
Bückt sich das bundesrepublikanische Bürgertum nur weg? Oder ist es längst in Selbstschutz verfallen? Von Überlebensstrategien und wie wichtig es ist, den Selbstschützern den öffentlichen und politischen Raum nicht zu überlassen.
Sonntagmorgen vor einer Woche. Ortstermin in der Frankfurter Innenstadt. Nachdem ich nachts zuvor die Berichte von der Zeil und anliegenden Straßen gesehen hatte, wollte ich mir selbst ein Bild machen. Rührig ging es dort zu, offenbar hatten viele den Einfall, an den Ort des Geschehens zu kommen. Hier und da standen noch Polizeibeamte herum – und in den Geschäften herrschte rege Betriebsamkeit, Mitarbeiter werkelten vor sich hin, Sicherheitsleute bewachten weiterhin Schaufenster und Eingänge, und Handwerker reparierten, was zu reparieren war. Einer hämmerte wild auf die Türzarge eines Juweliergeschäfts ein; er wollte sie begradigen, mit bloßem Auge erkannte man, wie verzogen sie war.
Vor einem Schuhgeschäft – der Kette Snipes –, das laut Berichten geplündert wurde, sah man auf den ersten Blick wenig. Stierte man jedoch durch das Schaufenster, das nicht mit Spanplatten bedeckt war, erkannte man im hinteren Bereich eingeschlagene Fenster, überall lagen Glasscherben auf dem Boden. Man hatte selbstverständlich Spanplatten vor die zertrümmerte Scheibe gestellt, sodass Passanten zunächst keinen Eindruck von den Schandtaten bekommen konnten. Eine Frau auf dem Fahrrad kam dazu, die redete auf den Sicherheitsmann ein, dem ganz offenkundig der Sinn nicht nach Plausch stand – sie aber erklärte ihm, dass sie eigens in die Stadt geradelt sei, um die Fake News nachzuvollziehen, die sie am gestrigen Abend und noch nachts in den Medien und den Netzwerken habe. Es darf also offenbar nicht sein, was nicht sein soll …
Nichts mehr glauben, um den Glauben zu wahren
Der Sicherheitsmann nickte nur, spielte alles herunter. Die Frau, die sich nicht mal die Mühe machte, von ihrem Drahtesel zu steigen, faselte weiter: Sie wolle einfach nur bestätigt wissen, dass Frankfurt eben nicht so kaputt sei, wie nun allerhand Leute behaupten. Das sei doch alles dermaßen übertrieben. War es überhaupt wahr? Ein anderer Passant hieß sie, mal durch die Schaufenster des Snipes zu linsen, dann sehe sie, was da angerichtet wurde. Außerdem solle sie mal eine Tour durch die Innenstadt machen, sie werde etliche Relikte der wütenden Gewalt der Nacht erblicken. Sie nickte nur, blickte aber nicht in den Snipes hinein. Es sei sicher alles übertrieben, beschloss sie ihren Auftritt. Dann nahm sie Abschied, trat in die Pedale und wurde nicht mehr gesichtet. Als sie sich verflüchtigt hatte, erklärte der Sicherheitsmann, dass er die ganze Nacht und schon am Vorabend im Einsatz war – es sei völlig aus dem Ruder gelaufen, Respekt gäbe es gar nicht mehr.
Im ersten Augenblick bestürzte mich diese Kombination aus der Bereitschaft, jede noch so dramatische Entwicklung arrogant herunterzuspielen – wie es die Radfahrerin tat – und die mangelnde Bereitschaft, sich dieser Ignoranz in den Weg zu stellen, wie sie der Sicherheitsmann an den Tag legte. Etwas später dämmerte mir, dass man zumindest im Falle der Radlerin davon ausgehen müsse, dass es sich bei ihrer Reaktion nicht einfach nur Arroganz und Überheblichkeit handelte, sondern in großen Teilen auch um Selbstschutz – und in letzter Konsequenz wohl auch um Angst.
Einige Tage später äußerte sich auch Marc Raschke in einer Form, die deutlich auf starke Selbstschutzimpulse hinweist. Der Mann ist »Publizist, Bestseller-Autor und Politik-Influencer« – so nennt er sich selbst – und kam einer ungeheuerlichen Sache auf die Spur: Die Krawallmacher jener Nacht, sei es in Frankfurt oder in anderen Städten, wären wegen der AfD so aufgehetzt – sie seien nämlich Fans dieser Partei. Auf die migrantische Herkunft der Randalierer kam er nicht zu sprechen. Sicherlich könnte man dem Herrn nun allerlei unterstellen, immerhin geht er mit einer »Demokratieshow« auf Tour und verleiht dort eine »goldene Brandmauer«. Man könnte ihm nun nachsagen wollen, dass er alles, was geeignet scheint, seine Haltung an den Mann zu bringen, auch von ihm aufgegriffen wird. Aber unter Umständen macht man es sich zu einfach. Denn letztlich dürfte der Impuls viel tiefer liegen als im plumpen »politischem« Kalkül.
Politischer Selbstschutz durch Verharmlosung – und durch Leugnung
Auffällig ist schon, dass es immer derselbe Typus ist – nicht dieselben Personen, das wäre etwas anderes –, der sich in Ausflüchte begibt. Entweder wird etwas heruntergespielt und vollends geleugnet – oder man konstruiert abwegige Finten, wie man sich die triste Realität so gestalten kann, dass man sie erträgt. Dieser Typus erklärt seit 2015, wie sich das mit der Massenmigration wirklich zugetragen hat. Er wusste, wen er die Schuld für das Infektionsgeschehen während der Pandemie zuschieben muss. Und er hält die Flagge auch dann noch hoch, wenn sich ein Krieg über seinem Kopf zusammenbraut. Die Realität ist für ihn ein Teig, den man so formen kann, wie es ihm beliebt. Und er formt sie sich so, dass er es aushält. Denn tief in ihm weiß er, dass seine Gewissheiten längst zerbröselt sind – dass die Realitäten ungeheuerlich sind und ein Niedergang um sich greift. Seine heile Welt existiert nur in seinem Kopf. Damit er darüber nicht verrückt wird, damit er mit der Wirklichkeit leben kann, benötigt er eine selbstschützende Strategie.
Innere Spannungen entstehen dann, wenn eigene Beobachtungen mit Überzeugungen kollidieren, an denen einem viel liegen. Die Sozialpsychologie spricht hier von kognitiver Dissonanz – diese Bezeichnung ist mittlerweile häufig zitiert worden. Nun könnte man diese auflösen, indem man sein Urteil überdenkt und revidiert. Oder aber man richtet die eigene Beobachtung so ein, rückt sie auf eine Weise zurecht, dass die liebgewonnene Überzeugung bestehen bleiben können. Auf diese Weise wird aus einem Akt innerstädtischer Plünderung eine aufgebauschte Geschichte – auch dann noch, wenn man das Resultat dieser Plünderung direkt vor Augen geführt bekommt. Motiviertes Schlussfolgern: So nennt die Psychologie diesen Akt. Es ist das Gegenteil von Ergebnisoffenheit – wenn Journalisten motiviert schlussfolgern, wird es besonders tragisch. Um sich einzugestehen, dass etwas eine gefährliche oder zumindest besorgniserregende Entwicklung nimmt, verlangt man immer mehr Beweise – man legt die Messlatte also so hoch, dass sie unerreichbar wird.
Solcherlei Selbstschutzmechanismen kennt jeder Mensch. Im Alltag wenden wir sie alle mehr oder weniger an. Wie viele Verheiratete wissen in ihrem Innersten zum Beispiel, dass ihre Ehe gescheitert ist, ihr Partner sich längst mental verabschiedet hat? Um nicht in Agonie zu verfallen, spielt man diese Entwicklung herunter. Wie viele Beweise sind nötig, dass der Andere längst bei jemand anderem liegt? Wenn der Selbstschutz aber in Sachen der Milieuzugehörigkeit greift, wird er politisch. Das Falsche darf dann noch nicht mal an einer einzigen Stelle akzeptiert werden – denn das wäre schon Kapitulation und im schlimmsten Fall mit einem Eingeständnis verbunden, dass die Lage doch bedrückender ist, als man bereit ist zu ertragen. Die Radfahrerin auf der Frankfurter Zeil hat sich nicht mal die Mühe gemacht, in den Schuhladen zu blicken, denn die Scherben auf dem Boden des Geschäftes hätten den Schutzpanzer durchlöchern können – nicht, dass man dann gleich umkippt und alles ganz anders sähe. Aber solche Löcher wollen gestopft werden. Und es wird von mal zu mal schwieriger, sie adäquat abzudichten.
Selbstschützer führen die Gesellschaft in den Abgrund
Ja, der Selbstschutz ist eine ziemlich kraftraubende Art, durch den Alltag zu kommen. Zumal in diesen Zeiten, da man quasi dauerberieselt wird von Meldungen, Sensationen, Skandalen und Empörungen, die einem ins Zweifeln kommen lassen könnten. Sich selbst zu schützen, weil man partout mit der grausamen Wahrheit nicht umzugehen weiß, wonach diese bundesrepublikanische Gesellschaft wirklich in eine tiefe Depression und Krise geschlittert ist, die sich nicht einfach mit warmen Worten wieder auflösen lassen, ist ein nicht zu unterschätzender Kraftakt. Realitäten zu leugnen bindet mentale Ressourcen. Jeden Vorfall zum Einzelfall zu definieren, jeden weiteren Zusammenbruch umzudeuten: Das muss man erstmal wieder und wieder leisten können.
Es ist die Angelegenheit eines jeden Menschen selbst, wie er mit der Wirklichkeit umgeht. Wenn er sich selbst auf eine solche Weise schützt, wenn er sich mit einer solchen oder ähnlichen Methode beruhigt, sei ihm das mehr als gegönnt. Harmonie darf sich jeder inszenieren in seinem Leben. Auch jene Radfahrerin darf selbstverständlich in einer Realität leben, die sie sich selbst zusammenschustert – was sie ausblendet, das ist ganz alleine ihre Sache. Jedenfalls solange sie nur durch die Stadt radelt.
Sobald der Selbstschützer jedoch in den politischen Raum strebt, sich um Sitze in Rathäusern oder Parlamenten bewirbt, wird seine Methode mit den Realitäten umzugehen zu einem grundlegenden gesellschaftlichen Problem. Das Kind ist freilich längst in den Brunnen gefallen, zu viele diese Leute, die sich dem Selbstschutz verschrieben haben, um mit der traurigen Wirklichkeit irgendwie zurechtzukommen, sind in den letzten Jahren ins Politische gestrebt. Auch ein Grund, warum sich nichts mehr bewegt, ja bewegen kann. Wer Probleme kleinredet – und weiß Gott, wir haben einen ganzen Katalog gesellschaftlicher Problembereiche –, fühlt sich ja kaum dazu bemüßigt, sie aus der Welt zu schaffen. Man darf diesen Selbstschützern auf keinen Fall den politischen Raum überlassen. Sie führen das Land in einen tiefen Abgrund, in dem sie sich längst verschanzt haben, um sich von der Realität zu verbergen. Als Privatperson können sie sich erlauben, nicht durch Schaufenster zu blicken, um nicht verwirrt zu werden – aber sie haben nicht darüber zu befinden, was die anderen durch das Schaufenster gesehen haben dürfen.
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Selbstschützer? Zumindest in D dürfte inzwischen fast alles versichert sein. Wofür geht man schließlich jeden Tag zur Firma oder ins Amt? Wenn dabei ab und zu mal ein paar verwöhnten Statisten der Kragen platzt und dabei etwas zu Bruch geht, wen juckt es? Das ist noch lange keine Krise und immernoch besser, als dass Wutbürger hinter verschlossenen Türen heimlich ihre Frauen, Kinder, Haustiere oder sich selbst misshandeln.
Solange Krawalle und Demos am Wochende stattfinden und ab Montag wieder wie gewohnt malocht werden kann, herrscht Marktwirtschaft und die Demokratie ist in Bestform. Auch wenn den Journalisten dabei mitunter der Stoff ausgeht. Sorgen muss man sich erst machen, wenn der Chef am Arbeitsplatz aufkreuzt.