Ikkimel oder Die Monster AG der Empörungssüchtigen

Ikkimel
Schwabenmodel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Nicht Melina Gaby Strauß, genannt Ikkimel, ist das Problem. Dass man die leicht durchschaubare Provokationsnummer dieser jungen Frau ernstnimmt, schafft ein Problem, das keine sein müsste. Ein Kommentar.

Was für ein legendärer Auftritt der Schlagerbardin Ikkimel beim ZDF-Morgenmagazin neulich. Episch, könnte man ihr Geträller dort fast schon nennen. In den Vereinigten Staaten ist man darauf aufmerksam geworden, das Video wird dort rege aufgerufen. Die deutsche Presse berichtete über dieses Interesse aus Übersee. Sie interpretiert es allerdings als Qualitätssiegel. Man darf getrost davon ausgehen, dass die Amerikaner die Bilder aus einer anderen Welt ungläubig betrachten, ganz so wie wir gewisse Hochglanzclips aus Nordkorea. Der Hymne auf den »freundlichen Vater« Kim Jong-un vermag man sich zum Beispiel auch nicht zu entziehen – schmissig ist das Hohelied, wie weiland mancher Beitrag beim seligen Karl Moik. Die Bilder vollkommen verzückter Nordkoreaner, die dazu geliefert werden, sind derart verstörend, man kann einfach nicht weggucken – den Amerikanern mag es bei Fräulein Ikkimel ähnlich ergehen.

Nährstoff: Provokation

Ikkimel ist der Künstlername von Melina Gaby Strauß. Geboren wurde sie 1997 im beschaulichen Berlin – sie nennt sich eine feministische Rapperin. Ikkimel setzt sich zusammen aus dem berlinerischen Ich – Icke – und der Abkürzung ihres bürgerlichen Vornamens – wahrhaft eine geistreiche Kombination. Einem breiteren Publikum wurde die junge Frau zuletzt bekannt, weil Talkikone Heide Reichinnek sie zum Monolog mit Stichwortvorgaben lud – dort tauschte man eifrig und im hochprozentigen Dauerempörungsmodus Plattitüden aus, die zwar nichts mit der gelebten Realität der Menschen in Deutschland zu tun hatten, dafür aber mit der gefühligen »Wirklichkeit« der urbanen Parallelgesellschaft zwischen Lastenfahrrad und Pronomensuche. Das Gespräch zwischen den beiden Damen ging – wie man so sagt – viral.

Man darf annehmen, dass auch irgendein Verantwortlicher beim ZDF dieses Stück deutscher Zeitverdichte gesehen haben muss – und dass derjenige prompt auf den Gedanken kam, dass man dieser jungen Stilikone der geistig-moralischen Zeitenwende eine prominente Bühne bieten sollte. Und siehe da, sie trat im Morgenmagazin auf und riss das scheintote Publikum mit ihrem Fotzenrap – nein, das ist keine Frechheit meinerseits, so nennt die »Künstlerin« ihre »Kunst« – aus der mentalen Leblosigkeit. Die Gesichter der versammelten NPC-Community sind einfach köstlich anzusehen. Sie zeigen aber auch, wie leicht man diese Leute doch in Wallung bringen kann, wie spielend und erwartungsgemäß sie doch jedes Höschen einnässen, das ihnen eine Künstlerinnensimulation vor die Nase hält.

Das ist auch Ikkimel-Sicht – die hier exemplarisch steht für eine ganze Gesellschaftsgruppe, die sich längst auf Nonsens-Themen verständigt hat – auch bitter nötig. Denn die lebt vom wallenden Blut einer Öffentlichkeit, die sich früher als bürgerlich betrachtet hat, heute aber ein seichtes Gemisch aus Phrasen, vorgestanzten Denkschablonen und kultivierten Angstmodus ist. Die Empörung ist es, die dieser Klientel, die sich »links« nennt, als Nahrung dient. Sie legen es darauf an, Empörung zu erzeugen, weil nur sie sicherstellt, dass das über ihr mangelndes Können und ihre biedere Mittelmäßigkeit hinwegtäuscht. Ihr Drang, alles Althergebrachte destruktiv zu dekonstruieren – eine andere Umschreibung für Zerstörung –, ist ebenfalls auf die fehlende Könnerschaft zurückzuführen. Ebenso wie ihr Hang dazu, jedes Andersdenken mit freudloser Jakobinermimik zu verurteilen.

Abwinken und sich Wichtigerem zuwenden

Vorlaut sein, andere durch den Dreck ziehen – so wie Melina Gaby Strauß es im ZDF getan hat, als sie während er Weltmeisterschaft alle Fußballmänner kleinmachte – Fußballfrauen nicht, die dürfen das –, ist die klassische Methode dieser Klientel, die durch Empörung verkappen will, dass sie noch nicht mal mit Wasser kocht. Die eigentliche Leistung besteht nicht im künstlerischen Werk, sie besteht in der präzisen Inszenierung eines erwartbaren Reflexes. Begriffe, Gesten oder vermeintliche Tabubrücke werden vollzogen, die zuverlässig Entrüstung auslösen sollen. Wir haben es mit einem Geschäftsmodell zu tun, das nicht auf Können setzt, auf Wissen oder gar Sachlichkeit – es zielt auf den Krawall ab, denn nur er lässt diese Klientel geschäftlich überleben. Aus einem an sich belanglosen Auftritt entsteht auf diese Weise ein gesellschaftliches Ereignis – die postbürgerlichen Massen und die politischen Gegner dieser Leute sorgen schon für eine Skandalisierung. Anders gesagt: Ikkimel und Co. brauchen den politischen Gegner, benötigen »den Rechten«, denn erst er macht sie zu dem, was sie zu sein vorgeben.

Sicher, die Einwände kamen prompt: Strauß habe Abitur, später habe sie studiert – ihr zu unterstellen, sie könne nichts, sei deswegen eine Frechheit. Aber seit wann bedeutet denn Schulausbildung Könnerschaft. Zumal im zeitgenössischen Deutschland mit seinen abgespeckten Lehrplänen und tiefergelegten Abschlüssen? Doch selbst wenn sie wirklich eine blenden Schülerin und Studentin war: Na und? Wer hat nicht schon alles studiert? Jens Spahn zum Beispiel. Aber auch Pol Pot oder manche der ganz dunklen Gestalten deutscher Geschichte. Die Ausrede mit dem Studium ist die dümmste, die man sich ausdenken kann.

Nein, diesen Leuten muss man die Nährstoffe entziehen: die Empörung, die sie durch billige Provokationsnummer erzielen. Sicher, auch dieser kurze Text schenkt diesem Auftritt Aufmerksamkeit – aber er versucht es ohne Empörung, ohne Aufregung, er spitzt zu, aber er findet Ikkimel nicht empörend. Denn das ist das Substrat, in dem die Ikkimels dieses Landes gedeihen. Man stelle sich vor, Strauß würde im Morgenmagazin auftreten und niemand guckte pikiert, das Publikum schaute starr vor sich hin und applaudierte am gar Ende freundlich: Jede Wette, dass man dort nicht mehr auftreten möchte, dass man sich langweilte an solchen Reaktionen! Vor 25 Jahren brachte Pixar den Film Monster AG in die Kinos. In dem Animationsfilm zieht die Parallelwelt der Monster ihre Energieversorgung aus der Angst menschlicher Kinder, weswegen den Kleinen nachts im Kinderzimmer Monster auflauern. Die woke Clique lädt sich energetisch geradezu monsterhaft durch die Empörung der Anderen auf. Wenn man diese Versorgung kappt, gerät dieses ganze Modell in eine energetische Krise, dann schmiert deren System ab, kommt das Geschäftsmodell ins Schwimmen. Man sollte ihnen diesen Rohstoff nicht mehr liefern, auf nichts mehr eingehen, sie natürlich nicht mundtot machen, aber auch nicht mehr mit einer Wichtigkeit ausstatten, die sie nicht besitzen. Höfliche Nichtbeachtung, egal wie sehr sie die Empörungsschraube dann drehen werden: Wenn das geschieht, tritt Ikkimel künftig wieder verstärkt in ihrem Kinderzimmer auf.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
Mehr Beiträge von Roberto De Lapuente →

Ähnliche Beiträge:

13 Kommentare

  1. Aha. Mir als Nicht-Konsumenten der woken oder Mainstream-Medien ist nach Lektüre dieses Artikels leider nicht klar, was überhaupt passiert ist….

    Nie von Ikkimel gehört geschweige denn von ihrem Auftritt.

    Also, was war denn nun?
    🤔

    1. Geht mir auch so. Da ich ÖRR seit 25 Jahren
      nicht mehr konsumiere, fehlt der Bezug.
      Aber eins schafft der amüsante Artikel
      mühelos: Die Bestätigung schaffen,
      dass – gleich was dort geschieht – es keinen
      Verlust darstellt…
      Im Gegenteil: Man erspart sich den Ärger
      des sich einstellenden Brechreizes.

    2. Geht mir auch so. Da ich ÖRR seit 25 Jahren
      nicht mehr konsumiere, fehlt der Bezug.
      Aber eins schafft der amüsante Artikel
      mühelos: Die Bestätigung schaffen,
      dass – gleich was dort geschieht – es keinen
      Verlust darstellt…
      Im Gegenteil: Man erspart sich den Ärger
      des sich einstellenden Brechreizes.

    3. Da sind Sie in guter Gesellschaft. Ich dachte zuerst an eine probiotische Milchzubereitung eines bekannten Joghurtherstellers…😉

  2. „Man darf getrost davon ausgehen, dass die Amerikaner die Bilder aus einer anderen Welt ungläubig betrachten, ganz so wie wir gewisse Hochglanzclips aus Nordkorea. Der Hymne auf den »freundlichen Vater« Kim Jong-un vermag man sich zum Beispiel auch nicht zu entziehen – schmissig ist das Hohelied, wie weiland mancher Beitrag beim seligen Karl Moik. Die Bilder vollkommen verzückter Nordkoreaner, die dazu geliefert werden, sind derart verstörend, man kann einfach nicht weggucken“.
    Halt! Hier ist unbedingt darauf zu verweisen, dass hier ein westliches Propagandabild reproduziert wird, dass mit der Realität nichts zu tun hat.
    War es hier oder auf einer anderen Website, ein kirchlicher Mitarbeiter, der jahrelang auch in Nordkorea zu tun hatte, berichtete über die kulturellen Hintergründe der grundlegend anderen Gesellschaft, die die uns merkwürdig erscheinenden Bräuche als durchaus normal erklären.
    Bitte keine westlichen Narrative hier zu eigen machen!

  3. Kannte Ikkimel bis vor kurzem gar nicht, was wohl auch kein Verlust war.
    Aber Chocomel aus den Niederlanden kann ich sehr empfehlen, echt lecker!

  4. Nachdem ich mir den Auftritt angehört habe, fiel mir wieder ein, woher ich Ikkimel kannte: Ein Kollege ließ das Zeug gelegentlich bei uns in der Werkstatt laufen – allerdings vorsichtshalber nur dann, wenn kein Kunde in der Nähe war. Aus gutem Grund.

    Und nun also im ZDF-Morgenmagazin. Ikkimel zum Frühstück, zwischen Wetterbericht, Servicetipp und gut gelaunter Moderation. Man muss dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk lassen: Wenn er seine Zuschauer erschrecken will, kennt er inzwischen wirklich keine halben Sachen mehr.

    Besonders schön ist, dass ausgerechnet ein Anti-Fußball-Song vorgetragen wurde. Wahrscheinlich wollte man irgendein mutiges Zeichen setzen, irgendeine Zielgruppe abholen oder schlicht beweisen, wie wahnsinnig jung, wild und unangepasst das Morgenmagazin inzwischen ist. Das Ergebnis wirkte allerdings weniger wie kulturelle Rebellion und mehr wie eine Betriebsfeier, auf der der Abteilungsleiter plötzlich mit umgedrehter Baseballkappe Rapmusik auflegt.

    Nun ist der Auftritt natürlich viral gegangen, sogar in den USA. Dort verstehen die meisten kein Wort, was dem internationalen Erfolg vermutlich ausgesprochen zuträglich ist. Würden sie die Texte verstehen, könnten sie feststellen, dass sich das Gesamtwerk überwiegend um Drogen, Sex und miserable Männer dreht. Also ungefähr das, was heute offenbar bereits als rebellisches Gesamtkunstwerk genügt, solange es laut, vulgär und hinreichend vermarktbar daherkommt.

    Das eigentlich Komische ist aber nicht einmal Ikkimel. Die macht eben ihr Ding, verdient damit Geld und scheint Spaß zu haben. Wirklich komisch ist die gewaltige Bedeutungsmaschine drumherum: Die einen erklären den Auftritt zum feministischen Befreiungsschlag, die anderen zum Untergang des Abendlandes, und am Ende reden alle darüber. Eine musikalische Randnotiz wird zum Kulturkampf aufgeblasen, weil offenbar niemand mehr in der Lage ist, etwas einfach nur peinlich, albern oder belanglos zu finden.

    Vielleicht wäre genau das die angemessene Reaktion gewesen: kurz lachen, den Kaffee austrinken und weitermachen. Aber nein – nun haben Empörte, Kulturkämpfer, Feuilletonisten und internationale TikTok-Nutzer gemeinsam dafür gesorgt, dass der ganze Kram erst recht viral geht.

    Herzlichen Glückwunsch. Die Empörungsindustrie hat wieder einmal zuverlässig geliefert.

  5. Wer schaut eigentlich noch ZDF und gar das „Morgenmagazin“? Und welcher vernunftbegabte Mensch
    hört sich den verbalen Auswurf namens „Rap“ an?
    Soll hier PR für etwas gemacht werden, das niemanden interessiert? Ich bin ratlos und beschäftige mich mit wichtigeren Dingen.

  6. Weiblich, jung mit provokanten pornohaften Auftreten und aggressiver Anmache hat es wohl schon immer gegeben.
    Ob das immer Kunst ist, bleibt zumindest einmal fraglich.
    Dass die Presse das hyped liegt wohl daran, dass man auch in diesem Gewerbe inzwischen komplett der Käuflichkeit erlegen ist. Nicht alles gewöhnliche ist Kunst und nicht jedes Aufsehen eine Nachricht.

  7. Genau so isses. Wussten Sie schon, dass in China mehrere Sack Reis umgefallen sind? In der Pekinger Gegend waren tatsächlich (!!) 2 (i.W. zwei) Stück.

  8. Ich kenne nur Karamel – als Geschmacksrichtung meiner Kaffeekapseln.
    Da mein Kunst/Musikgeschmack für diese Dame wohl zu anspruchsvoll ist, wird es auch nicht passieren, dass ich jemals etwas von ihr kennen lerne 😉

  9. Saure-Gurken-Zeit nennt man das wohl. So liefert die Suche nach Gaby Strauß Morgenmagazin von taz bis speigel das einschlägige Ergebnis.

    Sprechgesang halte ich nun nicht gerade für einen Ohrenschmaus. Aber das ist GEschmackssache. Ich halte ja auch – wie Ibañez – Fussballfans für eine kriminelle Vereinigung. Daher kann ich die Empörung, die Roberto zu diesem Artikel veranlasste, nicht nachvollziehen. Aber es ist wohl Saure-Gurken-Zeit.

Schreibe einen Kommentar

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln : Bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema. Wir behalten uns vor, insbesondere Kommentare zu entfernen, die Beleidigungen, Spam oder persönliche Angriffe enthalten.

Pro Beitrag sind maximal 5 Kommentare (inklusive Antworten auf andere Kommentare) zulässig.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte schreiben Sie mindestens 100 und höchstens 10000 Zeichen.

0 / 10000 Zeichen