Sprachdefizite gehen baden

Heidesee, Halle
Catatine, CC0, via Wikimedia Commons

Rassismus am Strandbad? Wer Deutschkenntnisse an neuralgischen Punkten des Alltages einfordert, handelt nicht rassistisch – sondern verantwortungsbewusst.

Riesenempörung letzte Woche wegen eines Strandbadbetreibers aus Halle an der Saale. Der setzte für sein Geschäft nun fest, dass Menschen ohne ausreichend Deutschkenntnisse nicht an den Strand und ins Wasser dürften. Die Begründung lautet: »Es geht ausschließlich um den Schutz von Menschenleben und die Vermeidung von Badeunfällen.« Viele Gäste, die kein Deutsch könnten, hielten sich – aus Gründen mangelnder Verständigungsfähigkeit – nicht an die Baderegeln und könnten auch den Anweisungen der Bademeister nicht folgen.

Daraufhin setzte die Empörung ein. Man bezichtigte den Betreiber rassistischer Reflexe – dass sich das im Osten der Republik abspielte, in Sachsen-Anhalt gar, wo demnächst gewählt und nach allen Prognosen die AfD stärkste Kraft werden dürfte, gefiel den Empörten besonders gut – denn der Vorfall schien ihnen zu bestätigen, dass die Ostdeutschen das dringlichste Problem eines ansonsten weltoffenen Deutschlands seien. Von SPD bis Linkspartei Betroffenheitsnoten, die teils Vergleiche zogen mit deutschen Touristen im Ausland: Man stelle sich nur vor, die Türken ließen keinen Alman mehr ins Mittelmeer, weil der die türkischen Baderegeln nicht versteht.

Die Bürde der Verantwortung

Das sind freilich markige Vergleiche, Steilvorlagen, die man sich gemeinhin nicht entgehen lassen will, um etwas plakativ zu machen. Genau besehen ist dieser Vergleich jedoch nicht statthaft. Die Küstengewässer an türkischen Stränden sind gemeinhin leicht begehbar. Sie werden in großer Zahl überwacht und die Baderegeln sind mindestens auf Englisch ausgewiesen. Beim Strandbad in Halle handelt es sich jedoch um ein Naturbad mit gewissen Strömungen und Untiefen bis zu 13 Metern. Die Tücken eines solchen Gewässers werden vom Publikum gemeinhin gesehen – lassen sich aber ohne Sprachbarriere zumindest ansatzweise vermitteln.

Ist ein solches Verbot, für so unschön man es vielleicht auch hält, ein Akt des Alltagsrassismus? Einer, der angeblich belegt, was »wieder möglich« sei in Deutschland? Die Empörten blendeten jedenfalls die Gefahrenlage und den Handlungsdruck aus, der der Entscheidung laut Aussage des Betreibers vorausging. Sie fokussierten sich lieber auf »die richtige Haltung«, die aber am Rande eines Naturbades, in dem sich dann irgendwann eine Tragödie des Ertrinkens abspielen mag, nicht gerade von großem Nutzen für Hinterbliebene und Verantwortliche sein dürfte.

Nun kann man dem Betreiber natürlich problemlos unterstellen, er habe die Begründung nur vorgeschoben, weil er eine gewisse Klientel, die er nicht nach dem Aussehen vor dem Eingangsbereich aussortieren darf, gar nicht erst in seinem Naturbad haben möchte. Gemeint wären damit junge Männer aus einem anderen Kulturkreis, die in Freibädern im gesamten Land immer wieder als Unruhestifter auftreten und die anderen Badegäste in Bedrängnis bringen. Doch selbst wenn dieser Umstand dahinterstecken sollte, hätte er unzweifelhaft eine Sicherheitskomponente, die man nicht einfach ignorieren sollte, nur weil einem die Stoßrichtung nicht gefällt. Der Betreiber haftet am Ende für die Sicherheit von Gästen und Personal: Er trägt die Verantwortung für die Handlungen und muss demgemäß Entscheidungen treffen dürfen, die einen Zugewinn an Sicherheit versprechen. Es ist jedenfalls allzu einfach, ohne Verantwortung übernehmen zu müssen, ein bisschen auf dicke Haltungshose zu machen.

Nichts verstehen?

Verlassen wir den Badestrand in Halle, wenden wir uns der eigentlichen Problematik zu, die in diesem Fall ruht – und die da lautet: Die fehlende Beherrschung der deutschen Sprache im Alltag birgt nicht nur Probleme – es ist viel mehr ein Skandal, dass es trotz integrativer Bemühungen noch immer so ist, dass eine ganze Reihe von Menschen im Lande lebt, die weiterhin kaum des Deutschen mächtig sind. Es gibt darüber keine konkreten Zahlen, denn das Statistische Bundesamt erhebt keine zu dieser Fragestellung. Warum eigentlich nicht? Man erfährt lediglich, dass sechs Prozent der Gesamtbevölkerung – und 23 Prozent der »Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte« – in den heimischen vier Wänden kein Deutsch spricht. 13 Prozent der Gesamtbevölkerung und 43 Prozent »mit Einwanderungsgeschichte« sprechen vorwiegend eine andere Sprache zuhause. Ableiten lässt sich dabei nur schwerlich, wer gar kein Deutsch kann – bestenfalls darf man die Zahlen als Trend begreifen. Die Empirie in deutschen Großstädten zeigt aber, dass die Verständigungsproblematik erstaunlich hoch ist. Gerade in den Metropolen und Ballungsgebieten entstehen geradezu ethnische Exklaven, in denen die deutsche Sprache nicht von sehr großer Relevanz ist.

Fehlende Sprachkenntnisse sind dabei weit mehr als eine bloße Unannehmlichkeit. Wer sich im Alltag nicht verständigen kann, stößt nicht nur selbst an Grenzen – er schafft auch für diejenigen Schwierigkeiten, die mit ihm in Kontakt treten müssen. Angefangen beim Arzttermin, setzt sich dies in der Schule fort und reicht bis zur Kommunikation mit Behörden, Polizei oder Rettungskräften. Missverständnisse kosten Zeit, binden Ressourcen und Personal und können in kritischen Situationen sogar gefährlich werden. Eine Sprache zu beherrschen ist im alltäglichen Kontext kein kultureller Luxus, auch kein rückständiges Pochen auf eine Leitkultur, die es bitte bloß nicht geben möge – es ist ein Sicherheitsfaktor und die Grundlage einer Gesellschaft, die sich nicht längst in der Dysfunktionalität eingerichtet haben will.

Von der Steigerung des Selbstwertgefühls, weil man auch in einem neuen Umfeld kommunikationsfähig ist, gar nicht erst zu reden. Denn mangelnde Sprachkompetenz bedeutet für die Betroffenen selbst einen Verlust an Selbstständigkeit. Wer Formulare nicht versteht, Arbeitsanweisungen nur bruchstückhaft nachvollziehen kann oder auf Dolmetscher aus der Familie angewiesen ist – oft minderjährige Kinder, die die Last von Eltern tragen, die im deutschen Alltag nicht selbstverantwortlich bestehen können – bleibt dauerhaft abhängig. Der Zugang zum Arbeitsmarkt wird erschwert, soziale Kontakte außerhalb der eigenen Community entstehen seltener, und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben bleibt ebenfalls eingeschränkt. Integration erschöpft sich eben nicht darin, dauerhaft in Deutschland zu wohnen – sie setzt voraus, sich in der gemeinsamen Sprache verständigen zu können. Und diese gemeinsame Sprache ist – Deutsch.

Die, die es ausbaden müssen

Fehlende Deutschkenntnisse haben die Etablierung von Parallelgesellschaften drastisch befördert. Dabei war der Rückzug in Stadtteile, in denen die Amtssprache längst eine Randerscheinung wurde, nicht nur für diejenigen bequem, die Deutsch nicht lernen mussten – man lies diese Entwicklung von Amtswegen und unter politischen Vorgaben einer gänzlich falschen Toleranz gewähren und akzeptierte, dass innerhalb des Staates mehr oder weniger abgeschlossene Gesellschaften entstanden, die es nicht mehr nötig hatten, sich sprachlich zu integrieren – mit dieser behördlichen Bequemlichkeit verbunden ergab sich ein eklatanter Kontrollverlust in einigen Stadtteilen großer deutscher Städte.

Zwar existieren Integrations- und Sprachkurse, doch ihr Erfolg bleibt vielfach überschaubar. Mittlerweile gibt es einige Protagonisten, die in der Erwachsenenbildung tätig waren und vom fehlenden Druck auf jene künden, die im Zuge ihrer Ankunft im Lande die Sprache erlernen sollten. Die Behörden scheuten die Anwendung von Zwang – oder von Anreizen, die eine Lernaufnahme begünstigen könnten. Fernbleiben wird gemeinhin akzeptiert, der Träger der Maßnahme gewährt im Zweifelsfall einfach noch einen Sprachkurs als Zweitauflage. Man wolle Menschen in solchen Integrationskursen nicht schikanieren – ein ziemlich schiefes Bild, den Erwerb einer Sprachkenntnis als Schikane zu deklarieren. Den Spracherwerb obligatorisch zu machen, die ins Land kommenden Menschen zu verpflichten: Das ist ein Hoheitsrecht des Staates und seines Gemeinwesens. Es nicht nachgehalten zu haben, war eine Unterlassung gravierender Güte. Die Zeche hierfür zahlen Pflegekräfte, Sachbearbeiter, Polizisten, Ordnungsdienstmitarbeiter, Kontrolleure – und nicht zuletzt Betreiber von Schwimmbädern, die schnell zum neuralgischen Sammelpunkt werden können, wenn disziplinarische Anweisungen nicht verstanden werden. Menschen, die Verantwortung für den sicheren Ablauf ihres Geschäftes tragen, die eine Fürsorgepflicht gegenüber Angestellten an den Tag legen müssen, haben nun auszubaden, was politisch seit vielen Jahren unterlassen und als falsche Toleranz verkauft wurde.

Das ist der eigentliche Skandal um die Ereignisse in Halle. Der Betreiber muss so handeln, weil parallelgesellschaftliche Strukturen den Geschäftsablauf nicht nur behindern können, sondern sogar gefährden. Stattdessen stürzt man sich erneut in eine Rassismus-Debatte, die nichts beleuchtet, sondern einen gesellschaftlichen Missstand weiter vernebelt. In Sachsen-Anhalt hat man letzte Woche eine der vielen Episoden des bundesrepublikanischen Alltages beobachten können, deren Grundlage das Scheitern etwaiger Integrationsbemühungen ist. Natürlich sollte niemand aufgrund seiner Herkunft benachteiligt werden. Viel entscheidender ist aber letztlich, berechtigte Anforderungen an Kommunikation und Sicherheit nicht vorschnell als Diskriminierung abzutun. Eine Amtssprache zu beherrschen ist keine Kür – es ist Pflicht. Sollte es zumindest sein, wenn man seinen Lebensmittelpunkt verlagert hat. Wer hier den Rassismus beschreit, festigt Strukturen, die sich über die letzten Jahre eingeschliffen haben und die den Alltag in diesem Lande auf eine negative Weise beeinflussen. Dass am Ende auch Deutsche in der Türkei leben, die kaum Türkisch können, rechtfertigt nicht, warum man es hierzulande hinnimmt, dass es dieses Phänomen in starker Ausprägung gibt. Die türkischen Behörden hätten jedes Recht dazu, Sprachkenntnisse von diesen ausgewanderten Deutschen zu verlangen.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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11 Kommentare

  1. Eigentlich sollte die Erlernung der Sprache des Aufnahmelandes eine Selbstverständlichkeit sein. Leider erodiert das stark, das merke ich bei uns in der Firma, gerade englisch sprechende Ausländer (vor allem Pakistani), bemühen sich teilweise überhaupt nicht und die servilen selbsthassenden Deutschen kommen denen dann auch noch zu 120% entgegen. Ich bin dann halt raus, ich gehe nicht in englischsprachige Meetings (so es sich irgendwie vermeiden lässt) und meide die entsprechenden Kollegen (bzw. die mich).

    Dass unsere Politik Arbeitnehmerfreizügigkeit etabliert, aber das Sprachproblem (auch in Kigas und Schulen) einfach wegignoriert wird, bringt mich wirklich auf die Palme! Es scheint kaum offizielle Regelungen zu geben. Ich saß auch schon in einem Ersthelferkurs für den Führerschein, zusammen mit Leuten, die buchstäblich nichts verstanden haben können, weil sie nicht ansatzweise deutsch verstanden oder sprachen. Sowas regt mich auf! Dann kann man es doch auch gleich lassen! Selbstredend haben die natürlich auch alle ihren nötigen Nachweis erhalten, daseinsveredelnde Herkunft reicht ja mittlerweile und niemand hat Bock, sich mit den Gutmenschen zu streiten…

  2. „Viele Gäste, die kein Deutsch könnten, hielten sich – aus Gründen mangelnder Verständigungsfähigkeit – nicht an die Baderegeln und könnten auch den Anweisungen der Bademeister nicht folgen.“

    Wie es die Befürworter solchen Nonsens wohl im Umkehrschluss im Ausland halten? Sonderlich sprachbegabt ist die deutsche Spezies ja ohnehin nicht…
    Also ab sofort dann die Nutzung von Bademöglichkeiten für deutsche Urlauber im Ausland an deren Sprachkenntnissen speziell in der jeweiligen Verbotskultur festmachen?

    Da möchte ich gerne Mäuschen spielen, wenn der feisten Erna nach dem Eimersaufen jetzt auch noch der Strandzugang ohne Spanischkenntnisse (plus natürlich genereller Schreib- und Leseprüfung, welche zunehmend bereits in der Heimat scheitert…) abgesprochen wird!

      1. Er hat doch genau das angesprochen, was gefragt wird. Was machen die Betreiber bei Touristen und sollte man deutschen Touristen im Ausland dann ebenfalls alles verbieten, solange sie nicht auf Malle einen Spanischtest im C1-Niveau bestanden haben?

  3. Für mich ist es selbstverständlich, dass ich, sollte ich jemals nach Portugal, Schweden oder sonstwohin auswandern, die jeweilige Amtssprache erlerne, ansonsten wäre ich das, was Deutschen im Osten immer nachgesagt wurde: Der Stumme = nemec. Derjenige, dessen Sprache man nicht versteht, und im Umkehrschluss, derjenige, der meine Sprache nicht versteht.
    Außerdem habe ich immer gute Erfahrungen gemacht, wenn ich mich – sicher auch radebrechend – in der jeweiligen Amtssprache unterhalten habe.

    1. @Gunther

      Also dementsprechend Ausnahmegenemigungen für den feisten Heinz (und der feisten Erna) im Urlaub?

      Und wie verhält es sich dann für deren „in die Pools pinkelnden“ Nachwuchs, welchem dieses NoGo noch nicht von deren besten Freunden, der KI und ihren Handys, vermittelt wurde?

  4. Deutsch ist halt auch keine nützliche Sprache. International wird sie kaum gesprochen und selbst im eigenen Land eher von der Unterschicht (und dem Beamtentum) verwendet. Ich verwende bei vielen Gesprächen weitaus mehr Englisch als Deutsch, daher kann ich das schon nachvollziehen.
    Was den Badebetreiber angeht, so kann er die Baderegeln problemlos auf Englisch auslegen. Das mag manchen Deutschtümlern nicht gefallen, ist aber internationaler Standard, gerade wenn man es auch auf Touristen abgesehen hat, von denen man beim besten Willen nicht erwarten kann, dass sie Deutsch sprechen. Dass dies nicht gemacht wird, zeigt eher die Kleinbürgerlichkeit dieses Landes, welches sich immer noch als moralische Weltmacht und weltoffen sieht, aber eigentlich nur ein Gartenzwerg in einem verblühenden Garten ist.

  5. Hallo Herr Lapuente, ich bin dort ortskundig. Ort des Geschehens ist der Heidesee in Halle-Nietleben. Nietleben ist der Randbereich von Halle-Neustadt, wo in DDR-Zeiten Plattenbau-Wohnraum für 100.000 Menschen errichtet wurde. Heute ghettoisiert und bewohnt von eingeschleppten kultur- und raumfremden Menschen aus aller Welt, dezent ausgedrückt. Der Heidesee war und ist die Badewanne von Halle-Neustadt, nur jetzt mit anderen Menschen als früher. Es ist dort sehr schlimm geworden in den letzten 10 Jahren. Das ist eine der Stellen, wo man sagt, das ist nicht mehr mein Land.

    Ach so, was ich noch hinzufügen möchte, das Foto mit der menschenleeren glatten Wasseroberfläche täuscht. Da ist ganz schon was los, alles voll mit Menschen, laute Musik wird abgespielt, Umgebung zugeparkt, und jede Menge hinterlassener Müll. Das werden wohl eher die Gründe für den Eklat gewesen sein, und nicht „die Sprache“.

  6. Nach dem WM-Aus gegen Paraguay:

    „Jungs, wir sind stolz auf euch!“
    (Kanzler Friedrich Merz)

    „Nagelsmann ist ein Toptrainer!“
    (Rudi Völler)

    „Ich bleibe.“
    (Julian Nagelsmann)

    „Tja sorry.“
    (Spieler Havertz)

    „Glückwunsch Paraguay!“
    (Spieler Amiri)

    Paraguays Präsident hat den Tag des Sieges über Deutschland zum nationalen Feiertag ausgerufen.

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