
Heute gälte meine Großmutter als rechts, ja vielleicht sogar als Nazi-Sympathisantin. Darf ich sie trotzdem vermissen, wenn’s recht ist?
Wenn es nach der Hamburger Qualitätsschriftleitung ginge, müsste ich nun den Namen meiner Großmutter in die Suchmaschine jenes Archives eintippen, in dem etliche Schandtaten und Schandtäter aus der nationalsozialistischen Zeit hinterlegt sind. Bislang habe ich es nicht getan – auch deshalb, weil Oma während ihres Lebens meist nur Hausfrau war, die nicht sonderlich politisch dachte. Lauschte man ihr dann in späteren Jahren, so fielen Sätze, die man heute nicht mehr so ohne Weiteres formulieren dürfte. Wir kommen noch darauf zurück. Lebte sie heute noch, gälte sie wohl schnell als jemand, den man den Kampf ansagen müsse. Mich belustigt der Gedanke, dass irgendwelche Antifaschos vor dem Altenheim der alten Dame Stellung bezogen hätten. Der Heimleiter hätte sich womöglich von ihr distanziert – und die aufgebrachte Menge hätte »Nazis raus!« skandiert. Oma wäre dann im hohen Alter nochmal obdachlos geworden – erstmals wurde sie es nach einer Bombennacht ins Hitlers Weltkrieg.
Gott sei’s gedankt, dass sie das nicht mehr erleben musste. Vor zehn Jahren ging sie von uns. Hochbetagt. Geboren wurde sie 1920 in Ingolstadt an der Donau. Damals war man noch Garnisonsstadt, fasste etwas um die 25.000 Einwohner – in den Nachkriegsjahren wurde die Stadt zur Boomtown, mittlerweile leben dort mehr als 140.000 Menschen, was sich aber auch wieder geben könnte, sobald der Wirtschaftsstandort – und damit Audi – so geschwächt ist, dass sich ein Zuzug in die oberbayerische Großstadtprovinz nicht mehr lohnt. Wenn man es genau nimmt, kam meine Großmutter nie raus aus ihrem Stadtteil, sie lebte immer im Nordosten Ingolstadts, auch als die Alliierten ihr das Haus zusammenbombten, flüchtete sie sich lediglich in die nähere Nachbarschaft.
Oma, das Landei
Heute würde man den Bau, in dem sie nach dem Krieg eine Wohnung mit ihrem Mann bezog – einem Kriegsrückkehr, der auf der Krim kämpfte und später in Sibirien landete –, als regelrechte Bruchbude bezeichnen. Die Fenster waren aus morschem Holz, bohrte man Löcher in die Wände, kamen einen teils murmelgroße Kiesel entgegen – und manchmal ein Stück der Wand. Als sie Anfang dieses Jahrtausends aus der Wohnung musste, weil die Stadt die zweckmäßig nach dem Krieg errichteten Bauten abreißen und durch neue Wohneinheiten ersetzen wollte, traf sie das hart – einen alten Baum, so pflegte sie zu sagen, verpflanzt man nicht. Es half nichts, sie zog noch mal um, nochmal in die Nachbarschaft, in die unmittelbare Nähe einer ihrer Töchter. Da hatte sie noch wenige gute Jahre vor sich.
Meine Oma war, das meine ich nicht respektlos, ein Landei. Sie wusste von der Welt nur aus dem Fernsehen, kannte durchaus Vorurteile gegen Fremdes. Als meine Mutter mit einem Spanier heimkam, glich das einer mittleren Katastrophe. Aus gewissen Gründen, die ich hier nicht anführen möchte, galt der Mann als Taugenichts – Spoiler an dieser Stelle: Er wurde ein liebevoller Vater, streng zwar, altbacken in vielerlei Hinsicht, immerhin wurde er im Spanien des sogenanneten caudillos sozialisiert, im Spannungsfeld zwischen baskischen Separatismus und franquistischen Allmachtsansprüchen, aber er war jederzeit für seine Söhne präsent. Außerdem arbeitete er zu viel, in den letzten Lebensjahren bürdete er sich sogar kräftezehrende Nachtschichten auf – womöglich war auch dies ein Grund, dass er so früh verstarb. Als ich Kind war, nahmen wir die deutsche Oma, die abuela, im Sommer mit nach Spanien – ins besagte Baskenland. Wir fuhren jedes Jahr dorthin, immer mit dem Auto, die Strapazen und die Hitzetouren dieser Reisen blieben mir unvergesslich. La abuela war bei meiner spanischen Familie äußert beliebt, obgleich sie kein Wort sprach oder auch nur verstand. Vielleicht war das das Geheimnis ihrer Beliebtheit? Sie vermisste dort den kulinarischen Hochgenuss von Salzkartoffeln; Meeresfrüchte aß sie zwar, fand daran aber nichts. Die Spanier mussten aber annehmen, dass sie sie liebte, schließlich verspeiste sie eines Tages die ihr vorgesetzten gambas mitsamt Schale. Hernach teilte sie meinem Vater mit, dass das nichts sei, was sie empfehlen könne.
Sie hütete uns Kinder – zwei Brüder – mit großer Hingabe. Sie war fürsorglich, hörte zu, erzählte uns Geschichten. Meine Großmutter war ein natürlicher Teil meines Lebens – und dies, bis ich erwachsen wurde. In dieser Zeit entfremdete man sich, aber meine Liebe zu dieser alten Frau verlor ich nie. Habe ich ihr das je gesagt? Ich hätte es tun sollen. Alles, was ich über die Grausamkeit des Krieges wusste, hatte ich von ihr – erst später las ich mir das Kriegsgrauen an, das ich bei ihr schon vernommen hatte. Sie erzählte von Bombennächten und wie ihre kleine Tochter, meine spätere Tante, bei jedem Knall laut »Bumm« rief. Alles zitterte im Keller, viele weinten – später, arrogant genug wie ich als Jugendlicher war, dachte ich mir nur: Selber schuld, es war ja euer Hitler. Falsch ist das von einer überheblichen Warte aus nicht, aber ich hatte es warm, uns fehlte es an nichts. Wir waren ein Arbeiterhaushalt, aber da meine Eltern viel schufteten, ging es uns halbwegs gut. Die Gnade der späten Geburt: So nannte man das wohl – und sie verleitete häufig dazu, den Stab über jene zu brechen, die früher auf dieser Welt waren. Das ist heute noch immer so – wenn auch bei anderen Thematiken. Das mag das Vorrecht der Jugend sein – aber wie viele alte Trottel gibt es heute, die diese einfachen Losungen wiederholen, ohne ein bisschen Lebenserfahrung einzuklinken?
Oma, die Frau von gestern
Begünstigt wurde diese Denkart durch Aussagen meiner Großmutter. An sich bräuchte es hier und da, so erklärte sie zuweilen, eine ganz kleinen Hitler – dabei zeigte sie mit Daumen und Zeigefinger an, wie umfangreich dieser neue Führer sein dürfe. Tatsächlich nicht groß, nur ein Däumling. Außerdem war bei den Nazis nicht alles schlecht, bei Nacht konnte man als Frau schließlich ungestört auf die Straße gehen. Das glaubte ich ihr sogar, konterte dann aber oft: weil die Verbrecher nicht mehr im Park lauerten, sondern in der Regierung saßen. Mit Ausländern konnte sie ohnehin wenig anfangen – außer mit Spaniern, wie sie später noch immer hinzufügte, als sich Papa bewährt hatte. Aber Türken? Oh nein, also wirklich – aber alles was recht ist! Soweit komme es noch. Wenn sie schon die Kopftücher sehe, sei es bei ihr ganz und gar vorbei. Das hätte es damals nicht gegeben: Diesen Satz hat sie meiner Erinnerung nach nie so deutlich gesagt, aber man hätte es so verstehen können, wenn man wollte.
Unschön – zugegeben. Hätte ich sie hassen sollen? Das tat ich nicht. Ich diskutierte mit ihr, verstand sie nicht, haderte mit ihrer fehlenden Einsicht. Gut, so dachte ich mir, das ist eine alte Frau, die könne man nicht erfolgreich belehren. Aber mich von ihr abwenden, sie nicht mehr einladen, wie das neuerdings – seit Corona – immer mal wieder empfohlen wird, wenn ein Familienmitglied »aus der Reihe tanzt« und die Parolen des Mainstreams nicht anbetete: Niemals! Sie war Familie, sie war eine von uns, egal, wie falsch sie liegen mochte mit dem, was sie so von sich gab. Respekt vor den Alten zu haben: Mein Vater hat mir das eingebläut. Ich fand das in jungen Jahren spießig, auch falsch, Alter sei ja keine Leistung, so dachte ich – aber ich hielt mich dran, als Sohn hatte ich offenbar auch gute Momente. Gottlob, denn hätte ich den Radikalismen der heutigen Zeloten gefrönt, ich würde heute wohl unter dem Bruch leiden, den ich so herbeigeführt hätte.
Großmutter war außerdem eine fromme Katholikin. Und ich, ich war ein Jungspund, der sich mordsmäßig was einbildete auf seinen Atheismus. Woran erkennen Sie einen Atheisten? Er wird es Ihnen innerhalb der ersten Viertelstunde nach Kennenlernen auf die Nase binden. Wahrscheinlich kennen Sie diese Zote mit Veganern – sie trifft natürlich auch dort zu, ja, sie trifft immer dann zu, wenn Sie es mit Gruppen zu tun bekommen, die einen zu großen Schluck aus der Sendungsbewussteinspulle genommen haben. Oma litt natürlich unter ihrem gottlosen Enkel. Und der hatte ja auch keine Argumente, außer die Erkenntnis, dass es keinen Gott gäbe und die Kirche nur ein Instrument sei, um die Menschen zu knechten. Manche Episode der menschlichen Geschichte schien mir recht zu geben. Positive Aspekte des Glaubens blendete ich willentlich aus, wie Oma all die Schandtaten religiöserer Eiferer ausblendete. Wir schenkten uns nichts – da trafen Vertreter zweier Glaubensrichtungen aufeinander. Der Unterschied bestand einzig darin, dass die Vertreterin einen Gott hatte und der junge Delegierte der atheistischen Kirche dasselbe Brimborium ganz ohne höchstes Wesen zelebrierte. Rückblickend muss ich festhalten: Ich schäme mich für diesen Unfug. Musste das sein? Muss man denn immer jeden belehren? Kann man nicht mal was stehenlassen? Und musste ich der alten Dame ihren Glauben madig machen? War ich am Ende nicht sogar Nutznießer ihrer Religiosität?
Oma, die Demütige
Sie hielt es aus, wenn man mit ihren Positionen, ihren »Weisheiten« zur deutschen Geschichte, haderte – sie ließ das Gespräch zu. Debatten abwürgen: Das kannte sie nicht. In Diskussionen verlor sie ihren Humor nicht. Bierernst: Das war eine protestantische Kategorie – und für den Protestantismus hatte sie nun wirklich noch weniger übrig als für die Kopftücher türkischer Frauenzimmer. Ihr Mann, ihr Hans, hatte sie in den ersten Stunden ihres Kennenlernens nach ihrer Konfession gefragt. Sie antwortete wahrheitsgemäß, Katholikin zu sein – er nickte nur. Die Legende will, dass sie ihn Jahre danach mit der Frage konfrontierte, was passiert wäre, wäre sie evangelisch getauft gewesen. Mein Großvater, den ich nie kennengelernt habe, machte das recht deutlich: Dann hätte er das Tête-à-Tête umgehend beendet. Das brüskierte meine Großmutter mit keiner Silbe, im Gegenteil, für sie war eine solche Reaktion logisch – als junger Mensch fand ich das abwegig: Liebt man sich denn nun oder tut man es nicht? Ich meinte, das sei die zentrale Frage. Vielleicht ist sie es in der Tat – aber sicher bin ich mir nicht. Viele Jahre später heiratete ich ein zweites Mal, diesmal evangelisch – die Gattin war Protestantin. Bei einem Termin mit der Pastorin, bei dem wir den Ablauf der baldigen Zeremonie besprachen, fragte ich naiv wie ich war, wann man genau knien müsse. Die Pastorin sah mich streng und gleichzeitig belustigt an und meinte, dass ein Protestant seinem Gott von Angesicht zu Angesicht begegne, er gehe nicht auf seine Knie. In dem Moment wurde mir erst klar, dass Demut dort kein bekanntes Konzept ist – und damit verstand ich zumindest ein wenig, weshalb mein Großvater so gehandelt hätte. Kein Wunder, dass die Protestanten heute einer woken Kirche ausgeliefert sind. Ich heiratete indes dennoch – und die Ehe scheiterte schnell. Nicht aus Glaubensgründen, aber schon aus Mentalitätsunterschiedlichkeiten, die sich auch auf die verschiedenen Konfessionen herunterbrechen ließen, so man es denn unbedingt so sehen wollte.
Großmutter war eine Frau voller Demut. Sie blickte ihren Gott nicht auf gleicher Höhe ins Gesicht, sondern verstand ihn als etwas, was über ihr schaltete und waltete – daher war ihre Moral, bei allen dummen Sprüchen zu Hitler und jener Zeit damals, einer Sittlichkeit verpflichtet, die gewissermaßen apriorischen Ursprungs war. Man konnte sie nicht nach Zeitgeist formen und kneten und so tun, als sei das nun die notwendige Mode, der man folgen müsse. Mitmenschlichkeit war ewig. Es klingt vielleicht pathetisch, wenn ich schreibe, dass sie Selbstaufopferung als Wert christlichen Miteinanders verstand. Aber zumindest ein Stück weit lebte sie so. Sie war da, ließ alles stehen und liegen für ihre Enkel, für ihre Familie – auch für meinen Vater, den sie anfangs nicht mochte. Heute liegen sie, Treppenwitz unserer Familie, in einem gemeinsamen Grab. Bislang kamen keine Beschwerden. Das Verhältnis der beiden war geprägt von Frotzeleien, sie gifteten sich an und schenkten sich dabei nichts. Aber am Ende war klar: Auch sie gehören zusammen und im Alltag spürte man eine Demut vor diesem Schicksal, das sie zusammengebracht hatte. Dem hatte man sich zu fügen.
Wenn ich heute zurückblicke, dann muss ich – und es überrascht mich tatsächlich selbst – auch meiner Oma attestieren, dass sie mich zu dem formte, der ich heute bin. Ich habe in meiner Kindheit und in meinem Elternhaus, zu dem sie ja nun gehörte, nie beigebracht bekommen, dass man mit bestimmten Menschen nicht reden sollte. Das galt als völlig ausgeschlossen. Sicher, es gab Arschlöcher da draußen – eine Wortwahl, die mein Vater gerne pflegte übrigens, er war weiß Gott kein Diplomat –, aber auch mit denen spricht man in gebotener Freundlichkeit. Man musste denen nicht um den Hals fallen, aber sie als Menschen degradieren, indem man sie ignorierte, ihnen einen Gruß verwehrte: Nein, das war einfach nicht der Stil »meiner Leute«. Für mich ist es daher heute so schwierig einzusehen, dass es der Konsens dieser »unserer Demokratie« sein soll, gewisse Leute zu schneiden, ihnen ein Gespräch zu verweigern, sie nicht mal zu grüßen. So wurde ich einfach nicht erzogen! Aus heutiger Sicht haben meine Eltern, meine Großmutter versagt. Sie hätten mich zu einem »selektiven Mitmenschen« erziehen sollen – zu jemanden, der sich selbst für besser hält als die anderen. So fühle ich mich aber nicht, ich habe Mängel, ich kann und verstehe nicht alles – meine Schwächen sind offenbar. Bin ich ein besserer Mensch als Alice Weidel? Das ist eine Frage, die ich mir jetzt in diesen Zeilen stelle, aber im Alltag nie. Wem nützt eine solche Fragestellung? Frau Weidel ist Teil dieser Welt – ich bin es auch. Irgendwie werden wir zurechtkommen müssen. Ihr nicht die Hand zu geben? Ausgeschlossen! Natürlich tue ich das – ich grüße jeden, ich spreche mit jedem, ich zeige Demut vor dem Nächsten. Das gälte auch für Heidi Reichinnek. Und das ist es, was ich meiner Oma verdanke. Übrigens heißt das alles nicht, dass ich das, was mein Nächster von sich gibt, adaptieren muss.
Oma, die nicht mehr geliebte?
Wie bereits erwähnt, meine Großmutter war stets Hausfrau, in Kriegs- und Nachkriegsjahren musste sie natürlich in einer Firma arbeiten, ich glaube während des Krieges in Manching in einem Fliegerhorst, wo sie nach dem Krieg war, weiß ich nicht mehr – sie arbeitete nicht gerne, wie sie offen zugab. Lieber hätte sie mehr Zeit für ihre Tochter gehabt, die zweite Tochter – meine Mutter – kam erst sehr viel später zur Welt. Ihre Berufstätigkeit blieb eine Episode, als Großvater zurück aus Russland kam, ich glaube es war im Jahr 1950, da sorgte er für die Familie. Ganz einfach war das wohl nicht, er musste viele Klinken putzen, bis er eine Stelle fand. Der omnipräsente Ingolstädter Automobilhersteller gab ihm Arbeit – wer sonst? Meines Wissens war mein Opa nie Parteimitglied – Oma sowieso nicht, sie drückte sich ja schon vom Bund Deutscher Mädel. Irgendwie gelang ihr das auch, meine Urgroßmutter hielt sie fern. Die Nazis waren der Familie meiner Großmutter suspekt. Sie waren katholisch und als Katholiken lag Rom ihnen näher als die Staatskanzlei im protestantischen Berlin. Das bedeutete aber nicht, dass diese arbeitssamen und bescheidenen Leute Widerständler gewesen wären – sie drückten sich, wo sie konnten. Und sie konnten nicht immer. Um dem Russland-Feldzug fernbleiben zu können, brauchte es dann schon weit mehr als ein Attest oder eine Ausrede. Ob Großvater in Russland gemordet hat, weiß ich nicht. Vermutlich schon – wenn das eigene Leben auf dem Spiel steht, dann tut man, was man tun muss. Darüber gesprochen hat er nie. Wie fast keiner, der zurückkam. Oma bohrte auch nie nach – erzählte sie mir jedenfalls. Die Eheleute richteten sich in der Nachkriegszeit ein, kamen zum Glück eines sehr bescheidenen Wohlstandes. Großmutter war zufrieden mit ihrem Leben, das wirklich sehr auf Ingolstadt begrenzt blieb. Sie hatte Freundinnen, Bekannte, später Enkel. Ihr reichte das – sie begründete das mit ihren Kriegserfahrungen, mit den Bombennächten, mit dem Hunger, den man zu bestimmten Zeiten im Kriege hatte. Wenn nur das nie wieder geschähe: Das wäre das ganze Glück auf Erden. Mehr sei für sie nicht notwendig.
Und nun soll ich also prüfen, ob meine Großeltern in einem Archiv zu finden sind, in dem Wirken und Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes dokumentiert werden. Der Spiegel drängt jeden Besucher seiner Website geradezu zu dieser Maßnahme. Oma werde ich dort nicht finden. Aber ich male mir aus, was wäre, falls doch. Müsste ich dann, um diesen Zeiten der Polarisierung auch gerecht zu werden, mit ihr posthum brechen? Müsste ich meine Liebe, die ich immer noch für sie empfinde, aufgeben und sie in Hass ummünzen? In diesem Land wird es viele geben, die sich ihrer Großeltern mit großer Liebe erinnern. Und das eine oder andere Großelternteil wird wohl in Verbrechen verwickelt gewesen sein. Muss man den Hinterbliebenen jetzt ihre Erinnerungen zerstören? Sollen sie alles, was ihre Großeltern ihnen gaben, auf den Prüfstand stellen und für falsch deklarieren, weil in der Vergangenheit etwas Ungeheuerliches stattfand? Können nicht auch Menschen, die schwerwiegende Fehler begangen haben, später nicht doch etwas Menschliches leisten? Ich will all das, was damals geschah, nun wirklich nicht kleinreden – aber die Kampagne gegen die Großeltern, die der Spiegel mit 80-jähriger Verspätung da fährt, ist natürlich auch ein zeitgenössischer Reflex, der darauf abzielt, die Gesellschaft auch historisch weiter zu spalten. Wem nützt das? Und welchen Schaden verursacht es, die guten Erinnerungen zu zerstören, um sie gegen Zweifel, Wut und Unverständnis zu ersetzen?
Am Ende ringen wir auch bei dieser Kampagne um einen Begriff, der heute aus der Mode geraten ist: Ambivalenz. Meine Großmutter war eine ambivalente Persönlichkeit. Ich bin es. Sie auch, lieber Leser – und die Gesellen, die das Land heute vor den Zugriff vermeintlicher Häscher retten wollen und in Erfurt Alternativjournalisten durch die Straßen hetzen oder verprügeln, sind mindestens auch ambivalent. Sie leugnen es nur. Machen wir uns nichts vor, alle von uns sind voller Sünden – dagegen ist kein Kraut gewachsen. Nun kann man dem anderen alle Sünden zur Last legen. Oder man ignoriert die kleinen Sünden der Anderen und moniert die größeren, ohne dabei das Menschsein des Sünders in Frage zu stellen. Wer bin ich, anderen die Mitmenschlichkeit aufzukündigen? So viel Demut muss sein. Diese Qualität, so nenne ich es mal, verdanke ich: Oma. Mir nun vorstellen, dass ich sie nicht mehr vermissen dürfte, wäre sie im Spiegel-Archiv zu finden, ist ein ungeheuerlicher Gedanke. Das müsste ich tatsächlich unterlassen, wenn ich gesellschaftlich nicht unten durch sein wollte; ich müsste brechen mit der alten Dame, mit la abuela auf Distanz gehen. Aber das tue ich und täte ich auch dann nicht, sollte ich etwas über sie in Erfahrung bringen. Ich vermisse diesen Typus Mensch, den sie darstellte. Bescheiden und demutsvoll, freundlich und komisch, direkt und nie verächtlich, fehlerhaft, vorurteilsbeladen, provinziell und gleichzeitig immer menschlich. Sie war ein Mensch von gestern. Mit allen Fehlern und allen Vorteilen. Heute wollen alle nur noch ihre Vorteile präsentieren. Und das ist ziemlich langweilig – und macht die Welt am Ende zu einem schlechteren Ort.
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In Zeiten von allgegenwärtigem Fastfood-Journalismus ist es doch eine schöne Sache, wenn ein Autor über ein Thema schreibt, mit dem er sich viele Jahre beschäftigt und zu dem er wirklich etwas zu sagen hat.
Ist ja auch hier nicht immer selbstverständlich.
Solche „Geschichten des Lebens“ und Charakteren sind in vielen Familien zu finden. Oft gibt es dabei Facetten, die sich gegenüberstehen und für Außenstehende schwer begreiflich sind.
Meine Mutter, ähnlicher Charakter wie die beschriebene Oma, geb. 1924, Lehre in einem Kaufmannsladen, freiwillig zur Marine als Funkhelferin. Ausbildung in Friedrichshafen, Einsatz in Wilhelmshafen. Der „Führer“ war für sie, obwohl sie aus einem linken sozialdemokratischen/ kommunistischen Haushalt und Umfeld kam, ein „Popstar“ (würde man heute sagen). Obwohl ihr Vater wegen Verunglimpfung des NS-Staates kurzzeitig im Gefängnis „untergebracht“ war und nach dem Gefängnisaufenthalt nach Buchenwald deportiert wurde, war das Frl. der Auffassung, es sei ihre Pflicht „der Wehrmacht weiterhin zum Sieg verhelfen“ zu müssen. Es würde mich schon arg treffen, wenn halbgare Typen meine Mutter posthum als NS-Girl bezeichneten.😉