Soziologie der Weltfremdheit?

Bild: F.R.

Rezension zu Caroline Amlinger/Oliver Nachtwey: „Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus“. Ihre Prämisse scheint von Anfang an zu sein: Alles ist gut so gelaufen, wie es gelaufen ist.

Wer ein Buch lesen möchte, dessen Autoren – bei milder Auslegung – fast drei Jahre unter einem Stein geschlafen haben, der möge bitte zugreifen.

Denn die zwei Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey machen es sich in ihrem Wälzer zur Aufgabe, jegliche Kritik daran, was von staatlicher, medialer und lobbyistischer Seite mit unseren Gesellschaften, ja, mit der Welt seit 2020 passiert ist, als völliges Phantasma, als reine Wahnvorstellung abzutun.

Ihre Prämisse scheint von Anfang an zu sein: Alles ist gut so gelaufen, wie es gelaufen ist.  Darin liegt die wesentliche (vermutlich die einzige) Prämisse dieses Buches: Denn die Argumentation des gesamten Textes funktioniert nur, wenn man  davon überzeugt ist, dass alles, was politisch, medial, medizinisch, gesamtgesellschaftlich während der Corona-Krise passiert ist, notwendig war, weil ja ein Ausnahmezustand herrschte (Stichwort: „Aber wir haben ja eine Pandemie!“). Wenn man den Schreibenden diese Prämisse wegnimmt, fällt die ganze Argumentation des Buches in sich zusammen wie ein Kartenhaus.

Erstaunlich ist dabei, dass Amlinger und Nachtwey sich offenbar an keiner Stelle an den Ausspruch von Carl Schmitt erinnert fühlen „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ Erstaunlich ist das Auslassen dieses Zitats deshalb, weil die beiden Soziologen die Ansichten des rechtskonservativen Staatstheoretiker auf Seite 48 mit einem anderen Zitat sogar kritisch zitieren.  Es zeugt von kognitiver Dissonanz, dass man Schmitt bespricht, ohne den Aspekt des Regierens im Ausnahmezustand zu thematisieren und seine Plausibilität auf Deutschland in der Gegenwart zu prüfen: Denn genau mit der Ausrufung des Ausnahmezustands lässt sich allerhand durchbringen, wie man gegenwärtig am Beispiel von El Salvador erkennen kann, das seit März 2022 im Ausnahmezustand ist. Angeblich, wegen Bandenkriminalität.

Und auch wenn Giorgo Agamben zum Ausnahmezustand als politisches Mittel viele Jahre geforscht hat, kann nicht sein, was nicht sein darf. Agamben, der von Beginn an starke Kritik an den Corona-Maßnahmen äußerte, taucht nämlich bei Amlinger und Nachtwey als intellektuelles Negativ-Beispiel auf: ein Intellektueller auf Abwegen, dessen philosophische Ansätze in „Verschwörungsdenken“ umschlugen (S.230f.).

Wer als (politischer) Soziologe jedoch über das angeführte „Ausnahmezustand-Zitat“ von Schmitt nachdenkt und dieses auf die Geschehnisse seit 2020 konsequent anwendet, der muss eigentlich zu ganz anderen Ergebnissen als Amlinger und Nachtwey kommen. Der wird bemerken, dass der Ausnahmezustand längst verwendet wurde, um vielfach untragbare gesellschaftliche und politische Entwicklungen, Verordnungen, Gesetze zu rechtfertigen. Eine Entwicklung, die man seit dem Beginn moderner Staaten in unterschiedlichen Kontexten beobachten kann, immer auch unter Berufung auf Sicherheit.

Was bei dem vorliegenden Buch ebenso interessant wie erschreckend ist: Phänomene, die man in den letzten Jahren ganz einfach beobachten konnte, werden erst gar nicht thematisiert, schon gar nicht untersucht und erst recht nicht kritisch betrachtet. Das Ändern von Verordnungen im Wochentakt, der DIVI-Skandal um die Frage der Zählweise der Intensivbetten, das undifferenzierte Zählen von Menschen mit positivem Corona-Test als „Erkrankte“ (statt nur: positive Tests), grundsätzliche Problematiken im „Datensalat“ bei Corona, aber auch Skandale wie etwa Jens Spahns Millionenvilla in der Hochzeit der Krise, sprachliche Eskalationen, Feindbilderzeugungen, unzutreffende Fremdzuschreibungen schlimmster Art von Journalisten, Politikern, Satirikern was z.B. die Gruppe der Ungeimpften, die Querdenker-Bewegung oder grundsätzlich kritische Stimmen betrifft usw.  Ist dies alles an den Autoren vorübergegangen?

Oder was ist mit der immer noch ungeklärten Frage um den Laborursprung des Corona-Virus, die US-Senatsanhörungen von Anthony Fauci bzgl. möglicher Geldströme ins Wuhan Lab of Virology, wo teils hochgefährliche Gain-of-Function-Forschung gemacht wird; haben die Autoren auch dazu noch nie etwas gelesen? Was ist mit Menschen, die nicht mehr arbeiten gehen durften oder gekündigt wurden, obwohl man längst wusste, dass man trotz Impfung an Corona erkranken kann und Menschen anstecken? Was ist mit Menschen, die aufgrund des Fehlens des grünen Passes keine Reisen antreten durften, nicht ins Theater, nicht ins Kino, nicht ins Fitnessstudio durften; und das alles zu einer Zeit, als schon längst klar war, dass die Impfung keine sterile Immunität erzeugt? Was ist mit jenen, die einsam ohne ihre Nächsten in Pflegeeinrichtungen verstorben sind?

Es scheint im Gegenteil für die Soziologen keinen Zweifel zu geben, dass die „Pandemie-Bekämpfung“ durchwegs gut und richtig gelaufen sei, was erklärt, warum die Autoren jegliche Form des Skeptizismus und der Kritik an (naivem) Fortschrittsglauben ablehnen, weil sie selbst einen „Pfad linearen Fortschritts“ proklamieren (S.349). Dies zeigt sich auch in ihrer Kritik an Adorno und Marcuse, deren Technikskepsis und Institutionenkritik sie als Kulturpessimismus auslegen (z.B. S.44). Überhaupt wollen die beiden Schreibenden den autoritären Charakter, die autoritäre Persönlichkeit, wie ihn Adorno in seiner kritischen Theorie beschreibt, als überholte Figur verstanden wissen.

Worum es in dem Buch geht und worum es eigentlich wirklich geht

Während Autorin und Autor behaupten, dass sie sich aus soziologischer Perspektive mit den Maßnahmenkritikern (allen voran: die Gruppe der Querdenker sowie AfD-naher Maßnahmenkritiker) beschäftigen und dabei in Interviews eine (vermeintlich) in sich schlüssige Figur des Freiheits-Autoritarismus zu identifizieren gedenken, so scheint die  Botschaft des Buches in Wahrheit eine andere zu sein: Die ( faktisch nachweisbaren) Freiheitsbeschränkungen in Mitteleuropa (und auf der ganzen Welt), die durch die Corona-Pandemie stattgefunden haben, dürfen nicht hinterfragt werden. Zu diesen Freiheitseinschränkungen gehörten unter anderem: „monatelange Schulschließungen, drei Lockdowns in Deutschland, vier in Österreich, Testpflichten, Massentests, Maskenpflicht, teils sogar im Freien, verfassungswidrige Impfpflicht, Teil-Impfpflichten, 2G-Regelungen in Kultur, Arbeit, öffentlichem Leben, Lockdown für Ungeimpfte, Reisebeschränkungen, Begünstigung von geimpften Kindern in der Schule und Benachteiligung von ungeimpften Kindern, usw. usf. Aus Sicht der Autoren war und ist jeglicher Protest dagegen illegitim. Dieser (illegitime) Protest drückt sich, so die  Soziologen, im Phänomen des libertären Autoritarismus aus.

Was aber meinen sie damit genau? Nachtwey und Amlinger entwickeln in ihrem Buch einen Begriff, der im besten Falle ein Oxymoron, im schlechtesten Fall eine contradictio in adjectio darstellt. Anhand der Querdenker-Bewegung und anhand von AfD-Sympathisanten glauben sie, einen neuen autoritären Typus aufgespürt zu haben, der seine persönliche Freiheit vor alles andere stellt und diese gleichzeitig autoritär durchzusetzen versucht. Was sich hier in theoretischer Ritterrüstung, beschlagen mit Brustpanzern wie Adorno, Habermas, Max Weber, Bauman oder Bourdieu präsentiert, ist am Ende aber erstens nicht mehr als ein braves Runterrattern der Soziologiegeschichte und zweitens ein Sammelsurium verkleideter Stehsätze und Kampfbegriffe, die bereits zu Beginn der Pandemie in Dauerschleife skandiert, soziologisch von Amlinger und Nachtwey aber offenbar überhaupt nicht reflektiert wurden. „Schütze dich und andere“, „Sei solidarisch“, „Die Freiheit des einen endet da, wo die Freiheit des anderen beginnt“ werden ganz einfach in akademische Sprache gehüllt und von entsprechenden abwertenden Begrifflichkeiten wie „Freiheitsgeraune“, „Verschwörungstheoretiker“ und dergleichen gerahmt.

Überhaupt ist das Buch voll von verkleideten Kampfbegriffen, Wertungen und offenkundig persönlichen Einstellungen der Schreibenden, wie man schon auf der ersten Seite feststellen kann, wenn davon die Rede ist, dass die Sorge dieses neuen Typus „nicht autoritären Populisten, weder Donald Trump noch Wladimir Putin, und auch nicht rechtspopulistischen Parteien wie der AfD“ gelte. Hier steht sogleich – neben dem Vorwurf des Rechtsextremismus und des White Supremacist – der Kampfbegriff des „Putinverstehers“ im Raum, ohne ihn zu nennen. Aber der Rahmen, in dem man zu denken, oder besser: nicht zu denken hat, ist sogleich gesteckt. (Anm. 1) Und wer nicht immer und immer wieder seine Abneigung gegenüber der AfD betont, der muss natürlich automatisch ein AfD-Sympathisant sein.

Selbiges gilt übrigens für den im Buch regelmäßig auftauchenden Verweis auf Verschwörungstheoretiker und „Verschwörungsspiritualität“ (Kapitel 7). Denn Verschwörungstheorien werden dabei bei Amlinger und Nachtwey nie inhaltlich ausdiskutiert, sondern es bleibt bei dem Verweis darauf wie „krude“ diese Verschwörungstheorien sind. Das führt zu einer regelrecht antiaufklärerischen, zumindest aber paternalistischen Geste gegenüber den Lesern, nach dem Motto: „Dies und das ist Quatsch, damit sollst du dich gar nicht beschäftigen.“ Was an den Verschwörungstheorien im Detail problematisch sei, was genau daran eine Theorie ist und nicht stimmt, bleiben die Schreibenden stets schuldig.

Ob gewisse Theorien einen wahren Kern haben oder Teilaspekte davon nachvollziehbar und richtig sind, darf erst gar nicht gedacht werden. Das erweckt beim Lesen des Buches wiederum den Verdacht, dass die Autoren entweder zu vielen Themen, die sie als Verschwörungstheorien labeln, überhaupt nie wirklich recherchiert haben, oder aber, dass sie bewusst bestimmte Inhalte derart toxisch framen, dass sie sich niemand anzugreifen traut, ohne selbst schnell zum Verschwörungstheoretiker zu werden. Dass sich nämlich im Laufe der Pandemie viele angebliche Verschwörungstheorien schließlich bewahrheiteten (etwa, wenn man an die kurze Dauer der Impfstoffe denkt, an doch stark erhöhte Nebenwirkungszahlen, an Impfpflichten, die nie kommen sollten, dann aber doch fast oder in Österreich sogar kurzzeitig durchgesetzt wurden usw. usf.) wird auch nicht thematisiert.

Auch Aspekte, die kritische Menschen ganz einfach skeptisch machen müssen, werden von Amlinger und Nachtwey ignoriert. Dies bedeutet, dass überhaupt nicht überprüft wird, ob der Grund für Protest (der sich ja von der Art und Weise des Protestes unterscheiden kann) gerechtfertigt ist. Spannend ist dabei eine neoliberale Umdeutung der kritischen Theorie, indem die Autoren folgendes sagen und dabei auf zuvor behauptete „soziale Pathologien“ (S.30) Bezug nehmen: „Die Kritische Theorie der Gegenwart muss das Individuum nicht länger über die Gefahren einer repressiven Gesellschaft aufklären, sie ist vielmehr aufgefordert, das gegen die Gesellschaft rebellierende Individuum vor sich selbst zu warnen.“ (S.46)

Diesem Verständnis nach gibt es keinerlei politische Repression und äußere Zwänge mehr, sondern ein durch die narzisstische Ich-Gesellschaft verdorbenes Individuum muss mittels Sozialtheorien in die Mangel genommen werden. Der potenziell negative Einfluss von Politikern und Eliten (und deren Handlungen) auf die Sozialstruktur von Gesellschaften scheint damit völlig vom Tisch zu sein: Schuld ist der Einzelne, der gefälligst zufrieden sein muss mit dem Wohlstand, dem Fortschritt und der diktierten Freiheit.

Dabei werden zudem extreme Positionen der Maßnahmenkritik mit jeglicher Kritik an Staat, Eliten und Medien in einen Topf geworfen: Menschen wie der vegane Koch Atilla Hildmann, der ein Q-Anon-Anhänger ist, oder Leute, die seit Jahren ihr Haus kaum mehr verlassen, werden dann quasi im selben Atemzug genannt wie die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, Giorgo Agamben oder Wolfgang Wodarg. Allesamt sind gleichermaßen libertär-Autoritäre, auch wenn man den Inhalt ihrer Bücher auf zwei Seiten verkürzt wiedergibt und nur eben jene Zitate verwendet, die zur Verunglimpfung der Person (in diesem Fall: Guérot, S.231f.) regelmäßig hinzugezogen werden.

Auch dies ist vonseiten der Autoren eigentlich keine sehr interessante, sondern leicht zu durchschauendes Strategie und für die verschiedenen betroffenen Personen auch ein unredliches Vorgehen: Extrempositionen von tatsächlichen „Spinnern“, die es zweifelsohne gibt – ebenso wie Esoteriker, selbstgerechte, narzisstische Maßnahmenkritiker und Rechtsextreme, die sich leider mit Genuss auf diesen Protest draufsetzen – werden im pars-pro-toto-Verfahren der gesamte Menge an vielfach seriösen Kritikern und hellwachen Geistern in der Bevölkerung übergestülpt.

Problematisch ist dabei, dass diese Generalisierungen den tatsächlichen Extrempositionen nur zugutekommen. Denn wenn plötzlich alle Abweichler Verschwörungstheoretiker und Rechtsextreme sind, dann können sich die echten Neonazis hinter jenen, die – ohne es selbst zu verstehen – zu Rechtsextremen und Verschwörungsgläubigen (oder zu libertär-Autoritären) gemacht wurden, verstecken. Gleichzeitig wird dabei von Amlinger und Nachtwey übersehen, dass auch der  „falsche“ Mund die Wahrheit sprechen kann: ein Rechter, ein Esoteriker und auch psychisch kranke Menschen können in vielerlei Hinsicht Sachverhalte präzise und logisch beurteilen, benennen, auf den Punkt bringen.

Verpasste soziologische Debatte: Gelbwesten und Querdenker

Nachtwey und Amlinger meinen, die Menschen, die sie interviewten, wirkten „eigentümlich verstimmt und enttäuscht von der Welt – gekränkt.“ (S.10). Wie privilegiert oder mit Scheuklappen versehen muss man eigentlich sein, um die letzten zweieinhalb Jahre anders zu erleben? Polit-Skandale im Sekundentakt, bis heute kein Aufstocken und Besserbezahlen der Pflegekräfte, politische Korruption, Lockdowns, Massenarbeitslosigkeit, Kinderpsychiatrien, die zum Bersten voll sind, eine möglicherweise verlorene Generation, Zunahme an Alkohol-Drogenkonsum und nun auch noch eine massive Wirtschafts- und Energiekrise; und die Schreibenden wundern sich, dass Menschen verstimmt sind?

Was die Autoren von „Gekränkte Freiheit“ offenkundig nicht verstehen, und das ist angesichts der Tatsache, dass sie Soziologen sind, umso frappierender, dass nun in Deutschland (und auch in Österreich) Prozesse endgültig ihre Klimax erreicht haben, die etwa in Frankreich schon seit vielen Jahren diskutiert werden: die Entfremdung der Menschen, vielfach vor allem benachteiligter Personengruppen, von den „linken“ Parteien, der Verlust einer politischen Heimat und die potenzielle Vereinnahmung dieses Unmutes vonseiten rechter oder rechtspopulistischen Parteien. Nicht aber, weil sich die Menschen radikalisieren oder allesamt und im Urgrund „Nazis“ sind, rücken sie näher zu rechten Parteien, sondern weil sie sich von den linken und grünen Politikern weder vertreten noch repräsentiert fühlen und den Eindruck haben, dass hier linke Eliten – der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty beschrieb diese Kaste als linke Brahmanen – über ihren Kopf hinweg Dinge durchsetzen, die mit ihren Lebensrealitäten nichts zu tun haben und ihnen fast nur Benachteiligung bringen. Auch reale Aspekte wie Altersarmut, Zersiedelung, Benzinpreiserhöhung, De-Industrialisierung mit gleichzeitiger Verelendung und dgl. tragen dazu bei.

Der französische Soziologe Didier Eribon, selbst als Arbeiterkind ein Aufsteiger, hat diesen Prozess eindrücklich in seinem autobiographischen Roman „Rückkehr nach Reims“ (2009) skizziert, der sich an Annie Ernauxs Autobiographie orientiert. Weitere Diskussionen über die Entfernung der Intellektuellen von den „einfachen“ Menschen, insbesondere der Landbevölkerung, beschrieb der junge französische Autor Édouard Louis („Das Ende von Eddy“, 2015). Wenngleich Didier Eribon nicht damit einverstanden war, so berief sich auch Sahra Wagenknecht in ihrem Buch „Die Selbstgerechten“ (2021) auf Eribon. Das Unbehagen und die Proteste in Frankreich gipfelten schließlich in den letzten Jahren in den Protesten der „Gelbwesten“, die ebenso gerne wie die Querdenker oftmals als „rechts“ geframed werden – was teilweise zwar stimmt, aber eben nur ein Teil der Wahrheit ist.

Mit einem solchen Framing kommt man in der politisch-soziologischen Analyse, weder der Gelbwesten, noch der Querdenker nämlich kaum weiter. Kurioserweise verweisen die Soziologen in ihrem Buch zwar an einer Stelle auf die Gelbwestenbewegung (S.351) und räumen ein, dass diese nicht primär rechts sei. Eine weitere Analyse der Strukturanalogie von Gelbwesten-Bewegung und Querdenkern bleibt an dieser Stelle aber aus.

Im Gegenteil: Wenn man „Gekränkte Freiheit“ liest, so hat es den Anschein, als würden die beiden Autoren zu ebenjener Kaste der linken Brahmanen gehören, die völlig entkoppelt von Menschen abseits ihres Milieus ist. Die Schreibenden wollen offenbar nicht begreifen, dass sie als Soziologen gut daran täten, ihren eigenen Habitus (im Bourdieuschen Sinne) zu hinterfragen und zu reflektieren; eigentlich eine zu erwartende Selbstverständlichkeit, wenn man sich sogar im eigenen Buch auf Bourdieu bezieht.

Was in ihrem Buch in fulminant karnevalsker Umkehr betrieben wird, ist jedoch, dass man versucht, den autoritären Typus, wie man ihn bei Adorno nachlesen kann, ad acta zu legen, um einen neuen, paradoxen Typus des Autoritären zu entwickeln. Verschleiert wird damit, dass der „alte“ autoritäre Charakter perfekt auf Intellektuelle wie Nachtwey und Amlinger passt, die sich als solidarische Regelbefolger und wissenschaftstreue Vernunftwesen gerieren, stets nur das Gute wollen und die Pflicht zum Gehorsam herbeischreiben. Am Ende sieht man jedoch zwischen den Zeilen immer wieder die Figur von Qualtingers „Herr Karl“ in Blockwart-Manier in den Soziologen aufblitzen, der nach oben buckelt und nach unten tritt. Kritisiert werden nämlich in dem gesamten Buch nicht die Herrschenden, sondern marginalisierte Gruppen in der Bevölkerung, zeitgleich wähnt man sich als Brahmane aber antidiskriminierend und kritisiert (vermeintlich) die Klassengesellschaft (S.12). Dass aber genau jene unterprivilegierten Bevölkerungsgruppen (Arbeiter, Migranten, Arbeitslose, usw.) am meisten unter den unverhältnismäßigen Maßnahmen zu leiden hatten, das scheint den Schreibenden entgangen zu sein.

Vermeintliche Objektivität wird in dem Buch immer wieder durch abwertende Verben durchbrochen, die die Gedanken und die Rede „der Anderen“ als Lächerlich darstellen und jeden Grund für Protest grundsätzlich delegitimieren, ja, jegliche Legitimität von Unmut und Widerstand völlig in Abrede stellen.  Durch Begriffe wie „raunen“ (S.9), „murren“ (S.142) oder „schwadronieren“ (S.142) finden Abwertungen statt, die die Rede der „Anderen“, der Untersuchten, ins Lächerliche ziehen. Dieses Vorgehen erinnert in erschreckenderweise an die Sprache der Anthropologie, als man noch „Wilde“ und „Menschenfresser“ untersuchte. Letzten Endes ist dies eine Sprache der Ethnologisierung, die auf den großen Anderen, den „Rechten“, den „Querdenker“ angewendet wird.

Und während die beiden Soziologen den Kritikern von Coronamaßnahmen schon im Titel ein Gekränkt-Sein attestieren und somit die Mottenkiste der Pathologisierung aufmachen, könnte man ebenfalls psychologisierend kontern und sagen, dass die Schreibenden offenkundig dem Primacy-Effekt (Primär-Effekt) aufgesessen sind: Dies bedeutet, dass eine kognitive Verzerrung der Erfahrung stattfindet, weil man sich als Mensch an jene Informationen besser erinnert, die als erstes im Gehirn eingetrudelt sind und somit später ankommende Informationen schlechter im Gedächtnis bleiben. Anm. 2) Die Soziologen gilt es zu fragen: Gibt es denn wirklich keine berechtigte Gründe dafür, dass Bürger ihr Vertrauen in die Politik, so genannte „Autoritäten“ und Experten verloren haben? Mögliche Gründe wurden schon weiter vorne angeführt, aber wie sieht es mit den Folgenden aus?

Impfungen, die nicht wie versprochen, gegen Ansteckung, Weitergabe und Long Covid schützen; Behauptungen, wonach der Impfschutz für ein Jahr halte und dann war zu beobachten, wie der vermeintliche  Wirksamkeitszeitraum auf die  gegenwärtigen 3 Monate schrumpfte. Bürgern wurde gesagt, es gäbe keine Lockdowns, nur um dann zwei Wochen später einen Lockdown zu verhängen.  Politiker in Deutschland und Österreich waren und sind in Maskendeals, Testgeschäfte und Korruptionsskandale verwickelt; sie haben zugunsten von Impfstoffherstellern und zu Ungunsten von Impfgeschädigten mit Pfizer Abkommen abschlossen.

Nachvollziehbare Gründe für sowohl eine berechtigte Kritik als auch den Vertrauensverlust ließen sich leicht fortsetzen.

Die Corona-Krise war jedenfalls ein Lackmustest, ob man das erlernte akademische Wissen, die entsprechenden soziologischen Analysen und Theorien auch im entscheidenden Moment anwenden kann. Bei allem braven Herunterrattern der Soziologie-Klassiker: Amlinger und Nachtwey haben diesen Test nicht bestanden.

———————————————————————————–

Anm. 1: (Politisches) Framing ist seit Jahrzehnten bekannt und wird vor allem in der kognitiven Linguistik häufig besprochen. Vgl. George Lakoff: „Moral Politics“ (1996), vgl. auch Elisabeth Wehling: „Politisches Framing“ (2016).

Anm. 2: An dieser Stelle verweise ich auf eine, wie kann es anders sein, dubiose (Internet-)Quelle, die ich mit Sicher-heit auf Telegram gefunden habe: https://lexikon.stangl.eu/4882/primacy-effect-effekt , abgerufen am 21.10.2022.

Ähnliche Beiträge:

Sei der erste, der diesen Beitrag teilt:

13 Kommentare

  1. „Der Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“

    Da hat der Carl Schmitt einfach mal Recht behalten! Der Staat ist dem Bürger übergeordnet. Der Hegemon ist den Staaten übergeordnet. Dieses System nennt man Subordinationsprinzip.

    Ganz Einfach

    1. Eigentlich ganz einfach: Vernünftiges Denken und Handeln setzt zumindest ein minimales Quantum an Vernunft voraus. Wenn das fehlt, ist das Ergebnis entsprechender Tätigkeit eben nur zufällig und nicht ursächlich vernünftig.

  2. „Überhaupt wollen die beiden Schreibenden den autoritären Charakter, die autoritäre Persönlichkeit, wie ihn Adorno in seiner kritischen Theorie beschreibt, als überholte Figur verstanden wissen.“

    Den autoritären Charakter gibt es auch als Buch:

    Theodor W. Adorno
    „Studien zum autoritären Charakter“

    Ausnahmsweise hat Adorno, bzw. mehr andere als Adorno,
    mehr gemessen als in der Luft herumgefuchtelt.

    “ Überholte Figur “ kann nicht sein, geht nicht, kann nicht stimmen…
    Ist eine gefährliche Behauptung !

  3. ZOMBIESOZIOLOGEN

    Zugegeben: auch ich hab mich in den letzten zweiundhalb Jahren als Sozialwissenschaftler mit dem „Pandemie“ genannten Politik- und Massenphänomen beschäftigt. Und in jedem zweiten Heft des weitverbreiteten Fachmagazin soziologie heute macht- und medizinkritische Beiträge veröffentlicht: der erste erinnerte an Carl Schmitt Kernaussage von 1922: ,,Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ Im letzten ging es um falsche Staatspolitik in Deutschland am Beispiel Corona.[1] Insofern fand ich die Rezension von jdzimmermann zum Neubuch der Baseler Soziologen („Getränkte Freiheit“) mit der Kritik ihres fachsoziologisch so verbrämten wie verschämten plumpen Neukonservatismus als Ideologie der sozialen Mitte angemessen.

    Das Buch dieser Soziologen werd´ ich nicht lesen: mir hat schon deren interviewische Meinung in der Berliner Zeitung am 16.10.2022 gereicht[2]. Dort fiel mir eine besonders wichtige politiksoziologische Behauptung auf. Diese beruht auf der ausgeprägt begrifflichen Schwammigkeit des Duos und führt zu einer ausdrücklichen, unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen, politischen, medialen, ideologischen und kulturellen Macht- und Herrschaftsverhältnissen infam wirkenden Gleichsetzung von ihnen verdammter „Querdenker“ mit einer Strömung, die Historiker als politische Querfront gegen die Nazis der frühen 1930er Jahre bezeichnen. Diese gilt den Autoren als politisch besonders gefährlich: wenn „am Ende Rechte und Linke zusammen“ mobilisieren gegen autoritäres Staatshandeln und diesem strukturell eingelagerte faschistoide Tendenzen.

    To sum up: Zombie scholars are neither paper tigers nor bullshit scientists but generate zombie science, only zombie science, and nothing but zombie science …

    [1] Vgl. R. Albrecht, MUCH ADO ABOUT FEW: Covid-19 Virus – Pandemie – Coronakrise. Von der Definitionsmacht zum Risikoparadox; in: soziologie heute, Juni 2020, 71/2020: 46; ders., Unterwerfung als Subordinationsprozess bei staatlichen Maßnahmen Eine Mutmaßung über mögliche Folgen falscher Staatspolitik am aktuellen Beispiel Corona; in: soziologie heute, August 2022, 84/2022: 46
    [2] https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/soziologen-querdenker-haben-grundlegende-zweifel-an-der-realitaet-kultiviert-li.275800

  4. Selbstverständlich ist die Corona-Politik weitestgehend gescheitert, schliesslich hat sich der Virus global verbreitet und tritt mittlerweile in Dutzenden, wenn nicht Hunderten immun-evasiven Varianten auf. Millionen sind tot, nach wie vor sterben Tausende täglich und die Verheerungen, die Long-Covid bereits angerichtet hat und noch anrichten wird, sind erst in Umrissen erkennbar.

    Deutschland macht keine Ausnahme und in der Tat war die Reaktion auf die Seuche chaotisch, sprunghaft, zum Teil irrational. Schlechte Vorbereitung, zu spät reagiert, danach oft das Falsche getan, eine Politik, die wie ein aufgeschreckter Hühnerhof wirkte und irgendwann dekretierte, es sei nun gut – mehr oder weniger, nun müsse man ‚mit dem Virus leben‘ – oder sterben, je nach dem. Und wer nicht glaubt, dass der Impact massiv war, kann sich die Entwicklung der Lebenserwartung für die Corona-Jahre anschauen. Wie in der Klimafrage der CO2-Gehalt in der Luft, ist dies der einzige verlässliche Parameter.

    Zimmermann hat daher mit den meisten Kritikpunkten recht, die Autoren des rezensierten Buches machen sich lächerlich. Allerdings stimmt die Tendenz nicht, die Kritik kommt gleichsam von der falschen Seite, aus der Querschläger-Perspektive. Die Wertung in meiner Wortwahl ist sehr bewusst, wer die Bedeutung einer Seuche herunterspielt, handelt asozial, nimmt viel zusätzliches Leid und Tod im Namen eines prekären Freiheitsbegriffs in Kauf. Bei Vielen liegt der Verdacht einer politischen Instrumentalisierung nahe, von rechts, aber leider teilweise auch von links. Es wird versucht, das offensichtliche Versagen des politischen Mainstreams auszuschlachten, was bei dessen Vertretern zu Pavlow’schen Reaktionen führt, für die das besprochene Buch ein Beispiel ist. Allen gemeinsam ist, dass es nicht um die Sache, die Seuche, geht, vielmehr politische Machtkämpfe ausgefochten werden – am tragisch falschen Objekt. Eine Seuche zu verharmlosen ist genauso falsch und gefährlich, wie geostrategische Aggressivität in eine moralische Causa umzulügen, für die man Krieg führen müsse, bzw. alles tun, um einen sich bereits im Gang befindlichen zu verewigen.

    1. Es gab keine Seuche, darum gab es auch nichts herunter zu spielen.
      oder eventuell eine TESTSEUCHE…….
      Die Seuche haben wir jetzt nach dem verabreichen des Giftes in der Spritze….
      ihr werdet es irgendwann auch kapieren…

  5. „Gekränkte Freiheit“. Häh, Frau Amlinger, Herr Nachtwey?
    Also: Ich bin nicht gekränkt, sondern empört, wütend und fassungslos! Sowas von abgehoben und weltfremd – diese nervige Ideologie untertäniger Spinner . . . Keine Amnestie für die Verantwortlichen!
    Danke für die Analyse, Herr Zimmermann.

  6. Das klassische Missverständnis:
    Die Wissenschaft der Autoren – die Soziologie – ist keine kritische Wissenschaft.
    Dahingehende Erwartungen müssen zwangsläufig enttäuscht werden.
    Sie reproduziert das positivistische Selbstverständnis der kapitalistisch – technisch rationalen Gesellschaft durch Erklärung statt Aufklärung.

    1. Ergänzung:
      Schon der Untertitel „Aspekte des libertäreren Autoritarismus“ gibt die neoliberale Marschrichtung vor.
      Libertär und Autoritarismus – zwei diametral zueinanderstehende Gesellschaftstheorien.
      Das passt zur Hufeisentheorie, die die linke Idee in sofern diskreditiert, als dass hinsichtlich eines verfassungsfeindlichen Extremismus eine Nähe zum rechten Spektrum unterstellt wird.

      Passt weiter hervorragend in den neoliberalen und zutiefst widersprüchlichen Zeitgeist (Freiheit zur freiwilligen Selbstanpassung/Konformität) im Sinne von Begriffsumdeutung wie „erzwungene Solidaritätc, „Krieg ist Frieden“ uvm.

      Aber Respekt an den Autor, sich diese Zumutung angetan und kritisiert zu haben.

  7. Caroline Amlinger und Oliver Nachtwey:
    Zwei gekränkte Eitelkeiten. Aspekte pseudowissenschaftlicher Schwurbelei.

    Dank an Jan David Zimmermann, dass er sich diesen Mist angetan und die richtigen Schlüsse gezogen hat.

    Was mich doch sehr wundert ist, wie so etwas in den Overton-Sachbuchempfehlungen für November 2022 landen konnte und auch als Seitenwerbung geschaltet ist. Könnte man das gegen lohnenswertere Lektüre austauschen? Beispielsweise das neue Buch „Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen“ von Marcus Klöckner und Jens Wernicke, das ebenfalls im November erscheint.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert