Mehr Butter!

Symbolbild, Verschwörungstheorie
Wendelin Jacober, CC0, via Wikimedia Commons

Neues aus der Wissenschaft von den Verschwörungstheorien.

Werter Leser, ist Ihnen vielleicht schon einmal der Name Michael Butter begegnet? Bitte gähnen Sie jetzt nicht, winken Sie nicht müde ab, verdrehen Sie nicht die Augen gen Himmel, und bitte – Ihr gefallenen Engel in den Kommentarspalten – auch keine abfälligen oder ausfälligen Bemerkungen! Dieser Mann namens Butter, Professor für Amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen, Autor zweier Verschwörungstheorie-Bestseller („Nichts ist, wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien, Berlin 2018 und Die Alarmierten. Was Verschwörungstheorien anrichten, Berlin 2025) ist weder langweilig noch böse! Die meiste Zeit rennt er einfach nur (wie ich der Einleitung des letztgenannten Opus entnehme) am Neckarufer seinen beiden fahrrad- bzw. laufradfahrenden Kindern hinterher, während sein Handy wegen der vielen Interview-Anfragen andauernd klingelt.

Im Ernst: Eigentlich hatte Professor Butter mit seiner Wissenschaft von den Verschwörungstheorien einfach nur eine Nische besetzen und damit bequem seinen Lehrstuhl auspolstern wollen. Was werden denn nicht alles für verrückte Dinge geglaubt, gerade auch in der amerikanischen Kultur! Von fremden Planeten stammende Echsenmenschen, kinderblutsaufende Eliten, ein teuflischer Deep State, der mit Absicht die Katastrophe von 9/11 herbeigeführt habe und so weiter und so fort. Prima, dachte sich Professor Butter, das reicht gut und gern für dreißig oder vierzig Jahre geruhsamer Forschungstätigkeit, bei der man ein bisschen herumdefinieren und herumvergleichen, ein bisschen herumhistorisieren, herumargumentieren und sich nach und nach zur anerkannten Koryphäe in diesem Sonderforschungsbereich herausbilden kann. Man muss nur immer schön darauf achten, nie solche Verschwörungstheorien wissenschaftlich in den Blick zu fassen, die uns nicht von vornherein albern erscheinen, sonst gibt es keine Forschungsgelder mehr!

Alles in Butter zum Beispiel, wenn Sie einen Aufsatz mit dem höhnischen Titel „There’s a conspiracy theorie that the CIA invented the term ›conspiracy theorie‹ – here’s why“ schreiben, in welchem Sie die von vornherein alberne Verschwörungstheorie durch den Kakau ziehen, dass selbiger Begriff (der weit über hundert Jahre auf dem Buckel hat) 1967 von der CIA eigens zu dem Zwecke erfunden wurde, jeden Zweifel am ominösen Warren Report ins Lächerliche zu ziehen. Wobei Sie sich allerdings – und nur darauf kommt es an! – gegenüber der schieren Möglichkeit der Frage, ob und inwieweit im Zusammenhang mit dem Kennedy-Attentat geheimdienstliche Kreise tatsächlich Initiativen ergriffen haben, investigative Nachforschungen zu diskreditieren, komplett dumm stellen müssen. Je besser Ihnen das gelingt, umso öfter wird man Sie überall dort zitieren, wo es Forschungsmittel gibt. So läuft das nun schon seit längerem in diesem Saftladen, damit muss man heutzutage akademisch klarkommen. Wie schon ein altes Sprichwort sagt: „Hat man kein anderes Futter, so schmeckt auch Brot und Butter“!

Der Hefeteig

Möglicherweise (Vorsicht, wir betreten den Bereich der Verschwörungstheorie!) war Professor Butter selbst überrascht, dass sein beschauliches Orchideenfach ab 2016 plötzlich wie ein Hefeteig aufgehen und zu einem von der European Cooperation in Science and Technology (COST) mit zig Millionen durchfinanzierten, alle EU-Mitgliedstaaten (und solche, die es noch werden wollen) umfassenden, über 150 Stipendiatinnen und Stipendiaten in Lohn und Brot und Butter haltenden Forschungszweig namens Comparative Analysis of Conspiracy Theories (COMPACT) erblühen sollte. Ja, das ist schon beeindruckend, diese Heerscharen junger Postgraduierter, die nicht müde werden, sich interdisziplinär und transdisziplinär mit den tiefgründigen Ursachen und Folgen möglichst weit aus der Luft gegriffener Verschwörungstheorien auseinanderzusetzen, anstatt einmal auf die Idee zu kommen, reale Machtstrukturen und deren Missbrauch, reale politische Missstände und deren objektives Verschwörungspotential als das zentrale Problem „unserer Demokratien“ ins Auge zu fassen! Dorthin fließen sie also, die EU-Forschungsgelder, in diesen Butterberg! Das ist sie also, die Crême de la Crême, die Fleur de la Fleur, die Avantgarde de l’Avantgarde der europäischen Geisteswissenschaften im 21. Jahrhundert! Wobei sich Professor Butter anfangs selbst wohl ein wenig darüber gewundert haben mag, dass das alles so gut flutschte, während doch sonst von den meisten Kollegen üblicherweise immer nur bittere Klagen darüber zu vernehmen waren, dass man ihnen die Butter vom Brot nehme! Hier aber nun konnte man sich endlich einmal froh und dankbar des umgekehrten Sprichworts bedienen: „Wer viel Butter hat, der kann fett streichen!“

Warum aber, liebe Kollegen, immer nur nach dem Haar in der Butter suchen? Wir sind ja alle nur neidisch, geben wir es doch zu! Es ist ja nicht so, dass Professor Butter in seinem neusten Verschwörungstheorie-Bestseller – ja, nehmen sie ihn nur in die Hand, Sie werden schon keine fettigen Finger davon bekommen! – immer nur Unsinn schreiben würde. So widerspricht er z.B. der ganz im Zeichen der wokeness stehenden These, dass „ein verschwörungstheoretisches Weltbild an sich antisemitisch“ sei, mit dem grundsoliden Argument, dass es bereits in der griechischen und römischen Antike Theorien über Verschwörungen gab, in denen „jüdische Menschen keine Rolle“ spielten (S. 79). Vernünftig, oder? Wo er recht hat, hat er recht! Danke, Herr Professor Butter!

„Amadeus, Amadeus…“

In der Mitte des Buches findet sich dann sogar eine ausführliche Kritik an Anetta Kahane, Chefin der Amadeu Antonio Stiftung (AAS), die im November 2020 auf einer Bundespressekonferenz zum Thema „Radikalisierung und Normalisierung der Corona-Leugner-Szene“ wörtlich behauptete, dass „Verschwörungsideologien immer auch antisemitisch sind, selbst wenn sie sich mit Leuten wie Bill Gates beschäftigen“. Das aber bestreitet Butter, der solche Worte außerdem für „kontraproduktiv“ hält, denn:

Wem vorgeworfen wird, antisemitisch zu sein, obwohl man dies in der eigenen Wahrnehmung und auch in einer objektiven Einschätzung nicht ist, nimmt dies schnell als reine Diffamierungsstrategie wahr und ignoriert dann auch leichter die berechtigte Charakterisierung von anderen Demonstrierenden als „rechtsextrem“ oder „neonazistisch“. (S. 137)

Da ist doch etwas dran, oder nicht? Butter geht aber noch viel weiter! Er nimmt sogar auch noch jene in Schutz, die gelbe Sterne mit der Aufschrift „ungeimpft“ trugen: Dafür müsse man insofern Verständnis haben, als sich solche Menschen „stigmatisiert fühlten wie die Jüd*innen im Dritten Reich, weil sie der Impfung misstrauten und die öffentlich diskutierte Impfpflicht ablehnten“. Hat er das nicht richtig erkannt? Bei dieser Gelegenheit bricht er auch gleich noch eine Lanze für eine junge Frau namens Jana, die im November 2020 kurz in die Schlagzeilen geriet, weil sie als Covidiotin, die sie nachweislich war, doch tatsächlich die Chuzpe hatte, sich selbst mit der heiligen Widerstands-Ikone Sophie Scholl zu vergleichen. Dazu Butter:

Die Vergleiche mit Sophie Scholl und das Tragen gelber Sterne waren äußerst geschmacklos und vollkommen unangemessen, aber sie waren nicht per se antisemitisch, obwohl dies oft behauptet wurde. Die Protestierenden beabsichtigten nicht, das Schicksal der europäischen Jüd*innen während des Dritten Reichs zu relativieren, was ein zentrales Element des modernen Antisemitismus ist, sondern sie taten dies unbeabsichtigt. (S. 135)

Na, das ist doch mal „Butter bei die Fische“, wie die Norddeutschen sagen! Welche Wendung, wie ich zugeben muss, insofern an „Angemessenheit“ und „Geschmack“ vermissen lässt, als an den Wassern der Isar, wo unser Autor getauft wurde, ja nicht die Scholle, sondern die Weißwurscht ihre Heimat hat, der nicht Butter, sondern Senf beizugeben ist.

Wenn auch Richtigdenker konspirieren…

Doch nicht genug: Auch Pia Lamberty, Chefin des Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), kriegt ihr Fett ab! Dafür nämlich, dass sie an die Adresse der Querdenker die allzu überspitzte Anschuldigung richtete, es sei ihnen „nie wirklich um Corona“ gegangen, sondern immer nur darum, „Demokratien zu zerstören“ (Tagesschau, 3. August 2022). Dazu nun wieder etwas Butter:

Diese Einschätzung ist bequem, weil sie es überflüssig macht, zu differenzieren oder nach tieferen Ursachen des Misstrauens zu suchen, das in den Coronaprotesten seinen Ausdruck fand. Sie ist aber auch problematisch, weil sie letztendlich selbst konspirationistisch ist. Sie unterstellt den „Querdenker*innen“, dass sie die Pandemie nur als Vorwand nutzten, um ihrem eigentlichen Ziel näher zu kommen. (S. 138)

Was sagt man dazu? Konspirationistisches Denken nicht nur bei den bösen Querdenkern, sondern auch in den eigenen Reihen, bei den Guten, bei den (wenn ich einmal so sagen darf, auch wenn unser Autor diese Bezeichnung wahrscheinlich nicht einmal in Anführungszeichen verwenden würde) Richtigdenkern! Gibt es das denn auch? Richtigdenker, die sich irgendwelche dummen Verschwörungstheorien zurechtkonstruieren und dann felsenfest daran glauben? Wer hätte das gedacht! Nun also ist es wissenschaftlich erwiesen, und wir sagen an dieser Stelle noch einmal: Danke, lieber Herr Professor Butter!

Der Splitter und der Balken

Doch, doch, Sie haben richtig gelesen! Neuster wissenschaftlicher Erkenntnis nach werden Verschwörungstheorien nicht mehr nur von den üblichen Verdächtigen in Umlauf gebracht, sondern auch von sogenannten NGOs und gemeinnützigen Stiftungen, deren (zu nicht geringen Teilen auch aus Steuergeldern finanzierte) Aufgabe eigentlich darin bestehen sollte, diese zu bekämpfen! Butters Paradebeispiel dafür, wie es leider manchmal passieren kann, dass „der Diskurs über Verschwörungstheorien nicht nur strukturelle Parallelen zum konspirationistischen Denken aufweist, sondern selbst ins Verschwörungstheoretische kippt“ (S. 165), sind die „Enthüllungen“, welche die gemeinnützige Correctiv GmbH im Zusammenhang mit einem Potsdamer Treffen rechter Aktivisten im November 2023 geleistet haben will. Butter referiert auf mehreren Seiten diverse Übertreibungen des Correctiv-Reports („Geheimplan gegen Deutschland“), um schließlich zu der wissenschaftlichen Erkenntnis zu gelangen…

…dass uns konspirationistische Ideen vor allem dann stören, wenn sie von „den Anderen“ kommen. Passen sie in das eigene Weltbild und bestätigen sie ohnehin bereits geteilte Annahmen über die AfD, aber auch über Donald Trump oder Wladimir Putin, erscheinen ihre Behauptungen überzeugender. Identität und Zugehörigkeit sind oft wichtiger als die Fakten, wenn es darum geht, was wir glauben oder nicht. (S.191)

Lieber Herr Professor Butter, da haben Sie etwas sehr Richtiges festgestellt und hätten, um ihren Worten mehr Nachdruck zu verleihen, eigentlich nur noch an das Bibelwort „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ erinnern müssen! Frei nach dem Bergprediger: Solange für uns Verschwörungstheorien immer nur das sind, was wir vermeinen, in den Augen unserer politischen Gegner blitzen zu sehen (ähnlich vielleicht den Dollarzeichen in den Pupillen des Dagobert Duck), bringt uns das als Gesellschaft insgesamt nicht weiter! Sehe ich recht, lieber Kollege Butter, dass das die Hauptthese Ihres Buches Die Alarmierten ist? Welcher Titel ja, wie Sie bereits in Ihrer Einleitung darlegen, auf „beide Seiten“ zu beziehen sei, nämlich…

…auf diejenigen, die alarmiert sind, weil Verschwörungen angeblich unsere Demokratie bedrohen, und diejenigen, die alarmiert sind, weil Verschwörungstheorien dies vermeintlich tun. (S. 16)

Gut, aber was ist denn nun gefährlicher? Gesetzt den Fall, beide Formen des Alarmismus – oder sagen wir, abschwächend, der politischen Besorgtheit – wären zumindest ein Stück weit gerechtfertigt, was wäre denn dann für „unsere Demokratie“ die größere Bedrohung? Reale Verschwörungen oder deren Illusion? Wo ist der politische Handlungsbedarf und die Pflicht zur wissenschaftlichen Aufklärung größer, bei A oder bei B? Darüber sollten Sie vielleicht noch einmal nachdenken! Wobei auch die Sache mit dem „Splitter“ und dem „Balken“ komplizierter ist als sie dem Bibelleser zunächst vorkommen mag. Macht es doch einen gewaltigen Unterschied, ob ich einem Zwerg oder einem Riesen in die Augen schaue! Nur bei letzterem ist der „Splitter“ objektiv ein „Balken“ und fällt voll ins Gewicht! Verstehen Sie, worauf ich hinauswill?

Nachhilfeunterricht für Riesen

Schauen Sie, lieber Kollege, es ist eben doch nicht ganz dasselbe, ob sich ein Riese von einem Zwerg abgrenzt und bei jeder Gelegenheit auf ihn einprügelt, oder ob es der Zwerg ist, der sich – wie chancenlos auch immer – mutig gegen den übermächtigen Riesen stellt! Angesichts dieses unfairen Kampfes scheint auch Sie ein ungutes Gefühl beschlichen zu haben. Jedenfalls würde das erklären, weshalb Sie in Ihrem fünften und letzten Kapitel das Schwert Ihrer Kritik explizit gegen die Riesen wenden, freilich immer nur begrenzt auf den „deutschen Diskurs“, der ja im Vergleich zu dem anderer Länder besonders unsportlich ist. Diese Ihre tapfere Schwertattacke enthält ein paar mutige Stiche, die ich hier stichpunktartig zusammenfassen möchte.

Sie urteilen zunächst, dass hierzulande „der Diskurs [über Verschwörungstheorien] allzu oft vereinfachend, verallgemeinernd und alarmistisch“ sei (S. 160). Das hänge mit dem bundesdeutschen Finanzierungsmodell zusammen, aus dem sich „mittlerweile mehr als fünfzig zivilgesellschaftliche NGOs und Stiftungen“ speisen würden (S. 159). Es habe sich eine neue Art des „Verschwörungstheorieaktivisten“ (S. 161) bzw. „conspiracy theory entrepreneurs“ (S. 186) herausgebildet, der unter Gefahr, finanzielle Zuwendungen zu verlieren, sich gezwungen sehe, die Alarmschwelle möglichst niedrig zu halten, was der Debatte nicht guttue. Überhaupt sei es grundsätzlich falsch, „die Existenz und – vermeintliche! – Zunnahme von Verschwörungstheorien“ immer nur als „Ursache“ und nicht als „Folge“ einer „Krise der Demokratie“ zu interpretieren (S. 163). Letztlich sei zu befürchten, dass der Diskurs über Verschwörungstheorien „nicht nur, aber vor allem der Selbstbestätigung der an ihm Beteiligten“ diene und eine neuartige Ausprägung dessen sei…

…was die Soziologie als boundary work bezeichnet: ein Mechanismus der Abgrenzung, der die Überlegenheit der eigenen Gruppe bestätigt und so deren Gruppenidentität stärkt. Wer sich gegen Verschwörungstheorien engagiert, ist liberal, tolerant, progressiv und demokratisch; wer an Verschwörungstheorien glaubt, steht für die entgegengesetzten Werte. (S. 164)

In diesem Zusammenhang kritisieren Sie auch gewisse Umfragen, die vor einem wachsenden Glauben an Verschwörungstheorien warnen. Tatsächlich würden häufig Fragen gestellt, bei denen der ganz oder teilweise Zustimmende „genauso gut an Lobbyismus wie an einen Komplott“ denken könne (S. 167). Als Beispiel zitieren Sie eine im Frühjahr 2022 durchgeführte CeMAS-Erhebung zu „Verschwörungserzählungen über den Angriffskrieg gegen die Ukraine“, in welcher von elf Testfragen nur deren vier im eigentlichen Sinne als „konspirationistisch“ zu bezeichnen seien, nämlich:

„Der Krieg in der Ukraine dient nur der Ablenkung von der Coronapandemie“; „Die Ukraine hat zusammen mit den USA geheime Biolabore zur Herstellung von Biowaffen betrieben“; „Die westliche Welt hat sich gegen Russland und Putin verschworen, um die eigene Macht auszubauen“ und „Putin geht gegen eine globale Elite vor, die im Hintergrund die Strippen zieht“. Die übrigen sieben Aussagen – unter anderem „Die Ukraine hat historisch keinen eigenen Gebietsanspruch und ist eigentlich ein Teil Russlands“, „Die Nato hat Russland so lange provoziert, dass Russland in den Krieg ziehen musste“, „Die Nato wäre in die Ukraine einmarschiert, wenn Putin nicht vorher eingeschritten wäre“ oder „Man kann westlichen Medien nicht mehr trauen, wenn sie über den Krieg in der Ukraine berichten“ – sind aus einer einigermaßen neutralen Perspektive auf den Konflikt falsch. Es handelt sich jedoch nicht um verschwörungstheoretische Behauptungen [Hervorhebung J.W.], da zentrale Komponenten dieses Denkens fehlen. (S. 168)

Wie bitte? Dass die Nato Russland provoziert habe, ist also keine verschwörungstheoretische Erzählung? Und wer behauptet, in unseren Medien werde über den Krieg in der Ukraine falsch berichtet, kein Schwurbler? Vorsicht, lieber Kollege! Die Riesen und Richtigdenker mit ihren fetten Balken in den Augen hören das vielleicht gar nicht gern! Die könnten leicht ins Mauscheln und zu dem unerfreulichen Schluss kommen: „Nicht alles ist Butter, was von den Kühen kommt, manches ist auch schlicht und einfach… na, Sie wissen schon!“ Ergo, lieber Kollege Butter, wenn Sie schon so schön heißen, dann sorgen Sie doch bitte dafür, dass von den Kühen der Wissenschaft genau das kommt, wofür sie auch bezahlt werden!

Pandemie und Infodemie

Nicht ganz ungefährlich scheinen mir auch, lieber Kollege, Ihre Ausführungen darüber, dass „der Einfluss von Desinformation im Internet in der öffentlichen Wahrnehmung stark übertrieben“ werde (S. 175), wobei Sie sich sogar zu der Behauptung versteigen, dass Falschinformationen weniger ansteckend seien als Corona-Viren! Diesem Vergleich, so schreiben Sie, liege…

…ein problematisches Infektionsmodell zugrunde, dem zufolge entsprechende Inhalte im Internet ebenso ansteckend sind wie Viren im realen Leben. Die WHO sprach bereits kurz nach Beginn der Coronapandemie von einer „Infodemie“, also der massiven Verbreitung von Desinformation, welche die Ausbreitung des eigentlichen Virus begleite und die Situation noch gefährlicher mache. Diese Metapher war […] äußerst unglücklich gewählt. Sie überschätzte nicht nur das Ausmaß und den Einfluss von Falschinformationen zur Pandemie maßlos, sondern konzeptionalisierte auch deren Verbreitung und Wirkung irreführend. Wenn ich mehrere Stunden mit einem ansteckenden Coviderkrankten in einem Raum verbringe, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass ich ebenfalls erkranke. Bin ich dagegen mehrere Stunden mit zwei Menschen isoliert, die Desinformation oder Verschwörungstheorien verbreiten, ist es viel wahrscheinlicher, dass es zu einem handfesten Streit kommt, sofern ich ihre Ansichten nicht teile, als dass ich mich anstecke, Begegnet man den entsprechenden Behauptungen online, ist es nicht anders. (S. 176f.)

Auweia, da hätte ja nur noch gefehlt, dass Sie auch noch die Möglichkeit in Erwägung gezogen hätten, dass „massive Verbreitung von Desinformation“ bzw. „Falschinformationen zur Pandemie“ rein theoretisch vielleicht auch von der WHO hätten ausgegangen sein können! Aber ab diesem Breitengrad beginnt es ja bekanntlich richtig heiß zu werden, und „wer Butter auf dem Kopf hat, muss nicht in die Sonne gehen“, wie ein weiteres uraltes Sprichwort (wer sich wundert, wo ich das alles her habe, der schaue bei Horst und Annelies Beyer nach) uns mahnend in Erinnerung ruft.

Und die Moral?

Sie sehen, geduldiger Leser:

Einem ist sie die hohe, die himmlische Göttin, dem andern

Eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt.

Das hat ein gewisser Friedrich Schiller gesagt. Über die… Sie wissen schon: die Wissenschaft! Sicherlich leicht zu googeln, falls Sie sich noch mehr dafür interessieren. Ich kann dem abschließend nur noch hinzufügen: Man darf sich als Wissenschaftler eben nicht unterbuttern lassen! Scheint das nicht auch Professor Butter mittlerweile begriffen zu haben? Er ist, so mein Eindruck, durchaus auf dem richtigen Weg, zögerlich zwar und noch etwas naiv, aber immerhin! Sie glauben mir nicht? Dann schauen Sie doch mal, wenn Sie das Buch in einer Leihbibliothek in die Hände bekommen (denn zu einem Kauf kann ich trotz allem nicht wirklich anraten), was er zu Seymour Hersh und Nord Stream geschrieben hat! Da knistert, nein wackelt es geradezu im Gebälk! Namen wie Guérot oder Mausfeld werden Sie im Personenregister freilich immer noch vergeblich suchen, aber das kann sich ja in Zukunft noch ändern…

Fazit

Professor Butter ist auf dem richtigen Weg, dort an seinem Neckarufer. Er muss ja auch seinen beiden Kindern nicht mehr hinterherlaufen, die gehen jetzt ihre eigenen Wege. Da kann er nun umso besser den eigenen Gedanken hinterherlaufen, sie vielleicht sogar (wenn das Handy nicht ständig mit irgendwelchen Interview-Anfragen dazwischenklingelt) zu packen kriegen, also im eigentlichen Sinne mit dem Nachdenken, vielleicht sogar Umdenken beginnen… Denn „Butter will oben sein“, wie ein uraltes Sprichwort, das letzte für heute, weise verkündet. In diesem Sinne: Mehr Butter!

Joachim Wink

Dr. Joachim Wink ist romanistischer Literaturwissenschaftler und forscht zur frühneuzeitlichen Religions- und Herrschaftskritik. Veröffentlichung mehrerer wissenschaftlicher Bücher.
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6 Kommentare

  1. Unglaublich peinlich, wenn sich ein Literaturwissenschaftler an dem Nachnamen seines Gegenübers vergreift.
    Nie – würde man das einem Studenten in der Zwischenprüfung durchgehen lassen.

  2. Die EU demontiert sich übrigens auf äußerst dumme Weise auch im Ukrainekrieg.
    Nachdem dieser nun etwas in den Hintergrund gerückt ist, möchte ich folgenden Punkt in den Vordergrund stellen: Die Ukraine bezieht ihr gesamter Militärpotential aus dem Westen und würde alleingestellt schnell verlieren. Für Russland wäre damit der effektivste Weg, den Krieg zu beenden, alle Zugangspunkte der Ukraine zum Westen (grenznahe Verkehrsknotenpunkte, Häfen, usw.) auf die radikalstmögliche Weise auszuschalten – bis hin zu taktischen Atomwaffen. (Der laufende Irankrig hat schließlich gezeigt, dass radikal relativ ist.)
    Stattdessen greift Russland hauptsächlich Ziele in der Ukraine an, die zwar großen Schaden verursachen, jedoch nicht in der Weise kriegsentscheidend sind. Man könnte das für strategische Kurzsicht halten – allerdings sieht es inzwischen eher nach Weitsicht aus. Denn was würde ein schnelles Kriegsende bedeuten? Die EU würde die Ukraine abschreiben, sich aufraffeln und fluks eine neue Front, etwa im Baltikum eröffnen, die für Russland viel schwerer zu bewältigen wäre, da sie näher an kritischen Gebieten liegen und zudem direkt von der NATO aus betrieben würde. So aber ist die EU gewissermaßen selbstauferlegt „gezwungen“ sich laufend über unfähige und korrupte Helfershelfer zu demilitarisieren.
    Ein aus russischer Sicht kontrolliertes Feuer also, das die EU-Ressourcen langsam verbrennt und anderen Fronten das Wasser abgräbt. Man muss vor diesem strategischen Geschick immer wieder staunen.

  3. Ich kenne weder den Herrn Butter, noch seine Machwerke. Aus Erfahrung weiß ich, das wohl die meisten „Verschwörungstheorien“ einen wahren Kern haben. Und das oft die „Theorien“ später bestätigt werden. Und das es einflussreiche Kreise gibt, die nicht wollen, das ihr Tun ans Licht kommt. Bin ich nun Antisemit? Oder nur jemand, der den Herrschenden nichts glaubt?

  4. „Sie sehen, geduldiger Leser“ .. ich sehe! Aber trotzdem würde ich es sinnvoll finden, würde sich der Autor bequemen, dem überaus geduldigen Leser schon zu Beginn einen Wink (das ist mein einziges Namenswortspiel, versprochen!) zu geben, wo er denn eigentlich hin will. Irgendwie wartet man den ganzen Artikel auf den großen Knall, endet jedoch in der banalen Erkenntnis, daß der Herr Butter lediglich den Alarmismus bedient, den er selber korrekt feststellt. Tja, was soll er auch sonst tun? Er muß in dem System ja genauso überleben, wie der Kapitalismuskritiker im Kapitalismus eben zum (Über)Leben den Kapitalismus bedienen muß und nicht einfach Sozialismus spielen kann.

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