Unser Boykottbrauchtum

Diego Armando Maradona
Dani Yako, Public domain, via Wikimedia Commons

Nach 2018 und 2022 wird schon wieder in Deutschland über einen Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft gesprochen. Warum hat niemand die Europameisterschaft in Deutschland boykottiert? Muss denn jeder Lebensbereich hochpolitisiert werden?

Deutschland ist ein Land, in dem Traditionen und Brauchtum immer mehr schwinden – und noch nicht mal mehr als lebenswert betrachtet werden. So wird Weihnachten etwa als Fest begangen, bei dem es um den Austausch von Konsumgütern geht und das seinen ursprünglichen Sinn längst ausgeblendet hat. Vereine beklagen Mitgliederschwund, gekocht wird vegan – und damit Omas traditioneller Braten der Vergessenheit anheimgestellt – und was ein Maibaum ist, wissen auch immer weniger Menschen. Allerdings könnte man nun nicht behaupten, dass Deutschland nicht darum bemüht ist, sich neues Brauchtum anzuschaffen.

Nehmen wir nur mal – ich thematisierte es bereits in aller Kürze – den mittlerweile bewährten Brauch, es um die Silvesterfeiertage knallen zu lassen. Nicht falsch verstehen, damit ist nicht das Böllern gemeint, sondern das Gewese um ein etwaiges Böllerverbot. Jedes Jahr schwappt es wieder hoch. Aus dem einst zwanghaften Empörungsknallfrosch entwickelte sich ein feiner Brauch zum Jahreswechsel. Ähnliches im Sommer, wenn Sonnenlaune, Stau und Sommerloch sich vereinen, um die gute alte deutsche Tradition nach einem Tempolimit zu fordern. Das kann durchaus sinnvoll sein, wird aber so ritualisiert eingefordert, dass man wirklich festhalten kann: Die Forderung nach dem Tempolimit ist zum Weihnachten des PS-armen Sonntagsfahrers aufgestiegen. Noch ein neuer Brauch scheint sich gerade eben zu etablieren: der WM-Boykottismus. Dabei schlagen sich die Flagellanten hocherregt auf die Brust und äußern ihre Empörung in Richtung WM-Gastgeber und Weltfußballverband – verbunden wird diese Hampelei mit dem Ausruf nach Fernbleiben.

2018, 2022 und 2026

Wir wissen freilich, dass all die alten Bräuche und Traditionen igitt sind. Es waren die Hochämter der Altvorderen, unserer Väter und Großväter, quasi faschistische Ereignisse von alten weißen Männern – und hin und wieder auch Frauen –, denen der Anhänger der neuen deutschen zivilgesellschaftlichen Sekte, querfinanziert durch staatliche Fonds und Zwangsbeiträge, etwas weniger Vorbelastendes entgegensetzen möchte. Was bietet sich dabei besser an, als sich die Parolen der »Zivilgesellschaft« anzueignen und sie auszurufen, wann immer es der Brauch vorsieht? In diesem Jahr fällt die Forderung des WM-Boykottes etwas früher aus, als es noch im Jahr 2022 der Fall war. Damals feierte man Boykottismus kurz vor Turnierstart. Heuer fällt das Fest günstiger – der Zeitpunkt, so besagen Gerüchte, wird von der heimlich tagenden Ministerpräsidentenkonferenz im Kölner Keller festgelegt.

Nun also die Weltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten, in Kanada und Mexiko – Beginn: 11. Juni 2026. Um 21 Uhr mitteleuropäischer Zeit wird im Aztekenstadion in Mexiko City angepfiffen: Mexiko trifft an jenem Abend auf Südafrika. Letzteres war 2010 Gastgeber, damals gab es diese Tradition des Boykottismus noch nicht. Stattdessen zelebrierte man 2010 und 2014 die Vorgängerempörung: Man monierte, dass die Gastgeber – eben Südafrika und später dann Brasilien – gar nicht in der Lage wären, ein solches internationales Turnier umzusetzen. Daher gab es in Deutschland immer wieder Stimmen, die dem Weltfußballverband in purer Selbstlosigkeit anboten, in höchster Not einzuspringen und das Turnier auf deutschem Boden auszutragen. Denn 2006 war noch in aller Erinnerung, die Welt zu Gast bei Freunden, Deutschland als Gastgeber – was für ein Sommermärchen. Und so kam es, dass diese Weltmeisterschaft 2006 die letzte war, die man in Deutschland als berechtigtes WM-Turnier betrachtet. 2010 und 2014 sorgte man sich um die Unfähigkeit der Gastgeber – wobei auch 2014 schon dezent auf die Arbeitsbedingungen verwiesen wurden, die ethisch nicht vertretbar seien. Ab 2018 hatte man diese Haltung dann kultiviert und setzte auf ein Ritual, das einen Boykott forderte. Damals fand die WM in Russland statt – sollte man da nicht daheimbleiben? Dann folgte 2022 Katar: stay home? Und nun das Turnier in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko. Dort kann man vielleicht nicht mal mit Armbinde um den nackten Ministerinnenoberarm auftreten, ohne dass man von einem Delegierten der US-Regierung gerügt wird.

Das Politisieren der Kicker im DFB-Dress ist übrigens noch so ein neuer Brauch – er ist freilich ausbaufähig und wird sicher noch eine Fortsetzung finden. Aber zurück zur anstehenden Weltmeisterschaft. Nach Trumps jüngster Außenpolitik scheint der Boykott-Aufruf nun opportun – sogar Nikolaus Blome fordert ihn, vor vier Jahren sprach er sich für einen Boykott des Turniers in Katar noch nicht aus. Im Gegenteil, man sollte dringend teilnehmen. Nun hat er sich besonnen. So ein Fernbleiben wäre nebenher auch eine schallende Ohrfeige für die anderen beiden Gastgeber: Kanada und Mexiko. Das ist schon einigermaßen witzig. Da kritisiert man die Allüren der Vereinigten Staaten, deren Drang, der Welt ihr Wesen und ihre Regeln aufzudrängen – und dann findet eine Weltmeisterschaft dreier Gastgeber statt und man tut so, als sei dieses Turnier eine rein US-amerikanische Angelegenheit. Kollateralschaden nennt man es wohl, wenn jemand zu Schaden kommt, der mit der Sache nichts zu tun hat. Aber Brauchtum ist Brauchtum …

Wem nützt ein Boykott?

»Ablasshandel auf Kreisliganiveau«: So nannte der schon eben erwähnte Blome das muntere Boykottierenwollen kurz bevor die Nationalmannschaft nach Katar aufbrach. Und: »Die Moralsucht wird zunehmend zur Seuche«. Dann bittet er in seiner Spiegel-Kolumne darum, Katar von der Moralinseuche auszuschließen – es sei ohnehin viel zu spät, jetzt noch einen auf moralisch zu machen. Man habe über Jahre gewusst, dass das Turnier in der Wüste stattfinden solle. Auch von Arbeitssklaven war bereits Jahre zuvor die Rede. Doch man thematisierte einen Rückzug kaum. Wochen vor der Abreise falle es den Politaktivisten der damaligen neuen Regierung dann aber ein, die ganze Veranstaltung ethisch zu betrachten und einen eventuellen Boykott in den Raum zu stellen. Offenbar hält er den Zeitpunkt jetzt, Trump zu boykottieren und mit ihm gleichsam Mexiko und Kanada zu brüskieren, für geeigneter.

Blomes damalige Kolumne fokussierte sich kaum auf den Nutzen von Boykotts. Gibt es den überhaupt? Es ist etwas anderes, wenn man Waren boykottiert und damit wirtschaftlichen Schaden anrichtet. Dann ist der Boykott nicht Ausdruck einer Moralseuche, sondern erzielt materielle Auswirkungen – aber bei einer Weltmeisterschaft nicht teilzunehmen: Wem hilft das? Sicher, hier und da werden Sponsorenzahlungen ausfallen. Aber dennoch bewegt man sich im Rahmen der Symbolpolitik. Den einzigen Mehrwert ziehen jene daraus, die sich ganz besonders überlegen in Fragen der Moral wähnen. Sie zahlen auf ihr moralisches Konto ein und dürfen sich dafür hochleben lassen, mal wieder auf der richtigen Seite gestanden zu haben. Und Trump? Wird er weinen – oder wird ihn das dazu bringen, den Europäern mit mehr Hochachtung zu begegnen? Glauben die Boykotteure, der Mann aus dem Oval Office leistet dann Abbitte? Am Ende fragt noch nicht mal mehr jemand nach den Daheimgebliebenen, sondern alle Welt spricht von dem Turnier, den Toren und Sensationen und den Mannschaften, die auf das Finale zustreben. Eine Weltmeisterschaft braucht keine Stars – sie macht die Stars. Und wer nicht kam, hat eben nicht stattgefunden. Wer spricht denn heute noch von denen, die 1976 nicht nach Los Angeles und 1980 nicht nach Moskau zu den Olympischen Sommerspielen fuhren? Darüber liest man bestenfalls in Fußnoten. Woran man sich stattdessen erinnert: An die DDR-Fußballer, die Gold gewannen. Oder aber man denkt an Alexander Ditjatin, den russischen Kunstturner, der 1980 acht Medaillen gewann – der Rekord hatte bis 2008 Bestand.

Statt mit dem, was man für das Andere, das Böse und Teuflische hält, zu leben, es auszuhalten und als Teil dieser fehleranfälligen Welt zu werten, üben sich die Boykotteure lieber in Flucht. Sie wollen möglichst viel Abstand zwischen ihrer blütenweißen Weste und dem Schlachterkittel bringen. All das kann man machen – aber bitte, seid so gut, verwechselt das nicht mit Widerstand oder auch nur mit Politik. Ein solcher Boykott dient ausschließlich der Regulierung des eigenen Moralinhaushaltes. Man tut es für sich – den Menschen, die im boykottierten Gastgeberland leben, mit denen man angeblich fühlt und fiebert, haben von einer solchen Aktion nichts.

Boykott ist einfach: Einfach mal abschalten!

Außerdem stellt sich die Frage, ob es so ratsam ist, Turniere dieser Art als politischen Striptease zu missbrauchen. Die Grundidee des Sports als Völkerverständigung ist – zugegeben – ein alter Hut, eine recht unglaubwürdige Ausflucht. Aber haben jene Menschen, die Freude an so einem Spektakel haben, nicht auch das Recht, nicht mit Politika zugekleistert zu werden, wenn sie nur ein Fußballspiel sehen wollen? Wie die Nationalmannschaft in Katar instrumentalisiert wurde – einige Rädelsführer innerhalb des Teams haben die Politisierung angetrieben –, war in so grandioser Form peinlich: Muss das am Ende wieder so kommen. Dazu kam, dass man sportlich in der Vorrunde ausschied. Vor der Welt den moralischen Oberlehrer spielen und dann fußballerisch scheitern: Beschämend! Die beste Moral liegt auf dem Platz – das hat Sepp Herberger nie gesagt, es klingt aber so, als hätte er es kundtun können.

Dabei ist ein Boykott so einfach, man benötigt nichts und niemanden. Schon gar keine Initiative aus der Politik. Wem die ganze Veranstaltung in Übersee nicht passt, kann im nächsten Sommer ja an den See gehen, mit dem Fahrrad durch die Walachei stromern und irgendwo Picknick machen: Da dürfte man recht einsam sein, weit weg vom Endgerät – lassen Sie also Ihr Handy daheim! – und der Übertragung auf Public-Viewing-Areas. Sicherlich wird das keine große Mehrheit sein, die meisten schalten doch ein und wollen wissen, ob es ins Elfmeterschießen geht. So gut kennen sich die Boykott-Aficionados freilich auch selbst. Sie wissen von ihrer Schwäche. Daher schreien sie nach einem starken vaterländischen Vorgehen, einem verordneten Boykott – denn dann sind sie von ihrer Neugier erlöst. Sie wären damals ja auch in die Eisdiele gegangen, als dort der Tod im Schirmchen lauerte. Nur der Lockdown konnte sie zurückhalten – daher verteidigten sie ihn so vehement. Er half ihnen, nicht schwach zu werden. Der moderne Bürger dieses Landes, so er ein braver Bürger ist, braucht einfach klare Ansagen und abgesteckte Grenzen.

Vor zwei Jahren war die Europameisterschaft in Deutschland. In einem Land, in dem immer noch Prozesse gegen Corona-»Kriminelle« geführt werden. In der die Polizei morgens zur Durchsuchung kommt, weil jemand einen Minister als etwas bezeichnete, was alle ohnehin wissen, sich aber nicht zu sagen trauen. In dem große Angst vor freier Meinungsäußerung herrscht und zunehmend Strukturen etabliert werden, die wie eine Mischung aus Staatssicherheit und Staatspolizei wirken. Meldeportale erfassen unterhalb der Strafbarkeitsgrenze – und die Bürger der Mittelschicht darben immer mehr und mehr. Warum boykottierten die Deutschen nicht ihre eigene Europameisterschaft? Die Grundlagen waren doch gegeben. Aber der Brauch will es, dass es immer die anderen sind, die man boykottieren will.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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25 Kommentare

  1. Tja, wie ticken wohl Menschen, die Sportveranstaltungen aus politischen Gruenden boykottieren wollen, in ihren Koepfen?
    Und sind unter denen, die solche Boykotts fordern, Menschen mit entprchendem Einfluss, sprich Macht? Solche werden ja neuerdings als Eliten bezeichnet.
    Was soll ich davon halten, wenn Menschen mit Macht dumme Aktionen fordetten (und eventuell durchsetzen koennten)?
    Koennte ich daraus schlussfolgern, dass viele unserer Eliten dumm waeren?
    Und, welche Konsequenzen koennten sich daraus fuer all jene ergeben, die nicht zur Elite gehoeren?

  2. „Muss denn jeder Lebensbereich hochpolitisiert werden?“
    JA, denn ALLES ist Politik!

    Abgesehen davon ist „professionelles“ Balltreten pure Korruption, es geht nicht um Sport, sondern ausschießlich um Geld.

    1. >“Abgesehen davon ist „professionelles“ Balltreten pure Korruption, es geht nicht um Sport, sondern ausschießlich um Geld.“

      Ist das heutzutage allgemein Usus, Dinge zu behaupten (die vielleicht stimmen koennten – oder auch nicht), ohne sie zu begruenden?

    2. @Faber
      „Ja, denn alles ist Politik!“

      Nicht etwa alles, was dir verblieben ist?
      Bei mir kommen dem Schauspiel der Politik viele andere Dinge voran: Familie, Freunde (analoge; nicht etwa jene von Foren, FB, TikTok, & Co, welche ich nichtmal kenne), Musik (insbesondere live!), Sport & andere Hobbys, sich mit Mitmenschen austauschen & vor dabei vor allem zuhören (P2P), durch die Stadt schlendern (idealerweise in weiblicher Begleitung!), etc, pp.

      „Abgesehen davon ist „professionelles“ Balltreten pure Korruption…“

      Der Spieler? Wohlmöglich noch welche der Profis? Womit willst du denn solche, die völlig legal 15 Mio aufwärts im Jahr einstreichen, bestechen bzw. für Korruption empfänglich machen, womit sie sich nur selbst ein Ende bereiten würden?

  3. Der Artikel ist ein typischer Roberto, man weiß nicht was er sagen will?
    Aber irgendwie möchte er doch den Trump und seine USA ein wenig in Schutz nehmen, denn für die West AfD ist MAGA die Seite der Guten. Das nimmt natürlich die Realität einseitig war. Deshalb erinnere ich ein wenig an die vergessenen
    Boykotte, die doch von der USA der Guten ausgingen:
    – 1980 Boykott des Westen der Olympiade in Moskau wegen des sowjetischen Einmarsches in Afganistan
    – 1984 Retourkutsche des Ostblocks der Olympischen Spiele in LA
    – 2022 diplomatischer Boykott der olympischen Winterspiele in Beijing, angeführt von den USA wegen Menschenrechtsverletzungen.

    Das war nur ein winziger Ausschnitt aus der Boykottgeschichte, die doch maßgeblich vom „Reich der Guten“ den USA ausgingen. Wenn die jetzt auch mal Opfer eines Boykotts durch ihre europäischen Vorfahren werden, soll mir das egal sein!

    1. Wie waere es damit:
      Sowohl die Vereinigten Staaten alsauch alle Staaten innerhalb der EU sind ja demokratisch. Das wuerde dann bedeuten, dass jegliche Boykotte im Namen der Waehler durchgesetzt wurden?

    2. @Naomi
      „Der Artikel ist ein typischer Roberto, man weiß nicht was er sagen will? Aber irgendwie möchte er doch den Trump und seine USA ein wenig in Schutz nehmen, denn für die West AfD ist MAGA die Seite der Guten.“

      Sofern ich mit meinem Verständnis falschliegen sollte, das du einen mächtigen Ossi-Komplex hast, definiere bitte den Zusammenhang bzw. die angedeute/behauptete Gemeinsamkeit zwischen Roberto De Lapuente und der AfD; egal ob Ost oder West! Danke im voraus

      1. Ich soll mich vor dir erklären? Das ist doch typisch für die Arroganz westlicher weißer Männer und auch einiger westlicher weißer Frauen, wobei ich mit Westen den globalen Westen und nicht die kleine BRD, die sich zu wichtig nimmt, zähle.
        Ich muß dir gar nichts erklären. Ob du meine Meinung akzeptierst oder nicht ist mir auch egal. Aber bemerkst du nicht die Arroganz in deinen Ton oder fehlt dir dazu das Feingefühl.
        Sofern ich mit meinen Verständnis falsch liege, das du eine mächtigen Westkomplex hast, definiere bitte warum man Trump und seine USA mögen muß?.

  4. Die Infantilisierungs-, Spaltungs- und Ablenkmechanismen waren schon immer Mittel zur Gestaltung von Politik. Bsp. der kommerz. Fußballbetrieb:

    Brot und Spiele: Die Abgründe des kommerzialisierten Fußballbetriebes
    23.10.2017
    Paris Saint-Germain legt 222 Millionen Euro für einen jungen Brasilianer hin. Doch das Fußballvolk, gierend nach Unterhaltung jeder Art, trägt seine bitter verdienten Groschen in die Arenen der Kommerzballgesellschaften und ihrer herangezüchteten Gladiatoren.

    von Flo Osrainik

    Was zu viel ist, ist zu viel. Und 222 Millionen Euro Ablöse bei einem Gehalt von rund 100.000 Euro – nicht im Jahr, am Tag – für einen jungen Brasilianer namens Neymar, der unter anderem schon eine Luxusjacht im Wert von 8 Millionen US-Dollar, zahlreiche Luxuskarossen, Immobilien oder Diamantohrringe besitzt, sind zu viel, auch wenn er den Ball unendlich lange danteln oder schnell wie der Blitz damit rennen kann. So ungefähr meint das jedenfalls Uli Hoeneß, der sich selbst mit dreistelligen Millionenbeträgen und Balldantlern auskennen sollte.

    Dem Fußballer Javi Poves aus Spanien reichten im Jahr 2011, da war er 24, hingegen zehn Minuten Profifußball für Sporting Gijon in der Primera Division, um sich angewidert vom „kapitalistischen Fußball-System“, wie er damals sagte, abzuwenden. Einst spielte er, wie so viele, Fußball aus Liebe zum Spiel. Er kündigte seinen Vertrag, um Geschichte zu studieren und soll kein Geld mehr von Sporting entgegengenommen haben. Das vom Klub zur Verfügung gestellte Auto gab er zurück, da es sich falsch anfühle, zwei Wagen zu haben.

    Multimillionäre in den Weltstädten, Sklaven auf Katars Baustellen

    Aber ganz offensichtlich sieht man das weder in Paris noch bei den unterhaltungsbedürftigen Zuschauern des durchkommerzialisierten Fußballs in Resteuropa so. Auch ein frei von Moral handelnder Investor wie Nasser Al-Khelaifi wird dem nichts abgewinnen können. Der katarische Präsident von Paris Saint-Germain dürfte in den Pariser Banlieues womöglich genauso wenig soziale Missstände erkennen wie ein Franz Beckenbauer in Katar Sklaven auf den Baustellen für die Fußballweltmeisterschaft der FIFA.

    Kann sein, dass sich der „Kaiser“ vor Ort nur von Geschenken seiner Gastgeber blenden ließ. Vielleicht wusste Beckenbauer auch nicht, dass Sklaven in absoluten Monarchien wie in Katar keine Eisenketten mehr tragen, denn heute gibt es Bankkonten, die einfach leer bleiben können. Auch müssen moderne Gladiatoren keinen Tod mehr fürchten und dürfen sich nach Eintritt des Rentenalters, also spätestens mit Ende 30, den Kopf darüber zerbrechen, was mit der restlichen Lebenszeit anzufangen ist.

    Der Zusammenhalt der Sklaven, Lohnsklaven oder auch Arbeiter wurde jedenfalls schon früh, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aufgebrochen, indem man die anfangs erfolgreichen Interessenvertretungen der Arbeiter zerschlug. Dafür begann man früh, Werkklubs zu gründen. In Deutschland zum Beispiel bei Bayer, Wacker, Carl Zeiss, Volkswagen und Opel. International war Gleiches etwa bei Royal Arsenal (FC Arsenal), Lancashire and Yorkshire Railway (Manchester United), Philips (PSV Eindhoven), Pommery (Stade de Reims), Peugeot (FC Sochaux) oder Parmalat (AC Parma) der Fall. Auch entstanden zahlreiche weitere Werksteams in West- und Osteuropa (Zenit Sankt Petersburg, BATE Baryssau, Schachtar Donezk) und in anderen Teilen der Welt, ob in Asien (Urawa Red Diamonds, Sanfrecce Hiroshima), Südamerika oder Afrika, um ein Identitätsgefühl gegenüber dem Konzern und gegen andere Arbeiter herzustellen.

    Verkehrte Welt: Löhne wandern in Trikots und Arena-Besuche

    Mit Propaganda, wegen der Begeisterung der Nazis für diese Methode der Meinungsmache später in Öffentlichkeitsarbeit (PR) umbenannt, hat man es dann auch geschafft, die Interessen der breiten Arbeiterschaft dahin zu steuern, dass diese ihre Wochenlöhne für Tickets und Trikots der millionenschweren Gladiatoren ausgibt, um die Logos von Konzernen Spazieren zu tragen und obendrein in Scharen sogar zu den Auswärtsspielen in die Arenen zu pilgern. Und das selbst dann, wenn die Leute dafür kreuz und quer über den Kontinent reisen müssen.

    Wen stört da schon der an maximale Ungerechtigkeit grenzende Umstand, der einem Jungkicker im Schlaf mehr Geld beschert als manch ein Baustellensklave fern der Heimat und Familie unter der glühend heißen Sonne Katars in seinem ganzen Arbeitsleben zusammenbuckeln könnte?

    https://web.archive.org/web/20171025084301/https://deutsch.rt.com/gesellschaft/59434-brot-und-spiele-abgruende-kommerzialisierten/

      1. Eine Gesellschaft, deren Angehörige einen großen Teil ihrer Zeit nicht im Hier und Jetzt verbrächten, »sondern irgendwo anders, in den belanglosen Jenseitswelten des Sports und der Musicals, der Mythologie und metaphysischen Phantasie« – und man müsste heute hinzufügen in den virtuellen Welten sozialer Netzwerke und digitaler Medien-, »wird es schwer finden, den Beeinträchtigungen durch diejenigen zu widerstehen. Die diese Gesellschaft manipulieren und gängeln«.

        Heutige Indoktrination funktionierte, so Huxley, recht schlicht: durch »Wiederholen, Verschweigen und Rationalisieren – das Wiederholen von Schlagworten, welche sie als wahr hingenommen, das Verschweigen von Tatsachen, welche sie als unbeachtet gelassen sehen wollen, das Erwecken und Rationalisieren von Leidenschaften«, welche zur Festigung der bestehenden Machtverhältnisse nutzbar sind. Diese traditionellen Methoden würden schon bald, so Huxleys damalige Vorhersage, mit den »unaufhörlichen Zerstreuungen« kombiniert, »die im Westen nun in einem Meer von Belanglosigkeiten alles zu ertränken drohen, was […] zur Bewahrung individueller Freiheit und zum Bestehen demokratischer Einrichtungen unentbehrlich ist«.
        (Rainer Mausfeld, Hybris und Nemesis – Wie uns die Entzivilisierung von Macht in den Abgrund führt – Einsichten aus 5000 Jahren, S.329)

        1. @Gracchus Babeuf

          Ob @Markus mit deinem „copy & paste“ als Antwort auf seine simple aber doch unmissverständliche Frage zufrieden ist, muss er selbst beurteilen! Von mir gäbe es bestenfalls einen 🐟

        2. Es braucht fuer mich keinen Huxley, um diese Gegebenheiten hier wahrzunehmen. Und ich weiss auch, dass diese Gegebenheiten einfach aufgrund der menschlichen Triebe moeglich sind.

          Und, ich persoenlich denke, dass es am brauchbarsten waere, die Triebgetsteuertheit des Saeugetiers Mensch zu akzeptieren. Wer etwas an der Struktur dieses westlichen Gesellschaftssystems abaendern moechte, muesste – meiner Meinung nach – mittels psychologischen Werkzeugen operieren. Dass dies erfolgreich sein kann, zeigen mir die die Ergebnisse von z.B. Mahatma Ghandi oder auch Nelson Mandela.

  5. Nein, nein, nein, wir Teutschen sind absolut GEGEN Boykotte! Die sind unfair, haben nichts mit der Veranstaltung zu tun, schaden uns selbst…

    …jedenfalls, so lange es um Isreal geht…

    Da wird aus dem Ansinnen, Israel wegen des Völkermordes in Gaza vom Eurovision Song Contest auszuschließen, ein Weltuntergang gemacht, und anschließend in den höchsten Tönen jubiliert, weil der Antrag scheiterte. – um umgehend Spanien und andere Teilnehmerländer an den Pranger zu stellen, wenn sie deswegen ihre Teilnahme in diesem Jahr absagen.

    Man weiß eben zu differenzieren… 😉

  6. Zitat aus dem Artikel:
    „Das Politisieren der Kicker im DFB-Dress ist übrigens noch so ein neuer Brauch – er ist freilich ausbaufähig und wird sicher noch eine Fortsetzung finden.“

    In der Tat. Und deswegen „boykottiere“ ich mittlerweile einfach alle Welt- und Europameisterschaften. Ein großer Fußballfan war ich nie, aber die erste WM die ich als siebenjähriges Kind bewußt miterlebt habe, war die WM 1990. Und dann gleich Weltmeister. Seitdem konnte ich wenigstens ein bißchen was mit Fußball anfangen und EM / WM hab ich mir immer angesehen. Aber diese Politisierung hat es mir verdorben. „Isch over“ heißt das im Fußball, gell?

    Aus dem Artikel:
    „Statt mit dem, was man für das Andere, das Böse und Teuflische hält, zu leben, es auszuhalten und als Teil dieser fehleranfälligen Welt zu werten, üben sich die Boykotteure lieber in Flucht. Sie wollen möglichst viel Abstand zwischen ihrer blütenweißen Weste und dem Schlachterkittel bringen.“

    Jep, ein altbekannter psychologischer Mechanismus, der sicher nichts Gutes bringt. Erinnert mich an das Interview von C.G. Jung mit dem Journalisten Georg Gerster aus dem Jahr 1960.

    „Gerster:
    Aber wenn wir diese Beobachtungen zusammenzählen, müssen wir doch sagen, dass eigentlich die Zeit, in der wir leben, auf eine – ich möchte fast sagen summarisch – auf eine große Neurose zusteuert?

    Jung:
    Ja, wir sind schon lange darin! Ja, die grosse Demonstration ist der Eiserne Vorhang! Da sind Millionen von Leuten, die ganz anders denken oder anscheinend fühlen als wir. Mit denen man sich überhaupt nicht verständigen kann: Das ist der Zustand unserer Seele!
    Wir haben so und so viel in uns, mit dem wir nicht übereinstimmen, das wir lieber nicht haben möchten, von dem wir nichts wissen wollen und das ist der Zustand von Europa zum Beispiel, von der Welt überhaupt. Der Westen spricht von Freiheit und solchen Sachen, aber es ist keine ergreifende Leidenschaft darin.“

    Das ganze Interview findet sich bei Bedarf hier:
    https://www.youtube.com/watch?v=S3BaDZO4qVQ

  7. Ach was, da wird nichts boykottiert.
    Das ist doch nur Blabla.
    Panem et circenses, wussten schon die alten Römer, braucht es, um die Menschen ruhig zu halten.
    Da es für den Großteil der Menschen hier immer weniger panem gibt, ist wenigstens circenses unverzichtbar.
    Zudem sollte man nicht vergessen, das die Politik immer gerne solch große Turniere nutzte, um möglichst geräuschlos Gesetze durchzuwinken, denen es an Popularität mangelte!
    In Katar war Fancy Naeser mein persönliches Highlight, wie sie mit trotzigem Blick, der bunten Armbinde und viel zu kurzem Rock im streng muslimischen Land auf der Tribüne der Welt ein Spotlight unserer Republik demonstrierte! Das hätte man nicht erfinden können, Realsatire pur!
    Die Europameisterschaft hier, vor allem in meiner Heimatstadt Gelsenkirchen, hat Europa aufgezeigt, wie es um unsere Verkehrsinfrastruktur bestellt ist.
    Mit der Legende des Auslandes, das wir ein gut organisiertes Land seien, ist gründlich aufgeräumt worden. Wäre doch schade gewesen, den ausländischen Gästen diese Erfahrungen vorzuenthalten.
    Meine Frau und ich waren im Dezember zwei Wochen in den Niederlanden, fuhren auf intakten Straßen ohne Baustellen und genossen einen tatsächlich gut funktionierenden ÖPNV. Wir hatten schon ganz vergessen, wie sich das anfühlt. Bei uns im Ruhrgebiet stellt sich die Frage des Tempolimits vom Grundsätzlichen her schon mal nicht.
    Wer hier die A 40, A 42 oder auch A 3 zu befahren das Vergnügen hat, ist schon gedanklich von der Einführung eines Tempolimits Äonen entfernt. Man darf da auch schon mal zwar 80 fahren, freut sich dann aber, wenn der Verkehr nicht steht und der Tacho 30 oder 50 zeigt.
    Es wäre für das Ruhrgebiet eigentlich günstig, wenn man diese Situation touristisch nutzt und als Erlebnisurlaub bewerben würde .
    Was nun Omas Sonntagsbraten angeht, so bin ich als Jahrzehntelanger Hobbykoch noch in der Lage, diesen herzustellen. Ich habe dann merkwürdigerweise immer volles Haus und die Apologeten einer anderen Ernährungsweise in meiner Familie vergessen dann leichten Herzens ihre Grundsätze.
    Nein, wie ich schon sagte, Boykottieren ist blabla!

  8. War nie ein Fußballfan, aber ich stimme Roberto J. de Lapuente zu – nur einen Punkt sehe ich komplett anders:

    „[…] Der moderne Bürger dieses Landes, so er ein braver Bürger ist,….[…]“

    Mensch könnte auch „Untertan“ sagen frei nach Heinrich Mann – denn seit dessen entlarvendem Buch über die „braven Bürger“ des deutschen Kaiserreiches, auch Untertanen genannt, hat sich nix geändert bei den deutschen Untertanen auch heute wieder „brave Bürger…“ genannt.

    Sogar „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ ist seit der Ampel-Regierung, und Ex-Außenministerin Baerbock, wieder „in“….und „nach oben katzbuckeln und nach unten treten“ seit Ex-Kanzler Schröders Agenda 2010, HartzIV und der damit verbundenen „Schwarzen Pädagogik“ gegen „Hartzies“ auch „BürgergeldempfängerInnen“ genannt sowieso….

    Ergo absolut „Nix neues unter der Sonne“ Deutschlands 2026 …..

    Gruß
    Bernie

  9. Der erste richtig wirksame Boykott im Fußball war meines Erachtens 1980, bei den Olympischen Spielen die in Moskau stattfanden.
    Ganz anderes Thema: aus der hier eingeblendeten Werbung für ein Buch entnehme ich, dass der Westend Verlag nun auch in „einfacher Sprache“publiziert.

  10. Vielleicht sollte der geschätzte Autor seine Kritik noch mal überdenken. Es fiel uns in Deutschland nicht immer Ieicht, mehrheitlich die richtigen Entscheidungen zu treffen. Doch, es gab da Sachen in unserer Vergangenheit – also das mit den Juden war gar nicht in Ordnung! Das mit Russland muss man unter den aktuellen Bedingungen neu bewerten, aber dass wir für das absolut Böse standen, das hat uns überhaupt nicht gefallen.
    Und jetzt, wo wir uns gewandelt haben, wo wir für das Gute, also für das absolut ultimativ Gute eintreten, da sollten wir dafür nicht verspottet, sondern journalistisch unterstützt und begleitet werden. Ist doch nicht so schwer, unsere offiziell lizenzieren Wahrheitsmedien können das doch auch.
    Und, auch das sage ich in aller Deutlichkeit, wenn man unsere Güte, unser Eintreten für alles Gute, Schöne und Gerechte in dieser Welt nicht zu würdigen vermag – wir können auch anders. Wir können auch die „Sprache der Macht“. Oder lernen sie jedenfalls wieder und wenn das die beste aller deutschen Regierungen, die wir jemals hatten , sagt, dann wird auch das gut und richtig sein. Ist das Klar!?

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