Die wunderbare Ahnungslosigkeit des ungeskripteten Ben

Ben Berndt, KI-generiert
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Er ist kein Journalist, weiß nicht besonders viel und stellt trotzdem Fragen. Was zunächst wie ein Mangel erscheint, könnte die größte Stärke von Ben und seinem Podcast sein.

Die doppelte Buchführung ist meines Erachtens die größte Errungenschaft der europäischen Zivilisation. Gut, es gibt auch ein Paar andere tolle Sachen in unserem Zivilisationsraum – aber für mich als Buchhalterin gibt es doch nichts Schöneres als „Haben“ und „Soll“. Mein Traum ist es, in Frankfurt eine Grundschule mit dem Namen „Haben & Soll“ zu gründen, in der ich den Kindern mit sanfter doch bestimmter Hand die Liebe für die doppelte Buchführung beibringen möchte. Durch den Podcast {ungeskriptet} by Ben bin ich davon überzeugt, dass Stefan Homburg, Professor für Öffentliche Finanzen, ein perfekter Mitarbeiter meiner Schule wäre.

„Bens letzter Gast ist der Knaller!“ So lautete die Nachricht eines Freundes im September. Dazu schickte er einen Link zu einem YouTube-Video, in dem der besagte Ben, nicht mit Professor Homburg, sondern mit dem russischen Botschafter in Deutschland redete. Eigentlich wäre es mir am liebsten, wenn meine Freunde mir keine Videos mehr zuschicken würden, aber da bei dem einem oder anderem Freund die Gesprächsthemen ein bisschen auf der Strecke bleiben, gucke ich mir ab und zu doch das eine oder andere Video an.

Monolog und Ratlosigkeit

Der Ben, den ich bis dato nicht kannte, sah sympathisch aus. Das war schon mal gut. Und an sich könnte ein Gespräch mit dem russischen Botschafter natürlich interessant sein. Nicht nur der Freundschaft zuliebe entschied ich mich, das Gespräch anzugucken. Nun, sehr geehrte Leser, leider war es kein Gespräch, sondern ein langer, langweiliger Monolog des Botschafters, währenddessen sich auf Bens Gesicht ein großes Fragezeichen abzeichnete. Es wäre weniger peinlich gewesen, wenn Ben nicht im Bild gewesen wäre oder wenn er einfach ins Fitnessstudio abgehauen wäre, während der Botschafter seine nicht mal brisanten Gedanken auf YouTube deklamierte.

Als ich am selben Abend meiner Freundin Frau Meyer traf, erzählte ich ihr, dass ich an dem Tag eine Stunde mit einem Video von Ben verplempert hatte.

„Ben? Du meinst den Ben, der ungeskriptet ist?

„Schrecklich dieses neu-Deutsch, aber ja, den meine ich. Herr Mahler hatte mir ein Video von einem Gespräch zwischen Ben und dem russischen Botschafter geschickt. Was ist der Typ doof. Ich meine Ben, nicht den Botschafter. Der Botschafter erwähnt zum Beispiel den Kosovo und man sieht Ben denken: Was war dort denn? Ja, Ben, da war mal was. Mein Gott!“

„Aber der Ben ist doch kein Journalist. Der ist gar nicht belesen. Jene Anspruchshaltung kann man bei ihm überhaupt nicht haben.“

„Was ist er denn?“

„Er sagt von sich, dass er kein Journalist ist. Er redet einfach so mit Menschen, die ihn interessieren.“

„Einfach so? Und woher kennst du ihn?“

„Professor Homburg war mal bei ihm zu Gast,“ sagte Frau Meyer – und sie errötete dabei, da sie seit geraumer Zeit eine platonische Liebe für den Professor hegt.

Der Freundschaft mit Frau Meyer zuliebe habe ich mir am nächsten Tag das Gespräch zwischen Ben und Professor Homburg angeschaut und hatte mich vorher nochmal erinnert, dass ich früher, als ich noch klein war, auch manchmal spielte, ich wäre ein Journalist. Und ich muss sagen, wenn man den Ben als Achtjährigen betrachtet, der einfach so tut als wäre er Journalist, dann kann man ihn ertragen. Die Bemerkung, dass eine Erregerbörse der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach einer vernünftigen Idee klingt, kann man einem Achtjährigen verzeihen. Bei einem Erwachsenen fragt man sich, wie viele sogenannten Pandemien er noch braucht, bevor er endlich versteht, dass die WHO nichts Gutes im Schilde führt.

Gottseidank war Professor Homburg da, um Ben die schwierigsten Themen auf ganz einfache Weise zu erklären. Ich muss den Professor unbedingt als Lehrer für meine Grundschule engagieren. Dass er ein Verschwörungstheoretiker ist, kann für die Kinder nur gut sein.

Ahnungslosigkeit ist erfrischend

Eigentlich wollte ich nach diesem Gespräch ein Buch über die Weltgeschichte der Interpunktion weiterlesen, auch ein nicht unwichtiges Thema für die zukünftige Grundschule, aber das Buch („On the Mark“ – Auf den Punkt) nervte mich mit seinen Gendertheorien über Fragezeichen. Ach, dann doch lieber noch ein Gespräch von Ben, diesmal mit Raphael Bonelli, der Psychiater aus Wien, der während Corona kritische Videos über die damaligen Maßnahmen machte, aber sich heutzutage wieder 100 Prozent auf Männer mit Pornosucht, Ehebrecher und unglückliche Singles konzentriert. Mit so einem Metier hat man immer Kundschaft.

Obwohl der Psychiater höchst interessante Ideen über Kopf, Bauch und Herz hat, wäre er doch ein bisschen zu pedantisch für meine Grundschule. Er sagte Ben ständig, dass der ihn falsch verstanden hatte. Anscheinend hatte der Psychiater vorher noch nie ein Gespräch von Ben angeschaut. Was für eine Anspruchshaltung der Herr Doktor Doktor Bonelli doch hat! Auch erwähnte er, dass seine Patienten meistens schon vor ihrer Therapie seine Bücher gelesen haben – was Ben vermutlich, na ja, gut, Sie wissen schon, was ich hier schreiben könnte … Jedenfalls hat Bonelli in meiner Schule Hausverbot, da ich nicht möchte, dass die Kinder sich schon mit Pornosucht beschäftigen, bevor sie das Haben und Soll richtig beherrschen.

Nach Bonelli nahm ich Widerwillens das Buch über die Weltgeschichte der Interpunktion wieder auf. Ich versuchte die Genderperspektiven so gut wie möglich auszublenden, wie ich das in der Arbeit mit Diversitätsgedöns auch mache. Als das Buch aber behauptete, dass das hebräische Fragezeichen „?“, im Gegensatz zum arabischen Fragezeichen „؟“, europäisch orientiert ist und damit Mitschuld an Kolonisierung und Genozid hat, legte ich es definitiv zur Seite und verstand den Charme von Ben. Ben weiß nicht, ob seine Fragezeichen europäisch oder arabisch sind. „Gibt es da einen Unterschied?“, würde er wahrscheinlich fragen. Ja, Ben, es gibt einen Unterschied. Weil er so wenig weiß, kann Ben kaum Haltung zeigen. Wie erfrischend ist das heutzutage.

Mathilde van der Linden

Mathilde van der Linden ist Buchhalterin aus den Niederlanden. Sie arbeitet und wohnt in Frankfurt am Main.
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7 Kommentare

  1. „, weiß nicht besonders viel“

    Das ist mir auch schnell unangenehm aufgefallen! Aber er ist „nett“ und hat viele „Views“! Sein Gespräch mit Michael Lüders von vor etwa 5 Monaten hat jetzt über 2 Millionen Aufrufe. Also: Da muss man hingehen! („Shut Your Eyes And Think Of England!“)

    „Die doppelte Buchführung ist meines Erachtens die größte Errungenschaft der europäischen Zivilisation.“

    Man kommt dabei ja mit zwei der vier Grundrechenarten aus? Sehr PISA-freundlich, das!

    Währenddessen haut die KI übrigens mal eben einige hundert mathematische Beweise raus, deren Qualität wohl zwischen der einer Doktorarbeit und der einer Fields-Medaille liegt. (Was, Fields-Medaille kennste nich‘? Einfach Ben fragen!)

  2. Ben ist ein wunderbares Abbild unsere Gesellschaft, keine Ahnung, davon aber viel … gutgläubig bis naiv, was will man mehr?

    Wird Ben mal die Systemfrage stellen?

  3. Das Außergewöhnliche an Bens Format ist, daß er seine Gäste laaaaaange ausreden läßt. Diese nehmen den Großteil der Sendezeit von manchmal über 3 Stunden je Sendung ein, was einem die Möglichkeit gibt, sie mal in aller Ruhe kennenzulernen. Und dann selbst zu entscheiden, ob das nur viel heiße Luft ist, oder ob da auch wirklich sachlich begründete Argumente dahinterstehen. Denn so ein paar kurze, einstudierte Sätze im Talkshow-Format reichen nicht, Wenn sie aber lange reden müssen, kann man sehen, wieviel Redundanz oder sogar Dummschwall da manchmal kommt. Oder alternativ, wieviele gute Gedanken da ans Licht kommen, die man sonst nicht die Zeit hat, sie auszuformulieren.

    Das Interview mit dem russischen Botschafter war da eine Ausnahme, da der nur wenig Zeit mitgebracht hatte. Aber gestern habe ich mir die Sendung mit Markus Krall angeschaut, und mich anschließend über die Lobeshymnen in den Kommentaren sehr gewundert. Der Mann, der da offenbar als regelrechter Guru in Wirtschaftsfragen angesehen wird, versteht ja noch nicht mal das System Kapitalismus, dem er das Wort redet! Nichts von der Geldschöpfung (die er allein bei den Staaten ansiedelt) und vom Problem des Zinseszinses, das alles zerstört, was wirtschaftlich geschaffen werden kann. Der ist eine Art Neuauflage von Hans Werner Sinn, der ja auch nichts begriffen hat, aber Äußerungen tat, als sei er der Nabel der Welt.

    Dafür sei Ben Dank gesagt! Er ist das Gegenteil etwa eines Patrik Baab, der seine Interviews mit hoher Sachkunde moderiert, aber das Ergebnis von Bens Format ist dennoch hilfreich. Man muß halt die Zeit dafür haben….

  4. Mrs. Anchovy unscripted –
    Ich empfehle Videos von Franz Hörmann. Er war Professor für Revisions-, Treuhand- und Rechnungswesen. Er erklärt, warum Giralgeldschöpfung i.V.m. der doppelten Buchführung ein Betrugssystem ist.

    Fragen werden gestellt, um anschließend mehr zu wissen.

  5. „Das Außergewöhnliche an Bens Format ist, daß er seine Gäste laaaaaange ausreden läßt.“

    Das ist bei Glenn Diesen genauso! Der hält zwischendurch allerdings auch schon mal selber Monologe, was „Ben“ wohl aus Gründen des Selbstschutzes zumindest bisher klugerweise vermeidet.

    Glenn Diesen und seine drei wichtigsten Kollegen sind für mich fast tägliches Pflichtprogramm, während ich mir „Ben“ nur anschaue, wenn mich der Gast interessiert.

    „Patrik Baab“

    Guter Mann, aber vergleichen wir doch mal die Klickzahlen. Was verrät uns das darüber, wo man die Mehrheit der potentiellen Zuschauer abholen kann und wo nicht?

  6. Weiß Ben weniger, als der normale Tagesschau oder Heute oder Privat TV Konsument, der dann seine Stimme an eine Partei gibt?
    Hier haben seine Zuschauer zumindest die Möglichkeit, Personen der aktuellen Zeitgeschichte und ihre Darstellung der Welt, von ihnen präferierte Themen usw ohne ständige Unterbrechungen, Widerspruch, Fangfragen, erzwungenen Themenwechsel, …. zu hören. Vieles, was wir in den von Jounalisten produzierten Medien nie lesen oder hören würden und was diese nie zulassen würden, weil sie immer „im Auftrag“ arbeiten.
    Damit kann man seine bisherige Meinung zu einer Person und/oder einem Thema überprüfen oder erweitern. Mit etwas Vorinformation und Aufmerksamkeit merkt man auch, was die Interviewten weglassen oder was sie besonders betonen.
    Allerdings haben die Podcasts sehr deutliche Längen, sind gelegentlich langweilig oder einfach uninteressant. Dann kann man vorspulen, abkürzen oder ganz ausschalten. Jedenfalls lernt man eine Person ein wenig besser kennen, so wie sie sich selber darstellen will.
    Dazu kommt, mit dem richtigen Player ist es werbefrei und kostet nichts, außer Zeit und Aufmerksamkeit, bringt aber möglicherweise mehr, als die ÖR Dampfplaudereien oder Sommerinterviews. deutscher Spitzenpolitiker.

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