallen, während umgekehrt die AfD heute mit 38,2 % fast ihren damaligen Wert erreicht. Das verändert zwar die BINNENSTRUKTUR des rechten Lagers dramatisch, aber NICHT seine Gesamtgröße.
Innerhalb der viel zitierten Fluktuation gibt es offenbar gewisse langfristige politische Räume, in denen sich Parteien immer wieder etablieren können – und neue parteipolitische Angebote docken bloß an bereits vorhandenes, bislang unterversorgtes oder anders kanalisiertes Potential an. Offensichtlich erschaffen sie nicht ausschließlich neues Wählerpotential – sie ordnen sich relativ schnell auf dem jeweiligen Flügel ein. Die Parteienlandschaft mag somit instabil geworden sein – die aggregierten Lager sind über die Jahrzehnte quasi gleichgeblieben. Oder anders formuliert: Es gibt Eintopf in verschiedenen Geschmacksrichtungen – aber es bleibt eben Eintopf.
Die Folgefrage lautet nun aber, ob dieses Lagermodell überhaupt etwas taugt. Denn nur weil Medien und „Wissenschaft“ zum Beispiel Grüne und SPD als „linke Parteien“ kodieren, bedeutet das ja nicht, dass sie dieselbe Art von Politik vertreten wie vor 30 oder 40 Jahren. Oder dass sie in Regierungsverantwortung ihr von irgendjemand als „links“ bewertetes Parteiprogramm umsetzten. Oder dass sie überhaupt „links“ (gewesen) sind. Und umgekehrt.
MV ist dafür ein schönes Anschauungsbeispiel: Hier gab es schon viele Jahre Rot-Rot; die von den Regierungen Ringstorff wie Schwesig verantworteten Projekte und Maßnahmen waren häufig aber alles andere als „links“. Vielmehr handelte es sich um neoliberale „Reformen“, die von der SPD in Parteitagsreden oder der PDS / Linkspartei in der Opposition gern scharf bekämpft wurden. Eine Partei kann also programmatisch deutlich „links“ blinken und auch als „links“ gelten – und trotzdem institutionell längst in das politische Establishment integriert sein und alles andere als „linke“ Politik machen. (Schwesig bekommt dafür sogar Zustimmung. Zitat Tagesschau: „Die Arbeit der von ihr geführten rot-roten Landesregierung wird von etwa der Hälfte der Menschen positiv bewertet – was im Vergleich zu anderen Bundesländern ein guter Wert ist.“)
Dergestalt etablierte Parteien nennt man aber „Kartellparteien“. Diese sichern ihre Position vornehmlich über ihre Verankerung im Staat und den Zugang zu staatlichen Ressourcen ab. Parteien, die nicht zu diesem „Kartell“ Zugang haben gelten fachsprachlich als „Herausforderer“. (Eine Partei kann zunächst „Herausforderer“ sein und anschließend schrittweise in den Bereich der etablierten Parteien hineinwachsen beziehungsweise in das Kartell aufgenommen werden.)
Grüne und mehr noch die Linkspartei sind dafür Paradebeispiele. Gerade letztere wird noch immer von vielen als „Protestpartei“ oder „extrem“ kodiert, obwohl das wenig Substanz aufweist. Denn die PDS in MV war schon früh parlamentarisch etabliert und mehrfach an Landesregierungen beteiligt. Demgemäß fraglich ist, ob die Beschreibung für sie adäquat ist. Spätestens seit ihrer Regierungsbeteiligung wird es hier methodisch mehr als schwierig. Die Partei mag vielleicht für die Zeit Anfang der 1990er Jahre als klare „Herausforderer“-Figur taugen. Sie 2026 aber immer noch unter „Alternative“, „Extrem“ oder „Protestpartei“ zu führen, erscheint angesichts ihrer Ausrichtung und langjährigen Partizipation am gouvernementalen Betrieb analytisch kaum noch zu rechtfertigen Sie gehört längst zum normalen Parteienwettbewerb und -betrieb der Republik.
Dennoch, als Alternativschema, teilen wir Parteien in MV statt in „Mitte-Links“ vs. „Mitte-Rechts“ in „Etablierte“ (SPD, CDU, Grüne, FDP) und „Herausforderer“ (PDS-Linkspartei/NPD/AfD/BSW) ein. Nun der Anteil der „Herausforderer“ über die Zeit:
1990 = 15,9
1994 = 22,8
1998 = 25,5
2002 = 17,2
2006 = 24,1
2011 = 24,4
2016 = 37,0
2021 = 27,4
2026a = 43,0 (AfD + BSW)
2026b = 49,5 (inklusive Linkspartei)
Das ist ein qualitativ anderer Befund als bei den Lagern: Die Gesamtverteilung „links vs. rechts“ bleibt stabil, während sich der Anteil der Stimmen, die auf Herausforderer außerhalb des Establishments entfallen, deutlich erhöht hat. MV erlebte somit anstelle einer Verschiebung in eine politische Richtung die Transformation seiner Parteienlandschaft! Das ist viel interessanter als der öde Blick auf den jeweiligen „Wahlsieger“. (Der „andere Teil“ der Bevölkerung scheint die Arbeit der Landesregierungen offenkundig nicht gut zu bewerten.)
Dann nochmals das ABER: Eine Partei kann nicht gleichzeitig immer stärker zur etablierten Regierungs- und Verwaltungspartei werden und unverändert als „Protestpartei“ behandelt werden! Daher ist fraglich, ob man die Linkspartei spätestens ab den 2000ern überhaupt noch als solche führen sollte. Und das scheinen auch viele ihrer (ehemaligen) Wähler so zu sehen: Die Partei, die einst der große (ostdeutsche) Herausforderer war, wurde immer mehr „Mainstream“ – und verlor gleichzeitig einen erheblichen Teil ihres früheren Wählerpotentials. Stattdessen wurden BSW und AfD zu den neuen Sammelbecken des „Herausforderer“-Potentials.
Doch angesichts der realisierten (BSW) wie erstrebten (AfD) Aufnahme in Kartellstrukturen stellt sich bei ihnen dieselbe Frage wie bei der Linkspartei. In MV – wie in Sachsen-Anhalt, wo das „linke“ Lager bei den letzten Wahlen übrigens fast sieben Prozentpunkte zugelegt (!) hat und die „Rechten“ nun keine Zweidrittelmehrheit mehr haben – zeigt sich zum Beispiel das rasche Verglühen des BSW:
Europawahl 2024 in MV: 44,7 (AfD 28,3 + BSW 16,4)
Bundestagswahl 2025: 45,6 (AfD 35 + BSW 10,6)
Landtagswahl 2026: 43 (AfD 38,2 + BSW 4,8)
Der Gesamtanteil des „Herausforderer“-Potentials ist in der Größenordnung zwar erstaunlich ähnlich geblieben. Aber die interne Zusammensetzung dieses Lagers hat sich innert zwei Jahren dramatisch verändert: Aus 63:37 wurde 88:12! Der „Potsdam-Erfurt-Effekt“ scheint beim BSW zum Tragen zu kommen. Denn die Nachfrage nach einem bestimmten politischen Angebot („Veränderung“) ist ja nicht verschwunden – der Wähler hat aber den Anbieter gewechselt, wechseln müssen, weil er hofft, dass der andere seine Nachfrage besser befriedigt als der „Brombeer-Tarif“.
Ob die Leute mit dem Anbieter AfD besser dran sind, sei dahingestellt. Für alle drei „Herausforderer“ ist letzten Endes ein Begriff tauglicher, den ehemaliger Forist benutzte: „Systemopposition“ Man verwendet ihn gemeinhin (und abwertend) bei Dumawahlen. Eine Partei kann aber auch in Deutschland „Systemopposition“ sein, wenn sie die politischen Institutionen und Spielregeln gerade nicht grundsätzlich ablehnt oder zu verändern sucht, jedoch zugleich (noch) außerhalb der etablierten Regierungs- bzw. Kartellkonstellation steht. Das trifft auf BSW wie AfD zu, die ja regelmäßig um Aufnahme ersuchen. Meine Wette: Es braucht bald eine neue „coole“ Alternative, um die Enttäuschten aufzufangen. Weiter im Alphabet wäre nun „C“ an der Reihe… wie wäre es mit der APO-Partei CDU aus MV?
Solchen Spuren nahzugehen, erscheint mir weitaus zielführender als der Blick auf vorgebliche „Gewinner“ und „Verlierer“ an einem Wahlabend.
übrigens landeten in MV 14% der Stimmen im Orkus. auch ein neuer Rekord, der nicht mal erwähnt wurde.