What about thinking?!

Symbolbild zum Denken, Ladebalken, Denken lädt, please wait
Wade M from San Francisco, USA, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

»Whataboutism« ist der Vorwurf, Dinge zusammenzubringen, die scheinbar nicht zusammengehören. Für diesen Vorgang gab es schon mal ein Wort: Denken nämlich.

Wenn es dieser Tage nicht ohnehin so heiß wäre, dass man am besten gar nichts anhat, es könnte einem täglich der Kragen platzen. Sie gestatten? Ich wüte. Denn es ist schon erstaunlich – nein eigentlich nicht – zu welchen Albernheiten sich manch gutbürgerliches Presseorgan mittlerweile herablässt, um den Abschnitt der Besserverdiener an der Propagandafront zu verteidigen.

So wird es dem als »Seltsam-Frager« (ein seltsam dummes Wort, nicht wahr?) apostrophierten Journalisten Tilo Jung, dessen Formate man im Übrigen schätzen mag oder auch nicht, angelastet, dass der nicht eben diplomatische Chefdiplomat der Ukraine in Deutschland die Koffer packen musste. Nach endlosen Tiraden, Auslassungen und Ausfällen, die ihn bis an den Rand der Hetze geführt haben, ist es nun ein Interview, das dem Spuk ein Ende bereitet, weil besagter Diplomat sich darin nicht davon abringen lassen wollte, einen antisemitischen Nationalisten als Volkshelden zu verehren.

Verharmlosung durch Vergleich?

An diesen Tatsachen ist schwer zu rütteln, weshalb der Autor auf den derzeit beliebten Kniff verfällt, ihnen schlichtweg die Relevanz abzusprechen. Mag sein, lautet das Argument, aber was hat das denn mit dem völkermordenden Vernichtungskrieg der Russen hier und heute zu tun? Die Anklage lautet auf Ablenkung vom Wesentlichen, kurz: »Whataboutism«. Ein Vorwurf mit erstaunlicher Karriere.

Unvergesslich eine Sendung im Bezahlfernsehen vom Oktober letzten Jahres, in der der quotenstarke Penetrant-Frager Markus Lanz, dem schon seit geraumer Zeit an nichts weniger als am Moderieren gelegen ist, die Linke-Politikerin Sarah Wagenknecht ins Verhör nahm: Das Thema war die Vergiftung Nawalnys – fand Lanz. Die Beziehungen zu Russland im Allgemeinen und ihr ökonomisches Umfeld, fand Wagenknecht. Das brachte ihr den Vorwurf ein, ihre Kritik an Putin immer wieder durch Querbezüge und Verweise auf die USA zu verwässern: Ja, aber was war denn mit…? Verharmlosung durch Vergleich: eben »Whataboutism«.

Immer und immer wieder fiel ihr Lanz ins Wort und redete auf sie ein, es doch einfach mal bei einem »Putin doof« bewenden zu lassen. Ein bizarres Schauspiel. Freilich mag das daran liegen, dass die Regie dem Steiftierchen nicht schnell genug was Neues ins Ohr geflüstert hat. Aber der Wahnsinn hat auch andernorts Methode.

Über die Ukraine zu reden, ohne die NATO zu erwähnen, ist schlicht albern

Man findet den unschönen US-Import »Whataboutism« mittlerweile Seite an Seite mit dem argumentum ad hominem, dem Zirkelschluss oder dem »wahren Schotten« unter der Rubrik unfairer Argumente und logischer Fehlschlüsse. Und warum auch nicht: Wer in einer Debatte über Wagner-Opern plötzlich über dessen Geburtsstadt herzieht, muss sich fragen lassen, was das beiträgt. Oder wenn dann einer mit seinem Antisemitismus kommt – oder nicht? Oder doch? Na bitte!

Man gerät hier schnell an einen Punkt, an dem die Grenzen des Themas nicht zu trennen sind von seiner Bewertung. Was noch ein sinnvoller Vergleich ist und was fadenscheinige Ablenkung, das gehört meist selbst mit zum Streit. Nirgends mehr als bei der Ukraine.

Es spricht dem mittlerweile Jahrzehnte alten Gerede von Globalisierung und Vernetzung Hohn, wenn man nun plötzlich über Russlands Außenpolitik sprechen will, ohne die geostrategischen Unternehmungen der umtriebigsten Weltmacht aller Zeiten in den Blick zu nehmen. Über die Ukraine zu reden, ohne die NATO zu erwähnen, ist schlicht albern. Es sei denn man will eben ein Urteil, keine Erkenntnis.

»Whataboutism« ist der Vorwurf, Dinge zusammenzubringen, die scheinbar nicht zusammengehören. Andernorts nennt man das Innovation oder schlicht: Denken. Der Kampf dagegen versucht derzeit, den Raum des Sagbaren nach eigenen Vorstellungen abzustecken und Unbequemes als Unvergleichbares auszuschließen.

Streiten muss man!

Man muss kein Esoteriker oder Teilchenphysiker sein, um anzuerkennen, dass alles irgendwie mit allem zusammenhängt. Es geht also in einer Debatte stets auch um die mehr oder weniger willkürlichen Grenzen des Themas. Darüber kann man dann streiten. Aber streiten muss man!

Ein sehr kluger Mann hat jüngst gefordert, dem Hass das Verstehen entgegenzusetzten. Was auch sonst? Der einzige Weg, wie es besser wird, liegt jenseits von Gut und Böse. Hilft das der Ukraine? Ja, tatsächlich. Denn ohne Verständnis, Analyse und Einfühlung (»Metakognition«) wird es Verhandlungen nicht geben und dass die kommen müssen, weiß selbst die Fraktion »Siegfrieden«. Da hilft auch kein Rumfuchteln mit dem Whataboutdingsda.

Weder von diesem Wort noch von der Strategie dahinter sollte man sich beeindrucken lassen: Die seltsamste aller Fragen bleibt die, die keiner zu stellen wagt. Und wenn auch die deutsche Medienlandschaft langsam, aber sicher alle Tugenden des Meinens und Denkens und des Austausches darüber der Gesinnung opfert, dann darf sie sich über Vertrauensverlust nicht beklagen. Oder frei nach Karl Kraus: Man muss nicht immer »Zeitung« sagen, wenn ein Fisch drinnen liegt.

Ähnliche Beiträge:

Sei der erste, der diesen Beitrag teilt:

12 Kommentare

  1. Bitte den Fisch nicht denunzieren. Er muss nicht immer stinken.
    Frau Ulrike Guérot hätte noch angeführt werden können, da hat die ganze Mischpoke auf die „eingeprügelt“. Lanz ist nur eine Charaktermaske.
    https://overton-magazin.de/kommentar/kultur-kommentar/wer-ist-die-gefaehrlichste-frau-im-ganzen-land/
    Ist allerdings auch verständlich, dass es, wie der Autor es meint, gehen kann, denn die Kritiken sind meist in 140Anschläge gefangen.
    Bei Frau Wagenknecht hat es zumindest was gebracht, ein Stachel im Fleischer der öffentlich Rechtlichen hier: Tagesshau ist geboren.
    https://publikumskonferenz.de/blog/tag/dr-gniffke/

  2. Danke für Artikel – sehr wichtiges Thema!

    „Whataboutism“ ist die bewusst berbeigeführte, gegenaufklärerische Dekontextualisierung von Sachverhalten; neoliberal in dem Sinn, als dass einer „Gesellschaft“, die eher als (Zweck-) Gemeinschaft durchgeht, aufklärerische Potenziale abgesprochen bzw. diesen historisch die Schuld an Tyrannei und Barbarei zugesprochen werden.
    Kontext, Denken in Zusammenhängen, gilt als nonkonform, anmaßend und ist deshalb zu bekämpfen.
    Derlei Denk – und Sprachverbote werden zB in Foren längst als „unsachliche“ Beiträge abgestraft; gesellsch. Diskurs somit abgewürgt.

    Am Grad der Diskursfreiheit erkennt man die gesellsch. Herrschaftsform.
    Je mehr man Freiheit und Demokratie abfeiert und mit ihren Werten hausieren geht – zur Verteidigung derselben gar Krieg führen lässt, Menschen opfert und weiter Geschichtsrevisionsmus betreibt – desto weniger herrschen sie vor.

    1. „Whataboutism“ ist die bewusst herbeigeführte, gegenaufklärerische Dekontextualisierung von Sachverhalten“

      Nicht „ist“ – sondern „führt letztlich zu“….wollte ich ausdrücken.

  3. Erstmal sehr guter Beitrag. Danke an Kai Preuß!

    Whataboismus kommt doch meistens dort zum Vorschein wo man das Overton-Windows beginnt auszudehnen.

    Es ist eine weitere Technik der Diskussionsführung um keine Diskussion zu führen. Eine Diskussion ist eine sachliche Auseinandersetzung mit Fakten. Das wird aber schwer, wenn die Faktenlage nicht für den Westen spricht.

  4. Der Anspruch verpflichtet!
    Whataboutism ist eine legitime Form der Kritik.
    Man kann nicht Jemanden für etwas verurteilen was man sich selbst gern gönnt.
    Man sagt auch „messen mit zweierlei Maß“, oder „Wasser predigen und Wein trinken“, oder auch „man soll nicht mit Steinen werfen, wenn man im Glashaus sitzt“. Es gibt Viele Redewendungen, welche die Logik der doppelten Standards herausstellen.

  5. >> Vernichtungskrieg <<

    Mir kommt immer die Galle hoch, wenn ausgerechnet in Deutschland dieser Vorwurf erhoben wird. Der Begriff "Vernichtungskrieg" hat einen historischen Kontext. Wikipedia sagt dazu Folgendes:

    Zitat:
    Ein Vernichtungskrieg ist ein Krieg, dessen Ziel die vollständige Vernichtung eines Staates, eines Volkes oder einer Volksgruppe und die Auslöschung dieser soziopolitischen Entität durch die massenhafte Ermordung der Bevölkerung oder die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage ist. […] Vernichtungskrieg wird definiert als eine radikalisierte Form der Kriegführung, in der „alle physisch-psychischen Begrenzungen“ aufgehoben sind. […]
    Als bekanntestes Beispiel eines Vernichtungskrieges gilt der Deutsch-Sowjetische Krieg, der am 22. Juni 1941 mit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion begann. Der Berliner Historiker Ernst Nolte bezeichnete ihn 1963 in einer viel zitierten Formulierung als „ungeheuerlichsten Versklavungs- und Vernichtungskrieg, den die moderne Geschichte kennt“ und grenzte ihn von einem „Normalkrieg“ ab, wie ihn das nationalsozialistische Deutschland etwa gegen Frankreich geführt habe.

    (*)https://de.wikipedia.org/wiki/Vernichtungskrieg

    In der Tat wütete die Wehrmacht besonders grausam in der Sowjetunion. 26 Millionen Opfer, darunter mit Abstand die Meisten waren Frauen, Kinder und Greise. Hitler zählte die Russen (im Gegensatz zu anderen seiner Widersacher) zu einer "minderwertigen Rasse" die es zu vernichten und zu versklaven galt und machte daraus auch gar keinen Hehl und widmete diesem Ziel ein ganzes Kapitel in seinem Werk "Mein Kampf". Dies wurde von der NS Propaganda auch rechtfertigt mit der Notwendigkeit der Expansion nach Osten um die Versorgung des Dritten Reiches abzusichern. Man brauchte die fruchtbaren Böden der Ukraine, die Ölquellen des Kaukasus und die Kohle des Urals. Dafür musste die "minderwertige Bevölkerung", welche diese Territorien bevölkerte einfach ausgelöscht werden. Für Nazis waren die Russen keine "richtigen Menschen" und vielmehr lästige Schädlinge, die auf zwei Beinen laufen und sprechen können und die man einfach ausmerzt ohne mit der Wimper zu zucken.

    Wenn die Wehrmacht Dörfer überrannte trieb sie oft die gesamte Bevölkerung einer Siedlung in einer Scheune zusammen und brannte sie dann bei lebendigen Leibe ab. Um Munition zu sparen. Das Leben von Russen war den Deutschen nicht einmal eine Kugel wert.

    Auch machte Hitler keinen Hehl daraus, dass er Moskau und Leningrad von der Landkarte tilgen wollte. Während der über 900 Tage andauernden Belagerung der Stadt Leningrad verhungerten über 90% seiner Bevölkerung. Wir reden hier über eine Millionenmetropole. Die wenigen Überlebenden, haben selbst die Tapeten von den Wänden verzehrt und überlebten nur weil sie sich teilweise sogar von Toten ernährten. Es gab einen strikten Befehl eine etwaige Kapitulation der Stadt abzulehnen, und so lange hungern zu lassen bis sich da nichts mehr bewegte.

    Für Russen bedeutet der Begriff "Vernichtungskrieg" etwa das gleiche wie für die Juden der Begriff "Holocaust". Das war nicht einfach ein Krieg, das war ein planmäßig durchgeführter Genozid. Übrigens bis heute von Deutschland nicht als solcher anerkannt.

    Wenn dann ausgerechnet Deutsche Politiker ausgerechnet von einem Vernichtungskrieg sprechen, dann ist es nicht einfach nur grotesk falsch, da solche Ziele von Russland in der Ukraine weder gesetzt noch umgesetzt werden, das grenzt darüber hinaus auch an eine gefährliche Relativierung der Verbrechen Hitlers und des NS Regimes.

    1. Übrigens sollte man als Kriegsenkel, die sich so gerne von der Weitergabe der Kriegstraumata durch die Generationen beeinträchtigt sehen, daran denken, dass z.B. Putin der Sohn Überlebender der Leningrader Blockade ist, dessen älterer Bruder als Kleinkind eben dort verhungert ist.
      Gerade als jemand, die sich intensiv mit den Verstrickungen der eigenen Familie in die Nazi-Verbrechen befasst hat und auch um die Traumatisierung der Kriegskindergeneration (also meiner Eltern als grauenhaft missbrauchte und beschädigte Generation) weiß, berührt mich diese Fokussierung auf das eigene Leid immer wieder sehr unangenehm. Wenn jemand das unbestreitbare Recht hat, von transgenerationeller Traumatisierung zu sprechen, dann sind es neben Juden, „Zigeunern“, Behinderten, auch Polen, vor allem die als Russen bezeichneten Sowjetvölker. Und das führt dann eben auch zu einer gesteigerten Sensibilität gegenüber propandistischer Verächtlichmachung und Missachtung eines durch diese Erfahrung eines mörderischen Vernichtungswillens sehr berechtigten Sicherheitsbedürfnisses.
      Und wenn das sozusagen triggernd seit Jahrzehnten ignoriert und lächerlich gemacht wird, dann hat das eben auch politische und wie in diesem Fall kriegerische Folgen.

    2. „Verharmlosung durch Vergleich?“, ist ja dass, was dem whataboutism vorgeworfen wird.

      Aber „Vernichtungskrieg“ bezogen auf das Vorgehen der Russen ist ja anders herum auch eine Verharmlosung, wie du richtig argumentierst.
      Dieser Vergleich verharmlost den NAZI-Krieg und passt wunderbar zum Narrativ, wobei er gleichzeitig das Geschehen in der Ukraine extrem übertreibt. Das ist so ähnlich wie mit dem Holocaust von Abbas, wobei dies wieder dem Narrativ nicht entspricht.
      Beim Vorwurf des whataboutism geht es eigentlich nur um den Meinungskorridor und nichts weiter.

    3. Whataboutismen sind dann zulässig, wenn sie der Diskursethik gerecht werden und den Debattenraum nicht einschränken.
      Wer vom russischen Vernichtungskrieg spricht, sollte auch den Rest von sich einschläfern lassen. Denn was soll ein Leben ohne Verstand und Anstand?

  6. Ich kann nicht sagen, dass ich die Besonderheiten von Kriegen verstehe. Ich will, eventuell aus Ekel, damit nicht beschäftigen. Die Sprüche kenne ich auch alle. Da sagt mir eine ältere Frau, die Deutschen waren ein Volk ohne Raum. Das war für die Rechtfertigung der Überfälle und auch die Verurteilung, dass sie flüchten mussten. Das ist dann auch der Punkt, neudeutsch, das Narrativ muss dem Volk eingebläut werden. Den Russen wird jetzt vorgehalten, dass sie nicht revanchistisch sind. Da muss sich also eine andere Geschichte ausgedacht werden.

  7. Wenn die Hälfte der Staaten sich vom Westen abwendet, bedeutet das diese Hälfte noch denken kann.
    Das die Insassen der westlichen Hälfte (bzw. notgedrungen) medial auf ‚IHR‘ denken reduziert wird, bedeutet man hat Angst. Der ‚Terror‘ gegen die Menschlichkeit wird seit Jahren intensivst vollzogen, das schlimmste daran ist das die Bürger alles mehr oder minder dann so hinnehmen/nahmen.
    Jean Claude Juncker sagte unverblümt : „wir werfen etwas in den Raum und warten ab“.
    Unabhängig von der Person Merkel, aber wer heute all ihre Aussagen nochmal durch den Kopf gehen lässt, wird feststellen das das WAHR war. Wie war das nochmal mit dem Zitteranfall? Vielleicht eine erhaltene oder gesendete Botschaft, schau ich mir heute den Kühlschrank an, so ist der fast leer…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.