
Es wird Zeit für einige überparteiliche Vorschläge. Eine Glosse? Möglich – aber das weiß man heutzutage nie so genau.
Sahra Wagenknecht schlägt inzwischen sowohl für Thüringen als auch für Sachsen-Anhalt einen überparteilichen Ministerpräsidenten vor. In Sachsen-Anhalt könne nach der Landtagswahl, sollte weder eine stabile Regierung ohne die AfD noch eine absolute Mehrheit der AfD zustande kommen, eine anerkannte Persönlichkeit von außerhalb der üblichen Parteipolitik Ministerpräsident werden. Regiert würde anschließend mit wechselnden Mehrheiten. Auch für Thüringen wirbt Wagenknecht mittlerweile für einen überparteilichen Regierungschef.
Nur einen Namen will Wagenknecht bislang nicht nennen.
Wie ein idealer Kandidat aussehen könnte, der Ost und West, Rechts und Links, Tradition und Aufbruch miteinander verbindet, hat ausgerechnet Wagenknechts Ehemann Oskar Lafontaine übrigens schon 1987 skizziert.
Mach es noch einmal, Gerd!
Als Erich Honecker damals das Saarland besuchte, bemerkte Lafontaine sinngemäß mit Blick auf seinen saarländischen Landsmann, die Saarländer seien gegenüber Preußen traditionell vorsichtig gewesen. Nun hätten sie es ausgerechnet geschafft, einen der Ihren an die Spitze des preußischen Staates zu setzen.
Dass dieser Saarländer ausgerechnet Erich Honecker hieß und aus Preußen inzwischen die DDR geworden war, zeigt allerdings: Zwischen einer guten Idee und ihrer praktischen Umsetzung kann manchmal die entscheidende Lücke liegen.
Die Idee aber, Ost und West über alte Gräben und politische Vorurteile hinweg zusammenzuführen, ist weiterhin bestechend. Vielleicht ergibt sich ja doch noch einmal eine Aufgabe für Gerhard Schröder.
Sieben Jahre Ministerpräsident, sieben Jahre Bundeskanzler, beste internationale Kontakte und gegenwärtig überschaubare berufliche Verpflichtungen. Sollte die SPD den Wiedereinzug in den Landtag verpassen, gewänne seine Kandidatur sogar einen besonderen demokratischen Charme: Man hätte ganz bewusst einen Ministerpräsidenten aus einer Partei gewählt, die im Landtag überhaupt nicht vertreten ist.
Das ist überparteilich in seiner reinsten Form.
Die mit dem Völkerrecht tanzt
Aber man sollte auch kein Problem mit ungewöhnlichen Vorschlägen haben. Annalena Baerbock zum Beispiel.
Ihre Amtszeit als Präsidentin der UN-Generalversammlung endet praktischerweise im September 2026, also ziemlich genau dann, wenn in Magdeburg Verwendung für eine international erfahrene Führungskraft bestehen könnte.
Dass Baerbock und Wagenknecht politisch ungefähr so gut miteinander harmonieren wie Nordkorea und Südkorea, spricht keineswegs gegen sie. Im Gegenteil: Wen könnte Wagenknecht glaubwürdiger als überparteilich präsentieren als ihre politische Intimfeindin?
Auch für das Prinzip der wechselnden Mehrheiten wäre Baerbock nahezu ideal qualifiziert. 2021 trat sie mit einer äußerst restriktiven Haltung zu Waffenlieferungen in Kriegsgebiete an. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine wurde sie zu einer der entschiedensten Befürworterinnen deutscher Waffenlieferungen. Weitere erstaunliche Wandlungen ihrer Aussagen nach dem Wechsel von der Bundesregierung zur UN zeigen: Inhaltliche Flexibilität ist für sie nicht das entscheidende Problem.
Allerdings stellt sich eine grundsätzlichere Frage. Wenn schon ein von AfD und BSW tolerierter Ministerpräsident: Muss es am Ende nicht doch ein alter weißer Mann sein, der zunehmend das Gefühl hat, vom Establishment nicht mehr verstanden zu werden?
Dann wäre Thomas Gottschalk eine geradezu grandiose Wahl.
Er ist überparteilich, bundesweit bekannt und verfügt über jahrzehntelange Erfahrung darin, eine große Halle voller Menschen unter Kontrolle zu halten, von denen ein beträchtlicher Teil nicht genau weiß, warum er eigentlich da ist.
Ein schöner Ministerpräsident sollte es werden
Auch die demographische Dimension spricht für ihn. „Wetten, dass..?“ hatte regelmäßig mehr Zuschauer, als Sachsen-Anhalt Einwohner hat. Gottschalk hätte damit bereits mehr Menschen gleichzeitig erreicht als jeder Ministerpräsident des Landes.
Oder doch lieber eine Frau.
Rein hypothetisch: Man könnte ja ein Konzept weiterentwickeln, das Jan Böhmermann ausgerechnet im Gespräch mit Sahra Wagenknecht schon 2009 nur halbironisch flirtend formulierte. Er werde nicht den Fehler machen, die „rehäugige 40-Jährige“ lediglich auf ihre „politischen Konzepte und inneren Werte“ zu reduzieren.
Das russische Fernsehen war wenige Jahre später schon weiter. Als es die inzwischen zur Außenministerin der international nicht anerkannten, russlandnahen Republik Transnistrien aufgestiegene Nina Ștanski porträtierte, griff es zur Beschreibung der auffallend großen und attraktiven Ministerin ganz unironisch auf Dostojewski zurück: Die Schönheit werde die Welt retten.
Warum also nicht auch in Sachsen-Anhalt eine Kandidatin suchen, auf die sich AfD und BSW wenigstens optisch verständigen können?
Die biologische Brandmauer muss weg
Damit wäre der Weg frei für das Topmodel Stefanie Giesinger.
Russische familiäre Wurzeln gewährleisten die notwendige Ostorientierung, die Kindheit in Rheinland-Pfalz sichert gleichzeitig die Westbindung. Außenpolitisch wäre Sachsen-Anhalt damit geradezu mustergültig austariert.
Hinzu kommt Giesingers ausgeprägtes feministisches Selbstverständnis. Gleichzeitig erzählt sie gerade in einem Podcast, in früheren Beziehungen Miete und Essen für die Männer bezahlt zu haben. Diesmal soll alles anders werden – und schon ertappt sie sich dabei, den neuen Mann vom Hauptbahnhof abzuholen.
Giesinger weiß also: Man kann fest entschlossen sein, alte Strukturen zu überwinden, und steckt am Ende doch wieder mittendrin. Für die Politik in Ostdeutschland ist sie damit bestens vorbereitet.
Und wenn all das nicht hilft, bleibt immer noch Kurt Masur.
International angesehen. Ostdeutsche Biographie. Weltbürger. Überparteiliche Autorität. Eine Schlüsselfigur des Leipziger Herbstes 1989. Niemand könnte ernsthaft behaupten, Masur sei ein Kandidat der AfD, der CDU, des BSW oder irgendeiner anderen Partei.
Er wäre womöglich die ideale anerkannte Persönlichkeit für Wagenknechts Bürgerregierung.
Es gibt lediglich ein Problem: Kurt Masur ist seit 2015 tot.
Aber vielleicht sollte man bei einer wirklich überparteilichen Kandidatensuche auch bei biologischen Brandmauern nicht unnötig dogmatisch sein.
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Sind die aufgestauten Probleme nicht zu groß, um verhohnepiepelt zu werden? Schade um die vielen Worte.
Wie kann man nur in der Aufzählung Didi Hallervorden vergessen?
Der hat noch den Vorteil, von dort zu kommen und das mit der Schönheit bringt er ja auch mit.
Gibt’s da Widerspruch? Der ist dann reif für eine Diskriminierungsklage. Heute ja Usus.
Das Schild auf dem Foto erinnert mich an einen früheren „Wahlspruch“ der Verweser Sachsen-Anhalts (lange Zeit CDU-Regierungen). Er lautete:
„Das Land der Frühaufsteher“
Der Spruch war zwar positiv gemeint, kennzeichnete jedoch eine schlimme Alltagsrealität, die darin bestand, daß das Land durch die Wendepolitik und die Verheerungen der Treuhand wirtschaftlich ruiniert worden war. Wie viele andere Gegenden Ostdeutschlands auch. Der „Vorteil“ Sachsen-Anhalts war dabei die relative Nähe zu westdeutschen Bundesländern. So konnten viele im Westen arbeiten aber dennoch zu Hause leben. Die Konsequenz dieses täglichen Pendelns war aber eben genau das: Frühaufstehen….