
Über den Ursprung der westlichen Werte.
Schwimmen zwei junge Fische durch das Wasser. Ein älterer Fisch kommt ihnen entgegen und sagt: „Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?“ Die beiden schwimmen weiter. Nach einer Weile schaut der eine den anderen an und fragt: „Was zum Teufel ist Wasser?“
In seinem Buch „Dominion“ stellt der Historiker Tom Holland die These auf, dass sich praktisch alle Werte, die wir im Westen als selbstverständlich nehmen, auf das Christentum zurückführen lassen, auch wenn uns das gar nicht bewusst ist. Ein Buch, das auch hartgesottene Atheisten zum Grübeln bringt.
Von Cäsar zum Christentum
Tom Holland ist ein recht ungewöhnlicher Historiker. Obwohl er eigentlich den Schlüssel zu einer steilen Karriere in der Hand hielt (er hatte in Cambridge studiert und war dann zur Promotion nach Oxford gegangen), schmiss er alles hin, weil er keine Lust mehr hatte. Statt seine Dissertation über Lord Byron zu Ende zu führen, schrieb er lieber eine Vampirgeschichte, die in der Zeit von Byron spielte. Er hatte nach eigener Aussage genug davon, arm zu sein – und auch keinen Elan mehr, Byron tot zu analysieren. Dann lieber dunkle Goth-Geschichten.
Er blieb aber nicht nur bei den Vampir- und Horrorgeschichten, sondern veröffentlichte zunehmend auch populärwissenschaftliche Bücher über das Altertum. Die Römer, die Griechen, die Perser hatten es ihm angetan. Doch ihm fiel auf, dass bei aller Begeisterung für die antiken Gesellschaften bei ihm immer wieder ein Störgefühl auftrat, wenn er versuchte, sie wirklich lebendig nachzuvollziehen.
Den gallischen Krieg zum Beispiel. Cäsar rühmt sich in seinem Werk völlig ungeniert, über eine Million Gallier getötet zu und eine weitere Million versklavt zu haben. Die Idee, dass das falsch sein könnte, war ihm offenbar komplett fremd. Zwei Millionen niedergemacht – in der Antike ging man recht großzügig mit Einschätzungen um, vielleicht waren es auch weniger –, das war für Cäsar ein Riesen-Erfolg! Er zeigt die Lumpengestalten stolz auf Triumphzügen durch Rom. Der Stärkere hatte gewonnen.
Oder die Spartaner, bei denen alle neugeborenen Babys daraufhin beurteilt wurden, ob sie zu anständigen Kriegern taugten (oder zu Müttern anständiger Krieger). Falls nicht, wurden sie entsorgt. Immer wieder stößt er sich daran, wie ausschließlich die Kultur auf Stärke, Härte und Macht ausgerichtet war. Und er fragt sich, was genau sich daran falsch anfühlt.
Dabei kommt er zum Thema der Religion im Altertum und stellt fest, dass das, was wir heute unter Religion verstehen, für Römer und Griechen ein fremdes Konzept war. Die uns gängige Idee, dass es auf der einen Seite eine Religion gibt, die sich mit der Ewigkeit oder dem Geistigen beschäftigt und auf der anderen Seite einen weltlichen Teil, diese Zweiteilung war im Altertum fremd. „Religio“ war eine Praxis, den Göttern an bestimmten Tagen zu opfern, um sie milde zu stimmen. Es gab aber keine Trennung zwischen Säkularem und Religiösem.
Die Fragestellung der „Religio“ führte den Agnostiker Holland dazu, sich mit den Wurzeln seiner moralischen Vorstellungen auseinanderzusetzen. Woher kommt das eigentlich, dass wir jedem Menschenleben einen Wert beimessen? Woher die Idee, dass man den Staat auf eine Weise organisiert, der weitgehend unabhängig von religiöser Einmischung ist? So kam er dazu, sich mit der Ideengeschichte des Christentums auseinanderzusetzen.
Religion unter dem Kreuz
Dominion – deutscher Titel: Herrschaft. Die Entstehung des Westens – ist ein Buch, das beschreibt, welche Einflüsse ins Christentum wirkten und wie sich dieses verbreitete. Und Hollands Fazit ist klar: wir sind die Goldfische, die in christlichem Wasser schwimmen, ohne es selbst zu merken. Weil wir unser Aquarium selbst nicht sehen.
Unsere Religion fußt darauf, dass Jesus gekreuzigt wurde. Eine brutale, öffentliche Foltermethode, bei der Menschen zuschauen konnten, wie Gekreuzigte elendiglich zu Grunde gehen, während die Vögel nach ihren Augen picken. Eine Methode, die das Römische Reich gegen die schlimmsten Rebellen einsetzte. Um zu demonstrieren, wer die Macht in Händen hält.
Und diesen schändlichen Tod, diese Erniedrigung, wählt der Gottessohn der Christen. Holland beschreibt, wie schwer es für die Urchristen war, das zu akzeptieren. In den frühen Jahrhunderten gibt es kein Bild vom Kreuz, Jesus wurde damals als Lamm dargestellt. Opfer ja, aber nicht gleich so unmenschlich brutal. Paulus schreibt, ein Gekreuzigter, das wäre für Juden schwer zu schlucken, aber in den Augen von Griechen oder Römern geradezu Idiotie. Ein Gott, das muss etwas mit Macht sein, Glamour, Gold, nicht entsetzliches Leiden unter der Knute eines Stärkeren. Was soll daran schon göttlich sein?
Und doch hat sich genau diese Religion verbreitet. Eine, wo die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein werden. Ein Glaube, dass Jesus nicht nur für die eigenen Leute gelitten und gestorben ist, sondern für alle. Und auch auferstanden ist für alle. Paulus beschreibt das in seinem Brief an die Galater. „Da ist nicht mehr Jude noch Grieche, da ist nicht mehr Sklave noch Freier, da ist nicht mehr männlich und weiblich; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.“ Alle mit der gleichen menschlichen Würde, die aus dem Göttlichen kommt: das war neu.
Für Holland stellt das eine völlige Abkehr von der römischen Tradition dar. Und gleichzeitig ein enormes Erfolgskonzept. Die christlichen Gesellschaften haben sich nach Holland genau deshalb so nachhaltig entwickelt, weil sie diesen Glauben angenommen haben. Weil es für sie immer eine klare Trennung gab zwischen dem, was Cäsar gebührt und dem, was heilig ist. Einen König, der im Weltlichen herrscht und einen Papst, der die moralische Institution ist. Und dazu kam eben die Würde eines jeden Menschen.
Gegenpol zum Christentum: Hitler
All die Ideen der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit führt er direkt auf das Christentum zurück. Andere Gesellschaftsformen kannten das nicht. Selbst den Marxismus, der Religion explizit als Opium für das Volk strikt ablehnt und sogar bekämpft, sieht er in der Tradition des Christentums. Dass jeder Mensch ein gleiches Recht hat auf Ressourcen, das wäre im Altertum eine Absurdität gewesen.
Natürlich heißt das nicht, dass in unserer Geschichte alles immer gut gelaufen wäre. Hexenverbrennungen, Sklavenhaltung, Kriege, beide Kirchen, die Hitler unterstützten – Holland behauptet nicht, dass alles immer rosarot war oder ist. Die Kirche hat viel und oft geirrt. Aber die Urgedanken der Bibel, und die von Augustin und Thomas von Aquin, die sieht er als die Quelle und Basis unserer Ethik und dessen, was uns zum Guten zieht.
Der Gegenpol zum Christentum in der Neuzeit bildet für ihn nicht Stalin, sondern Hitler. Weil Stalin bei allen Verbrechen und Menschenverachtung immerhin die Grundidee der Gleichheit vertreten hat. Er meint, dass in der Neuzeit deswegen Hitler als das Ur-Böse dargestellt wird, weil der Faschismus das Recht des Stärkeren propagiert. Die in Rom völlig normale Ansicht, dass es unwertes Leben gibt, dass die Starken die Schwachen unterdrücken sollen. Menschen, die im Goldfischtank des Christentums aufgewachsen sind, empfinden das als falsch.
Holland setzt sich auch (vor allem in einem eigenen Buch dazu) mit dem Islam auseinander und sieht dort massive Unterschiede zum Christentum. Dort gibt es keine Trennung zwischen Religion und Staat, das Gesetz der Scharia kommt direkt von Gott. Menschen haben es nicht in Frage zu stellen. Gläubigen Männern verheißt er Gutes, Frauen und Andersgläubigen nicht. Es würde zu weit führen, hier auch noch die Ansichten von Holland zum Islam zu schildern, doch gut kommt er nicht weg. Bestimmt ist sein Bild auch beeinflusst von einer Reportage, die er für die BBC vor Ort über die christlichen Jeziden drehte, kurz nachdem der südliche Teil des Irak vom Islamischen Staat befreit wurde. Christliche Männer, die von ISIS tatsächlich barbarisch gekreuzigt wurden, Frauen und kleine Mädchen, die als Sklavinnen verwendet wurden. Alte Frauen, die zu unattraktiv waren und getötet und in einem Haufen liegen gelassen wurden. Er hat noch die Gebeine vorgefunden. Wer so etwas sieht, das im Namen dieser Religion durchgeführt wurde, der wird kein Freund des Islam werden.
Persönliche Einschätzung
Holland selbst ist im Rahmen seiner Recherchen langsam und vorsichtig in Richtung Christentum zurückgekehrt. Jenseits der Kirchen sieht er jetzt darin eine positive Kraft, die wir in den nächsten Jahrzehnten dringend brauchen werden.
Wie es war Dominion zu lesen? All die Beschreibungen, wie wunderbar es sich lese, haben sich bei mir lange Zeit nicht bestätigt. Erstmal bin ich ja, wie wir jetzt wissen, ein Goldfisch und habe mich daher noch nie wirklich für das Christentum interessiert. Und dann noch 594 Seiten Kriege, Kämpfe, Babylonier und Pompeji – puh, also leichte Lektüre geht anders. Letztlich habe ich es gelesen, weil in meinem englischen Umfeld eine fundamentale Debatte über Holland und seine Thesen ausgebrochen ist. Ich kam nicht mehr daran vorbei, weil mir die Ideen wieder und wieder begegnet sind. In England ist der Goldfischtank mittlerweile im Mainstream angekommen. Also habe ich meine negative Haltung zur Kirche (Aussagen wie „Gott ist queer!“ oder „Impfen ist Nächstenliebe!“ lassen mir die Haare zu Berge stehen) zur Seite geschoben und mich auf das Buch eingelassen. Es hat mich ziemlich zum Nachdenken gebracht.
Auf dem Cover wird Dominion beworben mit einem Zitat aus der Sunday Times: „Wenn große Bücher einen dazu anregen, die Welt mit völlig neuen Augen zu betrachten, dann ist Dominion in der Tat ein sehr großes Buch.“(1) Dem kann ich zustimmen. Bei mir hat es – wie gesagt – eine ganze Menge Denkprozesse in Gang gesetzt.
(1) If great books encourage you to look at the world in an entirely new way, then Dominion is a very great book indeed.





Ein Aufsatz von geradezu peinlicher Oberflächlichkeit – und Blindheit gegenüber den Realitäten westlicher Herrschaft.
Die Realitäten westlicher Barbarei im Namen des Christentums stinken allerdings zum Himmel. Es wäre eine interessante Frage, inwiefern hier das Römertum fortlebte. Es gibt insgesamt eine starke Tendenz, die religiösen Lehren zu sehr hochzuschätzen und dabei zu vergessen, dass das Christentum oder jede Form eines mitmenschlichen Lebens von jedem einzelnen Menschen selbst errungen werden muss. Wir mögen hier im christlichen Abendland eine antike Moral leben und ein Moslem im Irak mag eine „christliche“ Moral verinnerlicht haben. Angehöriger einer Religionsgemeinschaft zu sein, ist weiß Gott kein Verdienst und nichts, worauf man stolz sein dürfte.
Man kann die religiösen Schriften auch als Wegweiser verstehen und in diesem Sinne halte ich die christliche Offenbarung in der Tat für sehr wegweisend.
„Ein Aufsatz von geradezu peinlicher Oberflächlichkeit…“
Dazu gehört sicherlich, dass Marx in der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ nicht vom „Opium für das Volk“ schrieb, sondern vom „Opium des Volkes“. Vielleicht zu oft das neunte Studioalbum der Toten Hosen gehört?
So lange es Religionen gibt wird es auch immer Krieg geben.
Bester Artikel seit langem dazu: https://qpress.de/2026/08/24/befreiung-von-religion-christentum-und-anderen-altlasten/
Danke! Guter Artikel und darüber hinaus auch viele andere. Danke! Guter Artikel und darüber hinaus…
War mir ein Vergnügen….vielen Danke nochmal, wirklich und überhaupt, musste einfach sein, wirsing 😉
Die Autorin mag dies anders sehen, doch meines Erachtens beschränken sich die heutigen „westlichen Werte“ im Wesentlichen auf folgendes:
1. Geld gilt.
2. Wer uns nicht passt, den machen wir platt.
3. Russen sind Untermenschen und gehören ausgemerzt.
Das „Neue Testament“ wurde von den römischen Kaisern Vespasian und Titus mit Hilfe ihrer (gerade besiegten) Freunde in Ägypten und Judäa geschrieben, besonders erwähnenswert ist dabei Josephus der auch den allergrößten Teil der Begleitliteratur in der ihm eigenen Weise verfasst hat.
Neben der anfangs nur als Sklavenreligion für die alten Völker des römischen Ostens konzipierten Oberfläche ist das NT ein ziemlich bösartiges Werk der römischen Oligarchie, voll mit schwärzestem Humor und natürlich den Gründungsmythen des Antisemitismus. Die römische Oberschicht hat über 1000 Jahre auch als religiöse Administration und Autorität gearbeitet, aber dabei fast kein Wort darüber geschrieben. Bis zu diesem Werk…
@emil
Wo haben Sie denn diesen geradezu BIZARREN Unsinn gelesen:
„Das „Neue Testament“ wurde von den römischen Kaisern Vespasian und Titus mit Hilfe ihrer (gerade besiegten) Freunde in Ägypten und Judäa geschrieben, besonders erwähnenswert ist dabei Josephus der auch den allergrößten Teil der Begleitliteratur in der ihm eigenen Weise verfasst hat.“
In meiner Kirchengeschichte herrschten Päpste und Bischöfe ja höchst weltlich, von ihren Kriegen bis zu ihren Huren. Die Moral waren was für das gemeine Volk. Also so wir bei unserem verehrten Herrn Reichskanzler von den Christlichen Demokraten.
Ein guter Artikel, dem uneingeschränkt zuzustimmen ist.
Viele kennen zwar die „Kriminalgeschichte des Christentums“ (besser gesagt: der Kirchen ! ), wissen aber nur sehr wenig darüber, was das Christentum an humanitärem Fortschritt gebracht und wie die Antike war.
Und ja, die Antike kannte noch nicht einmal die Begriffe „Schuld“ und „Sünde“. Schuld gab es lediglich in dem Sinne, dass jemand nicht seine Pflicht erfüllt hatte, z.B. als Offizier oder als Sklave.
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Wer sich noch mehr mit dem Thema beschäftigen möchte, dem sei das 1999 von Hans Meier verfasste Büchlein
„Welt ohne Christentum, was wäre anders?“ empfohlen.
In eine ähnliche Richtung geht sein Vortrag vor der Konrad-Adenauer-Stiftung“ von 2005 mit dem Titel „Demokratischer Verfassungsstaat ohne Christentum – was wäre anders?“
https://www.kas.de/documents/252038/253252/7_dokument_dok_pdf_7315_1.pdf/f80c7e92-41bb-505d-01ce-acec8574b79f?version=1.0
Es gibt noch mehr Dinge, die uns selbstverständlich sind und die letztlich auf das Christentum zurückgehen: die Trennung von Kirche und Staat, der Zeitbegriff, die Caritas u.a.m.
Eigentlich ist es offensichtlich, dass die Gesellschaft und auch Menschen, die mit Kirche oder Religion nichts zu tun haben wollen sehr stark von Christentum geprägt sind, auch wenn einige das für sich selber nicht wahr haben wollen. Und sicher prägt Religion auch Moral. Die Wurzeln von Moralvorstellungen liegen aber tiefer bzw. davor. Ich würde sagen, dass Moral auch im Tierreich zu finden ist, auch wenn es dort keine Religion geben mag, und Moral dort nicht intellektuell interpretiert und legitimiert wird. Wenn man diese Fähigkeiten aber hat, nach Ursachen zu suchen, Unsicherheit bewältigen und gemeinschaftliche Normen stabilisieren zu wollen, und symbolische Welten bilden zu können, scheint das Auftreten von Religion eine praktische Unvermeidlichkeit.
Organisierte Religionen wie das Christentum sind für mich lediglich ein Machtinstrument, welches auf Angst und Drohungen basiert. Wie derzeit auch die Politik, welche für die Verbreitung von Angst und Unsicherheit Folgsamkeit erntet; bis hin zu Kriegen und Selbstaufgabe der Einzelnen. Auch für meine Moral brauche ich weder das Eine noch das Andere und mein Gemeinsinn beschränke ich mich auf mein direktes Umfeld von 10 – 15 Personen, die es erwiesenermaßen genauso halten. Alles weitere ergibt sich inviduell ohne Ansagen von „Wohlgesonnenen“. Ich bzw. wir entscheide(n) selbst, ohne den restlichen Milliarden zu schaden oder uns von Häuptlingen vereinnahmen zu lassen. Den nötigen Talern für die voraussichtlich verbleibenden Lebensjahre brauche ich nicht mehr hinterherzujagen, da ich mittlerweile genügsam genug bin, nicht mehr alles Materielle haben zu wollen. Gesundheit ist der einzige Unsicherheitsfaktor, mit dem zu rechnen ist. Aber lieber mit 75 abtreten, als mich weitere 15 oder gar quälende 20 Jahre vom wohlgesonnenen Staat abhängig zu machen, da mir die Angst nicht zu eigen geworden ist.
Organisierte Religionen wie das Christentum sind für mich lediglich ein Machtinstrument, welches auf Angst und Drohungen basiert. Wie derzeit auch die Politik, welche für die Verbreitung von Angst und Unsicherheit Folgsamkeit erntet; bis hin zu Kriegen und Selbstaufgabe der Einzelnen. Auch für meine Moral brauche ich weder das Eine noch das Andere und mein Gemeinsinn beschränke ich auf mein direktes Umfeld von 10 – 15 Personen, die es erwiesenermaßen genauso halten. Alles weitere ergibt sich inviduell ohne Ansagen von „Wohlgesonnenen“. Ich bzw. wir entscheide(n) selbst, ohne den restlichen Milliarden zu schaden oder uns von Häuptlingen vereinnahmen zu lassen. Den nötigen Talern für die voraussichtlich verbleibenden Lebensjahre brauche ich nicht mehr hinterherzujagen, da ich mittlerweile genügsam genug bin, nicht mehr alles Materielle haben zu wollen. Gesundheit ist der einzige Unsicherheitsfaktor, mit dem zu rechnen ist. Aber lieber mit 75 abtreten, als mich weitere 15 oder gar quälende 20 Jahre vom wohlgesonnenen Staat abhängig zu machen, da mir die Angst nicht zu eigen geworden ist.
Ach das werte Marketing. „Über den Ursprung der westlichen Werte.“ Sind das nicht Börsenwerte und ist das nicht die letzte in ihrer Breitenwirkung unübertroffene Religion?
Vlt. ein paar Anmerkungen dazu:
Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, d.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben.
– Walter Benjamin: „Kapitalismus als Religion“, 1921
Er sei eine reine Kultreligion, ohne Dogmatik, ohne Transzendenz und ohne Erlösung . Der Kapitalismus zelebriere den Kultus in Permanenz; jeder Tag sei Festtag, der die äußerste Anspannung der Verehrenden fordere, und der Kultus sei, wohl zum ersten Mal in der Geschichte der Religionen, nicht entsühnend, sondern verschuldend, er mache Schuld universal.
– Anmerkungen zu Walter Benjamins Ausführungen
Und zum permanenten Ausnahmezustand:
Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der ‚Ausnahmezustand‘, in dem wir leben, die Regel ist. … Das Staunen darüber, daß die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten Jahrhundert ’noch‘ möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, daß die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist.
– Walter Benjamin: „Über den Begriff der Geschichte“, 1940
Die sog. „repräsentative Demokratie“ ist ein Euphemismus, dient der Verschleierung und Bewahrung von „Eliten“- Herrschaft (egal wie man Elite nun definieren mag) und gehört überwunden. Aber die Idee der Herrschaft des Demos durch Sachentscheidungen ist gut und daher „Demokratie“ zu Recht eine Selbstverständlichkeit.
Die organisierten sog. „christlichen“ (Staats-) Kirchen (und auch viele „Frei“-Kirchen) stehen zum NT wie repräsentative Demokratie zur echten Demokratie…
Immer wieder nett, dass die dunklen Seiten des „Herrn“ Jesus beliebig ausgeblendet werden, weil sie das Glanzbild des Religionsstifters (der ja eigentlich Paulus war) trüben könnten. Verächtlicheres und Unchristlicheres z. B. über Judas kann man kaum äußern: „Doch wehe dem Menschen, durch welchen des Menschen Sohn verraten wird. Es wäre ihm besser, dass der selbige Mensch noch nie geboren wäre“. Judas ging dann hin und „erhängete sich selbst“.
Auch die Gewissheit, nach der Quälerei am dritten Tag schon wieder leiblich (!) aufzuerstehen war so vielen anderen Gekreuzigten eher nicht vergönnt.