Du hast ihnen alles gegeben

Holzkreuz,  Soldatenfriedhof,  KI-generiert
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Unsere schönsten Antikriegslieder. Heute: Es ist an der Zeit.

Ein Mann geht über einen Soldatenfriedhof in der Champagne. Es ist Sommer, zwischen den Kreuzen wachsen Blumen. Die Landschaft hat sich im Laufe der Jahrzehnte erholt. Damals tobte dort der Erste Weltkrieg besonders blutig. Unter der Erde liegt einer, der zurückblieb. Er starb 1916, noch keine 19 Jahre alt. Einen Namen findet der Besucher auf dem Kreuz nicht, aber er geht in ein Zwiegespräch mit dem Gefallenen. Hast du, toter Soldat, mal ein Mädchen geliebt?

Hannes Wader veröffentlichte Es ist an der Zeit 1980. Die Vorlage stammt von Eric Bogle, dessen Lied No Man’s Land Wader ins Deutsche übertrug und dabei eigenständig bearbeitete. Wader lässt seinen Besucher fragen, was man dem jungen Mann vor seinem Abmarsch wohl erzählt haben mag.

Was von einem Leben übrig bleibt

Wader versucht, sich diesen jungen Menschen vorzustellen. Was hat er erlebt, bevor man ihn in eine Uniform steckte? Und wie starb er? Durch einen sauberen Schuss? Oder hat ein Geschoß dir die Glieder zerfetzt? / Hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt? Wader fragt nach den menschlichen Komponenten, die sonst selten erfragt werden. Ihn interessieren keine Truppenverschiebungen oder strategische Scharmützel. Er geht dem Leben nach, dass der tote Soldat verpasst hat.

Das Lied lässt dem Zuhörer allerdings wenig Gelegenheit, sich einen sanften Tod auszumalen. Es fragt nach dem Leiden, nach der Angst und danach, wie lange das Sterben gedauert haben mag. Die gepflegte Anlage eines Soldatenfriedhofes, auf dem die Kreuze ordentlich aufgereiht nebeneinanderstehen, kann darüber hinwegtäuschen, welche Verwüstung der Stille des Grabes vorausging.

Was der junge Mann hergeben musste, fasst Wader in wenigen Worten zusammen: Und du hast ihnen alles gegeben / deine Kraft, deine Jugend, dein Leben. Was gaben die ihm, die ihn in den Krieg schickten? Ein Kreuz für ein anonymes Grab. Der Vorwurf des Liedes richtet sich gegen den Betrug, der dem Sterben auf dem Schlachtfeld vorausgeht. Junge Menschen sollen glauben, dass ihr Einsatz notwendig und ihr Opfer sinnvoll ist.

Die Toten werden nicht gefragt

Der Feind stand ihm auf einem von Gott verlassenen Feld gegenüber. Aber Wader lässt seinen Besucher zweifeln, ob der tote junge Mann wohl wusste, wer ihn wirklich wie einen Feind behandelte: Oder hast du verzweifelt, verbittert, verroht / Deinen wirklichen Feind nicht erkannt bis zum Schluss? Wader zeichnet den Toten, das Opfer der Eliten, auch als Täter, zu dem er vielleicht wurde: Vielleicht dachtest du dir: Ich falle schon bald / Nehme mir mein Vergnügen, wie es kommt, mit Gewalt.

Dabei bleibt der Liedermacher nicht beim Ersten Weltkrieg stehen. Sein Lied fragt, ob die Lebenden aus den Gräbern überhaupt etwas gelernt haben. Auch Gesellschaften, die ihre Kriegstoten gewissenhaft betrauern, können sich daran gewöhnen, den nächsten Krieg vorzubereiten. Es ist heute so, wie es damals war. Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen / So wie sie es mit uns heute immer noch tun.

Der junge Mann in der Champagne hat seine Zukunft für eine Zukunft hergeben müssen, die andere ihm versprachen. Er hat sie nie erlebt. Wer heute an seinem Grab steht, kann daran nichts mehr ändern. Aber er könnte aufhören, den nächsten jungen Männern dieselben Versprechungen zu machen.

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Knut  Weil

Knut Weil summt passioniert Lieder und legt Wert auf Taktgefühl. Dass er auf Antikriegslieder steht, versteckt er heutzutage lieber, um nicht staatsanwaltlich belästigt zu werden.
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4 Kommentare

  1. „Unsere schönsten Antikriegslieder. Heute: Es ist an der Zeit.“

    Klar: Es ist an der Zeit. Nach knapp fünf Jahren russischer Vollinvasion und nicht mal der ernsten Bereitschaft eines Waffenstillstands seitens des russ. Regimes, unbedingt!

    Aber spielt das mal an der Kreml-Mauer in Gedenken für die gefallenen russischen Soldaten der „Spezialoperation“ ab…

    1. Heinz: Abgeschaltet werden Sie jetzt schon nach weiteren 3 Kommentaren zu diesem Artikel.
      Der nicht Freigeschaltete zählt schon! Habe dieses Spielchen schon mehrfach gespielt. Overton
      gleicht sich unserer Regierung immer mehr an.

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