Republik der Selbstschützer

Radfahrerin will Zerstörung nicht sehen. KI-generiert
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Bückt sich das bundesrepublikanische Bürgertum nur weg? Oder ist es längst in Selbstschutz verfallen? Von Überlebensstrategien und wie wichtig es ist, den Selbstschützern den öffentlichen und politischen Raum nicht zu überlassen.

Sonntagmorgen vor einer Woche. Ortstermin in der Frankfurter Innenstadt. Nachdem ich nachts zuvor die Berichte von der Zeil und anliegenden Straßen gesehen hatte, wollte ich mir selbst ein Bild machen. Rührig ging es dort zu, offenbar hatten viele den Einfall, an den Ort des Geschehens zu kommen. Hier und da standen noch Polizeibeamte herum – und in den Geschäften herrschte rege Betriebsamkeit, Mitarbeiter werkelten vor sich hin, Sicherheitsleute bewachten weiterhin Schaufenster und Eingänge, und Handwerker reparierten, was zu reparieren war. Einer hämmerte wild auf die Türzarge eines Juweliergeschäfts ein; er wollte sie begradigen, mit bloßem Auge erkannte man, wie verzogen sie war.

Vor einem Schuhgeschäft – der Kette Snipes –, das laut Berichten geplündert wurde, sah man auf den ersten Blick wenig. Stierte man jedoch durch das Schaufenster, das nicht mit Spanplatten bedeckt war, erkannte man im hinteren Bereich eingeschlagene Fenster, überall lagen Glasscherben auf dem Boden. Man hatte selbstverständlich Spanplatten vor die zertrümmerte Scheibe gestellt, sodass Passanten zunächst keinen Eindruck von den Schandtaten bekommen konnten. Eine Frau auf dem Fahrrad kam dazu, die redete auf den Sicherheitsmann ein, dem ganz offenkundig der Sinn nicht nach Plausch stand – sie aber erklärte ihm, dass sie eigens in die Stadt geradelt sei, um die Fake News nachzuvollziehen, die sie am gestrigen Abend und noch nachts in den Medien und den Netzwerken habe. Es darf also offenbar nicht sein, was nicht sein soll …

Nichts mehr glauben, um den Glauben zu wahren

Der Sicherheitsmann nickte nur, spielte alles herunter. Die Frau, die sich nicht mal die Mühe machte, von ihrem Drahtesel zu steigen, faselte weiter: Sie wolle einfach nur bestätigt wissen, dass Frankfurt eben nicht so kaputt sei, wie nun allerhand Leute behaupten. Das sei doch alles dermaßen übertrieben. War es überhaupt wahr? Ein anderer Passant hieß sie, mal durch die Schaufenster des Snipes zu linsen, dann sehe sie, was da angerichtet wurde. Außerdem solle sie mal eine Tour durch die Innenstadt machen, sie werde etliche Relikte der wütenden Gewalt der Nacht erblicken. Sie nickte nur, blickte aber nicht in den Snipes hinein. Es sei sicher alles übertrieben, beschloss sie ihren Auftritt. Dann nahm sie Abschied, trat in die Pedale und wurde nicht mehr gesichtet. Als sie sich verflüchtigt hatte, erklärte der Sicherheitsmann, dass er die ganze Nacht und schon am Vorabend im Einsatz war – es sei völlig aus dem Ruder gelaufen, Respekt gäbe es gar nicht mehr.

Im ersten Augenblick bestürzte mich diese Kombination aus der Bereitschaft, jede noch so dramatische Entwicklung arrogant herunterzuspielen – wie es die Radfahrerin tat – und die mangelnde Bereitschaft, sich dieser Ignoranz in den Weg zu stellen, wie sie der Sicherheitsmann an den Tag legte. Etwas später dämmerte mir, dass man zumindest im Falle der Radlerin davon ausgehen müsse, dass es sich bei ihrer Reaktion nicht einfach nur Arroganz und Überheblichkeit handelte, sondern in großen Teilen auch um Selbstschutz – und in letzter Konsequenz wohl auch um Angst.

Einige Tage später äußerte sich auch Marc Raschke in einer Form, die deutlich auf starke Selbstschutzimpulse hinweist. Der Mann ist »Publizist, Bestseller-Autor und Politik-Influencer« – so nennt er sich selbst – und kam einer ungeheuerlichen Sache auf die Spur: Die Krawallmacher jener Nacht, sei es in Frankfurt oder in anderen Städten, wären wegen der AfD so aufgehetzt – sie seien nämlich Fans dieser Partei. Auf die migrantische Herkunft der Randalierer kam er nicht zu sprechen. Sicherlich könnte man dem Herrn nun allerlei unterstellen, immerhin geht er mit einer »Demokratieshow« auf Tour und verleiht dort eine »goldene Brandmauer«. Man könnte ihm nun nachsagen wollen, dass er alles, was geeignet scheint, seine Haltung an den Mann zu bringen, auch von ihm aufgegriffen wird. Aber unter Umständen macht man es sich zu einfach. Denn letztlich dürfte der Impuls viel tiefer liegen als im plumpen »politischem« Kalkül.

Politischer Selbstschutz durch Verharmlosung – und durch Leugnung

Auffällig ist schon, dass es immer derselbe Typus ist – nicht dieselben Personen, das wäre etwas anderes –, der sich in Ausflüchte begibt. Entweder wird etwas heruntergespielt und vollends geleugnet – oder man konstruiert abwegige Finten, wie man sich die triste Realität so gestalten kann, dass man sie erträgt. Dieser Typus erklärt seit 2015, wie sich das mit der Massenmigration wirklich zugetragen hat. Er wusste, wen er die Schuld für das Infektionsgeschehen während der Pandemie zuschieben muss. Und er hält die Flagge auch dann noch hoch, wenn sich ein Krieg über seinem Kopf zusammenbraut. Die Realität ist für ihn ein Teig, den man so formen kann, wie es ihm beliebt. Und er formt sie sich so, dass er es aushält. Denn tief in ihm weiß er, dass seine Gewissheiten längst zerbröselt sind – dass die Realitäten ungeheuerlich sind und ein Niedergang um sich greift. Seine heile Welt existiert nur in seinem Kopf. Damit er darüber nicht verrückt wird, damit er mit der Wirklichkeit leben kann, benötigt er eine selbstschützende Strategie.

Innere Spannungen entstehen dann, wenn eigene Beobachtungen mit Überzeugungen kollidieren, an denen einem viel liegen. Die Sozialpsychologie spricht hier von kognitiver Dissonanz – diese Bezeichnung ist mittlerweile häufig zitiert worden. Nun könnte man diese auflösen, indem man sein Urteil überdenkt und revidiert. Oder aber man richtet die eigene Beobachtung so ein, rückt sie auf eine Weise zurecht, dass die liebgewonnene Überzeugung bestehen bleiben können. Auf diese Weise wird aus einem Akt innerstädtischer Plünderung eine aufgebauschte Geschichte – auch dann noch, wenn man das Resultat dieser Plünderung direkt vor Augen geführt bekommt. Motiviertes Schlussfolgern: So nennt die Psychologie diesen Akt. Es ist das Gegenteil von Ergebnisoffenheit – wenn Journalisten motiviert schlussfolgern, wird es besonders tragisch. Um sich einzugestehen, dass etwas eine gefährliche oder zumindest besorgniserregende Entwicklung nimmt, verlangt man immer mehr Beweise – man legt die Messlatte also so hoch, dass sie unerreichbar wird.

Solcherlei Selbstschutzmechanismen kennt jeder Mensch. Im Alltag wenden wir sie alle mehr oder weniger an. Wie viele Verheiratete wissen in ihrem Innersten zum Beispiel, dass ihre Ehe gescheitert ist, ihr Partner sich längst mental verabschiedet hat? Um nicht in Agonie zu verfallen, spielt man diese Entwicklung herunter. Wie viele Beweise sind nötig, dass der Andere längst bei jemand anderem liegt? Wenn der Selbstschutz aber in Sachen der Milieuzugehörigkeit greift, wird er politisch. Das Falsche darf dann noch nicht mal an einer einzigen Stelle akzeptiert werden – denn das wäre schon Kapitulation und im schlimmsten Fall mit einem Eingeständnis verbunden, dass die Lage doch bedrückender ist, als man bereit ist zu ertragen. Die Radfahrerin auf der Frankfurter Zeil hat sich nicht mal die Mühe gemacht, in den Schuhladen zu blicken, denn die Scherben auf dem Boden des Geschäftes hätten den Schutzpanzer durchlöchern können – nicht, dass man dann gleich umkippt und alles ganz anders sähe. Aber solche Löcher wollen gestopft werden. Und es wird von mal zu mal schwieriger, sie adäquat abzudichten.

Selbstschützer führen die Gesellschaft in den Abgrund

Ja, der Selbstschutz ist eine ziemlich kraftraubende Art, durch den Alltag zu kommen. Zumal in diesen Zeiten, da man quasi dauerberieselt wird von Meldungen, Sensationen, Skandalen und Empörungen, die einem ins Zweifeln kommen lassen könnten. Sich selbst zu schützen, weil man partout mit der grausamen Wahrheit nicht umzugehen weiß, wonach diese bundesrepublikanische Gesellschaft wirklich in eine tiefe Depression und Krise geschlittert ist, die sich nicht einfach mit warmen Worten wieder auflösen lassen, ist ein nicht zu unterschätzender Kraftakt. Realitäten zu leugnen bindet mentale Ressourcen. Jeden Vorfall zum Einzelfall zu definieren, jeden weiteren Zusammenbruch umzudeuten: Das muss man erstmal wieder und wieder leisten können.

Es ist die Angelegenheit eines jeden Menschen selbst, wie er mit der Wirklichkeit umgeht. Wenn er sich selbst auf eine solche Weise schützt, wenn er sich mit einer solchen oder ähnlichen Methode beruhigt, sei ihm das mehr als gegönnt. Harmonie darf sich jeder inszenieren in seinem Leben. Auch jene Radfahrerin darf selbstverständlich in einer Realität leben, die sie sich selbst zusammenschustert – was sie ausblendet, das ist ganz alleine ihre Sache. Jedenfalls solange sie nur durch die Stadt radelt.

Sobald der Selbstschützer jedoch in den politischen Raum strebt, sich um Sitze in Rathäusern oder Parlamenten bewirbt, wird seine Methode mit den Realitäten umzugehen zu einem grundlegenden gesellschaftlichen Problem. Das Kind ist freilich längst in den Brunnen gefallen, zu viele diese Leute, die sich dem Selbstschutz verschrieben haben, um mit der traurigen Wirklichkeit irgendwie zurechtzukommen, sind in den letzten Jahren ins Politische gestrebt. Auch ein Grund, warum sich nichts mehr bewegt, ja bewegen kann. Wer Probleme kleinredet – und weiß Gott, wir haben einen ganzen Katalog gesellschaftlicher Problembereiche –, fühlt sich ja kaum dazu bemüßigt, sie aus der Welt zu schaffen. Man darf diesen Selbstschützern auf keinen Fall den politischen Raum überlassen. Sie führen das Land in einen tiefen Abgrund, in dem sie sich längst verschanzt haben, um sich von der Realität zu verbergen. Als Privatperson können sie sich erlauben, nicht durch Schaufenster zu blicken, um nicht verwirrt zu werden – aber sie haben nicht darüber zu befinden, was die anderen durch das Schaufenster gesehen haben dürfen.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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24 Kommentare

  1. Selbstschützer? Zumindest in D dürfte inzwischen fast alles versichert sein. Wofür geht man schließlich jeden Tag zur Firma oder ins Amt? Wenn dabei ab und zu mal ein paar verwöhnten Statisten der Kragen platzt und dabei etwas zu Bruch geht, wen juckt es? Das ist noch lange keine Krise und immernoch besser, als dass Wutbürger hinter verschlossenen Türen heimlich ihre Frauen, Kinder, Haustiere oder sich selbst misshandeln.
    Solange Krawalle und Demos am Wochende stattfinden und ab Montag wieder wie gewohnt malocht werden kann, herrscht Marktwirtschaft und die Demokratie ist in Bestform. Auch wenn den Journalisten dabei mitunter der Stoff ausgeht. Sorgen muss man sich erst machen, wenn der Chef am Arbeitsplatz aufkreuzt.

    1. Demokratie und Marktwirtschaft sind Märchen fürs Volk, damit es ruhig bleibt und durch‘s Leben trottet. Auch in der DDR gabs keine Demokratie, obwohl der Staat sich so nannte.

      1. Die DDR war zumindest demokratischer als alle anderen, schließlich „musste“ man dort wählen.
        Bei Marktwirtschaft sollte man übrigens in angebots- und nachfrageorientiert unterscheiden. Erstere tut was sie kann und letztere was sie soll.
        Es gibt allerdings auch eine, die tut was sie will, wobei das dann doch eher Planwirtschaft ist.

  2. Man nehme Diverses aus der Vergangenheit und dem Ist,pürriere es nach Vor-/Belieben und schon ist’s ein ganzes Menü an bedarfsdeckend Unverdaulichem, das als Topping mit:“Die Realität ist für ihn ein Teig, den man so formen kann, wie es ihm beliebt…“verfeinert wird.

    -Wer Probleme kleinredet – und weiß Gott, wir haben einen ganzen Katalog gesellschaftlicher Problembereiche –, fühlt sich ja kaum dazu bemüßigt, sie aus der Welt zu schaffen“.
    Nun ja-immerhin noch besser, etwas kleinzureden, als sich konsequent, insbesondere bei den ‚gesellschaftlichenProblembeteichen‘ beredt auszuschweigen/wegzuducken-oder!?

  3. Diese Realitätsverweigerer sind doch schon längst an den Schalthebeln angekommen, sonst käme unsere Politik vielleicht mal auf die Idee, endlich mit dem Graben aufzuhören, wenn sich das Land in einer tiefen Grube wiederfindet.

  4. Ignoranz, Borniertheit, gepaart mit Arroganz, haben mich schon immer auf die Palme gebracht. Personifiziert finden wir das mittlerweile an vielen Stellen, sogar ganz oben.

  5. Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen! Und hören Sie auf, ständig Fragen zu stellen. Wir haben alles im Griff. Glauben Sie uns einfach. Und wenn Sie etwas anderes sehen, dann haben Sie es falsch verstanden. Wir wissen schließlich besser, was hier los ist und das ist schließlich zu Ihrem Besten.

  6. Nun muss man fairerweise sagen, dass da Videos auf dem Netz sind von eben diesem oder einem ähnlichen Geschäft, wo ein Kapuzenmann die Scheibe einschlagen will. Das dauert und das Erstaunliche ist, dass die Polizei in unmittelbarer Nähe steht und zuschaut. Agent provocateur wird das kommentiert. Um AfD-Wähler zu generieren? Diese Szene ist komisch, aber sie erklärt das Ganze nicht. Es hatte längst nicht die Ausmaße wie in Frankreich, unter anderem weil die Polizei bestens vorbereitet war. Dort sah man Tausende von gewalttätigen Angreifern, die alle französischen Großstädte demolierten. Die können beim besten Willen nicht alle Provokateure sein und auch nicht von Rechten mobilisiert. Das Rassemblement kann eben keine Nordafrikaner mobilisieren. Denn das waren sie überwiegend.
    Es ist einfach Dschihad. Was sich die Dame, die Roberto da beobachtet hat, einfach nicht vorstellen kann. Krawall, Schaden, Verletzte. Hier wird Politik gemacht. DAS ist der Kern.

    1. Das abgehängte nord- und zentralafrikanische Präkariat spielt in F die gleiche Rolle wie die abgehängen Schwarzen und Latinos in den USA.
      Sobald die Bullen abgelenkt sind, wird geplündert. Kann man regelmäßig beobachten.

      Was mich zur entscheidenden Frage bringt: sind die in Amerika auch Dschihadisten?

      Ceterum censeo intellegentiam artificialem vestram in cloacam demergendam esse.

    2. @Arthur_C
      Als Pazifist bin ich zwar gegen Gewalt und zwar von allen Seiten!
      Ich sage auch nicht das es richtig ist, aber man sollte die Ursachen für die Gewaltausbrüche auch nicht unter den Tisch kehren, das Versagen der Politik! (Sozialraub, Ausbeutung, Aufrüstung)

      Um die Ursachen zu verstehen empfehle Ihnen dazu den Film Les Misérables (OSCAR®-nominiert)

      ..und auch „Die Resolution der Kommunarden“ – Das von Brecht 1934 geschriebene Gedicht bezieht sich auf die Pariser Kommune. https://www.youtube.com/watch?v=UCMSVpTrzuo

    3. Oh, Dr. Jekyll lässt mal wieder grüßen! Oder wat es doch Gevatter Mr. Hyde? Aber dann hätte er doch bestimmt – bei derr Gelegenheit ‚Dschihad‘ – doch gleich auch noch die wahren Ha…derlumpen als Verursacher erwähnt. Komisch, oder?

      Und jetzt warten wir mal, ob der ein. oder der andere sakrosankt ist. Würde mal sagen wollen – dürfen ja eigentlich nicht …

  7. Ein sehr guter Artikel!
    —

    Man könnte ergänzen, dass das oben beschriebene Problem des „motivierten Schlussfolgerns“ vermutlich insbesondere dann in stärkerem Maße auftritt, wenn die jeweilige Person emotional involviert ist. Bei Zeitgenossen, die das politische Geschehen eher bloß teilnahmslos oder illusionslos betrachten, dürfte der Fehler weitaus weniger auftreten.
    —

    Im nächsten Schritt wäre zu überlegen, was das für Menschen sind, die das gesellschaftliche und politische Geschehen mit so großer emotionaler Beteiligung verfolgen … ?
    Ist eine solche Orientierung in der Bevölkerung gleichmäßig verteilt?
    Gibt es eine Häufung in bestimmten Altersgruppen?
    Neigen beide Geschlechter die gleichem Maße dazu?
    Gibt es eine Häufung bei bestimmten Berufsgruppen und sozialen Milieus?
    Neigen unterschiedliche politische Lager in unterschiedlichem Maße zu emotionaler Betrachtung?
    —

    Vielleicht haben wir es hier auch etwas mit einem Problem zu tun, dass der Situation in jenem wunderbar-klugen Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von H. Chr. Andersen ähnelt. Auch in jenem Märchen dominiert das „motivierte Schlussfolgern“ und unter Verleugnung der eigenen Wahrnehmung resultiert aus der Angst, sich zu blamieren, eine völlig falsche Deutung der Realität. Der entscheidende Unterschied zum Märchen ist heute natürlich, dass es in unserer Zeit schon wahrlich genug Leute gegeben hat, die gerufen haben, dass der Kaiser nackt ist. Doch auch das vermag die Verblendeten nicht sehend zu machen. So sehr sind sie also von ihren Emotionen bestimmt und beherrscht.
    —

    Mir scheint, uns fehlt heute ganz allgemeine die Nüchternheit und emotionale Distanz der sog. „skeptischen Generation“ (Schelsky), die in den 1950er Jahren und auch noch danach eine gesunde Distanz zu allen großen Ideen und Ideologien entwickelt hatte, weil der Eindruck des katastrophalen Scheiterns solcher Ideen und Visionen noch frisch war.

  8. Napoleon hat wohl mal sinngemäß gesagt: Die Deutschen sind wohl das gutgläubigste und naivste Volk überhaupt. Man muß nur Intrigen auslegen, dann bekämpfen sie sich gegenseitig aufs erbittertste……
    Da ist was dran.
    Während hier diskutiert wird wer welche Scheiben eingeschlagen hat verstärken die Franzosen schrittweise den Protest und voilà, Lecornu beruft einen „Sozialgipfel“ ein.
    Hier werden maximal die schuldigen Gruppen benannt. Diesmal sind es „die Migranten.“ Während der Coronoia waren es „die Glühweintrinker“ oder „die Urlaubsrückkehrer.“ Etc pp…..
    Fakt ist, daß der Großteil der Demonstranten friedlich protestiert hat und die Kamera natürlich auf die eine eingeschlagene Scheibe gehalten wird (ich will das nicht rechtfertigen). Das können auch Agents Provokateurs gewesen sein.
    Ist ja auch praktisch für die Politiker. Dann müßen sie nicht ihre Fehlentscheidungen reflektieren, sondern können in üblicher Manier rumpöbeln und die Bürger beschuldigen.

  9. Das verstehe ich jetzt nicht so richtig. Also da kommt eine Dame angeradelt, die sich selber ein Bild machen will. Das mag man jetzt mit „Selbstschutz“ abtun, aber ehrlich gesagt bekommt man täglich in den Medien die abenteuerlichsten Geschichten präsentiert, deren Wahrheitsgehalt irgendwo zwischen zweifelhaft bis lächerlich liegen. Und selbst das, was wahr ist, muß nicht wirklich so stattgefunden haben, wie es dargestellt wird. Da wird übertrieben und verharmlost, Nebensächlichkeiten priorisieren, Wesentliches bagatellisieren, je nach Bedarf. Also was soll jetzt bitte so schlecht daran sein, den Medien – Sammelbegriff nicht nur für die Produkte eines Haufen kommerziell getriebener Konzerne, sondern auch mehrere Milliarden Meinungen in den „sozialen Medien“ – gar nichts zu glauben, sondern sich selber überzeugen zu wollen?

    Ach ja, und dem Sicherheitsmann würde ich auch nicht vorwerfen, daß er sich für seine dreieurofuffzich keinem wütenden Mob in den Weg stellen möchte.

  10. Ja, endlich nimmt sich RdL des Themas an. Sie sind nicht mehr zu ertragen, diese Verwüstungen und das ganze zerbrochene Glas alle zwei Wochen – oh, sorry, das habe ich mit den Heimspielen der Bundesliga verwechselt. Egal. Da frage ich mich, was denn diese eine Frau, die auserkorene Repräsentantin einer ganzen Gesellschaftsschicht für ein Rad fuhr, das bei den Hinterlassenschaften dieser „Kristallnacht der GenZ“ noch keinen Platten hatte?

    Und was wurde geplündert? Ein Juwelier und ein halb Sport- halb Casualware Store, also alles, was ein Kapitalismus affiner junger Mensch so braucht, um in dieser vertikalen Gesellschaft etwas darzustellen. Das nennt man wohl „Synergien schaffen“. Bemerkenswert ist dieses Snippet vom Snipes Onlineshop: Dachte erst, es wäre eine Aufnahme aus der besagten Nacht, aber ist doch nur AI-generiert. Es sieht jedenfalls irgendwie wie eine Einladung aus, wieder zu kommen.

    Beim Wachmann war ich doch etwas ertappt, wegen meiner Vorurteile. Ein Wachmann, der nach einer intensiven Nachtschicht am Sonntagmorgen Sokrates zitiert (»…Respekt gäbe es gar nicht mehr«)? Hut ab!

    Man könnte ihm nun nachsagen wollen, dass er alles, was geeignet scheint, seine Haltung an den Mann zu bringen, auch von ihm aufgegriffen wird. Aber unter Umständen macht man es sich zu einfach. Denn letztlich dürfte der Impuls viel tiefer liegen als im plumpen »politischem« Kalkül.

    Ich mag es ja, wenn RdL lebt und weiß, wovon er schreibt.

    Mal so als Arbeitsthese hingeworfen:
    Absicht, Angst, Ignoranz oder kognitive Dissonanz? Ist es nicht wenigstens etwas positiv, wenn nicht jeder und bei jeder – zugegeben – extrem unerfreulichen Gelegenheit aus der Haut fährt und „bitte mehr Polizeistaat“ schreit? Sondern sich in seiner Machtlosigkeit gegenüber einer so kaputten Gesellschaft fügt, die berechtigte Zukunftsangst, Zorn und natürlich auch irrationale Gier sowie unverrückbare »Milieuzugehörigkeit« hervorbringt? Oder sollte sich der »Bückbürger« aufrichten und dem heiligen Vorbild der US folgen, sich bewaffnen und sich als paramilitärische Bürgerwehr der Sache selbst annehmen, den »Selbstschutz« materialisieren lassen?

    Denn – und da machen wir uns mal gar nichts vor – an den Ursachen darf, soll und wird nicht gewerkelt werden. Und jene „Selbstschützer, die bereits in den politischen Raum strebten“, schützen ihre Karriere und sie begrüßen die erfreuliche Unordnung weit weg im Woanders, das ihnen weiterhin die Möglichkeit gibt, sich selbstschätzend zu inszenieren.

  11. Wer Probleme kleinredet, (…) fühlt sich ja kaum dazu bemüßigt, sie aus der Welt zu schaffen. Man darf diesen Selbstschützern auf keinen Fall den politischen Raum überlassen. Sie führen das Land in einen tiefen Abgrund, in dem sie sich längst verschanzt haben, um sich von der Realität zu verbergen.

    Das erinnert an das, was Nel Bonilla als den „Bunkerstaat“ beschreibt:
    „Der Staat hört auf, öffentliche Güter bereitzustellen, und konzentriert sich stattdessen „vollständig auf Sicherheit und Militarisierung“. In diesem neuen Modell wird die Bevölkerung nicht länger als Bürger mit bürgerlichen und wirtschaftlichen Rechten betrachtet, sondern primär als Objekt der nationalen Sicherheit. Darüber hinaus werden das Land und die Region zu operativen Knotenpunkten in einem umfassenderen Netzwerk, um einen multidimensionalen hybriden Krieg gegen sogenannte strategische Konkurrenten und deren Verbündete zu führen.
    Es offenbart eine tiefe Entfremdung und Isolation von Regierungen und Machtstrukturen von den tatsächlichen Bedürfnissen westlicher Gesellschaften. Weiter versetzen die anhaltenden geostrategischen Konfrontationen und die wachsende Schwäche des Westens die Eliten in einen Zustand ständiger Kriegsbereitschaft.“

    (Text von Roberto Iannuzzi) https://robertoiannuzzi.substack.com/p/leuropa-brucia

  12. Republik der Selbstschützer – oder Republik der politisch Indoktrinierten?

    Roberto De Lapuente spricht ein Problem an, das meiner Meinung nach noch viel tiefer reicht. Ich frage mich mittlerweile ernsthaft, wie weit die politische und mediale Beeinflussung großer Teile der deutschen Bevölkerung inzwischen fortgeschritten ist.

    Über Jahrzehnte wurde den Menschen erzählt, was sie zu glauben, zu akzeptieren und für alternativlos zu halten haben. Erst wurde uns die europäische Integration als großer Fortschritt verkauft, dann der Euro als Wohlstandsversprechen. Heute haben wir eine gemeinsame Währung mit erheblichem Kaufkraftverlust, milliardenschwere europäische Umverteilung und eine Politik, bei der ich mich immer häufiger frage, wessen Interessen eigentlich vertreten werden.

    Die frühere EWG als wirtschaftliche Zusammenarbeit konnte ich unterstützen. Die heutige EU mit ihrem politischen Machtanspruch lehne ich entschieden ab.

    Ähnlich sehe ich die Migrationspolitik. Wer die Folgen politischer Entscheidungen für Kommunen, Wohnungsmarkt, Schulen, Sozialstaat und öffentliche Sicherheit anspricht, muss damit rechnen, politisch abgestempelt zu werden. Statt Probleme offen zu diskutieren, wird häufig darüber gestritten, wer sie überhaupt benennen darf.

    Und welche Rolle spielen dabei die öffentlich-rechtlichen Medien? Politische Verflechtungen, hohe Intendantengehälter und eine verpflichtende Finanzierung durch die Bürger werfen für mich grundlegende Fragen nach Unabhängigkeit und demokratischer Kontrolle auf. Ich soll für ein Programm bezahlen, das ich nicht nutze und dessen Berichterstattung ich zunehmend kritisch sehe.

    Besonders erschreckend finde ich aber die Bereitschaft vieler Menschen, politische Entscheidungen immer wieder zu rechtfertigen, selbst wenn sie persönlich unter deren Folgen leiden.

    Wie viel Kritikfähigkeit ist einer Gesellschaft verloren gegangen, wenn sie politische Versprechen kaum noch hinterfragt und Widersprüche lieber verdrängt?

    Genau hier trifft De Lapuente einen wunden Punkt: Es darf offenbar nicht sein, was nicht sein kann.

    Ich bin es leid, dass berechtigte Kritik reflexartig abgewertet wird. Ich möchte weder politische Bevormundung noch vorgeschriebene Meinungen. Ich möchte mündige Bürger, unabhängige Medien, verantwortliche Politiker und einen Rechtsstaat, der auch gegenüber den Mächtigen konsequent handelt.

    Für mich ist die Zeit der Beschwichtigungen vorbei. Wir brauchen einen grundlegenden demokratischen Politikwechsel, eine ehrliche Aufarbeitung politischer Fehlentscheidungen und endlich wieder persönliche Verantwortung für diejenigen, die über Milliarden an Steuergeldern entscheiden.

    Nicht das kritische Hinterfragen ist das Problem unserer Gesellschaft. Das Problem beginnt dort, wo Menschen das Hinterfragen vollständig aufgegeben haben.

    Und wer immer noch glaubt, politische Macht müsse grundsätzlich nur gute Absichten haben, der glaubt vermutlich auch, dass ein Zitronenfalter Zitronen faltet.

    1. Der Deutsche im Allgemeinen hat nie wirklich demokratische Kultur von unten gelernt. Nach der gescheiterten Revolution von 1848 wurden „demokratische“ Elemente von oben gnädiglich gewährt. Auch Ebert und die SPD waren 1918 bis in die Haarspitzen obrigkeitshörig. Nach 1945 wurden den (West-)deutschen etwas aufoktroyiert, was sie selbst nicht erkämpft hatten und vor dem 8. Mai in großen Teilen sogar vehement ablehnten. Und die Kräfte, die kurze Zeit später (wieder) an die Macht gebracht wurden, taten sich nicht als besondere Verfechter demokratischer Ideale hervor. Woher auch, ob ihrer politischen Vergangenheit? Auch 1989 in der damaligen DDR wurden demokratische Elemente ganz schnell wieder eingefangen und ins westdeutschen „System“ integriert. Und heute? Heute zeigt sich, dass Demokratie nur „gespielt“ wurde und wird, nie aber wirklich gelebt wurde und heutzutage immer mehr vom Autoritären verdrängt wird, inklusive Sozialabbau und Kriegstüchtigkeit.

  13. „Sobald der Selbstschützer jedoch in den politischen Raum strebt, sich um Sitze in Rathäusern oder Parlamenten bewirbt, wird seine Methode mit den Realitäten umzugehen zu einem grundlegenden gesellschaftlichen Problem.“

    wenn ich das jetzt auf das heutige Personal, das in EU und in den Hauptstädten regiert anwende, dann stelle ich mir unweigerlich die Frage:
    VOR wem haben sich vd Leyen, Merz, Macron, Johnson, Tusk etc etc denn schützen wollen oder müssen? Sie alle kommen aus der Oberschicht oder aus der oberen Mittelschicht, hatten eine behütete Kindheit, Studium an den Top-Unis, Arbeitslosigkeit gleich null, verheiratet mit Frauen/Männern aus dem gleichen Stand etc etc.
    WAS ist bei denen schiefgelaufen, dass die Realität in den europäischen Gesellschaften nicht mehr wahrgenommen wird, fühlt man sich in der eigenen Blase so wohl, dass die Antennen dafür nicht mehr aufnahmefähig sind?

  14. Eine andere Sichtweise:
    Was RdL und die Radfahrerin hier machten, nannte man mal Katastrophentourismus. Aber man muss ja für die Wehrhaftigkeit sparen und spart sich so ein Streaming-Abo. Es gibt nur eine Regel zu beachten: Je später man kommt, umso gesünder ist das und erzeugt, je nach Bedarf und Grad der »kognitiven Dissonanz«, eine konsequenzfreie Empörung.

    1. Auch sensationsg… oder Spanner genannt.
      Unterscheiden sollte man allerdings zwischen jenem (Spanner), der extra sonntäglich mit S-/UBahn zur ‚Zeil‘ reist -der üblichen, städtischen- Einkaufsmeile-, oder immerhin gesundheits- und umweltverträglich mit Rad! 😉
      Im Übrigen:auf der hotspotingen,breiten,langen und mit ungezählten Geschäften gepflasterten (Konsum)’Zeil‘ kam es nach offiziellen Angaben zu ganzen fünf/5 Plünderungen.
      Glücklicherweise aber zu keinen auf der fußläufig entfernten Goethestraße=kein Hotspot für pöbeligenPlebs.
      Daher ist es gut, immer die Feste zu feiern, wie sie sich einem anbieten,um eines der vielen Phrasenschweine zu schlachten.

    2. Auch sensationsg… oder Spanner genannt. Unterscheiden sollte man allerdings zwischen jenem(Spanner), der extra sonntäglich mit S-/UBahn zur‚Zeil‘ reist -der üblichen,städtischenEinkaufsmeile-, oder immerhin gesundheits- und umweltverträglich mit Rad! 😉
      Im Übrigen:auf der hotspotingen,breiten,langen und mit ungezählten Geschäften gepflasterten (Konsum)’Zeil‘ kam es nach offiziellen Angaben zu ganzen fünf/5Plünderungen.
      Glücklicherweise aber zu0 auf der fußläufig entfernten Goethestraße=kein Hotspot für pöbeligenPlebs.
      Daher ist es gut, immer dieFeste zu feiern, wie sie sich einem anbieten,um eines der vielen Phrasenschweine zu schlachten.

  15. Auch wenn es viele nicht vergleichen wollen, lohnt sich doch ein Blick auf die strukturell ähnlich gelagerte ‚Staatsbejahung‘ des Bürgertums in der Weimarer Republik. Dort hatten weite Teile des Bürgertums keine Bindung an die Republik aufgebaut. Und trotzdem erfolgte die Hinwendung des Bürgertums zu den Nationalsozialisten nicht wegen ideologischer Überzeugung, sondern wegen einem Drang zur ‚Gefahrenabwehr‘ von links. Eine ‚Desorientierungskrise‘ wurde in weiten Teilen des Bürgertums zur Basis dafür, dass die einflussreichsten Kräfte hinter der täglichen Propaganda ein hysterisches antikommunistisches Syndrom erzeugen konnten. Es sind nicht die oberflächlichen Formen und Namen, die sich ähneln, es sind die strukturellen Aspekte – mit möglicherweise ähnlichen Konsequenzen!

  16. Blöd ist nur wenn Selbsternannte und der besorgte Bürger sich kümmert,der ist auf einem Auge blind .Sobald der Andersdenkende sich kümmert ist er auf der Terroristenliste .

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