Total progressive Ausbeuter

Westliches Paar im Kimono.
University of Washington, Public domain, via Wikimedia Commons

Wer seine gesamte Empörung über Weiße, die sich Dreadlocks filzen, in ein Mobiltelefon tippt, um so die sozialen Netzwerke anzuheizen, macht sich eines schlimmeren Vergehens als kultureller Aneignung schuldig, liebe Bolschewoken!

Und dann ging es Winnetou an den Kragen. Nach Protest aufgebrachter Bürgerinnen und Bürger zog der Ravensburger Verlag Bücher, Hörspiele und ein Puzzle mit einer Neuauflage von Karl Mays Figur zurück – überdies entschuldigte man sich in aller Betroffenheit, man wollte niemanden verletzen. Die Unterstellungen waren so banal wie eh und je: Winnetou spiegele nicht die Lebensweise der wirklichen Indianer wider. Man verkitsche die Wirklichkeit und ja, man verharmlose sie auch.

Diese Vorwürfe sind so alt wie die Geschichten um den Häuptlingssohn Winnetou selbst. Karl May wusste, dass er die Realitäten nicht adäquat darstellte. Aber er schrieb schließlich einen Unterhaltungsroman. Dass man das nun kulturelle Aneignung nennt, ist allerdings relativ neu. Vorher hieß es noch ganz traditionell Rassismus. Vor einigen Monaten hätte man mit diesem Vorwurf kultureller Aneignung noch wenig anfangen können. Jetzt lauert er an jeder Ecke.

Modebegriff »Kulturelle Aneignung«

Der Begriff hat sich indes verselbstständigt. Waren vorher noch »gestohlene Frisuren« gemeint, also Dreadlockträger, die nicht aus Afrika oder der Karibik stammten – wobei man über die Herkunft streiten könnte! –, so hört man ihn heute stets dann, wenn wieder jemand glaubt, eine Kultur schneide irgendwie schlecht ab oder werde falsch dargestellt. Im Falle des Ravensburger Winnetous geht es im Grunde nicht um Aneignung, die Produkte wurden noch nicht mal aus einem Tipi heraus verkauft. Dennoch nennt man es so. Unzusammenhängend hat sich der Begriff in unseren Alltag geschlichen.

Und es hat ja auch was, wenn man sein Handy zücken, die Twitter-App öffnen und »kulturelle Aneignung« anprangern kann. Das klingt hochtrabend und wissend, wie der Soziolekt der Gelehrten. Wer so einen Vorwurf anbringt, wirkt nicht kleinbürgerlich und plump, sondern eloquent, wie jemand, der die ganz großen Termini der Zeit beherrscht.

Aber bitte Vorsicht, liebe Bolschewoken: Das Mobiltelefon aus der Tasche zu ziehen, um kulturelle Aneignung anzuprangern, ist eigentlich auch ein Akt der Aneignung – freundlich formuliert. Denn so ein Ding besteht aus Gold, Palladium, Kupfer, Nickel, Silizium, Magnesium, Platin, Neodym, Aluminium, Tantal, Zinn und Eisen. Außerdem stecken seltene Erden drin, Stoffe wie Lanthanum, Cerium, Neodymium, Ytterium und Lutetium.

Nein, das sind keine römischen Lager, die um ein gallisches Dorf Wache schieben. Das sind Rohstoffe, die schwer zu beschaffen sind und die man oft in Gegenden abträgt, die nicht gerade zum eigenen Kulturkreis gehören. Die seltenen Erden kommen zum Beispiel vor allem aus China. Die genannten Metalle findet man meist in Afrika; Tantal stammt etwa aus Bergwerken in Ruanda und im Kongo: Übrigens handelt es sich dabei nicht um Hochglanzbetriebe mit Erholungsräumen, Urlaubsanspruch und Chefarztbehandlung im Krankheitsfall, wie man so liest.

Kulturelle Ausbeutung wäre viel schlimmer

Wer mit so einem kleinen Wunder der Technik in die Welt hinausposaunt, wie kulturell aneignend sich da seine Zeitgenossenden benehmen, der möge sich daran erinnern, dass er das tut, weil er mit einem Gegenstand hantiert, der sich aus Materialen zusammensetzt, die in Akten kultureller Aneignung bezogen wurden. Richtiger wäre allerdings von kultureller Ausbeutung oder Raubbau zu sprechen. Doch das sind Worte aus einer anderen Zeit, die heute nur noch wenige Menschen verstehen.

Natürlich ist dieser Gedanke zu den Arbeits- und Produktionsbedingungen nicht der Themenkomplex der Bolschewoken. Denn das ist kein Gefühlsthema, sondern was Substanzielles. Harte Währung quasi. Und darüber sind sie längst hinweg. Auch, weil es sich so gut lebt in der globalisierten Welt, in der der modische Westler alles übernimmt, was ihm gefällt, gut schmeckt und weiterbringt. Müssen wir denn Sushi essen? Und nicht selten sich die politisch korrekten Herrschaften fein und bunt tätowiert: Wo ist da der Aufschrei?

Man muss nicht kleinlich sein, es spricht nichts gegen Suhsi und Tattoos. Denn Aneignung über die Grenzen der Kulturen hinaus: Die gab es immer. Das ist menschlich, könnte man sagen. Man tauscht sich aus, vermischt Einflüsse. Und bis vor einigen Jahren warb man auch dringend für kulturelle Annäherung. Das scheint allerdings vorbei zu sein, im Moment üben sich die verdammt Progressiven im Lande in einer Haltung, die schön ordentlich Kultur von Kultur scheiden möchte.

Wer diese Haltung jetzt jedoch mit den Identitären vergleichen möchte, frevelt natürlich an der guten Absicht unserer Bolschewoken, deren Handy in der Hand kein Akt von Ausbeutung darstellt, sondern von Befreiung und Aufklärung. Die enteigneten Rohstoffe, deren Abbau Landstriche verwüsten und ganze Kulturen zerstört, werden ja verwendet, um in den Netzwerken eine bessere Welt herbeizutwittern. Dass der Afrikaner unter Tage nicht von seiner Hände Arbeit leben kann und gesundheitlich ruiniert wird, fällt indes schwer auszusprechen – denn weiß heute noch jemand, ob man »Afrikaner« eigentlich sagen darf?

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42 Kommentare

  1. „Aber bitte Vorsicht, liebe Bolschewoken: Das Mobiltelefon aus der Tasche zu ziehen, um kulturelle Aneignung anzuprangern, ist eigentlich auch ein Akt der Aneignung – freundlich formuliert. “ [sic!]
    Soweit können die sog. „Woken“ aber nicht denken – das Auffassungsvermögen und die Aufmerksamkeitsspanne bei diesem Personenkreis ist meiner Meinung nach mit 4- bis 5-jährigen Kindern vergleichbar. Außerdem ist unbestritten, dass seit einigen Jahrzehnten die Bildung der Deutschen mehr und mehr zu wünschen übrig lässt – ich will hier keine einschlägige Namen nennen und Vergleiche bemühen.
    Was die sog. „Dreadlocks“ bzw. „Rastalocken“ (m.E. bekanntester Vertreter: Bob Marley – und nicht (!!!) https://de.wikipedia.org/wiki/Carola_Rackete) anbelangt: die Römer z.B. nannten die von einigern Barbarenstämmen im Norden (welche z.T. äußerst eitel – nicht nur, was ihre Haare anbelangte – gewesen sein sollen) bevorzugte Haartracht „Schlangenlocken““ (sie fühlten sich ggf. an den Medusenkopf erinnert). Es gab nicht nur den allseits bekannten und in diesem Zusammenhang bemühten sog. Suebenknoten für langes männliches Haupthaar
    https://de.wikipedia.org/wiki/Suebenknoten
    Ein kleiner Überblick über „Zöpfe“ u.a. :
    https://tal-der-wikinger.de/blogs/wikinger-blog/wikinger-frisuren
    http://archaeosammlungen.uni-graz.at/index.php?id=161
    P.S. Fast hätte ich die heiligen Männer aus Indien vergessen !!!
    https://de.wikipedia.org/wiki/Sadhu

    1. Hi Marte,

      nachdem ich mir Deine vorgeschlagen Liste von Wikingerfrisuren angeschaut habe und bei mir der Verdacht auf ploppte, dass die Umsetzung der haarlichen Darstellung auf diesen Bilder dem Friseurhandwerk Geld in den Kittel Scherenkünstler bringen soll, frage ich mich, ob das nicht „kulturelle Aneignung“ ist und somit auf den Scheiterhaufen der Friseurinnung landen muss. Da haben die Meister, Gesellen, Lehrlinge und der Oberinnungsmeister eine wichtige, gesellschaftlich akzeptierte und kulturell akurate Veranstaltung zu organisieren und durchzuführen und kommen nicht auf solch doofe Ideen wie die Oberinnungsmeister aus den dunkelbraunen Sachsen-Anhalt, wo sich 2000 Nazis unter der Schirmherrschaft des deutschen Handwerks aus der Gegend auf den Dessauer Marktplatz am Samstag versammelt hatten. Unser Forist August hat ja recht zeitnah auf diese Undemokratische Veranstaltung aufmerksam gemacht. Nachdem ich mir die Reden dieser Oberinnungsmeister angehört habe, weiß ich, dass ich als guter ukrainischer und deutscher und europäischer (Russland kann nicht mehr zu Europa gehören – ihr Karthographen macht das schon!) Patriot mein nächstes Gasrohr im Haus selber verlege. So ein brauner Klemptner kommt nicht in mein olivgrünes/khakibraunes Haus! Und die Feuerwehr leute unterschreiben vor Betreten der baulichen Reste, dass sie den russischen Angriffskrieg verurteilen. Denn bei „Roten“ wissen wir, die kommen alle aus dem pösen Russland.

      (Ironie out)

      Danke Marte für die lustigen Bilder. Leider läßt meine Männschlichkeit, mein Haar- und Bartwuchs es nicht zu, mich an diese „kulturellen Aneignung“ zu beteidigen und werde deshalb vom woken Gutmenschen bis in aller Ewigkeit nicht belästigt.

      Wer mehr wissen will, schaue in die Lügenpresse:
      https://de.rt.com/kurzclips/video/147443-handwerker-rufen-zu-protesten-auf/

  2. Alles richtig, aber ich mag den Begriff „Bolschewoken“ nicht. Er knüpft an an die erst braune, dann kaltekriegerische Hetze gegen „Bolschewisten“, und ihre Vorgänger im russischen und osteuropäischen Bürgerkrieg, wo es, wie auch bei den Nazis, immer gegen die Juden und Bolschewisten ging. Nach dem 2. Weltkrieg hat man die Juden rausgenommen und dafür den Hass auf die Bolschewisten verdoppelt.

    Natürlich ist Bolschewik oder Bolschewist (Russisch: Mehrheitler) per se kein Negativbegriff. Er bezeichnet die (eher zufällige) Mehrheitsfraktion auf einem Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) vor dem 1. Weltkrieg. Nach der Revolution 1917 war die SDAPR (B) das, was später die Kommunistische Partei Russlands bzw. der UdSSR wurde.

    Aber Bolschewist wurde zur Hassvokabel, erst der Proto-Nazis in den Bürgerkriegen in Russland, Osteuropa und Deutschland. Massenverbrechen wie die Pogrome Petljuras und Denikins, der Proto-Nazis der deutschen Freikorps (im Ostseeraum wie später in Deutschland) wurden unter dieser Hassvokabel begangen, unter anderem der vom Sozialdemokraten Noske gebilligte, wenn nicht befohlene Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

    Es gibt Begriffe, die man nicht verwenden sollte. „Woke“ sind Dumpfbacken, keine Frage, und man mag vieles an der Praxis der Kommunisten kritisieren und in Frage stellen. Die Mobilisierung des dumpfen Vorurteils gegen Bolschewisten ist aber kein Weg dahin. Hassvokabeln verkleistern das Denken, auch in guter Absicht.

    1. Der Begriff suggeriert für mich: Da sind Eiferer am Werk, die keine Rücksicht auf die Belange von Menschen nehmen. Und die bereit sind, alle alten Strukturen in einer Radikalität zu kappen, dass man sich fürchten sollte. Dass die Bolschewiken so handelten, wissen wir. So nutze ich den Begriff. Nicht anders.

        1. Zum weg-sein gehört die vorige Anwesenheit.
          Die scheint nicht bemerkt worden zu sein.
          Das einzige, was bemerkt wurde, ist diese wichtig-macherische Äußerung.
          Im Gegensatz zu einem Film, welcher auch von Statisten lebt, kann ein Forum solche „Flitzer“-Äußerungen durchaus entbehren, wenn ich mich nicht irre.

      1. Der Begriff appelliert an antikommunistische Bauchgefühle und Vorurteile. Und Antikommunismus als Eiferertum hat zig Millionen Menschenleben gekostet und wirkt immer noch fort und tötet, sowohl in der Russophobie als auch in der Hetze gegen China.

        Solche Vorurteile braucht es nicht.

        1. Damit geht es schon los: Der Begriff appelliert nicht. Er steht da. Interpretationen stehen jedem offen. Können aber auch weit an dem vorbeigehen, was der Autor hineininterpretiert hat.

          1. Der Begriff impliziert, dass „Bolschewisten“ etwas Böses und Schlimmes sind, wie das die Völkischen und die Antikommunisten seit 1917 (und bereits seit der Pariser Commune 1871) gepredigt und gehetzt haben. „Bolschewisten“ als Negativbegriff appelliert an die Erfolge dieser Hetze und die daraus resultierenden Bauchgefühle.

            Die Behauptung, die Bolschewisten seien pauschal „Eiferer“ gewesen, ist ahistorisch und diffamierend und geht an den tatsächlichen Entwicklungen und Geschehen, sowohl in der russischen Arbeiterbewegung als auch im Verlauf des 1. Weltkriegs in Osteuropa komplett vorbei, und simplifiziert/primitiviert ein komplexes Geschehen.

            Und natürlich appelliert der Begriff, er möchte Assoziationen wecken. Und zwar keine positiven, etwa die eines – durchaus kritisierbaren – Weges zur Befreiung der arbeitenden Klassen und Entwicklung eines tief rückständigen Landes, der Befreiung der Kolonialvölker und des Widerstandes gegen Aggression und Intervention. Ohne das Vorurteil, Bolschewist sei etwas Böses und Schlechtes, ergibt der Begriff keinen Sinn.

          2. Das ist nicht so. Es steht nicht einfach so da, es ist eine Absicht damit verbunden, ansonsten würde es nicht geschrieben worden sein. Alleine „Damit geht es schon los:“ ist diffamierend. Es kann dem Autor nicht darum gehen, dass Selbstverständlichkeiten jedem offenstehen. Geht es nicht darum, dass der Autor was mitteilen möchte und hier so viel falsch zu verstehendes ausschließt? Da sind Wortschöpfungen wie „hineininterpretiert“ nicht hilfreich. Sagen was ist, wäre hilfreich.

    2. Ich mag den Begriff auch nicht…
      Aber gut… Ich weiß wie dieser gemeint ist! Denke ich mir zumindest!

      Nur trotzdem blendet der Begriff den totalitär-faschistischen Wahnwitz der Wokenessbewegung komplett aus…

      Wokies sind Wokies… Daraus ein Kunstwort zu machen ist für mich überflüssig… Gar es verwässert das ganze… Selbst wenn der Begriff „Bolschewoke“ mit Sicherheit die libartäre Ecke gerne weiter nutzen wird… So werden die Wokies in die kommunistische Ecke gedrückt… Allerdings dahingehören diese kaum… Dass sind waschechte Faschisten aus der Mitte!!! Weder links noch rechts, sondern Extremismus aus der Mitte…!!!

  3. Lieber Lapuente, Ihre spitzen Kommentare gefallen mir, besonders der aktuelle in Inhalt und Form mit dem so originellen wie griffigen Neuwort BOLSHEWOKI zur Kennzeichnung des neusten deutschen Modetrends. Gern les ich auch weiter Ihre im besten Sinn treffenden feuilletonistischen Gedankenblitze nach dem alten Heineschen Motto: besser unterm Strich als unter die Gürtellinie;-). Grüße, Brian

  4. Liebe Leute,
    nur ein Satz: Indem Ihr Euch so über die Wortschöpfung der „Bolschewoken“ echauffiert, entpuppt Ihr Euch als genauso „woke“ wie die, die es eigentlich zu kritisieren gilt.
    So sehe ICH das.

    1. Dann sollte es kritisiert werden und nicht nur eine Sichtweise wiedergegeben werden.
      Aus der Kritik könnte ich dann verstehen, worum es eigentlich geht. So ist es nur Knüppel aus dem Sack für Leute, die eine andere Sichtweise haben.

  5. Hallo Roberto De Lapuente,
    ich würde mal sagen locker bleiben. Ich denke, mit Ihrer Antwort sind sie vollständig auf der gelegten Schleimspur. Sie sagen es doch selbst mit dem nachlaufen, laufen sie nicht nach wen es keinen Inhalt gibt und der Form keinen zugeordnet wird. Ist es wirklich von Interesse, dass c.w. die Seite weiter bevölkert?
    „Was soll ich darauf antworten? Soll ich nachlaufen und fragen, wieso?“
    Ich stimme quadraht sehr zu, und auch ihre Antwort, denn sie bestätigt quadraht.
    Wie könne sie davon ausgehen, wie ihre Aussagen benutzt oder verstanden werden? In der Antwort sagen sie es, im Text nicht. Dazu könnte wiederum ein Fass aufgemacht werden.
    Ich kenne die Zeiten der Personen, von denen gesprochen wird, nicht durch eigenes erleben, was ich weiß, dass viele Ehen nach ein paar Jahren „den Bach heruntergehen“, denen das „Passiert“ sind, sich aber nicht fein Leute zu kritisieren, die einen ganzen Staat organisieren wollen/sollen. Die Geschichte dazu wird von den Siegern erzählt, die Interessen haben, wie die Geschichte gesehen werden soll.
    Es ist interessant, mit der kulturellen Ausbeutung, dazu bedarf es nicht Karl May.
    „Eine Piratenmannschaft wird durch Sturm in eine unbekannte Gegend verschlagen; zuletzt entdeckt ein Matrose Land von dem Hauptmast aus; die Piraten ziehen an den Strand, um zu rauben und zu plündern, sie sehen ein harmloses Volk und werden mit Freundlichkeit bewillkommnet. Darauf geben sie dem Lande einen neuen Namen, nehmen davon förmlichen Besitz für ihren König, stellen eine faule Planke oder einen Stein als Denkzeichen auf; ermorden zwei, drei Dutzend Einwohner, nehmen ein paar andere als Muster mit Gewalt mit sich fort, kehren nach Hause zurück und er halten ihre Verzeihung. Hier nun beginnt eine neue Herrschaft, die unter dem Besitztitel des göttlichen Rechts erworben ist. Mit der ersten Gelegenheit werden Schiffe dorthin gesandt, die Eingeborenen vertrieben oder vernichtet und diese verabscheuungswürdige Mannschaft von Schlächtern, die zu einer so frommen Expedition gebraucht wird, bildet eine moderne, zur Bekehrung und Zivilisierung eines barbarischen und abgöttischen Volkes bestimmte Kolonie.“(Aus „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift)
    https://klartext-info.de/?p=729

  6. Ich kenne diesen Problem bei meinen Töchtern sehr gut. Habe es heute gerade beschrieben. Diese aufstrebenden jungen Linken, welche glauben das Allwissen zu haben, aber die Kunst des Leben (beherrschen) und Leben lassen (nur in ihrer Sphäre dulden). Trotzdem pflegen wir ein gutes Verhältnis zu einander und treffen uns mehrfach im Jahr.

    Ich nenne solche „Möchtegernlinken“ gern „Pseudolinke“.

    Hatte eine nette Plauderei mit Rebane im Forum bei https://overton-magazin.de/kommentar/politik-kommentar/bilder-vom-panzerkanzler/

    „Meine eigene Sprachzensur spiegelt die vielen Jahre Kindererziehung wieder. Da bemüht man sich, ein gutes Beispiel zu sein. Vor allem dann, wenn die Kids ein Alter erreichen, wo dass Umfeld stärker den Moment prägt als eingefahrene Strukturen. Diese arg nervige Gossensprache, welche meine Mädchen in ihren ungestümen Anfangszeiten als pseudolinke kleine Punk`s, mit zu Hause pflegten, konnte ich mit meiner Frau nur mit einem betonten Hochdeutsch gegenhalten und durch erzieherische Erpressung in die nötigen Schranken verweisen.

    Heute hat sich das Verhältnis der Sprachbeformundung eher umgekehrt, weil ich heftige Kritik zu hören bekomme, wenn ich unbedarft Neger zu Negern sage. Leider wird man mir das nicht so leicht nicht abgewöhnen können, weil ich die Diskriminierung der Neger in alltägliche Bereichen durch eine Sprachänderung nicht als abgestellt ansehen kann. Auch ein Argument wie, damit fängt es aber an, überzeugt in meinem Alter mit meiner Lebenserfahrung nicht.

    Die Linken Szenen, die so die möchtegernlinke Jugend prägen, sind gefangen in Pseudogefechten und Ablenkungsaktionen. Einladungen durch mich zu Anti-Hartz4-Demonstrationen wurden abgelehnt, weil in der Nachbarstadt eine viel wichtigere Aktion gegen Rechte stattfand. So viel „Action“ , Polizei, Gefahr konnte ich meinen erlebnishungrigen Junglinken nicht bieten. Mein Argument, das ein gutes soziales Umfeld, harmonisches Arbeits-, Schul- und Ausbidungsklima sowie eine selbstbestimmte gesellschaftliche Teilhabe eine höhere Zufriedenheit schafft und das schlimmste Gift für ein erstarken der Nazis ist, wurde zwar gehört, bejaht aber wohl nicht verstanden.

    Wobei manche Aktionen auch meinen Beifall finden, wie die jährliche Reise in ihren Gruppen nach Berlin immer im Januar um Luxemburg und Liebknecht zu gedenken.

    Im kleinen nicht anders als bei den großen „Linken“.“

  7. ‚das neue normal‘ als der neue Wahnsinn um in eine neue Ära hin zusteuern, ohne zu wissen ob man dort überhaupt ankommt.
    Der Generationenvertrag wird dadurch final exekutiert, die Erziehung kommt über den „allwissenden Gott“ namens Android und Konsorten. Was geschah während der Pandemie? Spalten, spalten und sie schreckten nicht einmal zurück um die jüngsten auch in die Verwertung mit einzubeziehen und natürlich hatten die weggesperrten jungen wie alten ihr Androide Gewohnheiten erweitert, um dann bei nicht konformer Narrativgebung geächtet zu werden. „(ich) flog gerade übers Kuckucksnest

  8. Selbstverständlich ist die von gewissen Kreisen propagierte und praktizierte Wokeness selbst übergriffig und dogmatisch, aber wenn man sie kritisiert sollte man nicht selbst sprachlichen Unfug absondern. Der Bolschewismus hat mit der Wokeness nicht das Geringste zu tun, weder inhaltlich noch formal, eine sprachliche Hybridisierung ist daher unangebracht, ja difamierend.
    Kulturelle Aneignung ist auch kein Rassismus, sondern ein normaler Vorgang, der in der Menschheitsgeschichte eine lange Tradition hat und nur in jenen Fällen kritikabel ist, wenn damit eine Herabsetzung, Verächtlichmachung des Angeeigneten bzw deren Subjekte verbunden ist. Das ist z. B. bei Dreadlock-Trägern gewiss nicht der Fall, eher im Gegenteil.

  9. Inhalt des Texts ist doch: Im Unterschied zu der von einigen angeprangerten kulturellen Aneignung ( Nach meiner Erinnerung ist das Goethehaus in Weimar vollgestopft mit Asiatika. War damals Mode.) spricht Roberto die seit der Kolonialisierung andauernde materielle Ausbeutung vieler Völker des globalen Südens an und kennzeichnet diese Ausbeutung als materielle Grundlage des woken Gewäschs auf tausenden von Kanälen. Die Territorien dieser Völker werden gegenwärtig nicht mehr allein von den früheren Kolonialherren ausgebeutet, sondern dank Globalisierung haben sie z. T. – fortschrittlich wie sie sind – sogar schon ihre eigenen Oligarchen. Natürlich nicht im Range der obersten 5, aber doch ganz schön ansehnlich, dafür dass es Eingeborene sind. Mal auf Forbes-Liste nachsehen!
    Einzelne Wörter zu „interpretieren“ macht im Rahmen menschlicher Kommunikation keinen Sinn. Es gab mal eine Periode, die nicht darauf verzichtete Wörter, gesellschaftliche Entwicklung, Textabsicht, Sinnzusammenhang in Beziehung zu setzen. Nannte sich Hermeneutik und ist heute noch eine Standard-Methode für Menschen, die mit religiösen Texten unterschiedlichster historischer Perioden arbeiten mit dem Ziel ihre Schäfchen beisammen zu halten. Aufgegriffen wird das beschriebene Problem auch hier: https://www.nachdenkseiten.de/?p=87304. Allerdings am Beispiel des Genderns.
    Wer etwas sagt, ist für den Inhalt von Texten völlig unbedeutend. Maßgeblich ist, welcher Wortvorschlag sich mit welcher Bedeutung in einer Sprachgemeinschaft durchsetzt.
    Was pubertäres Sprachverhalten betrifft: Nicht verzweifeln. Es ändert sich in Zusammenhang mit den wechselnden Peergroups zwischen 12 und 22. Irgendwann können die auch Deutsch, oder das, was man dann darunter verstehen wird.

    1. Dieser Vorwurf der „kulturellen Aneignung“ ist doch der Gipfel des Schwachsinns. Seit es Menschen gibt (auch andere Primaten tun das) ist teilweise Übernahme und Nachahmung von Sitten und Verhalten anderer Gruppen, denen sie begegnen, und Lernen von einander, ein ständiges Merkmal des Sozialverhaltens, und allemal besser als Krieg und Ausrottung, die leider auch nicht selten waren und sind. Ob das Kleidung, Möbel, Werkzeuge und Werkstoffe, Musik, Literatur usw. sind, Menschen übernehmen voneinander.

      DIe „Woken“ sind da Fanatiker von „intellectual property“, jedes Grüppchen für sich und ja identisch und authentisch, Neger muss Neger bleiben (oops Nwort natürlich) und Weisser Weisser, wobei Weisse natürlich toxisch sind, jedes Baby ein Kolonialist. Das ist schon hart an der Psychose.

      Nicht dass die Gegenfraktion einen Deut weniger bescheuert wäre. Für amerikanische Rechte sind political correctness und wokeness „marxistisch-leninistisch“, Dumpfbacken hier wie Hadmut Damisch plappern das dann nach, alles Marxismus, Frankfurter Schule, Stalin, Gulag, ist eh alles das selbe. Deshalb ist auch „bolshewoke“ in den USA schon länger in gewissen Kreisen populär.

      Aber ok, damit lass ichs mal gut sein :), der Artikel ist sonst ja sehr richtig und ok.

  10. Wie schon mehrfach hier ausgeführt steht der Begriff Bolschewiki (von russisch bolschinstwo/большинство für „Mehrheit“) als Bezeichnung für die Mehrheitsverhältnisse innerhalb der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR). Die Menschewiki waren also die Minderheit.

    Den hoffentlich nur als Modeerscheinung „woke Kapitalismus“ aus den USA mit Bolschewiki in Verbindung zu bringen finde ich im höchsten Grade einfallslos.

  11. „Trendsetting“ basiert auf kultureller Aneignung.
    Trendsetter finden nicht, dass ihnen etwas gestohlen, sondern vielmehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

  12. Kultur verbreitet sich letztlich ja durch kulturelle Aneignung.
    Nach der Logik der Kritiker hätten Bill Haley und Elvis nie den Rock’n’Roll erfinden dürfen.

  13. Ich kenne das Overton-Magazin erst seit kuerzerer Zeit, aber dieser Beitrag gefaellt mir so gut, dass ich mir die Seite des Autors sofort gespeichert habe.
    Keep up the good work!

    1. Hi Dachkater,

      Roberto De Lapuente bringt hier regelmäßig meist sehr lesenswerte Beiträge. Hinzu kommt das recht muntere Forum.

      Aber hier gibt es auch viele weitere lesenwerte Autoren.

  14. In dieser ganzen Debatte der Woken-Kultur, der Cancell-Kultur steckt soviel Arroganz die einzig richtige Sichtweise und Sprachterminus zu besitzen, dass es schon sehr bedenklich auteritär auftritt. Meißt will man sich mit solchen Aktionen als besonders humanistisch, als sehr links, als der Gutmensch darstellen. Ähnliche Tendenzen gibt es auch bei einfach falschen Antisemitismus Vorwürfen. Es ist nun mal nicht jede Kritik an der Politik und den miltärischen Aktionen antisemititisch. Aber mit solchen Schlagwörtern braucht man sich nicht mehr auf eine unhaltliche Auseinandersetzung einlassen, weil viele dieser Vorwürfe berechtigt sind.

    Mit all diesen Neuerscheinungen an Betätigungsfeldern, welche keine wahre Systemkritik und Kaptalismusbekämpfung, werden „Möchtegernlinke“ beschäftigt. Dabei ist es wie in der Musikbranche, nach einem viertel Jahr kann man den besten Hit nicht mehr hören und ein neuer Star wird auf die Bühne gehieft. Das die bürgerliche Presse dabei mirtspielt, bedarf keiner Erklärung, da die Aufrechterhaltung und Durchsetzung der Kapitalinteressen das Existenzprinzip der privaten Medienkonzerne ist.

    Das Versagen liegt eindeutig bei der Linken, den Gewerkschaften. Wer keine Klassensprache mehr benutzt, kann keinen Klassenkampf betreiben. Dabei muss man die bürgerliche Mitte mitnehmen.

    1. „Dabei muss man die bürgerliche Mitte mitnehmen.“ Die Frage ist: Wer ist heute die bürgerliche Mitte? Der gegenwärtige Kapitalismus hat die Strukturierungen der Soziologen der letzten Jahrzehnte in der Realität schon längst hinter sich gelassen. Es liegt von links nicht die geringste inhaltliche Füllung des Begriffs „reale Lage der arbeitenden Klassen“ vor. Ich hatte seinerzeit darauf gehofft, dass die internationalen Proteste im Frankfurter Bankenviertel etwas in Gang bringen könnten. Fehlanzeige.
      Mangels der Fähigkeit und Möglichkeit sich große Zahlen vorzustellen, gelten ja schon Heerscharen von Betriebsleitern, Selbsständige des handwerklichen Mittelstandes, als „reich“ und als Bestimmer dieser Welt. Gar nichts haben die zu sagen. Sie sind beliebig manipulierbare Untertanen wie alle anderen. Die meisten von ihnen wissen es sogar. Nur die Ascheträger noch nicht.
      Wir werden nicht mehr von einer bürgerlichen Klasse regiert, sondern von max. 1 % der Weltbevölkerung, die gar keinen Weizen mehr verkaufen, sondern nur noch mit ihm speulieren und wir alle sind den Zufälligkeiten dieser Spekulationen ausgesetzt. Wir können der „kleinen Männchen“ in den Servern nicht habhaft werden, der Hütchenspieler und ihrer Befehlshaber auf den Yachten zwischen den Kontinenten. Diejenigen, die dieses Spiel nicht weiter mitmachen wollen, müssen sich etwas Neues einfallen lassen. Ich hoffe, dass es gelingen wird. Erleben werde ich es wohl eher nicht mehr.
      Das Weitertragen der Asche taugt angesichts der Machtzusammenballung im Weltwirtschaftsforum nicht mehr viel.

  15. Hi Christa,

    ich könnte seit Jahren ins Kissen heulen, weil ich dir in all deinen Anklagepunkten recht geben muss!

    Aber man darf doch nicht total aufgeben.

    Deshalb ist auch so ein winziges gallisches Dorf wie overton-magazin gut und wichtig. Und wie schnell so ein Dorf von innen abgebrannt werden kann, hat gerade TP bewiesen.

  16. Was meinst du, warum ich mich in meinem realen „gallischen Dorf“ so wohl fühle? Wenn fast jeder von fast jedem weiß, ob er geimpft ist, und trotzdem alle miteinander reden, ist das nach meinem Dafürhalten ein besserer Ausgangspunkt als städtische Demoszenerien, wo man keinen Bürger mehr auffordern kann, das Gaffen sein zu lassen, weil nicht abschätzbar ist, welcher der Demos und Gegendemos er sich anschließt. Im Dorf weiß man, wo der andere organisiert ist … . Mancher nur im Fußballverein. Man muss ihn nur noch überzeugen. Mit Argumenten – nicht mit Moral. Die ist individuell und funktioniert nach dem Spiegelprinzip: Wenn ich mich noch selber anschauen kann und aushalten, war´s nicht falsch. 😉

  17. Breaking News:
    Der Ravensburger Verlag plant im bevorstehenden Winter in ausgewählten Wärmehallen spektakuläre Aktionen für die Allgemeinheit. Die letzten Winnetou-Exemplare sollen dort zur Freude der frierenden Heizkostensparer in heimeligen Lagerfeuern aufgehen. Mitglieder der Grünen Jugend sind bereits mit Reden gegen die Kriegsmüdigkeit angekündigt…

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