Eine würdige Elf

DFB-Elf
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Deutschland ist bei der WM ausgeschieden. Der Kanzler dankt für begeisternde Spiele. Und das Team war so zuverlässig wie ein ICE im Sommer. Dieser Weltmeisterschaftsauftritt war ein Spiegelbild eines verkorksten Landes. Ein Kommentar.

Titelchancen hat man sich im Vorfeld nicht ausgerechnet. Aber insgeheim, so konnte man es hier und da erahnen, spekulierte man auf einen kleinen Coup. Die Deutschen seien schließlich traditionell eine Wettbewerbsmannschaft – was nur als These funktioniert, wenn man die beiden letzten WM-Turniere 2018 und 2022 ausblendet – und damit immer für eine Überraschung zu haben. Einige Favoriten könnte man sicherlich ärgern, schwadronierte mancher vor dem Turnier. Ja, mit etwas Glück würde man in die Runde der letzten Acht einziehen – und dann sei bekanntlich alles möglich. Deutschland stand schon mehrmals mit Gurkentruppen im WM-Finale, man denke an 1982, 1986 oder 2002: Dreimal Vizeweltmeister mit jeweils einem Team, dass zu so gut wie nur aus Eisenlungen und Panzern bestand.

Der Ball konnte noch so sehr der Feind sein, das bedeutete noch lange nicht, dass mit den Deutschen nicht zu rechnen war. Seit dieser Zeit hat sich einiges verschoben im deutschen Fußball. Die Kicker heute sind technisch versierter als es jene Spieler von einst waren, die sie themengerecht entweder den Kosenamen eines Terriers oder einer Walze verliehen. Gary Lineker wusste schon 1990 (damals spielte die Nationalmannschaft annehmbar, wenn auch nicht begnadet), dass Fußball ein Spiel sei, das am Ende immer die Deutschen gewinnen. Zumal im Elfmeterschießen – kommt es zu diesem Glücksspiel, behalten sie – diese Männer aus Stahl, diese Kicker aus Blut, Tränen und Schweiß – ganz abgebrüht die Oberhand. Gegen Paraguay verlor die DFB-Elf dieses Glücksspiel aber nun. Und das erstmals in der Geschichte der Weltmeisterschaft. Die Nerven aus Stahlbetonträgern sind bei den Deutschen mittlerweile statisch etwa so stabil, wie die Carola-Brücke in Dresden – das Sinnbild deutscher Verfallskultur.

Die deutsche Wahrheit liegt auf dem Rasen

Das Ende der Elf bei der Weltmeisterschaft in Übersee traf die deutsche Öffentlichkeit hart – sie hatte sich mehr ausgerechnet. Das war vermessen, denn längst ist die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes zu einem Abziehbild bundesdeutscher Verhältnisse geworden. Die Nationalmannschaft saugt nun seit vielen Jahren den Zeitgeist mit einer derartigen Wonne auf, dass es nicht sonderlich verwunderlich erscheint, dass dort auf dem Platz Männer auflaufen, die längst den Spirit der BRD 2026 verinnerlicht haben.

Das deutsche Aufbauspiel war in etwa so träge, wie die Deutsche Bahn im Sommer – wenn nicht gerade Winter, Herbst oder Frühling ist. Es erreichte keine Anschlüsse, Flanken kamen so zielgenau wie Züge an deutschen Zielbahnhöfen. Die Deutsche Bahn ließ vor zwei Jahren wissen, dass ihre Fahrpläne geschätzt und weniger berechnet seien. So in etwa flankten die Kicker auch in ihren Spielen in den Vereinigten Staaten. Die Spieler übten sich in einer Taktik nach Vorschrift, in etwa so, wie der durchschnittliche deutsche Arbeitnehmer, der längst kapituliert hat und in die innere Emigration gegangen ist.

Dazu ein Trainer, ein junger Mann, der im Vorfeld die Nominierungen seiner Auserwählten tiktokisierte, eine umfangreiche mediale Show ausspielte, statt sich dieses zeitgeistlosen Unsinns zu widersetzen und seinem Job seriös nachzugehen. Style ist alles, gut aussehen muss man – die Priorisierung dessen, was wirklich wichtig wäre, hat Julian Nagelsmann so sehr verschlafen, wie es der heutigen Bundesrepublik und ihres Hanges, sich ständig an Nonsens hochzuziehen, entspricht.

Dieser Trainer berief dann auch den Methusalem Manuel Neuer, ließ andere Torhüter mit Qualität auf der Bank. Neuer ist ein verdienter Kicker, Weltmeister von 2014, mehrmals deutscher Meister, Pokalsieger, Europapokalsieger. Aber er hat den Zenit längst überschritten. Das sah man auch bei der Weltmeisterschaft, er griff fröhlich daneben. Nagelsmann hielt an ihm fest. Loyalität ist lobenswert. Aber Kritiker hatten dem Trainer eine solche Entwicklung prophezeit, denn Neuer war schon in der abgeschlossenen Bundesliga-Saison häufig ein Risiko für seine Bayern. Auf Alte zu setzen, nur nichts Neues probieren: Weiter so. Deutscher geht es kaum.

Eine genialische Elf für ein Land der Genialitätshasser?

Schlussendlich lief dann auch noch Friedrich Merz auf, teilte via X Mitgefühl aus und hielt fest, dass die Mannschaft das Land begeistert habe. Hat sie das? Hat sie nicht eher viele am TV-Gerät entgeistert zurückgelassen? Sicher, man gewann mit 7 zu 1 gegen eine Fußballmacht aus der Karibik – erzwang sich noch einen Sieg gegen die Elfenbeinküste, die man bitte nur noch Côte d’Ivoire nennen sollte. Schon danach war Essig – ein Essig, der sich schon bei den ersten beiden Siegen abzeichnete. Denn das Team kickte einen Fußball von der Stange, Kreativmomente waren nicht zu sehen – kreative Köpfe mag man im zeitgenössischen Deutschland ohnehin nicht, sie werden schnell verdächtigt, etwas im Schilde zu führen. Also nur nichts wagen, taktisch weitermachen, nach Vorschrift, nach Vorgaben – Individualismus als Untugend, der man nicht auf dem Leim gehen darf. Wenn das der Messi wüsste …

Deutschland ist ein ziemlich verkorkstes, ein dysfunktionales Land. Überall Brachen und Baustellen, überall defekte Rolltreppen, Toiletten und Klimaanlagen. Kaputte Leute obendrauf. Und allerorten Personal, das mit den Achseln zuckt, weil es längst resigniert hat und keine Lust mehr hat, sich die Beschwerden von Kunden oder Fahrgästen anzuhören, die sich einbilden, auf einer längeren Zugfahrt auch mal pinkeln zu müssen. Deutschland ist ein Land im Wartestand, zugewartet wird an Bahngleisen, bei Bestellungen und beim Doktor. Auf bessere Zeiten. Auf geordnete Verhältnisse. Das Land wartet außerdem auf einen Titel bei der Weltmeisterschaft. Oder doch wenigstens mal auf ein Halbfinale. Was kostet der Volkswirtschaft die Warterei? Was kostet es den Bürger, dass er so viel Lebenszeit damit vergeuden muss, sein Dasein an nicht intakter Infrastruktur auszurichten?

Eine geradezu depressive Truppe lief da auf – und sie repräsentierte ein depressives Land, eine Nation voller Schwermut und Antriebslosigkeit. Orientierungslos wirkten die Spieler zumal. Aber wer will ihnen das verdenken, diese jungen Burschen leben in einem Land, in dem der Verlust der Orientierung längst als progressive Lebensart verbrämt wird. Der Einzige, der vielleicht noch ein anderes Land kennt, eines das besser gelaunt war, ist – oder war – der Oldie im Kasten. Die anderen muss man wohl als Produkte eines Landes voller Psychosen und Wahnzustände ansehen.

Und will man denn letztlich überhaupt eine Nationalelf zu großen Ehren bringen, wenn es im eigenen Land schon als Akt nationalsozialistischer Wiedererweckung gilt, die schwarz-rot-goldene Fahne zu schwenken? Nein, dieses Land wirkt auf uns alle ein, die Stimmungen und die Kampagnen, mit denen man die Nation aushöhlt, gehen an keinem spurlos vorbei. Wie würde denn auch eine genialische Nationalmannschaft zu einem Land passen können, in dem Genialität gerne als verwerflich betrachtet wird? Warum sollte eine technisch hochversierte Elf eine Heimat vertreten, in der Technisches immer häufiger verkommt? Nein, eine deutsche Nationalmannschaft hatte sich noch immer an das Klima des Landes zu orientieren. Das ist den Kickern beim aktuellen Turnier grandios gelungen. Man könnte auch sagen: Die DFB-Elf hat Deutschland würdig vertreten.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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10 Kommentare

  1. @“Schlussendlich lief dann auch noch Friedrich Merz auf, teilte via X Mitgefühl aus und hielt fest, dass die Mannschaft das Land begeistert habe“

    Merz auf X, ein Auftritt der peinlicher nicht sein konnte. Vermutlich meinte er die Mannschaft habe das Land so begeistert wie er selbst🥳
    Merz kann nur eins SOZIALRAUB!

    Die Begeisterung für ihn ist in Deutschland einfach grenzenlos. 😅🤣🥳

  2. Grandioser Beitrag zum grandiosen Versagen des deutschen Fußballs. Paraguay hat noch schlechter gespielt, aber gewonnen – das Leben ist eben ungerecht.

    1. Kann ich nur unterstreichen.
      Tags, wenn es sowieso hell ist, scheint oft noch zusätzlich die Sonne, und nachts, wenn es dunkel ist, manchmal nicht mal der Mond.

  3. Beschämend ist nicht so sehr, dass ein paar gute Fußballer im Zeichen der deutschen Nationalmannschaft ein wichtiges Spiel nach Elfmeterschießen verloren haben, beschämend ist auch nicht, dass ein verhältnismäßig junger Trainer mit seiner eigenen Art einen Job ausgefüllt und kraft seines Amtes entsprechende Entscheidungen getroffen hat, für die man ihn eingestellt hat, beschämend ist das Ritual derer, die meinen, nach Belieben missliebige Personen an den Pranger stellen und über mutmaßliche ‚Vergehen‘ dieser Personen (falsche Aufstellung, taktische Anweisungen, Einwechslungen usw.) ohne größere Kenntnis der Sachlagen in der Art eines Tribunals richten zu müssen. Das ist beschämend und ein weiterer Ausweis für die charakterliche Verkommenheit der Mediengesellschaft!

    1. Ich stimme Ihnen uneingeschränkt zu. Diese Hasstiraden sind einfach nur erbärmlich. Naja wir kennen das ja seit einigen Jahren gut! Außerdem geht es nur um ein Spiel. Um die wahren Versager dieses Landes kümmern sich die Medienleute nicht. Keine Schlagzeilen zur Tatsache daß die Bahn nur noch nach Belieben fährt, die Kindergärten jeden zweiten Tag schließen, wegen Personalmangel usw…..

    2. Das was Sie da beschreiben, war nie anders. Schauen Sie zurück, wie man Berti Vogts zusetzte – das war völlig überzogen. Selbst Beckenbauer, die Lichtgestalt, hatte in den Achtzigern einen schweren Stand als Teamchef. Das ist keine neue Entwicklung. Und ja, wer sich gerne öffentlich feiern lässt (bei Erfolg), muss auch in Kauf nehmen geschmäht zu werden. Man kann nicht immer die Sonnenseiten genießen und den Schatten meiden wollen.

      1. Jaja, aber Elfmeterschiessen ist hauptsächlich Nerven und Glückssache. Das hat mit dem Trainer nicht mehr soviel zu tun.

  4. In meiner bescheidenen Expertise fiehl mir auf, dass seit Jahren im deutschen Fußball Spieler auserwählt wurden, die am nächsten dem Tiki-Taka der südeuropäischen und brasilianischen Spezialisten kamen und damit ein an sich fremdes Spielsystem etabliert wurde.
    Man hatte das Gefühl, dass bei diesen Spielen, aber auch schon vorher, versucht wurde, mit dieser Spielweise den Gegner zu beeindrucken. Aber außer selbst interessierte das niemanden.
    Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, den gewohnten Rumpelfußball zu perfektionieren, die Südamerikaner exerzierten das eindrucksvoll. Stabilität war und ist wohl gefragt, Tore fallen sowieso vor allem mit viel Glück.

  5. Die Paraguayianer haben unentwegt gefoult, geschubst, an den Trikots unserer Spieler gerissen, festgehalten u Ä.
    Wenn sie selber hinfielen haben sie sich wie die Dramaqueens hingeschmissen. Deutschland hätte normalerweise 2:1 gewonnen, denn die Para…. was auch immer, haben schlecht gespielt. Das Tor ist zu Unrecht aberkannt worden. Der Spieler, der es geschossen hat, hatte null gefoult.
    Die Deutschen sind schon ein lustiges Volk. In jeder Gazette lese ich jetzt groß aufgemacht: „Der Bundestrainer muß ausgewechselt werden“…… Meine Güte, das war nur ein Fußballspiel! Währenddessen verschiebt der sogenannte Bundeskanzler unsere Renten und überhaupt alle Errungenschaften der letzten 150 Jahre in schwarze Löcher.
    Aber niemand bringt eine Schlagzeile: der Bundeskanzler sollte ausgewechselt werden.
    Nun ja, Frankreich wird Paraguay am Samstag belehren. Ich freue mich drauf!

  6. Grammatik-Tipp:

    „statt sich dieses zeitgeistlosen Unsinns zu widersetzen“
    „wie es der heutigen Bundesrepublik und ihres Hanges, sich ständig an Nonsens hochzuziehen, entspricht“

    Ich sag zwar immer „rettet des Genitivs!“, aber bitte nur da wo nicht ein Dativ-Objekt stehen sollte wie bei „sich widersetzen“ oder „entsprechen“.😆

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