Was ist ein Tui?

Brotkorbszene, Tui, Bertolt Brecht
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Eine bissige Abrechnung mit den „Tuis“ unserer Zeit: käuflichen Intellektuellen, Haltungsjournalisten und Meinungshändlern. 

Nein, liebe Leser, ich meine nicht den Herrn hunderter Hotelburgen, dutzender Kreuzfahrtschiffe, mehrerer Airlines. Nicht den, der das i-Tüpfelchen auf dem letzten der drei Buchstaben zu einer strahlenden Sonne werden ließ, um endlich die gesamte Buchstabenkette in ein einziges Lächeln zu verschmelzen. Nicht den, der im vergangenen Geschäftsjahr 24,2 Milliarden Euro von ca. 20 Millionen Kunden kassierte. Was der ist und wie es dem geht, können Sie bequem bei Wikipedia nachlesen, dafür brauchen Sie mich nicht. Worum es hier gehen soll, ist der brechtianische Tui. Dazu gibt es zwar auch schon einen Wikipedia-Artikel, der allem, was ich hier als zeitlich, räumlich und geistig eng begrenztes Individuum vorzutragen vermag, natürlich haushoch überlegen ist. Auch die KI wird Sie nicht enttäuschen, liebe Leser, wenn Sie sich für die immer schärfere und genauere Erfassung dessen interessieren, was sich an dieser oder jener Wissensoberfläche an frischem Staub abgelagert hat: Pusten Sie kräftig, niesen Sie ein- oder zweimal, und schon verfügen Sie über alles relevante Wissen – Sganarelle hätte Sie beneidet!

Sie sind ja immer noch da? Dann ist Ihnen kaum noch zu helfen. Gibt es denn in dieser schönen, weiten, in alle Himmelsrichtungen bequem zu bereisenden Welt eine Frage, die überflüssiger wäre als die nach dem Tui? Interessiert Sie das wirklich? Wollen Sie wirklich den Meisterfeuerwerken unserer Horkheimer, Habermase und Herfrieds den Rücken kehren, nur weil in einer dunklen Hofecke ein paar Halbwüchsige ein paar Knallfrösche zünden? Wie trivial die ganze Tui-Debatte eigentlich ist und wie sehr sie sich überlebt hat, werde ich hier anhand einiger ihr maßgeblich zugrunde liegender Definitionen aufzeigen. Brecht selbst scheint sich der abnehmenden Bedeutung des Tuismus zunehmend bewusst geworden zu sein, weshalb er seinen Tui-Roman ja auch nie vollendet hat. Dazu dann später.

Vorab noch: Bei meinen Recherchen bediene ich mich (so wie das wahrscheinlich auch Ihre KI machen würde, an die Sie sich ja immer noch wenden können, sollten Sie im weiteren das Vertrauen in meine Bemühungen verlieren) eines im Jahre 1976 von Wolfgang Fritz Haug im Westberliner Argument-Verlag herausgegebenen Sonderbandes (erkennen Sie jetzt, wie furchtbar abgestanden das ganze Thema ist?) mit dem Titel „Brechts Tui-Kritik“. Dort findet sich eine Reihe einschlägiger Beiträge aus der Feder namenhafter, inzwischen verstorbener oder vergreister Brecht-Experten, in denen die Tui-Frage, diese vexata quaestio (nein, es geht nicht um verschiedene Reiseangebote, die gleichermaßen preiswert sind, passen Sie doch bitte besser auf!) bereits von verschiedener Seite her und aus verschiedenen Blickwinkeln heraus mutig angegangen wurde. Mutiger als vierundvierzig Jahre später eben jener Herausgeber jenes Sonderbandes (den Sie sich im Netz frei herunterladen können) die Frage anging, ob wir uns alle gemeinsam vor einem gefährlichen Virus retten lassen müssten. Da reichte dann der Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, nicht mehr ganz so weit, wie die Liste der Erstunterzeichner der Zero-Covid-Kampagne vom 12. Januar 2021 verrät. Doch dies nur am Rande, kommen wir zu den Definitionen!

Erste Definition oder Das Podium der Bundespressekonferenz

Wer sich das mit den „Tuis“ ausgedacht hat, ist ein gewisser, weiter oben bereits erwähnter Brecht. Nein, nein, liebe Leser, ich habe mich nicht im Anfangsbuchstaben vertan! Auch ich schätze ihn ja sehr, unseren Richard David, wie er für den Geist Lanze um Lanze bricht (kennen Sie den Ausdruck „dumm wie eine Lanze?“), aber der, mit dem wir es hier zu tun haben, ist noch einmal ein ganz anderes Kaliber, mein lieber Scholli, schauen Sie ruhig noch einmal bei Wikipedia nach! Es heißt ja auch nicht „prechen“ sondern „brechen“, mögen Sie dabei an Brot oder ihr eigenes Genick denken. Sie nicken? Dieser Brecht also – ja, achten Sie auf den schwachen, stimmhaften, bilabialen Explosivlaut: Brecht bricht Brot! – gibt in Band 12 der Suhrkamp-Taschenbuchausgabe seiner Gesammelten Werke, nach welchen ich hier zitiere (und die ich auf die berühmte, von keinem Reiseveranstalter je angesteuerte Insel mitzunehmen empfehle), zunächst einmal folgende Definition:

Der TUI ist der Intellektuelle dieser Zeit der Märkte und Waren. Der Vermieter des Intellekts. (S. 611)

Wie finden Sie das? Haben Sie auch schon einmal Ihren Intellekt vermietet? Waren Sie denn auch erfolgreich? Wenn Sie wissen wollen, wie in dieser Branche echter Erfolg aussieht, dann schauen Sie sich doch einmal eine Bundespressekonferenz an! Deren Sprecher haben ihren Intellekt direkt an die Regierung vermietet, was finanziell sehr lohnend sein soll. Schauen Sie sich die frisch geduschten und gegelten Damen und Herren an, wie sie aufgereiht auf dem Podium sitzen und steinerne Gesichter machen. Hinter ihnen, in zweiter und dritter Reihe, manchmal auch auf zusätzlichen Klappstühlen, drängen sich bereits die potenziellen Nachfolger, darunter auch ganz junge Gesichter. Und während die in der ersten Reihe Sitzenden mit souveräner Haltung auf die stets ein wenig nach Delegitimierung des Staates schmeckenden Fragen eines Florian Warweg (wann war er endlich weg?) irgendetwas Ausweichendes oder Unklares antworten, können Sie beobachten, wie es in den Gesichtern dieser jungen Leute arbeitet, wie sie zu verstehen versuchen, was da vor sich geht.

Zweite Definition oder Der Kahn und das vorbeigleitende Ufer

Den Brecht-Freund erinnert das natürlich an die beiden Tui-Schüler Hung und Kwan, wie sie in Gesellschaft fertig ausgebildeter Tuis auf dem Hinterdeck eines Kahns sitzend den Gelben Fluss hinunterfahren (nein, denken Sie jetzt bitte nicht an die „TUI River Cruises“, das hat damit absolut nichts zu tun!), andächtig einem „langen, dürren Herrn mit tränender Nase und schwarzrandiger Hornbrille“ lauschend:

Mit großen Armbewegungen zeigte er auf das Ufer; dazu machte er seine Bemerkungen, sich ab und zu in den Saum seiner Jacke schneuzend. Er schneuzte sich bei weitem nicht oft genug, jedoch schienen seine Bemerkungen bedeutend oder sein Rang hoch zu sein. So oft er etwas sagte, nickten die anderen, und so oft ein anderer etwas sagte, warteten sie mit dem Nicken, bis er genickt hatte. (S. 602)

Natürlich haben sich, wenn Sie mir diese Zwischenbemerkung erlauben, die Sitten mittlerweile erheblich gebessert, und ich wage zu bezweifeln, dass auf dem Podium der Bundespressekonferenz irgendjemand sich in etwas anderes als ein blitzsauberes Taschentuch schnäuzen würde. Gerade im Befolgen von Hygiene-Regeln hat man es ja vor noch nicht langer Zeit zu besonderer Meisterschaft gebracht. Da setzte man sich auf Befehl schon einmal eine bisher nur auf Baustellen verwendete Feinstaubmaske auf, selbst dann noch, wenn man bereits geimpft, geboostert und obendrein auch noch negativ getestet war, das alles zum „Schutz“ gegen eine Virusvariante, mit der sich früher oder später alle Menschen dennoch angesteckt haben würden und deren Infektionssterblichkeit bei den auf dem Podium vertretenen Altersgruppen mehrere Nullstellen hinter dem Komma aufwies. Das alles musste intellektuell mitgetragen werden von denen, die dort oben ihren Sitzplatz halten wollten. – Aber schauen wir lieber wieder auf den Kahn, bevor er hinter der nächsten Flussbiegung verschwunden ist! Indem der aus wohlhabender Familie stammende Hung seinen Blick nicht auf das vorbeigleitende Ufer, sondern fest auf den rotzenden Ober-Tui richtet, macht er rasche Lernfortschritte. Der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Kwan hingegen macht den Fehler, den Blick auf das Ufer zu richten, und gerät so in deutlichen Lernrückstand:

Erst am nächsten Tag verstand Kwan, daß die Bemerkungen des Reisenden [sc. des rotzenden Ober-Tui] mit ihrem Gegenstand beinahe nichts zu tun hatten und kaum die Rolle schlechter Fragen von Schülern spielten, die dem Lehrer als Anlaß weiser und umfassender Antworten dienten. (S. 603)

Was, liebe Leser, im Grunde genommen nichts anderes heißt, als dass – kommt Ihnen das vielleicht bekannt vor? – jener rotzende Ober-Tui fast ohne jegliche Sachkenntnis über das vorbeigleitende Ufer dozierte, dissertierte, diskurrierte, disputierte, deliberierte, delirierte oder wie immer Sie es nennen wollen.

Dritte Definition oder Auf die Haltung kommt es an!

Zum Schlüsselerlebnis wird nun aber für den jungen Kwan, als er an seinem Reise- und Studiengefährten beobachtet…

[…] daß Hung beim Essen, wenn er sprach, die Haltung des langen Herrn [des rotzenden Ober-Tui] einnahm. Diese Haltung paßte weder zu dem bescheidenen und einfachen Hung, noch zu der Natur des Gegenstandes. Hung schien diese Haltung nicht seinen Worten, sondern diese der Haltung anzupassen. Zuerst schien dies Kwan nicht richtig, dann glaubte er zu erkennen, daß Hung auf diese Weise zu ganz neuen und interessanten Wahrnehmungen – nicht nur Worten – gelangte und bewunderte nunmehr seinen Freund, der so rasch und leicht gelernt hatte. (S. 604)

Was halten Sie davon? Was wäre wem Ihrer Meinung nach anzupassen? Wenn ich Brecht richtig verstehe, geht er davon aus, dass normalerweise die Haltung dem Wort bzw. die Form dem Inhalt anzupassen sei. Ganz falsch ist das sicherlich nicht: Halten Sie z.B. eine Grabrede, so wären Sie schlecht beraten, dabei zu grinsen und zu glucksen und so zu tun, als würden Sie sich gleich unter bunten Luftschlangen in eine Polonaise einreihen. Es scheint also tatsächlich das Wort die Haltung bzw. der Inhalt die Form zu bestimmen. Ähnlich auch das etwas moderner klingende „form follows function“, das Brecht, dem „lʼart pour lʼart zum Kotzen war“ (Hanns Eisler), wohl ebenfalls unterschrieben hätte. Wenn Sie nun, liebe Leser, das alles genau umdrehen, so sind Sie dem, was ein Tui ist, bereits sehr dicht auf der Spur! Fehlt eigentlich nur noch, dass Sie auch den berühmten Appell, „das Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären“, wieder in sein genaues Gegenteil verkehren. Haben Sie das mit aller Sorgfalt getan, so dürften keine Hindernisse mehr bestehen, dass Sie, genau wie Hung, „zu ganz neuen und interessanten Wahrnehmungen“ gelangen. Wahrnehmungen, wie sie von „Lifestyle-Linken“ (wie Frau Wagenknecht sagt) kultiviert werden, denen eine Kritik der Gesinnung wichtiger als eine Kritik der Verhältnisse ist, und wie sie das tägliche Brot von Haltungsjournalisten sind, die nicht über ihren „Suppenteller-Horizont“ (Patrik Baab) hinausschauen.

Apropos „Suppe“: Stellen Sie sich ein schönes Restaurant vor, dessen Betreiber den Kellner für wichtiger als den Koch hält. Wie unter aller Sau letzterer auch immer kochen mag (denken Sie an solche Meisterköche wie Merz oder Macron), ersterer ist immer mit tausend Tricks bei der Hand, Ihnen die Suppe trotzdem genießbar zu machen. Selbst wenn Sie am Ende nur noch Abwaschbrühe löffeln: Sie werden sich immer noch wie ein König fühlen! Das aber ist die hohe Kunst des Kellnerns, wie sie in letzter Zeit im Gebührenfernsehen und Gebührenradio – gebären sie nicht fortlaufend Lügen? – immer weiter perfektioniert wurde. Wobei auch sogenannte Algorithmen immer wichtiger werden, damit Sie, wann immer Sie als mündiger Bürger, der sich seines eigenen Verstandes mutig zu bedienen glaubt, in die schöne weite Welt hinausschauen (bzw. auf die nur noch Wassersuppen verzeichnende Speisekarte), auch immer nur das sehen und suchen, was Sie auch sehen und suchen sollen. Was scrollen Sie denn schon wieder sehnsuchtsvoll in den TUI-Angeboten herum? Wollen Sie schon wieder verreisen?

Vierte Definition oder Der Zug des Taschi Lama

Brecht war übrigens auch ein leidenschaftlicher Weltreisender, der sich in Dänemark oder Kalifornien ebenso heimisch fühlte wie in Bayern. Er war ja auch sehr fremdsprachenbegabt. Tatsächlich sprach er nicht nur fließend Englisch, Französisch und Russisch, sondern soll auch mit großer Ausdauer sein ganzes Leben lang die chinesische Sprache studiert haben. Die Früchte dieses Studiums können Sie an folgender Tui-Definition ablesen, welche uns die etymologischen Wurzeln des Begriffs vollständig offenlegt:

Erzogen in großen und ausgezeichneten Schulen, die keine andern neben sich duldeten, waren sie, ausgestattet mit dem gesamten Wissen und geübt in den gesamten literarischen Fähigkeiten, die Verwalter der Kultur und allen Handels und Wandels zugleich. Ihre einzige Waffe war der Geist. Das Wort Tellekt-uell-ins bedeutete Kopfarbeiter, Einseher, Unterscheider, noch genauer: Formulierer. (S. 599)

Sehen Sie? Das alles hat, wie ich Ihnen von Anfang zu erklären versuchte, rein gar nichts mit der „Touristik Union International“ zu tun, vergessen Sie das einfach, wann immer Sie Brecht lesen! Wie aber aus der Langform „Tellekt-uell-ins“ die Kurzform „Tuis“ wurde, erfahren wir in einem weiteren Roman-Fragment, wobei auch deutlich wird, dass Hung, Kwan und der rotzende Ober-Tui  nur Teil einer Vorhut gewesen sind. Es habe nämlich der „Kaiser von Chima“ (hier hat Brechts krakelige Handschrift der Elisabeth Hauptmann offenbar ein „m“ für ein „n“ vorgemacht) den Taschi Lama, also das sakrosankte Oberhaupt aller Tuis, nach Peking gerufen, „weil die Geschicke Chimas seinen Rat verlangten“. Doch kommt der Gerufene nicht allein, sondern umgibt sich mit einem gewaltigen Tui-Tross:

Von Nordwesten nach Südosten bewegte sich, nun schon im zweiten Jahr, der Zug des Taschi Lama, des tibetanischen Papstes. Er zerteilte wie eine geistige Fahrrinne das riesige Reich in zwei Hälften. Nordöstlich dieser Rinne und südwestlich ereilten in breiten, warmen Wellen die Völker Gerüchte von Wundern und Weisheiten. Die schmale Fahrrinne dazwischen führte die Wahrheit. Hier wanderten mit einem Großteil seiner Gelehrten, Würdenträger und Heiligen der Gesalbte des Obersten Himmels, die Blume der Welt. Siebzigtausend Tellekt-uell-ins, vom Volk abgekürzt, aber respektvoll Tuis genannt, gaben ihm das Geleite. Sie waren seine Macht, und sie waren die Hoffnung der Welt. (S. 598)

Das hat sich in unserem Jahrhundert natürlich alles ein bisschen verändert! Als z.B. die deutsche Kanzlerin den HU-Herfried zu sich bestellte (den, der seine am höchsten gestochenen Worte gerne mit einem selbstverliebten Schmatzen begleitet, das als eine geeignete Alternative zum hierzulande verpönten interkalaren Rotzen chinesischer Tuis betrachtet werden kann), brauchte dieser weder tausende Kilometer zurückzulegen noch siebzigtausend Tuis mit sich zu führen, sondern konnte sich ganz bequem vom Hegelplatz über den Schiffbauerdamm direkt ins Kanzleramt chauffieren lassen, was dem Steuerzahler ein Heidengeld sparte. Bei Brecht hingegen heißt es, dass der Zug der Tuis sogar noch doppelt so lang gewesen wäre, wenn nicht „dem Geist feindliche Bauern ihre Vorräte beiseitegeschafft“ hätten. Denn, bei allem „Respekt“, den das Volk gegenüber den Tuis aufgebracht habe:

Sie fraßen ganze Ochsenherden auf. Bestimmte billigere Gemüsearten starben in Gegenden, durch die sie kamen, für alle Zeiten aus. Obsthaine und Weinberge sahen nach ihrem Durchzug aus wie nach einem Brand. Sie waren auch hier schlimmer als ein Krieg. (S. 599)

Welch entsetzliche Tui-Plage man sich in Europa, wo die Bauern-Lobby ja bekanntlich sehr stark ist, eine Lehre sein ließ – denken Sie an die „Bologna-Reform“, in deren Verlauf tausenden von Tuis der Stuhl unter dem Hintern weggezogen wurde!

Fünfte Definition oder Über die törichte Verwendung kluger Köpfe

Die in den Aulen Übriggebliebenen, die nur noch lehrten, was sich auf dem Markt auch rasch verkaufen ließ, waren aber umso resilienter. Mit Hilfe sogenannter Drittmittelgeber hatten sie Lehrstuhl um Lehrstuhl, der sonst abgebaut worden wäre, für sich erobert und hielten es nun für ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass bestimmte Fragen, die dem Drittmittelgeber missfallen konnten, gar nicht erst gestellt wurden, sondern als trivial, banal, schal, marginal, zur Not auch als extremistisch, sexistisch, rassistisch, paternalistisch usw. abgestempelt wurden. Schlecht gestellte Fragen hingegen, die zu keinerlei Erkenntnis führen konnten, wurden besonders gern zugelassen und mit Prämien und Preisen überschüttet. Es galt, nicht mehr einfach nur den Ursachen realer Probleme nachzuforschen, sondern die sehr viel komplexere Frage zu stellen, inwieweit es nicht unsere mehr oder weniger falschen, stets mit Vorurteilen behafteten Haltungen, Einstellungen, Denkweisen oder Gefühle gegenüber dem Problem als solchem sind, die uns dessen Folgen überhaupt erst als unzumutbar erscheinen lassen. In den Fokus ausführlicher Forschungskritik gerieten so beispielsweise:

► die Warnung vor den Folgen von Massenmigration (und nicht das Erzeugen einer solchen durch EU-Wirtschaftssanktionen und NATO-Städtebombardierungen);

► das Infragestellen einer „epidemischen Notlage von nationaler Tragweite“ (und nicht das interessegeleitete Aufblasen und Hochschreiben einer solchen);

► sogenanntes „Verschwörungsdenken“ (und nicht die zahlreichen offenen Fragen etwa im Zusammenhang mit 9/11, dem NSA-Abhörskandal, der Nordstream-Sprengung, den Twitter-Files, den RKI-Files, den Epstein-Files usw.);

► ein von Russland geführter „brutaler Angriffskrieg“ (und nicht dessen Vorgeschichte, verbunden mit der Frage, inwieweit das eigene Militärbündnis zu diesem beigetragen, ihn in Kauf genommen, ja vielleicht sogar provoziert hat);

► eine wachsende „Demokratiefeindlichkeit“ unter den Wählenden (und nicht unter den Gewählten, welche z.B. Wahlprüfungen zugunsten einer unter fragwürdigen Umständen historisch knapp an der Fünfprozenthürde gescheiterten Partei ablehnten und bis heute mit Hilfe einer „Brandmauer“ die größte Oppositionspartei so weit wie möglich in ihrer Arbeit zu behindern suchen);

► ein achtzig Jahre nach dem Holocaust wieder „beängstigend“ zunehmender Antisemitismus (und nicht die Frage, inwieweit das ungestrafte Wüten der israelischen Armee in Gaza mit diesem Problem ursächlich zusammenhängt).

Fahren Sie nach Belieben fort, und Sie werden am Ende bestätigen können: Man braucht keine siebzigtausend Tuis, um ein Land zu ruinieren, es reichen schon ein paar hundert Parlamentarier, die immer genau wissen, wie sie abzustimmen haben, und ein paar Dutzend „Experten“, die in dem sich immer wahnsinniger gebärdenden Gebührenfernsehen immer genau die falschen Fragen stellen. Was nun allerdings nicht immer nur aus Dummheit geschieht. In seinem (in sinologischen Fachkreisen bis heute hochgeschätzten) Me-Ti/ Buch der Wendungen schreibt Brecht über die „törichte Verwendung kluger Köpfe“:

Die klugen Köpfe können sehr töricht verwendet werden, sowohl von den Machthabern als auch von ihren Eigentümern selbst. Gerade um die allerdümmsten oder unhaltbarsten Behauptungen oder Einrichtungen zu stützen, mietet man kluge Köpfe. Die klügsten Köpfe bemühen sich nicht um die Erkenntnis der Wahrheit, sondern um die Erkenntnis, wie Vorteile zu erlangen sind durch die Unwahrheit. Sie streben nicht nach dem Beifall ihrer selbst, sondern dem ihres Bauches. (S. 436)

Und Sie, wie verwenden Sie Ihren Kopf? Nach welchem Beifall streben Sie? Vielleicht nach gar keinem, weil es beruhigender ist, als Dummkopf durchs Leben zu laufen? Keine Sorge, auch das wird man bald für Sie geregelt haben! Die KI übernimmt dann das Denken, errechnet Ihnen mit größter Genauigkeit alle Vor- und Nachteile, die Sie einkalkulieren müssen, wenn Sie wahlweise die Wahrheit (aber „gibt“ es sie überhaupt?) aussprechen oder verschweigen, respektieren oder manipulieren, huldigen oder vergewaltigen wollen. Ihrem Rat können Sie schon heute fast ohne Bedenken folgen, in 99 Prozent der Fälle (und an dem verbliebenen Prozent wird zurzeit unter Einsatz ungeheurer Ressourcen auf das härteste gearbeitet) wird das für Sie tatsächlich lohnender sein als wenn Sie sich – wie mutig auch immer – Ihres eigenen Verstandes bedienen. Was Ihnen dann auf jeden Fall immer noch bleibt, sind die Emotionen. Vor denen werden Sie sich am Ende gar nicht mehr retten können. Jeden Tag ein gestrandeter Walfisch, damit Sie sich auch als Mensch fühlen können. So und nicht anders entstehen ja auch Revolutionen! Wie Sie in Band 20 von Brechts Gesammelten Werken unter der Überschrift „Schwierige Lage der deutschen Intellektuellen“ nachlesen können:

Die wirklichen Revolutionen werden nicht (wie in der marxistischen Geschichtsschreibung) durch Interessen, sondern durch Gefühle erzeugt. (S. 53)

Sehen Sie? Wenn wir mit den Walen weinen, so sind wir auf dem richtigen Weg! Der aber führt – wie alle Wege, seit sie nicht mehr nach Rom führen – nach Hollywood.

Sechste und letzte Definition oder „Dieses Land zerschlägt mir meinen Tuiroman“

Lauschen Sie zum Abschluss einmal der folgenden Hollywood-Elegie aus dem Jahre 1942, die ich zur Abwechslung Band 10 entnehme:

Jeden Morgen, mein Brot zu verdienen
Gehe ich auf den Markt, wo Lügen gekauft werden.
Hoffnungsvoll
Reihe ich mich ein zwischen die Verkäufer. (S. 848)

Dazu passend im Arbeitsjournal, unter dem Datum des 18.04.1942:

Dieses Land zerschlägt mir meinen TUIROMAN. Hier kann man den Verkauf der Meinungen nicht enthüllen. Er geht nackt herum. Die große Komik, daß sie zu führen meinen und geführt werden, die Donquichoterie des Bewußtseins, das vermeint, das gesellschaftliche Sein zu bestimmen – das galt wohl nur für Europa.

Für das „sie“ im vierten Satz könnte man – lassen Sie das ruhig einmal von Ihrer KI überprüfen! – fast jeden bedeutenden Denker des 20. Jahrhunderts einsetzen. Sie alle sind der „großen Komik“ unterworfen, seit Hollywood ans Licht brachte, dass sogar auch in der Welt des Geistes nur noch die Gesetze des Marktes gelten. Ganz neu ist die Situation freilich nicht, es hat sie schon vor Hollywood gegeben. Neu ist nur ihre Nacktheit, und es scheint, dass der in Hollywood einen veritablen Kulturschock erleidende Brecht einer der ersten war, der sie erkannte. Für die „Donquichoterie des Bewußtseins, das vermeint, das gesellschaftliche Sein zu bestimmen“ war also von nun an kein Platz mehr, und damit hatte sich der Tuiroman erledigt. Indirekt ist damit aber auch gesagt, liebe Leser, falls Sie mir bis hierher gefolgt sind, dass spätestens seit Hollywood die meisten Tuis durchaus zu ahnen begannen, dass es wohl richtig sei, „das Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären“, auch wenn sie, da sie nun einmal die Unwahrheit zu verkaufen hatten, weiterhin so tun mussten, als würden sie jenen berühmten Satz (er stammt von den beiden chinesischen Philosophen Ka-meh und Fu-en und erschien 1877 erstmals in deutscher Übersetzung in einer großen sozialdemokratischen Parteizeitung) für falsch halten.

Fazit

Ein Tui ist, wer das wichtigste Instrument, über das wir zur Verbesserung der Menschenwelt verfügen, um den „Beifall des Bauches“ willen verrät und verkauft. Ein Verhalten, das bereits dem oben erwähnten Ka-meh verachtenswert schien:

Einen Menschen aber, der die Wissenschaft einem nicht aus ihr selbst (wie irrtümlich sie immer sein mag), sondern von außen, ihr fremden, äußerlichen Interesse entlehnten Standpunkt zu akkomodieren sucht, nenne ich »gemein«.

Ist das nicht elegant ausgedrückt? Wie sehr Brecht (der in eigenhändig kopierten chinesischen Schriftzeichen auch die Originalquelle anführt) von diesen Worten beeindruckt war, können Sie in den Flüchtlingsgesprächen (sorry, da müssen Sie jetzt mal zu Band 14 greifen) nachlesen, wo wir auf folgendes Echo stoßen:

Es ist ganz falsch, daß Sie die Frage aufwerfen, ob das Wissen etwas einbringt, denn wer nicht das Wissen um des Wissens willen erstrebt, soll die Finger davon lassen, weil er kein wissenschaftlicher Geist ist. (S. 1432)

Und in Turandot oder Der Kongreß der Weißwäscher (ja, sorry, da muss ich Sie schon wieder ganz woandershin verweisen, nämlich an Band 5), wo das Denken ebenso käuflich wie die Liebe ist und Tuis von ihrem Kopf denselben Gebrauch machen wie Huren von einem anderen Körperteil, lesen wir in der mit „Gasse“ überschriebenen Szene 4b:

Schämst du dich nicht? Was machst du aus dem Denken? Das ist das Edelste, was der Mensch tun kann, und du machst es zu einem schmutzigen Geschäft. (S. 2217)

Das hat gesessen, oder? Einen wichtigen Einwand gibt es freilich immer noch, und er hat das Potential, Brechts gesamte Tui-Kritik aus den Angeln zu heben: Wenn das Sein das Bewusstsein bestimmt (wie seit Hollywood die allermeisten Tuis ahnen oder wissen, auch wenn es zu ihrem Geschäft gehört, weiterhin so zu tun, als hielten sie das Gegenteil für wahr), was bleibt dann denen, die im Kapitalismus leben, denn eigentlich anderes übrig, als selbst zu Kapitalisten zu werden? Sie finden diesen Gedanken trivial? Sehen Sie…? Habe ich es Ihnen nicht gleich gesagt…? Und jetzt lassen Sie uns, liebe Tellekt-uell-ins, endlich jene lang ersehnte Reise buchen, Sie wissen schon welche, so ein Angebot gibt es nicht alle Tage – die Reise dorthin, wo der Pfeffer wächst!

Joachim Wink

Dr. Joachim Wink ist romanistischer Literaturwissenschaftler und forscht zur frühneuzeitlichen Religions- und Herrschaftskritik. Veröffentlichung mehrerer wissenschaftlicher Bücher.
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