Onkel Pavel – Der Russe, den wir alle lieben

Walter Koenig
Gage Skidmore from Surprise, AZ, United States of America, Walter Koenig (8854637323), CC BY-SA 2.0

Das deutsche Feuilleton betrauerte diese Woche den Tod eines Russen. Nun gut, eines Amerikaners, der in seiner bekanntesten Fernsehrolle einen Russen spielte. Mehr Russlandfreundlichkeit gibt es in Deutschland derzeit nicht.

Walter Koenig ist vor einer Woche gestorben. Wer? Kennen Sie nicht? Vielleicht wäre es daher sinnvoller, ihn beim Namen seiner bekanntesten Rolle zu nennen: Pavel Chekov. Koenig spielte von 1967 bis 1969 die Rolle des russischen Navigators auf dem Raumschiff Enterprise. Der Schauspieler kam erst ab der zweiten Staffel zum Cast der Produktion dazu. Später griff er seine Rolle für sieben Kinofilme der Star-Trek-Reihe nochmals auf. Chekov war bei den Fans der Serie ein äußerst beliebter Charakter. Er stand für die Weltoffenheit, die der Schöpfer der Serie – aus der im Laufe von Jahrzehnten ein riesiges Franchise mit vielen Serien und etlichen Kinofilmen wurde –, ein Mann namens Gene Roddenberry, den Zuschauern unbedingt aufzeigen wollte.

Für Mitte der Sechzigerjahre war es mutig, den Zuschauern in den Vereinigten Staaten eine Zukunftsvision vorzusetzen – die Serie Star Trek, die im Deutschen Raumschiff Enterprise heißt, ist zeitlich im Jahr 2265 verortet –, in der Frauen in verantwortlichen Positionen auf der Brücke des Raumschiffs standen, Schwarze mitwirkten – und am Ende sogar ein Russe Platz fand, immerhin der Vertreter einer Nation, mit der sich die Vereinigten Staaten des Jahres 1967 – da trat Koenig erstmals als Chekov auf – in einem Kalten Krieg befanden. Die Enterprise verhieß Fortschritt – sie war eine progressive Serie, die aufzeigen wollte, dass es für die Menschheit gut ausgehen konnte, wenn sie es nur wollte.

Der wünschenswerte Russe

Star Trek war eine Utopie in drei Staffeln – danach wurde die Serie abgesetzt, die Fans rangen zehn Jahre darum, dass es mit Captain Kirk und Co. weitergehe. 1979 folgte der erste Kinofilm – einige Jahre später ging eine Nachfolgeserie auf Sendung, The Next Generation. Der Großteil heutiger Science-Fiction kann sich Zukunft nur noch als düsteren Ort vorstellen, an dem die Menschen darben, um ihr Überleben kämpfen müssen. Man kann nachvollziehen, weshalb heutige Futuristen so miesmutig sind. In den Sechzigern verspürte mancher offenbar noch ein Gefühl des Aufbruches, eine andere Welt schien möglich – Roddenberry wollte dem Publikum eine optimistischen Aussicht bieten. Einen Russen an Bord zu holen war mutig, eine kleine Provokation – ebenso wie einen Weißen eine Schwarze küssen zu lassen. Letzteres war ein viel größerer Skandal, ganz besonders in den Südstaaten. Die Rolle des Chekov erfreute sich jedoch recht schnell großer Beliebtheit.

Der schlanke, eher schmächtige Navigator der Enterprise, der im englischen Original – ebenso wie in der deutschen Synchronisation – mit stark russischem Akzent sprach, hatte alles, was man sich im Westen von einem Russen wünschte: Er war emotional, aber auf eine liebenswerte Art und Weise. Dazu war er kulturbeflissen, leicht spleenig und hatte nebenher noch einen Schalk im Nacken. Eine menschliche Rolle eben, die fast zwangsläufig zur Publikumsbeliebtheit kommen musste. Als Chekov, also Walter Koenig, am vergangenen Sonntag starb, waren es diese Werte, die man in den Rückschauen auf seinen Charakter nochmals ausbreitete. Ja, dieser Chekov war eben ein Russe, wie man ihn sich herbeisehnt. Ein russischer Onkel Tom quasi – ein Onkel Pavel, der lustig aufspielte, um dem Menschen im Westen zu gefallen.

Bevor wir darauf zurückkommen, lohnt sich noch ein Blick auf die wirklichen Russen, die im Kosmos von Star Trek mitwirkten. Sie wurden Klingonen genannt und waren die Gegenspieler der Vereinigten Föderation, für die die Enterprise »neue Welten erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen« entdecken sollte, wie es im Intro hieß. Diese Klingonen waren ungestüme und kriegerische Aliens; Ehre galt ihnen mehr als Vernunft – man konnte sie kaum einfangen, sie waren die ultimative Gefahr, weil sie sich der menschlichen Ratio entzogen. Schnell betrachtete man diese Klingonen als Allegorie auf die Sowjets, die die US-Öffentlichkeit gemeinhin mit Attributen ausstattete, die nun diese außerirdische Rasse übertragen bekam – Drehbuchautor Gene L. Coon erklärte später, dass man diese Spezies nahe an den Russen angelegt habe. Der Kalte Krieg schaffte es also ins Weltall. Im sechsten Star-Trek-Film, der 1991 in die Kinos kam, näherten sich Klingonen und Föderation an: Das politische Tauwetter der Realität fand also seine Entsprechung auch im Star-Trek-Universum.

Onkel Pavel

Nun also Pavel Chekov, der zum Tode des Schauspielers Walter Koenig nochmal in den Kulturspalten besprochen wurde. Dort erinnerte man sich seiner als Sympathieträger, als Bereicherung jener Serie, die im Laufe der Jahrzehnte einen regelrechten Kultstatus entwickelte. Chekov war ein umgänglicher Typ, der aber hier und da Ecken und Kanten zeigte – aber man konnte mit ihm sprechen, er war Argumenten und der Vernunft zugänglich, auch wenn er je und je ungestüm auftrat. Chekov war als stolzer Russe angelegt – aber sein Stolz stand ihm nie im Weg. Am Ende war er »einer von uns«, ein braver russischer Kerl, der sich westlich integriert hatte. Er behauptete zwar gerne, dass gewisse Erfindungen oder kulturelle Errungenschaften ihren Ursprung in Mütterchen Russland hatten – aber das machte ihn liebenswert, schrullig obendrauf. So einen Typen musste man lieben.

Dieser Russe, der die Enterprise navigierte, war ein selbstverständlicher Teil der gemeinsamen menschlichen Zukunft. So wünschte man sich den Russen: Mit weichem Kern, ungewollt witzig – alles unterstrichen mit einem verniedlichenden Akzent. Ein bemühter Charakter, der nicht ganz herausfindet aus seinen nationalen Marotten und kulturellen Prämissen, der sich aber immer noch zur rechten Zeit am Riemen zu reißen weiß, um den anderen – die sinnbildlich für den Westen standen – nicht unangenehm aufzufallen. Seine Fremdheit sollte unterhaltsam sein und nicht als Zumutung wahrgenommen werden.

Dieser allseits beliebte Chekov, diese ikonische Figur aus TOS – wie Trekkies die Serie mit Insiderabkürzung nennen, The Original Series –, war eine Art Onkel Tom des Weltraums. Onkel Pavel sollte den Erwartungen »der freien Welt« entsprechen. Man tut der literarischen Figur des Onkel Tom allerdings etwas unrecht, denn die Schriftstellerin Harriet Beecher Stowe hat ihn als zutiefst christlichen Charakter geschrieben, dessen Gewissen sich nicht unterwerfen lässt. Erst später hat man – im Zuge des inneramerikanischen Kulturkampfes – den Charakter als tumben Schwarzen begriffen; der Roman Onkel Toms Hütte karikiere die Schwarzen auf eine Weise, wie sich Weiße Schwarze wünschten. Fortan galt Tom als unterwürfige Figur, als ergebene Gestalt ohne eigenen Willen. Onkel Tom ist zu einem Schimpfwort geworden. Seine Gefügigkeit begreift man in der Black Community als Affront. Seine schwarze Identität sollte aus Sicht der Autorin offenbar der Reinheit des Charakters nicht im Wege stehen.

Ein Russe, der noch leicht zu händeln war

Walter Koenig mimte einen Russen, der auf ganz ähnliche Weise funktionierte wie jene berühmte Gestalt der amerikanischen Literatur. Er durfte, ja er sollte russisch sein – dies bereicherte die Crew der Enterprise, wertete sie zur Utopie auf. Aber gleichzeitig sollte dieses Russischsein niemandem etwas abverlangen. Schon gar nicht den Zuschauern. Pavel Chekov erfüllte das Klischee eines russischen Mannes, ohne daraus den Anspruch abzuleiten, dass er ein völlig anderes Weltbild – nun ja, auch Weltraumbild – pflegen könnte, als die anderen Protagonisten auf dem Raumschiff, die der westlichen Welt entsprungen waren. Chekov war integriert – freundlich ausgedrückt. In Wirklichkeit war er domestiziert – und bildete den Russen so ab, wie ihn sich der Westen schon damals wünschte.

Es ist demnach gar kein Wunder, dass das geballte Feuilleton nochmal einen wohlwollenden Nachruf auf Koenig anstimmte – um damit über Umwege auf Pavel Chekov zu sprechen zu kommen. Wie sehr sehnt man sich in den Redaktionsstuben dieses Landes doch nach Russen, die so leicht zu händeln wären, wie einst diese fiktive Gestalt des berühmtesten Raumschiffes aller Zeiten! Deren Eigenheiten würde man ja tolerieren, die kleinen Spleens und Marotten als Ausdruck russischer Identität feiern. Wenn sie aber plötzlich mit eigenen Interessen auftreten, wenn sie sich das Recht herausnehmen, der Welt ihre Vorstellungen zu vermitteln, dann endet die Zuneigung abrupt.

Der nun betrauerte Pavel Chekov ist insofern die russische Figur des Augenblickes, die man gegen den russischen Präsidenten stellt. Mit dem lässt sich – so heißt es – nicht sprechen, nicht verhandeln. Er sei nicht einsichtig, für Vernunftargumente nicht zugänglich. Welch Unterschied zu Onkel Pavel, den man immer irgendwie so einfangen konnte, dass am Ende alle zufrieden waren. Wladimir ist kein Onkeltyp, ist nicht gefügig, bleibt stur, wo Pavel so liebevoll einsichtig auftrat. Wohin die Reise ging, entschied Captain Kirk – der russische Präsident versteht sich und sein Land nicht als gefälligen Reisebegleiter. Das macht ihn zum Russen, den so viele hassen – Chekov ist das Abziehbild eines Russlands, wie es sich der Westen seit jeher sehnsüchtig erträumt hat: unterwürfig, leicht zu managen und am Ende in Wertevorgaben aufgehend, die ihm dieser Westen vorgibt.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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7 Kommentare

  1. Und jetzt ist auch noch Catain Picard in den unendlichen
    Weiten des Weltall’s für immer verschwunden. Er hat
    unser aller Verständnis von Zusammenleben mit
    anderen Kulturen geprägt. Er wird mir fehlen.

  2. Genau so schaut’s aus. Allerorten hat es nicht nur Einzug gehalten,sondern erfreut sich wachsender Beliebtheit alsFüller:Das Feuilleton als journalistische Darstellungsform schildert „in betont persönlicher Weise die Kleinigkeiten und Nebensächlichkeiten des Lebens und versucht, ihnen eine menschlich bewegende, erbauende Seite abzugewinnen“

  3. Mich hat an der Rolle immer das bemühte Radebrechen mit hollywood-„russischem“ Einschlag gestört. Russen sind in Hollywood und US-Serien meist dumm oder mit Klischees überfrachtet. Meist beides. Der „Kalte krieg“ wurde eben auch da fortgeführt.

    Am bescheuertsten war der „Russe“ in dem Film „Armageddon“, der einer der schlechtesten Filme aller Zeiten ist. Technisch hanebüchen, voller Fehler und natürlich retten die Amis mal wieder die Welt – mit einer Atombombe. Der Rest der Story war Testosteron-Gehabe. Und das sage ich als Mann, dem das scheinfeministische Geblöke von „toxischer Männlichkeit“ auch auf den Keks geht.

    Und da gab es auch einen „Russen“, nämlich einen „Lev Andropov“, der der einzige (!!!) Hüter der russischen Raumstation Mir war, wo die zeitgleich (!!!) gestarteten Shuttles für ihren Weiterflug zum Asteroiden Sauerstoff nachtanken sollten (als ob es den auf so einer Station gäbe). Und dieser „Russe“ war ein Hinterwäldler, der dort in Unterhose aber mit dicker russischer Fellmütze (Tschapka) hauste, und alle Naselang mit einem großen Schraubenschlüssel auf den Geräten herumschlug, um sie „zu reparieren“.

    Positive russische Charaktere in US-Filmen muß man mit der Lupe suchen. Und wenn, dann sind es Figuren wie Kapitän Ramius (Sean Connery) auf dem sowjetischen UBoot „Roter Oktober“, die deshalb „gut“ sind, weil sie das böse Heimatland verraten und sich dem guten US-Militär ergeben – CIA inklusive… Ist zwar im Gegensatz zu „Armageddon“ ein gut gemachter Film, aber die Klischees sind dieselben.

    1. Heinz: Einen guten „Russen“ im US Traumland gibt es noch. „Ivan Danko“ alias Arnlod Schwarzenegger.
      Das war in Red Heat, als er einen russischen Drogenfahnder spiete. Ich persönlich habe eigentlich nur
      gute Russen kennengelernt. Leider schon lange her.

  4. Iwan Wassiljewitsch Drago als Super SpezNas
    Der alte Schwede Hans Lundgren war einfach der beste Russendarsteller nach Ivan Rebroff!

    Dazu Moskau von Dschinghis Khan laut hören 🇷🇺

  5. Vergessen wir aber nicht die Besatzung des schnellen Raumkreuzers ORION. Ziemlich „internationale“ Besatzung und die starke „russische“ Frau(!), Tamara Jagellovsk, als galaktischer Sicherheitsoffizier. Die Leute konnten auch aller vernünftig sprechen

    In jeder Hinsicht um Längen besser als dieser billige US-Serienquatsch. Und schon älter.

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