Würden Sie mit Hitler sprechen?

Teufel im Gespräch
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Mit Höcke zu sprechen, ihn gar sprechen zu lassen: Darf man das? Ja, man darf es – man soll es – man muss es. Journalisten, die nicht mit jedem sprechen wollen, sollten sich besser einen Job ohne Kundenkontakt suchen.

Caren Miosga hat den Bundeskanzler von der traurigen Gestalt in ihrer letzten Sendung – am letzten Sonntag – einfach reden lassen. Sie bohrte nicht richtig nach, unterbrach ihn nicht schroff. Er durfte erzählen. Sich ausjammern. Kein Publikum vor diesem musste sowas ertragen. Also einen Wimmerkanzler, der so hilflos in der Luft hing, wie ebenjener sonntags im Ersten. Man sieht ihm an, dass ihn seine so lange vorbereitete Kanzlerschaft – mindestens seit der Jahrtausendwende geht er mit der Idee seiner eigenen Kanzlerschaft schwanger – vollkommen überfordert. Wäre er auch nur eine klein bisschen anständigere Person, so könnte man regelrecht Mitleid mit ihm bekommen.

Über den Stil der Gesprächsführung wurde dann auch debattiert – freilich nicht über jenen von Caren Miosga. Sondern über den eines gewissen Ben Berndt. Besser bekannt als Ben Unscripted – oder ungeskriptet by Ben, Deutsch war wirklich mal eine sehr schöne Sprache. Der hatte nämlich einen Gast, den man ihm verübelte: AfD-Politiker Björn Höcke. Und er sprach nicht nur mit ihm, sondern ließ ihn sprechen. Ohne nachzubohren, ohne Unterbrechung, ohne Schnappatmung. Das erzürnte die Lohnschreiber der Hauptstadtpresse immens. Wie der Kanzler sich selbst, so bejammerten sie den Untergang der Sitten im Großen und den Niedergang des Journalismus im Speziellen. Denn so, wie es Berndt angestellt hat, könne man journalistisch nicht vorgehen.

Höcke sprechen lassen: Nicht journalistisch?

Berndt behauptet von sich selbst, er sei gar kein Journalist – eine schwache Ausflucht, ehrlich gesagt. Er mag das Fach nicht studiert haben, aber er arbeitet wohl im journalistischen Bereich, denn immerhin präsentiert er den Rezipienten seiner Show, althochdeutsch Follower oder User genannt, die von ihm geführten Gespräche. Und er lädt auch nicht irgendwelche Nachbarn zum Plausch ein, sondern Personen des Zeitgeschehens. Die besten Journalisten aller Zeiten haben das Fach nicht studiert. Man denke nur mal an Seymour Hersh. Ja, man darf sogar annehmen, dass das Studium des Journalismus‘ – zumal in der hiesigen Bundesrepublik – eher ein Garant dafür ist, dass man künftig ganz sicher nichts als Journalist taugt. Aber besonders schlimm ist das nicht, denn irgendwo gibt es immer ein freies Pöstchen als Faktenchecker oder Pressereferent.

Nein, das darf man dem guten Ben nicht durchgehen lassen – er ist ein Journalist, weil er die Tätigkeit eines Journalisten ausübt. Er hat es gar nicht nötig, sich so billig aus der Affäre zu stehlen. Ein Gespräch laufen zu lassen, den Gast die Zeit für Ausführungen zu geben: Auch das ist eine mögliche journalistische Form. Eine, die in den öffentlich-rechtlichen Kadettenanstalten nur für ganz spezielle Gäste reserviert ist – und für gewisse andere Gäste gibt es eine speziellere Form des Gespräches: »Operation Lass-ihn/sie-den-Gedanken-nicht-ausführen«. Ob wohl die Starinterviewer untereinander Wetten abschließen, wer einem lästigen Gesprächspartner schneller das Wort abschneiden kann?

Beide Formen haben selbstverständlich ihre Berechtigung. Einen Politiker, der dauernd ins Abstrakte und Vage abflutscht, zu unterbrechen und ihn zu konkreteren Ausführungen zu bewegen, ist völlig legitim. Ihn reden und ausführen, seine Weltsicht ausbreiten zu lassen: Auch das ist nicht zu beanstanden – denn auch dieses Format hat seinen Charme. Bei Höcke geht man vom gefährlichsten Mann der Republik aus – wenn sich ein Journalist auch nur ein bisschen wie Ermittler fühlt, der den Tatmotiven eines potenziell Verdächtigen auf den Grund gehen will, dann löchert man den redseligen Delinquenten doch nicht dauernd mit Zwischenfragen. Nein, man tut alles dafür, dass er spricht, dass es aus ihm heraussprudelt – man reicht ihm noch eine Zigarette, schenkt ihm nach, nickt ermutigend, schaut ihn gebannt an. Er ist der Mittelpunkt des Verhörs, die Zeit steht still, damit er ausführen kann. Welcher versierte Vorgesetzte käme auf die Idee, dem ermittelnden Fragesteller anzustacheln, den Redseligen dauernd zu unterbrechen? Jede Kleinigkeit, die der Befragte preisgibt, kann ein Puzzlestück sein. Was hier gesagt sein soll: Einen Menschen reden zu lassen, zumal wenn er im Verdacht steht, ist eine an sich sehr gute Form, um den Motiven und dem Antrieb der Person auf den Grund gehen zu können. Es braucht keine Einordnung. Die Frage, ob man uneingeordnet stehenlassen darf, was verdächtigte Gäste so kundtun, ist falsch gestellt: Die eigentliche Frage dahinter ist, welchem Menschenbild man anhängt. Glaubt man, sein Publikum bestehe nur aus Vollidioten, so ordnet man ein – nimmt man an, dass sein Publikum erwachsen ist, selbst abschätzen kann, so braucht man diesen Service nicht.

Serienmörder, Schlächter und andere Teufel

Ohnehin gibt es eine Reihe von Berufen, die sich nicht aussuchen können, mit wem sie es zu tun haben möchten oder nicht. Nehmen wir nur den Arzt, überhaupt alle Berufe aus dem Gesundheitssektor: Behandelt wird, wer mit gesundheitlichen Problemen in der Praxis oder im Krankenhaus vorstellig wird. Es mag schon sein, dass man lieber der älteren Dame hilft, die gelassen mit ihrem Leidensdruck umgeht – aber wenn nun mal der Typ kommt, der dauernd »seine Perle« vermöbelt (auch andersherum möglich!), dann wird selbstverständlich auch er versorgt. Ähnlich bei Anwälten – nur ohne Desinfektionsmittel. Erinnert sei an Michael Ballwegs Rechtsanwalt Reinhard Löffler, der im Interview erzählte, dass seine Parteikollegen von der CDU empört gewesen seien, weil er den Gründer von Querdenken vor Gericht vertrat und vorher auch schon Mitglieder der AfD in einer anderen Angelegenheit.

Anwälte haben Menschen zu vertreten, die andere Menschen töten – offenbar ist das viel akzeptabler, als eine Bewegung zu gründen oder einer falschen Partei anzugehören. Aber nun gut, diese Form der Doppelstandards ist so alt wie die Menschheit. Pontius Pilatus wollte einst vom Volk wissen, wen er zu Ehren des Passahfestes freilassen soll: Jesus von Nazareth, der als gutmütiger Aufrührer vorgeführt wurde – oder den raubeinigen Barabbas, einen in der Region bekannter Räuber und Mörder. Die Menge entschied sich eindeutig: Barabbas soll es sein. Und so kam er frei. Wenn man was ausfrisst, so lehrt uns dieses Gleichnis, dann gleich richtig, denn lieber hängt – oder kreuzigt – man jene, die zahm sind. Die menschliche Niedertracht ist groß. Noch ein Beruf, der sich nicht aussuchen kann, mit wem er spricht: Der Journalist. Freilich, er kann sich auch bequem in den Arbeitssessel fläzen und zum Schreibtischbewohner mutieren, der über Dinge und Personen schwadroniert, ohne sie sich aus nächster Nähe zu betrachten. Doch falls man es ernst meint, sucht man das Gespräch. Falls nicht, wäre ein Job irgendwo in einem gottverlassenen Backoffice wohl angebrachter – ohne Publikumsverkehr. Journalisten interviewen ja auch Milizen, Guerilleros oder Entführer in Kriegs- und Krisengebieten, sie wollen deren Motive begreifen und für das Publikum verständlich machen – oder aber es kommt ein Gespräch heraus, das belegt, dass die Milizionäre nicht nachvollziehbar agieren. Wer bitte käme auf die Idee, einem Journalisten vorzuwerfen, er betrete unmoralisches Terrain, weil er mit Entführern oder Schlächtern spricht?

Selbstverständlich ist das aber vielleicht auch nicht mehr, dass man einem solchen Berichterstatter nicht die Leviten lesen würde. Als Tucker Carlson mit Waldimir Putin sprach, warf man ihm ja vor, er rede mit einem Kriegsverbrecher – also ob das in irgendeiner Weise eine Rolle spielen würde. Denn auch ein potenzieller Kriegsverbrecher – ob Putin das nun ist oder nicht, ist nicht das Thema – ist ja eine Person der Zeitgeschichte und damit von höherem Interesse. Bornierte Kleinbürgermoral tut hier nichts zur Sache – sie ist etwas für Kleingartenanlagen oder den donnerstäglichen Tanztee. Interview mit einem Serienkiller? Welcher Journalist schreit da nicht laut »Hier! Hier!« und hat sofort einige Fragen im Sinn, die er ihm stellen wollte? Darf man so einem Kerl, der 37 Menschen gemeuchelt hat, kein Forum bieten? Und falls man doch mit ihm zusammensitzt: Muss man ihn unterbrechen, wann immer er mit einer Antwort ansetzt, um einordnen zu können?

Er ist wieder da!

Stellen wir uns nur mal für eine Sekunde vor, dass Timur Vermes‘ Bestseller aus dem Jahr 2012 Wirklichkeit wird – stellen wir uns vor, »er ist wieder da«: Adolf Hitler als Wiedergänger. Gruselige Vorstellung, wenngleich Vermes ja schön skizzierte, wo der Ex-Führer landen würde: Bei YouTube – in der Politik keinesfalls. Dürfte man mit ihm sprechen? Nein, liebe Empörten, mit diesem Gedankenspiel soll nicht zum Ausdruck gebracht werden, dass der YouTuber Ben mit Hitler sprach – dieser Höcke ist kein Hitler, Vergleiche dieser Art verbieten sich. Wer sie ernst meint, ist ein historischer Armleuchter. Aber man kann diese ganze Nummer, die mal wieder Deutschland in einen neuen Empörungsmoment führte, weiterspinnen. Und zwar mit diesem Beispiel eines wiedererwachten Diktators. Wäre es nicht eine Unterlassung, in diesem fiktionalisierten Falle mit ihm nicht sprechen zu wollen? Sicher, Millionen Tote gehen auf das Konto seiner Herrschaft – aber wie verlockend wäre es, dem Mann bei ungeskriptet by Ben oder wer weiß wo sonst sprechen, einfach nur sprechen zu lassen?

Bei Miosga hörten wir von ihm nichts. Ständig fiele sie ihm ins Wort. Kein Seelenstriptease, keine Herauskehr seines Innersten – der Erkenntnisgewinn könnte aber immens sein, wenn man ihn nur ließe. Vielleicht wäre er sogar sympathisch, diesbezügliche Berichte aus seiner Zeit gab es genug, meist von Frauen – charmant war er, zuvorkommend gleich dazu. Wäre das eine Vermenschlichung Hitlers, der man auf keinen Fall Beihilfe leisten dürfte? Dabei war Hitler eindeutig ein Mensch – und das Böse, ohne Hannah Arendt jetzt schon wieder bemühen zu wollen, ist nun mal banal und menschlich und nichts als ein Hanswurst. SS-Schergen waren treusorgende Familienväter – »The Zone of Interest« ist ein wirklich sehenswerter Film, der dieses Phänomen in den Mittelpunkt stellt. In der Tat darf man annehmen, dass der Wiedergänger kaum Chancen hätte, offen befragt zu werden – es ist heute wohl in der Tat wichtiger, dass Journalismus moralisch rein ist, statt dass er seiner Aufgabe nachkommt, Menschen zu informieren, ihnen die Personen des Zeitgeschehens vorzustellen und ein Bild – einen Ausschnitt wenigstens – von der Wirklichkeit zu zeichnen. Harald Martenstein wies in dieser Causa auf das Folgende hin: »Vor einiger Zeit erschien ein letztes Buch von Lutz Hachmeister, voller internationaler Interviews mit Adolf Hitler. Die Weltpresse interviewte oft Hitler. Er interessierte nämlich die Leserschaft. Das Buch hat 384 Seiten.«

Journalismus ist kein Beruf, der sich moralisch astrein ausführen ließe. Freilich, wenn man Journalismus mit Faktencheck verwechselt, lässt es sich in einem moralinbetriebenen Parallelkosmos einrichten. Aber wirklicher Journalismus geht hin, wo es wehtut – wo man sich dreckig machen kann. Man spricht mit allen, die Teil der Öffentlichkeit sind – oder es werden sollten, weil sie etwas zum Diskurs beizutragen haben. Ganz egal mit wem. Auch mit dem Teufel, dem Verführer und Verdreher, selbst mit dem Tod, mit dem der Brandner Kasper noch einige Schnäpse schluckte. Wäre der alte Brandner kein Büchsenmacher vom Tegernsee, sondern ein richtiger Journalist gewesen, hätte er ihn nochmal kurz vor seinem Abtritt interviewt. Wer mag schon Peter Thiel mit seiner ganzen Pseudoreligion und seiner transhumanistischen Agenda? Aber mit ihm sprechen, ihn interviewen zu können: Wer da als Journalist keine Aufregung verspürt, muss wirklich frigide sein. Und sollte man Thiel dann ständig unterbrechen, wenn man dann doch mit ihm beisammensitzt? Wird er dadurch ein besserer Mensch, der die menschliche Kreatur nicht zur Maschine transformieren will? Beraubt ihn so ein Vorgehen seiner Pläne? Nicht? Dann kann man ihn auch reden lassen.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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