
Diskurs – Andersdenken – Dissidenz. Über „Mut zum Widerspruch. Dissidenten der Alternativlosigkeit berichten“.
Dissidenten? Wie jene Schriftsteller, Menschenrechtler und Gewerkschafter, die im Ostblock in den Untergrund gingen, Menschenrechtsverletzungen dokumentierten, offene Briefe publizierten? Deren Gesundheit und Leben bedroht war? Wie Alexander Solschenizyn in Russland, Václav Havel in der Tschechoslowakei, Lech Wałęsa in Polen?
„Dissidenz? Ist dieser Begriff nicht überzogen“, mögen Sie sich jetzt fragen? Dann lohnt sich ein Blick in das Buch „Mut zum Widerspruch“, verlegt in dem jungen genossenschaftlichen Verlagsprojekt discorso mit Sitz in der Schweiz.
Auch, wenn sie bereits tief beunruhigt waren von den Grundrechtseinschränkungen während der „Pandemie“-Maßnahmen mit dem Zahlenzauber und der Maskenmagie; auch wenn Sie wahrgenommen haben, dass NGO-, Medien- und Gender Studies-Eliten den Korridor des Sagbaren in seine links-progressive Richtung à la Geschlechterpluralismus und alternativlosen Vielvölkerstaat verschieben; dass in der Bundesrepublik 35 Jahre nach dem Untergang der DDR ein System von Meldestellen für Äußerungen „unterhalb der Strafbarkeitsgrenze“ aufgebaut wird; dass die Europäische Union Meinungsäußerungen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg mit dem Verdikt der Existenzvernichtung belegt; selbst dann wird Ihnen die Lektüre von „Mut zum Widerspruch“ tiefe Einsichten ermöglichen.
Fünf Fälle
Die Erkenntnisse kristallisieren sich an etwas, das der verfassungsrechtlichen Analyse und der Zeitdiagnose – seien sie noch so treffsicher – notwendigerweise fehlt: an der existenziellen Wucht des Einzelschicksals. Insgesamt 16 Porträts werden dem Leser geboten. Unter anderem der Medienwissenschaftler Michael Meyen, der entlassene Beamte auf Probe Lucian Michaelis, der Künstler und Autor Enno Schmidt, der Arzt Andreas Heisler, die Medizinprofessoren Andreas Sönnichsen und Harald Walach kommen mit ihren Geschichten zu Wort – nebst einem Geleitwort des Wissenschaftsphilosophen Michael Esfeld und einem resümierenden Schlusskapitel von Heike Egner und Anke Uhlenwinkel, Autorinnen der ebenfalls lesenswerten Studie „Wer stört muss weg! Die Entfernung kritischer Professoren aus Universitäten“.
Die Geschichten in „Mut zum Widerspruch“ berühren durch die Einfühlung, die sie ermöglichen – Einfühlung in die Schärfe der Diffamierung, der medialen Hetze, der rechtlichen und staatlichen Verfolgung: etwa bei der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, die vom Medienliebling zur persona non grata mutierte, weil sie bei zwei heiligen Medien-Kühen zugleich, Corona- und Ukraine, andere Auffassungen als der Mainstream vertrat; bei der Ärztin Carola Javid Kistel, die Impfunfähigkeitsbescheinigungen ausstellte und nun im Exil ohne ärztliche Berufszulassung in Mexiko lebt; bei dem Soldaten Alexander Bittner, der nach Impfverweigerung vier Monate im Gefängnis verbrachte; bei dem Weimarer Richter Christian Dettmar, der Kinder von den Masken befreite und darüber seine Stelle als Richter samt seiner Pensionsansprüche verlor; bei dem Pfarrer Martin Michaelis, der öffentlich die Corona-Politik kritisierte und später als parteiloser Kandidat auf der Stadtratsliste der AfD in Quedlinburg antrat – woraufhin ihm die Evangelische Kirche seine Beauftragung für den Pfarrdienst entzog.
Fünf Fälle, die einen die Wucht des Einzelschicksals spüren lassen, seien näher betrachtet.
Ganser hat seine Dissidenz in Erfolg umgemünzt

Da ist die Rechtswissenschaftlerin Alessandra Asteriti, die es in einer Reihe von Tweets in den Jahren 2019 und 2020 wagte, die Tatsache zu benennen, dass das körperliche Geschlecht von Frauen im Völkerrecht relevant ist, um geschlechtsbasierte Diskriminierung feststellen zu können. Aufgrund eines dieser Tweets, in dem Asteriti Geschlechtsumwandlungen als „verstümmelnde Operationen“ bezeichnete und jenen, die sich an sich durchführen ließen, „psychische Probleme“ attestierte, wurde ihr schließlich im Jahr 2020 der Twitter-Account gesperrt und sie erhielt Morddrohungen. Ihre Hochschule, die Leuphana Universität Lüneburg, an der sie als Juniorprofessorin für internationales Recht tätig war, verteidigte sie nicht in ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung, sondern verzichtete vielmehr auf eine Entfristung ihrer Professur. Ihr laufender Vertrag wurde nicht verlängert. In ihrem Beitrag bezeichnet sich Asteriti als „arbeitslos, pleite“ und „unvermittelbar“.
Da ist der Historiker Daniele Ganser, der seit Jahren als „Schwurbler“ und „Verschwörungstheoretiker“ diffamiert wird und dessen Universitätskarriere beendet wurde, weil er in einem Artikel für den Schweizer Tages-Anzeiger im Jahr 2006 darauf hinwies, dass die offiziellen Berichte zu den Terroranschlägen am 11. September 2001 eine eklatante Leerstelle aufwiesen. An jenem denkwürdigen Tag waren nämlich nicht nur die beiden Türme des World Trade Center eingestürzt, sondern ein weiteres Gebäude, das WTC 7. Dort war zwar ein Brand ausgebrochen, aber kein Flugzeug hineingestürzt. Daniele Ganser fragte mit der gebotenen Unvoreingenommenheit nach, warum diese Tatsache in den offiziellen Berichten weggelassen wird und aus dem kollektiven Gedächtnis nahezu vollständig getilgt ist.
Gerade die Suche nach Gegenevidenzen zur eigenen Lieblingsthese ist das zentrale Merkmal von wissenschaftlichem Denken. Die ETH Zürich, an der Ganser zu jener Zeit, es war das Jahr 2006, arbeitete, interessierte das nicht. Nach einem diffamierenden, hoch selektiven Artikel in der Schweizer Sonntagszeitung ließ die ETH Zürich Gansers E-Mail-Adresse sperren, so dass er auch Fragen von Journalisten nicht mehr beantworten konnte. An der Universität Basel konnte Ganser zwar einige Jahre weiterlehren. Aber auch die Universität St. Gallen verlängerte einen Lehrauftrag aufgrund „umstrittener“ Positionen nicht. Seine Erfahrungen resümiert Ganser wie folgt: „Es läuft immer gleich ab: Abweichende Meinungen werden nicht toleriert. Wenn sich trotzdem jemand traut, den vorgegebenen Diskursraum zu verlassen, wird er diffamiert und riskiert, die Stelle zu verlieren. Diese Angst vor dem Verlust des guten Rufs und des Einkommens hält viele kluge Forscher davon ab, sensible Themen anzupacken.“ Mittlerweile haben die anhaltenden Diffamierungen Gansers freilich massiv zu seinem Erfolg beitragen, da er – auch aufgrund seiner Kompetenz auf dem Gebiet der Zeitgeschichte – zu einem Magnet für Andersdenkende wurde. Ganser hat seine Dissidenz in Erfolg umgemünzt. Auch solche Spielräume ermöglicht die gegenwärtige Lage – noch.
Mobbing-Kaskaden
Schmerzhaft erfahren mussten den Konformismus an Hochschulen die Herausgeber des Bandes, Günter Roth und Wolfgang Stölzle. Der Logistik-Professor Stölzle wagte es, den Rektor der Universität St. Gallen Bernhard Ehrenzeller, darum zu ersuchen, einen Impfappell an alle Universitätsangehörigen zurückzunehmen. Stölzle schildert eine sich über vier Jahre hinziehende Kaskade aus haltlosen Anschuldigungen, anonymen Diffamierungen, medialen Verleumdungen, journalistischem Machtmissbrauch, Kontaktschuld, Sippenhaft, Denunziation und dem Missbrauch dienstlicher Beurteilungen. An einem einzigen Satz wird die Rückgratlosigkeit von Teilen des Universitätswesens deutlich: „Der offene Widerstand von Wolfgang Stölzle gegen die Weisungen des Rektorats im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie zeugen von seiner widerspenstigen Persönlichkeit.“ So war es in dem Bericht der Kommission zu lesen, die den Vorwürfen gegen Stölzle nachging. Wäre etwa verdeckter Widerstand in Ordnung gewesen? Die Mobbing-Kaskade mündete in Stölzles Ausscheiden aus der Universität.
Verrentet – oder besser: ausgestoßen – wurde Günter Roth, ehemaliger Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München. Zu „Mut zum Widerspruch“ steuert Roth einen analytisch gehaltenen Beitrag mit dem Titel „Autoritarismus des ‚einzig Wahren und Guten‘ bei. Über seine eigene Geschichte kann er dort nur andeutungsweise sprechen. Auch in diesem Umstand spiegelt sich die Dringlichkeit, die dem Buch innewohnt. Denn Roth wurde nach einem gerichtlichen Vergleich dazu verpflichtet, mit Blick auf seine Erfahrungen mit der Münchner Hochschule einen Maulkorb zu tragen.
Roth hatte es – wie eine Darstellung von Heike Egner und Anke Uhlenwinkel zeigt – gewagt, im Wintersemester 2021/2022 mit Studenten in einem Seminar über die Bedeutung von Freiheitsrechten und die Diskriminierung gesellschaftlicher Gruppen zu diskutieren. Gemünzt war das auf die Impfpflicht und die Gruppe der Ungeimpften mittels 2G. Grundlage der Seminardiskussion war unter anderem ein Text Roths, der auf der Plattform Rubikon erschienen war. In zwei anonymen Briefen beschwerten sich mehrere Studenten daraufhin bei der Hochschule. Sie wollten nicht über die Thematik diskutieren und schon gar nicht auf der Grundlage eines Artikels, der in einem, wie sie es nannten, „Querfrontmagazin“, das „Verschwörungstheorien“ verbreitet, erschienen war. Roth erhielt eine Abmahnung mit Kündigungsdrohung wegen „Überschreitung der Grenzen der Lehrfreiheit aus Art. 5 Abs. 3 GG“. Dagegen klagte er zwar erfolgreich vor dem Arbeitsgericht. Der Konflikt ging aber weiter: So wurde ihm ein Freisemester verwehrt, das turnusgemäß alle Professoren erhalten, und im Mai 2024 erhielt er sogar die außerordentliche, fristlose Kündigung, ohne Angabe von Gründen. Roth ließ sich auf einen Vergleich mit Freistellung und Gehaltszahlung bis zum Renteneintritt ein. Er widmet sich nun unter anderem seinem Blog, in dem er jenes freie Nachdenken und Schreiben pflegen kann, das ihm vormals an der Hochschule verwehrt wurde.
Der Prozess der Ent-täuschung wird spürbar
Nicht minder schockierend sind die Darstellungen des Innsbrucker Medizin-Professors Christian Schubert. Er sah sich mehreren Disziplinaranzeigen durch die Österreichische Ärztekammer ausgesetzt, weil er die COVID-Impfung für Kinder und Jugendliche kritisiert hatte. Dass diejenigen, die derartiges betrieben, wie etwa MMag DDr. Walter Kraibichler, in ihrem Verfolgungseifer jegliches Urteilsvermögen verloren hatten, zeigten Anschuldigungen wie die folgende: „Das Verhalten des Disziplinarbeschuldigten fördert nicht nur die Spaltung der Gesellschaft, sondern trägt letztlich auch zum Tod eines erheblichen Teiles der Weltbevölkerung bei.“
Allein die bewegenden Reflexionen, die Schubert über den Umstand anstellt, dass er nun unter geschätzten Fachkollegen als „rechts“ galt, sind es Wert, sich mit „Mut zum Widerspruch“ zu beschäftigen. Nachdem Schubert vom rechten Corona-Glauben abgefallen war, hörte er aus seinem Kollegenkreis: „‘Aber wir hören Christians Rede genauso wie seine seitherigen Kommentare mit einem Ohr, das rechte Tönungen wahrnimmt.‘“ In größter Offenheit schildert Schubert wie ihn diese Worte trafen – und ihn zugleich in Richtung einer differenzierteren Weltwahrnehmung transformiert haben: „Vor Corona teilte ich die Parteien in Gutmensch- und Bösmensch-Parteien ein. (…) Während Corona aber begann sich meine Einteilung zunehmend zu verändern. Die Grünen, die Linken, die Liberalen und die politische Mitte überboten sich geradezu darin, die Menschen mit den Corona-Massnahmen zu tyrannisieren und legten dabei eine Unmenschlichkeit und Bösartigkeit an den Tag, dass ich mich meiner früheren politischen Ansichten fast schon schämen musste. Umgekehrt setzte sich die Rechte (…) als einzige Kraft vehement gegen die Corona-Massnahmen und für eine Aufarbeitung ein, und ich lerne rechtspolitische Mitstreiter kennen, ob deren Menschlichkeit ich überrascht war. (…) In mir machte sich zunehmend der Verdacht breit, dass ich vor Corona über Jahrzehnte hinweg einfach nur medial getäuscht worden war und politisch Rechtssein ebenso diffamiert und diskreditiert wurde, wie während Corona das Andersdenken als Schwurbeln bzw. rechts, bis hin zu rechtsextrem.“
In vielen Beiträgen in „Mut zum Widerspruch“ ist ein solcher Prozess der Ent-täuschung spürbar. Wer während der sogenannten Corona-Pandemie vom Mainstream abwich, sah sich mit einem Mal von fundamentalen Glaubensätzen seiner Lebenspraxis als Mitglied eines vermeintlich demokratischen, freiheitlichen, rechtstaatlichen Gemeinwesens ent-rückt. Das ist eine bittere, aber auch die eigenen Erkenntnisoptionen steigernde Botschaft, die dem Buch „Mut zum Widerspruch“ innewohnt: Die De-Zentrierung der eigenen Weltsicht nämlich, die damit einhergeht, dass sich der „unbefragte Boden der natürlichen Weltanschauung“ (Alfred Schütz/Thomas Luckmann) auflöst, wenn man sich selbst nicht mehr nur als jemand erlebt, der eine andere Meinung als sein Gegenüber hat, sondern auch in seiner personalen Identität als solcher gerahmt und adressiert wird. Man ist dann eben nicht mehr ein Mensch, der anders denkt, sondern ein Andersdenkender. Der Weg vom Meinungssonderling zum Dissidenten ist schließlich durch den ideologischen Ausschluss markiert, durch die Diffamierung, die berufliche Vernichtung und schließlich – in Europa sind wir mit den EU-Sanktionslisten kurz davor – die physische Auslöschung.
Das buchstäblich Ver-rückte an der Dissidenz
Der Begriff des Dissidenten kommt von dem lateinischen Verb „dissidere“. Es bedeutet: „auseinandersitzen“, „nicht übereinstimmen“. Dissidenten sind somit all jene, die nicht auf derselben Seite sitzen. Dadurch werden ihre Biographien und Persönlichkeiten nun geformt. Dissidenz ist ein Resultat eines Meinungsstreits, der sich personal verdichtet hat. Der Dissident ist der fleischgewordene Widerspruch; er schultert jenes Dagegensein, dem sich die meisten Menschen aus Bequemlichkeit, aus Angst vor Strafe oder auch aus Übereinstimmung mit der offiziellen Linie entziehen. In einer Gesellschaft allerdings, in der die Abweichung – subtil oder grob – bestraft wird, ist die Übereinstimmung mit dem, was die Diskurshegemonen als „sagbar“ ausweisen, nie eine frei gewählte. Dissidenz entsteht, wenn der Fluss der Argumente, der Sichtweisen, der Weltbilder stockt und manche Menschen durch Ausschluss, Druck, Zwang, Gewalt in das ideologische Jenseits gepresst werden.
Das buchstäblich Ver-rückte an der Dissidenz ist, dass sie einen auf die einmal eingenommene Position festnagelt, während der Dissident selbst durch den eingenommenen Abstand zur vorherrschenden Ideologie die Dinge oftmals schärfer und differenzierter wahrnimmt als zuvor. Die Gefahr freilich liegt darin, dass man sich innerhalb der Gruppe der Dissidenten mit seinen verschärften Wahrnehmungen wiederum kollektiv bestätigt und ihrerseits das Fragen zurechtselektiert oder unterlässt – schon um die durch den äußeren Druck geschmiedete Solidarität in der Binnengruppe nicht zu gefährden. So besteht auch hier die Gefahr, dass die Linse schnell wieder trüber wird. Diese fatale Lagerbildung ist Gesellschaften, die zur Dissidenz verleiten, inhärent – einfach deshalb, weil sie legitimen Widerspruch an den Rand drängen.
Der „Mut“, der notwendig ist, um zu widersprechen, ist zweifelsohne das Ergebnis einer Sozialpathologie. Der Patient ist eine diskursiv aus den Fugen geratene Gesellschaft, in der der mündige Bürger gepredigt wird – und die ihn zugleich gnadenlos einnordet, wenn er von seiner Autonomie Gebrauch macht. Diese Doppelmoral – ins Werk gesetzt von Mainstream-Journalisten ohne Berufsethos, Hochschulleitungen ohne Rückgrat, Studenten ohne kritisches Bewusstsein, Politikern ohne Sinn für legitime Meinungsunterschiede –, diese Doppelmoral ist es, die der Dissidenz in Gesellschaften, die sich in ihren Verfassungen liberale nennen, ihr besonderes Gepräge gibt: All jene, die heute ihren „Mut zum Widerspruch“ beweisen müssen, stehen auf einer anderen Seite, die es gar nicht geben dürfte. Mit den Geschichten, die in dem Band „Mut zum Widerspruch“ versammelt sind, sollte man sich deshalb besser heute als morgen beschäftigen.
Auch passend dazu: Die Akte Guérot. Ab Montag im Handel und bei den Buchkomplizen.




Seit ich 1969, 14jährig, in die SDAJ eingetreten war, mich dem antikommunistischen bürgerlichen Konsens und dem Kriegskurs gegen die Sowjetunion widersetzend, bin ich politischer Verfolgung ausgesetzt gewesen.
Mir kommen die Tränen.
Etwa ein Jahr später gab es aufgrund meines Aktivismus eine Akte beim MAD über mich, höchstens zwei Jahre später eine beim Verfassungsschutz, was mir und meinem besten Freund dadurch bemerklich wurde, daß sein Vater, ein Kommunalbeamter, eine telephonische Mahnung erhielt, er solle aufpassen, mit wem sein Sohn Umgang pflege.
Mir kommen die Tränen.
Anläßlich pubertär-jugendlicher Insubordinationen, die ich mir besser verkniffen hätte, setzte sich ein prominenter Lehrer meines Gymnasiums ein Jahr später mit einem politisch / weltanschaulich begründeten Relegationsverlangen durch.
Mir kommen die Tränen.
Die Relegation entsprach der Agenda des 1972 verfügten „Radikalenerlass“, auch wenn er keine direkte Rolle darin hatte. Damit war klargestellt, daß mir eine Fülle von Berufswegen und Karrieregelegenheiten versperrt bleiben würden, selbst wenn ich zu „gemäßigteren“ Ansichten und Urteilen gelangt wäre, oder solche fingiert hätte.
Darüber habe ich gelacht.
Mein Abitur habe ich trotzdem gebaut und mich an der FU-Berlin u.a. an der romanistischen Fakultät eingeschrieben, wo meine Zwischenprüfungsarbeit einerseits mit „1a“ und „nahezu druckreif“ bewertet, aber zugleich als „weltanschaulich und methodisch inakzeptabel einseitig“ beurteilt worden ist, ihre Zurückweisung angedroht, aber per „Gnadenerweis“ für mein erwiesenes „Talent“ nicht umgesetzt worden ist.
Ja, ich wurde ein bißchen wütend.
Doch nicht aus Wut habe ich das Studium daraufhin aufgesteckt und bin in die Industrie gegangen, sondern weil mir eine vielleicht mögliche akademische Karriere die Lasten nicht wert gewesen sind, mit einem Rucksack und Koffer ohne jeden finanziellen Rückhalt nach Frankreich zu wechseln, wo mein Zeug begann, unter dem Label „historisch kritische Methode der Literaturwissenschaft“, akademische Traktion zu entfalten.
Ich habe es nie bedauert.
Die Modelle, von denen im Text die Rede ist, dürften mehrheitlich die antikommunistische Agenda und Repression der BRD aktiv oder passiv gestützt haben. Bin ich deshalb schadenfroh? Gehässig?
Nein, bin ich nicht.
Verlange ich andererseits, diese Modelle sollten sich heute an die eigene Nase fassen und rekapitulieren, was sie jahrzehntelang geduldet und indossiert haben, statt jämmerlich auf der Geltung von Idealen und Illusionen zu bestehen, die seit 2020 obrigkeitsstaatlich auch für ihre Geistesverfassung bemerklich einkassiert und abgerissen worden sind?
Nein, verlange ich nicht. Sie haben ihr Leben gelebt, ich meines.
Aber ich finde, sie sollten aufhören, ihre Umwelt mit ihrer Unbelehrbarkeit zu traktieren und dafür auch noch Zuwendung, Rennomée und Moneten einzuwerben
Nein, nicht, weil das irgendein Verstoß gegen irgendwas wäre, sondern weil es belastend für nachwachsende Generationen und daneben nach schlicht ästhetischen Maßstäben häßlich ist.
Ja, ich weiß, Daniele Ganser ist kein solches Modell – Kunststück, ist er doch Schweizer, kein Deutscher.
Und manch einer der im Artikel Aufgeführten mag persönlich anders „‚drauf“ sein, als meine Polemik es gezeichnet hat.
Gut, dann sollen sie ihre Konsequenzen privat ziehen und in ihrem persönlichen und professionellen Umfeld umsetzen / verfolgen, wie sie Lust drauf haben, statt ihr Schicksal für öffentliche Querdenker – Kampagnen herzugeben. Oder gar zu monetarisieren.